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Garten- und Landschaftsbau Schilling

Ein Leipziger Gartenbaubetrieb führt die meisten Arten Eukalyptus in Deutschland und demnächst wohl sogar in Europa. Der bislang einzige Kunde wohnt im Zoo.





Er ist ein halb nächtliches Thier, wenigstens verschläft er die größte Helle und Hitze des Tages tief versteckt in den Kronen der Gummibäume, welche seinen bevorzugten Aufenthalt bilden. Gegen Abend beginnt er seine Mahlzeit. Ruhig und unbehelligt von den übrigen Geschöpfen der Wildnis, weidet er äußerst gemächlich die jungen Blätter und Schößlinge der Äste ab, indem er sie mit den Vorderpfoten festhält und mit seinen Schneidezähnen abbeißt. – (Brehms Thierleben, 1883)

Oobi-Ooobi schläft. Kauert in seiner Astgabel, Rücken an einem Stamm, Kopf am anderen, und poft. „Der Teddybär da oben im Baum“, erklärt ein junger Mann seiner Tochter und stellt sie aufs Geländer, „das ist ein Koala.“ – „Ei“, sagt die Tochter. Sie streckt die Hand aus bis fast zur Glasscheibe. Zehnmal in der Minute hebt und senkt sich das graue Plüschfell.

„Über Koalas müssen Sie Folgendes wissen“, sagt Ulf-Peter Schilling und quert mit seinem Wagen die Schienen der Leipziger Straßenbahn. „Erstens ernähren sie sich fast ausschließlich von Eukalyptusblättern. Zweitens gehören alle Koalas der australischen Regierung und werden nur mit hohen Auflagen an die Zoos dieser Welt ausgeliehen. Und drittens gehört zu diesen Auflagen, dass die Zoos Futter für mindestens eine Woche vorhalten – also frischen Eukalyptus.“

Ulf-Peter Schilling ist seit acht Jahren Chef der Garten- und Landschaftsbau Schilling GmbH in Leipzig. 20 Angestellte, fast eine Million Euro Umsatz: Die Firma pflegt die Grünanlagen beim Bundesgerichtshof, die Gärten von Ärzten und Bürgermeistern, die Tropenpflanzen im „Gondwanaland“ des Leipziger Zoos. „Der Zoo ist unser längster und wichtigster Kunde, schon mein Vater hat sich dort ums Grün gekümmert“, sagt Schilling. Daher hat seine Firma auch direkt nebenan ihren Sitz. Von klein auf kennt der Junior alle Tiere und Pfleger, später schnitt er im grünen Overall seiner Zunft schon mal die Büsche längs der Zoowege.

Heute trägt der 40-Jährige Turnschuhe, Jeans, Hemd und einen gepflegten Fünftagebart. Und er ist nicht auf dem Weg in den Zoo, sondern zu einer seiner „Visionen“, wie es seine vertrauten Angestellten immer halb lachend, halb augenrollend nennen. Die neueste wächst in zehn Treibhäusern im Städtchen Schkeuditz.

Ein Tierpfleger steckt an jeden der abgeschälten Eukalyptusstämme im Koala-Gehege frische Zweige. Jeder hat andere Blätter: kleine oder große, blass- oder knallgrüne, spitze oder stumpfe. Oobi-Ooobi schläft weiter. „Das sind schon extrem faule Säcke“, sagt ein Zopfträger zu seiner Freundin. Ein Mädchen weiter links: „chilliges Leben“ und nickt dazu. Es klingt fast anerkennend.

20 Autominuten von Zoo und Firmensitz entfernt steht Schilling vor einem Gewächshaus und öffnet das Vorhängeschloss vor der Glastür. In langen Reihen wachsen hier vier verschiedene Arten von Eukalyptus. Das Thermometer zeigt 14 Grad; fällt es unter sechs Grad, springt die Heizung an, denn die meisten Eukalyptusarten vertragen zwar bedingt Frost, die Arten in diesem Haus aber nicht. Der Tereticornis zum Beispiel. „Sehr fit, die Pflanze – und wird derzeit von Oobi-Ooobi gut gefressen“, sagt Schilling. Tereticornis duftet sehr frisch und gut, nach, nun ja: Eukalyptusbonbon eben. „Das ist aber beileibe nicht überall so“, sagt Schilling und lächelt. „Warten Sie mal ab.“

Zwischen den Stämmen liegen schwarze Planen. „So können wir das herabfallende Laub leicht wegfegen. Sonst würden sich darin Schädlinge und Pilze vermehren.“ Schilling zerreibt das feine grüne Blatt einer erst hüfthohen Pflanze. Es duftet intensiv nach Minze und Zitrone. „Gut, oder? Das ist Corymbia citrodora.“

Schlafen, umdrehen, weiterschlafen

Im nächsten Haus dagegen duftet es weniger, es müffelt irgendwie. Ein üppig wuchernder Baum mit steifen, glatten mintgrünen Blättern. „Eucalyptus globulus, der Blaue Eukalyptus“, sagt Schilling. „Zerreiben Sie mal ein Blatt.“ Das Müffeln wird zum Gestank. Kein Wunder, dass diese Art bei Schillings Leuten Katzenpissebaum heißt.

