Auferstanden aus Ruinen

Zu DDR-Zeiten galt das Braunkohlenwerk im sächsischen Espenhain als schlimmste Dreckschleuder der Republik. 6000 Leute malochten in der museumsreifen Fabrik. Jetzt steht fast an gleicher Stelle das größte und modernste Solarkraftwerk der Welt. Es bietet Arbeit für zwei Menschen.




Für Leute mit einem ausgeprägten Hang zu pittoresker Niedergangsromantik war eine Fahrt nach Espenhain immer ein richtiger Leckerbissen. Da gab es eine Menge zu sehen, vor allem Fabriken in sämtlichen Stadien des Verfalls: zuerst noch qualmend und stinkend aus dutzenden Schloten, dann sterbend, schließlich niedergerissen, gesprengt, zermalmt.

Wer beispielsweise vor zehn, zwölf Jahren ins Ruinenland südlich von Leipzig fuhr, sah Hundertschaften von ABM-Leuten ihre früheren Arbeitsplätze abreißen. Die Lungen mit Asche proppenvoll, den Schneidbrenner in der Hand, zerlegten sie riesige Kessel und Öfen. Baggerähnliche Gefährte mit Hummergreifern knackten armdicke Stahlträger, Bulldozer schoben phenolverseuchtes Erdreich zusammen. Ratlos standen Ingenieure vor übel riechenden Teerseen. Noch kurz zuvor hatte man die schlickig-schwarze Masse hier deponiert, nun musste alles wieder beseitigt werden.

Die Aufgabenstellung war eindeutig formuliert: Abriss der schlimmsten Dreckschleuder aus DDR-Zeiten. Bis 1990 war hier im Braunkohlenveredlungswerk Espenhain Braunkohle bei 500 Grad zu Teer verschwelt worden; ein völlig veraltetes und dazu unwirtschaftliches Verfahren mit katastrophalen Folgen für die Umwelt, das es nirgendwo sonst auf der Welt mehr gab. Espenhain, das war das Synonym für Umweltzerstörung, der ökologische Schlagetot schlechthin.

Ach je, Espenhain!

Heute, 15 Jahre nachdem die letzten Schwelerei-Schlote ihren unseligen Geist aushauchten, ist in Espenhain das Resultat einer technologischen Revolution zu besichtigen. Ausgerechnet auf dieser einstigen Stätte fossilen Raubbaus arbeitet seit gut einem halben Jahr das größte und modernste Sonnenkraftwerk der Welt. Fünf Megawatt stark. 22 Millionen Euro teuer. Emissionsfrei. Nur wenige hundert Meter vom Gelände des alten Braunkohlenwerks entfernt, wo vor der Kulisse rostender Tagebauloks eine Sanierungsgesellschaft, Recyclingfirmen, ein Auspuffservice und eine Fischräucherei Platz gefunden haben, erstreckt sich das Kollektorenfeld der Photovoltaik-Anlage wie eine bläulich-gleißende Verheißung.

Jürgen Frisch, ein gemütlicher Mann von barocker Statur, hat die schlimmen Zeiten noch gut in Erinnerung. Schließlich ist er in Espenhain geboren. Seit 1990 manövriert er als Bürgermeister seine Gemeinde und ihre 2800 Einwohner durch die neue Zeit. Noch heute leide Espenhain unter den Schlagzeilen von damals, sagt er. Das Braunkohlenwerk hat den kleinen Ort zu zweifelhafter Berühmtheit geführt. Beim Namen Espenhain denken viele reflexartig an die Rauchschwaden, vermutet Frisch. „Wenn ich unterwegs bin und sage, ich bin der Bürgermeister von Espenhain, heißt es: ach je, Espenhain!“ Dann sehen die Leute ihn ganz mitleidsvoll an.

