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Klarer Befund

Deutsche Krankenhäuser und ihr Personal werden in der aktuellen gesundheitspolitischen Debatte gern als Kostentreiber an den Pranger gestellt. Die gängigen Klagen lauten: zu teuer, zu behäbig, zu schlecht. Tatsächlich ist die deutsche Klinik viel besser als ihr Ruf.


VORWURF I
DEUTSCHE KRANKENHÄUSER SIND ZU TEUER.

Das deutsche Gesundheitssystem verschlingt Unsummen, allein im vergangenen Jahr summierten sich die Kosten auf 234 Milliarden Euro. 26 Prozent aller Ausgaben entfallen dabei auf den Krankenhaussektor. Ein ordentlicher Brocken, aber ein deutlich geringerer Anteil an den Gesamtkosten als bei so manchem europäischen Nachbarn. Die Augsburger Beratungsgesellschaft für angewandte Systemforschung (BASYS) hat für das Jahr 2000 die Krankenhausausgaben ausgewählter Länder miteinander verglichen. In den Niederlanden entfielen demnach 35,4 Prozent der Gesamtkosten auf Kliniken, Frankreich investierte 38,9 Prozent in die Krankenhausversorgung, Großbritannien sogar 42,5 Prozent. In Deutschland betrug der Anteil im Untersuchungsjahr 28,1 Prozent.

Das bedeutet konkret: Deutschland muss für die Krankenhausleistungen seiner Bevölkerung im Verhältnis deutlich weniger Geld aufwenden als fast jedes andere Vergleichsland. Nach Kalkulationen von McKinsey kostet die stationäre Behandlung eines Bürgers hierzulande pro Kopf lediglich 787 Euro, nur Kanada und Spanien schneiden mit 779 Euro und 658 Euro noch besser ab. Frankreich (1032 Euro), Japan (959 Euro) und Norwegen (1185 Euro) liegen deutlich über dem Median (970 Euro) der zwölf erfassten Länder, Schlusslicht bilden die USA mit Ausgaben von 1568 Euro pro Kopf und Jahr. Als Basis für ihre Erhebung verwendeten die Unternehmensberater Zahlen aus den OECD Health Data der Jahre 2005 und 2006.

Noch besser fällt die Bilanz für die Deutschen bei den Kosten pro Krankheitsfall aus. Für die Berechnung wurden die Gesamtausgaben im Krankenhaussektor durch die Summe aller dort vorgenommenen Behandlungen, von der Blinddarmoperation bis zur Strahlentherapie geteilt. Danach kostet jede Krankheit, die in einer deutschen Klinik therapiert wird, durchschnittlich 3908 Euro. Im Vergleich der Nationen geben nur die Franzosen weniger Geld pro Fall aus – 56 Euro (3852 Euro). Kanada, Japan und die Niederlande liegen mit Fallkosten von 8854 Euro, 9409 Euro und 9767 Euro dagegen mehr als doppelt so hoch. Schlusslicht auch hier: die USA mit 13.128 Euro pro Fall.

VORWURF II
DIE DEUTSCHEN KLINIKEN ARBEITEN NICHT EFFIZIENT.

Das Gegenteil ist richtig. Obwohl die deutschen Kliniken mehr Patienten versorgen und mehr Untersuchungen abwickeln müssen, arbeiten sie wirtschaftlicher als die Vergleichsnationen.

Der Deutsche geht gern und häufig zum Arzt und ins Krankenhaus. Jeder Fünfte lässt sich mindestens einmal im Jahr in einer Klinik behandeln. In der Schweiz trifft das nur auf jeden sechsten, in den USA nur auf jeden achten, in Kanada sogar nur auf jeden elften Bürger zu. Zudem benötigt der deutsche Patient anscheinend deutlich mehr Untersuchungen als der Patient im Ausland: Das Bundesamt für Strahlenschutz (BFS), um nur ein Beispiel zu nennen, beziffert die Zahl der Röntgenaufnahmen, die zwischen 1996 und 2001 hierzulande durchschnittlich pro Jahr angefertigt wurden, mit 148 Millionen, etwa ein Fünftel davon werden in Krankenhäusern gemacht. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit eindeutig im „oberen Bereich“, wie das BFS in einer Publikation über den Nutzen oder Schaden der deutschen Radiologie-Freude feststellt.

Patientenzahl und Untersuchungshäufigkeit in Deutschland führen jedoch nicht zu höheren Fallkosten als bei den Nachbarn. Obwohl die Kliniken prozentual mehr Menschen aufwendiger behandeln, belegt Deutschland im Kosten-Ranking der untersuchten Nationen Platz 2, Experten begründen den Spitzenplatz mit der Krankenhauseffizienz.

VORWURF III
DEUTSCHE ÄRZTE JAMMERN AUF HOHEM NIVEAU.

Das amerikanische Institut National Economic Research Associates (NERA) beziffert das durchschnittliche Jahresgehalt eines deutschen Krankenhaus-Mediziners mit 37.000 bis 59.000 Euro. Damit bildet der deutsche Arzt in der internationalen Statistik aus dem Jahr 2002 das Schlusslicht. Der dänische Kollege darf 52.000 bis 77.000 Euro erwarten, der niederländische Mediziner sogar 68 000 bis 185.000 Euro. Topgehälter streichen die Klinikärzte in den USA ein: 174.000 bis 283.000 Euro.