An der Wand über einem Arbeitstisch hängt ein Foto von Oobi-Ooobi, als wache er über seine künftige Speise. Daneben hängt ein zweites Graufellknäuel mit Knopfaugen. „Das ist Vobara aus dem Zoo Budapest“, sagt Schilling. „Der war wohl etwas appetitlos im vergangenen Herbst, da hat die Zooleitung angefragt, ob wir nicht ein paar Sorten schicken können, die sie dort nicht haben. Wir haben das DHL-Luftkreuz hier am Flughafen, eine Express-Sendung ist in zwölf Stunden am Ziel. Na ja, und darunter war auch Eucalyptus globulus.“ Wenn’s hilft, werden sich die Tierpfleger in Budapest gedacht haben. Vielleicht haben sie die Zweige mit Nasenklammer angeboten.

Und Oobi-Ooobi? Zieht derweil den Kopf zwischen den Hinterläufen hervor, lagert sich in Zeitlupe um – und schläft weiter. Sein Mittagessen lässt schon ein wenig die Blätter hängen. „Ist der allein?“, fragt das elfte Kind, seitdem der Zoo geöffnet hat. Denn wieder liest ein Papa nicht den Satz vor, der auf der Infotafel neben dem Gehege steht: „Koalas sind Einzelgänger.“ Wenn alles nach Plan läuft, soll Anfang 2017 der Koala Maka nach Leipzig übersiedeln. Dann schlafen hier zwei Koalas 18 bis 20 Stunden am Tag.

Welchen Einfluss der zweite Gast auf die Planung der Speisekarte haben wird, muss man noch sehen. Denn Koalas sind ausgesprochene Feinschmecker. Von den insgesamt mehr als 700 Eukalyptus-Arten der Welt fressen sie nur jede zehnte, und auch die lassen sich nicht verlässlich planen. „Was ihnen heute schmeckt, kann morgen schon nicht mehr von Interesse sein“, sagt Ulf-Peter Schilling.

Momentan kann er dem Leipziger Koala 21 verschiedene Sorten anbieten. „Demnächst werden wir sogar auf 25 Arten kommen“, sagt Schilling. „Dann führen wir die meisten in der EU – wenn der Brexit kommt.“ Weltweit besitzen nur zwei Plantagen, in Florida und in Cornwall, mehr Arten.

Oobi-Ooobis Fressverhalten, die Fressmenge, der Kot – die Zoopfleger messen und protokollieren das jeden Tag. Aber zehn Gewächshäuser voller Eukalypten bedeuten eine Investition von gut 100 000 Euro: Frisst ein Koala das wieder rein? Nein. Aber vielleicht zwei Koalas. Oder drei, auf lange Sicht. Wer weiß? Oder andere Tierparks in Europa lassen sich die recht exklusive Ware senden.

Der Leipziger Zoo jedenfalls freut sich an einem Partner wie Schilling: regional, nachhaltig, flexibel, einer mit Ideen, der Arbeits- und Ausbildungsplätze schafft. Deshalb hält Schilling stets auch Augen und Ohren offen – er will seine Firma schließlich am Laufen halten. Und gelegentlich hat er dann eben eine Vision, die das Geschäftsfeld erweitert.

Hegen, pflegen, weiterlernen

„Wir hatten auch keine Ahnung von Tropenpflanzen“, erklärt er, „aber als der Zoo Gondwana plante, habe ich meine Leute zusammengerufen und gefragt, wer Lust hat, sich darum zu kümmern – und die habe ich einige Wochen nach Holland geschickt, wo die Pflanzen bereits warteten. Dort haben sie dann eben die spezielle Pflege erlernt.“ Jüngst hat er zwei Auszubildende aus Spanien angenommen, auch weil er sonst keine guten Bewerber fand. „Wer stillsteht, hat schon verloren“, findet Schilling und eilt zum nächsten Gewächshaus.

„Viele Eukalypten wachsen wahnsinnig schnell“, Schillings Finger liegt jetzt auf Augenhöhe am Stamm, „den hier haben wir erst vor drei Monaten auf den Stock gesetzt.“ Zwei Meter hat das Bäumchen seitdem zugelegt und drückt fast an die Gewächshausplane. „Das sind Erfahrungswerte, die wir sammeln.“

Und weil die Bäumchen so rasch wachsen, müssen Schillings Gärtner momentan einiges entsorgen. „Eine Zweitnutzung für Eukalyptus wäre fantastisch. Aber wir haben noch nichts gefunden. Für Bonbons oder Körperhygiene-Artikel ist es schwierig mit der Zertifizierung – aber Artikel wie Duftkissen, Saunapeitschen oder Futterbeimischungen für Pferde, das kann ich mir schon vorstellen. Da fehlte mir bislang allerdings die Zeit.“ Schilling lacht. Und hofft auf den Winter und einen WG-Bewohner für Oobi-Ooobi.

Angeblich ist Oobi-Ooobi an diesem Tag tatsächlich noch aufgewacht und hat gefressen. Ulf-Peter Schilling kann vorführen, wie das aussieht: „Er zieht dann mit einem Arm langsam einen Zweig zu sich heran, so ungefähr, schaut, schnuppert an der Spitze“, Schilling schnüffelt am Blatt vor ihm, „und vielleicht kaut er dann die jüngsten Blätter ab. Oder er schaut gelangweilt und lässt wieder los.“ Und schläft weiter.