Sonnenloch im Unland

Jetzt soll alles anders werden. Wenn Jürgen Frisch vom Solarkraftwerk spricht, steht ihm der Optimismus ins Gesicht geschrieben. „Endlich haben wir etwas, das Espenhain und die Region positiv ins Gespräch bringt“, sagt er. „Die Solaranlage ist ein wichtiger Baustein für den Imagewandel.“ Natürlich ist er auch ein bisschen stolz, dass es ihm gelungen ist, die Investoren nach Espenhain zu holen. Nicht irgendein Amtskollege in Baden-Württemberg oder in Oberbayern, wo die Sonnenausbeute noch viel üppiger ist, darf die Ernte einfahren, sondern er, „Bärschameester“ Jürgen Frisch. Manche Espenhainer nennen ihn in einer Mischung aus Achtung und leiser Ironie sogar „Sonnenkönig“.

Die Geschichte des Energiestandorts Espenhain reicht bis in die dreißiger Jahre zurück. Die NS-Wirtschaftsplaner ließen das Werk errichten, weil sie unabhängig von Erdölimporten werden wollten. Nach Kriegsende wurde die Produktion bald wieder angefahren und bis zum Ende der DDR aufrechterhalten. Mit der Wende kam die Marktwirtschaft und mit ihr das Aus für die hoffnungslos unrentablen Anlagen. Am 24. August 1990 wurde der letzte Schwelofen abgeschaltet. Als Industriestandort war Espenhain tot.

Der Mann, der Espenhain wiederentdeckte, heißt Gero Hollmann. Vor drei Jahren war der Geschäftsführer der Gesellschaft für Solarenergie mbH (Geosol) aus Berlin auf Standortsuche für neue Sonnenkraftwerke. In die engere Wahl kamen nur Gegenden, in denen die Sonne besonders lange und intensiv scheint. Fast alle interessanten Standorte befinden sich im Süden der Republik. Allerdings gibt es dort kaum noch Ödflächen, die für eine anderweitige Nutzung nicht in Betracht kommen. „Unland“ heißt das im Fachjargon.

Beim Studium der Globalstrahlungskarte Deutschlands stieß Hollmann zu seiner Überraschung auf ein „Sonnenloch“ im Städtedreieck Chemnitz-Gera-Leipzig. Dort scheint die Sonne zwar nicht ganz so intensiv wie in Süddeutschland, aber für eine akzeptable Stromausbeute langt es. Brachliegende Deponien und Halden gab es in der von Braunkohlenbergbau und Chemieindustrie geschundenen Region mehr als genug. Insbesondere in Espenhain. Den Namen hatte Hollmann zuvor noch nie gehört. „Erst als ich ‚Espenhain‘ bei Google eingab, wurde mir klar, was für eine Vergangenheit dieser Ort mit sich herumschleppt“, sagt der Solarenergie-Unternehmer.

Genau der richtige Schandfleck

Bürgermeister Jürgen Frisch wiederum hatte andere Lücken: „Dass wir in Espenhain so viel Sonne haben, hätte ich nie gedacht.“ Ein Wahrnehmungsproblem, das wohl in der Vergangenheit wurzelt. Damals ließen die schwarz-gelblichen Rauchschwaden aus der Schwelerei selbst an schönen Sommertagen die Sonne nur bleiern scheinen, wie durch einen Vorhang aus Zellophan. Zuweilen musste sich die Volkspolizei mit Laternen an der Landstraße postieren und den Werktätigen den Weg zur Schicht am Schwelofen leuchten.

In Espenhain fand Hollmann genau den Schandfleck, den er suchte: eine Aschedeponie der ehemaligen Brikettfabrik. Unland in reinster Form. 21,6 Hektar voll Schlamm und Kohlenstaub, von Pappeln und einem zehn Meter hohen Erdwall umringt. Niemand konnte mit dieser Fläche etwas anfangen. Nur Wildschweine trieben sich gern dort herum. Abgelegen, an der schmalen Landstraße, die von Espenhain nach Mölbis führt.

Mölbis. Noch so eine Legende aus alten Zeiten. Das Dorf im Schatten der Schwelereischlote galt als eines der dreckigsten und hoffnungslosesten der DDR. Nur knapp drei Kilometer trennten die 400-Seelen-Gemeinde von den Espenhainer Schwelöfen. An mehr als 300 Tagen trieb der Westwind die Rauchschwaden in Richtung Mölbis. Schwarzer Schnee, der sich fettig auf Straßen, Gehwege und Autos legte. Und dann das Gas, das noch viel schlimmer war als der Ruß. Das man nicht sah, sondern nur roch, schmeckte und spürte. Das die Kinder krank werden ließ, die Blätter schon im Spätsommer von den Bäumen holte, das Atmen schwer machte, den Putz an den Hauswänden und die Fernsehantennen auf den Dächern zerfraß.