Laut Marburger Bund liegt das aktuelle monatliche Grundgehalt eines Arztes in einer westdeutschen Universitätsklinik im ersten Jahr – ohne Zulagen für Rettungs- und Nachtdienste – derzeit bei 3600 Euro brutto. Ein Facharzt verdient laut Tarifvertrag zwischen 4750 und 5500 Euro, das Einkommen eines Oberarztes bewegt sich zwischen 6000 und 6800 Euro. Inklusive aller Sonderdienste und Überstunden kommt ein Mediziner auf einen Stundenlohn von 11,80 Euro – brutto. Zum Vergleich: Ein Handwerksgeselle verdient laut Statistischem Bundesamt 12,51 Euro brutto je Stunde.

Der Mediziner muss zudem vergleichsweise hart arbeiten. Laut Kalkulationen von McKinsey muss sich ein deutscher Arzt im Krankenhaus im Jahr um 146 Patienten kümmern, nur österreichische Klinikärzte haben mit 154 Patienten ein noch härteres Pensum. Im internationalen Vergleich wird die Arbeitsleistung an der Zahl der Entlassungen gemessen, danach haben die Schweizer Spitalärzte den ruhigsten Job: Sie entlassen pro Vollzeitkraft nur 69 Patienten im Jahr, 55 Prozent weniger als ihre deutschen Kollegen.

Das deutsche Pflegepersonal schneidet mit Blick auf die Arbeitsbelastung sogar noch schlechter ab. Nur in Österreich müssen Schwestern und Krankenpfleger im Jahr genauso viele Patienten betreuen wie hierzulande. Im Schnitt entlässt das deutsche Pflegepersonal pro Person und Jahr 52 Patienten, in der Schweiz sind es 24, in den Niederlanden gerade 14. Der Median liegt bei 31 Entlassungen pro Vollzeit-Pflegekraft.

Die Arbeitsbelastung ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. 1990 wurden in deutschen Krankenhäusern insgesamt gut 14,3 Millionen Fälle behandelt, 2004 waren es bereits etwa 2,5 Millionen mehr – obwohl im selben Zeitraum die Zahl der Krankenhausbetten um mehr als 20 Prozent reduziert wurde, so die Statistik der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft.

VORWURF IV
DIE PATIENTEN MÜSSEN DAS KLINIK-CHAOS AUSBADEN.

Bei einer Befragung des Commonwealth Funds belegt Deutschland in puncto Geschwindigkeit einen Spitzenplatz. In kaum einem Land der Welt werden Patienten in der Notaufnahme schneller behandelt als hierzulande. Auch wenn es um die durchschnittliche Wartezeit auf einen elektiven Eingriff geht, ist Deutschland ganz vorn: Knapp 60 Prozent aller Kranken gaben an, weniger als vier Wochen auf einen OP- Termin warten zu müssen. In Großbritannien können das nur 25 Prozent der Patienten behaupten, in Kanada sogar nur 15 Prozent. Die Zufriedenheit der Deutschen mit der Wartezeit für stationäre Behandlungen ist laut einer WHO-Befragung folglich am höchsten: 85 Prozent der Patienten vergeben in diesem Punkt Bestnoten.

Positiv auf die Patientenzufriedenheit hat sich offenbar auch die Umstellung auf das neue Abrechnungssystem ausgewirkt: Seit die Krankenhäuser von den Kassen nicht mehr pro belegtem Bett, sondern pro Fall bezahlt werden, hat sich die Verweildauer der Kranken in der Klinik deutlich reduziert. 1994 dauerte die stationäre Behandlung im Schnitt noch 11,9 Tage, 2004 waren es noch 8,7 Tage, mit weiter abnehmender Tendenz.

VORWURF V
KÜRZUNGEN GEFÄHRDEN DIE MEDIZINISCHE VERSORGUNG.

Es gibt kaum ein Land, das einen ähnlich hohen Versorgungsgrad an medizinischen Leistungen aufweist wie Deutschland. Auf 100.000 Einwohner kamen im Jahr 2001 hierzulande 626 Krankenhausbetten, das hat die WHO recherchiert. In der Schweiz lag die Zahl seinerzeit bei 398 Betten pro 100.000 Einwohner, die Schweden brauchten nur 234. Der Bettenabbau in Deutschland in den vergangenen Jahren hat an der guten Versorgung wenig geändert: Obwohl die deutschen Krankenhäuser zwischen 1990 und 2004 gut 22 Prozent der Klinikbetten abgebaut haben, ist die Kapazität mit 531.333 immer noch vergleichsweise hoch.

Auch die Schließung von Krankenhäusern bedeutet noch lange keinen Grund zur Sorge. Zwar sinkt die Zahl der Kliniken hierzulande kontinuierlich. Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung fand jedoch heraus, dass immerhin drei Viertel der deutschen Bevölkerung nur etwa zehn Autominuten vom nächsten Krankenhaus der Grundversorgung entfernt wohnen. Lediglich 2,3 Prozent aller Deutschen brauchen laut Bundesamt länger als zwanzig Minuten, um eine Klinik zu erreichen.

Mit Blick auf die Arztdichte steht Deutschland im internationalen Vergleich ebenfalls gut da: Die Bundesärztekammer zählte im vergangenen Jahr 307.577 berufstätige Ärztinnen und Ärzte, 0,4 Prozent mehr als im Vorjahr. 1980 wies die Statistik 173 325 berufstätige Mediziner aus. Laut OECD kommen auf 1000 Einwohner in Deutschland 3,3 berufstätige Ärzte. Nur in Italien (4,4), Belgien (3,9) und in der Schweiz (3,6) sind es mehr. Schlusslichter der Tabelle bilden Japan und Großbritannien mit jeweils 1,9 Ärzten pro 1000 Einwohner.