16:0 im Gemeinderat

So kam man zusammen. Espenhain auf der Suche nach einem Investor und der Investor auf der Suche nach einem Standort. „Man kann kaum ermessen, wie wichtig es für diese Region ist, ein innovatives Vorhaben vorweisen zu können“, sagt Wolfgang Klinger, der oberste Wirtschaftsförderer des Landkreises und verweist auf die 40.000 Arbeitsplätze, die nach der Wende in der Braunkohle und der Chemieindustrie weggebrochen sind. „Jede Investition ist wichtig, allein schon für das Image der Gegend.“

Bürgermeister Frisch war der Energiegewinnung aus der Kraft der Sonne ohnehin zugetan – aus eher privaten Gründen. Seit zehn Jahren wird sein Haus durch zwei Solarmodule auf dem Dach zuverlässig mit warmem Wasser versorgt. Nun freut er sich, dass am Wochenende Besucher mit Bussen aus ganz Deutschland anreisen, um die Espenhainer Energiewende zu bestaunen. Gern hätte er gesehen, wenn das Kraftwerk den Namen „Espenhain“ getragen hätte, aber Geosol entschied sich für das unverfängliche „Leipziger Land“. Im Gemeinderat waren alle 16 Abgeordneten dafür; ein einmütiges „Ja!“ klang aus dem Sitzungssaal, fast wie zu alten SED-Zeiten. Danach lief alles schnell und reibungslos, also genau nicht wie zu alten SED-Zeiten. Mitte 2003 waren die Planungen für das Kraftwerk abgeschlossen, schon ein Jahr später ging die Anlage in Betrieb. Sie speist Strom ins Netz des Regionalversorgers Envia Mitteldeutsche Energie AG ein und versorgt damit 1800 Haushalte. Im Vergleich zu einem Kohlekraftwerk erspart sie der Umwelt Kohlendioxid-Emissionen in Höhe von 3700 Tonnen jährlich.

Dass alles so flott ging, war Geosol-Chef Hollmann sehr wichtig. Er stand unter Zeitdruck. Nur für Anlagen, die noch im vergangenen Jahr in Betrieb gingen, garantiert das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) 20 Jahre lang die Einspeisungs-Vergütung von üppigen 45,7 Cent pro Kilowattstunde. Sonnenkraftwerke, die erst dieses Jahr ans Netz gehen, müssen mit einem fünf Prozent niedrigeren Garantiepreis wirtschaften. Danach werden die Subventionen jährlich um weitere fünf Prozent reduziert. „Für neue Projekte wird es jetzt ganz schwer“, meint Geosol-Chef Gero Hollmann. 45,7 Cent, das ist ziemlich genau das Zehnfache des Erzeugungspreises einer Kilowattstunde aus dem benachbarten Kraftwerk Lippendorf. Die massigen Kühltürme des modernsten Braunkohlenkraftwerks der Welt, ein 1840-Megawatt-Bolide, sind an Tagen mit guter Fernsicht von Espenhain aus zu sehen.

Nur lebensfähig mit Subventionen

Angesichts der langsam dahinschmelzenden Garantiepreise hat bundesweit ein Run auf Standorte für Photovoltaik-Anlagen eingesetzt. So wird das Espenhainer Kraftwerk möglicherweise nicht mehr lange das größte der Welt sein. Die Deutsche BP hat bei Merseburg einen Solarpark errichtet, der vielleicht noch in diesem Jahr von vier auf sechs Megawatt erweitert wird. Geosol wiederum sicherte sich in Borna, knapp zehn Kilometer südlich von Espenhain gelegen, einen zweiten Standort. Dort baut das Unternehmen ein fast baugleiches Schwestermodell, das im Sommer in Betrieb geht.

Ist es frevelhaft, eine gewisse Kontinuität zur alten Schwelerei-Ära festzustellen? Beide Technologien, die aus der Nazizeit genauso wie die für die Zukunft gedachte, sind hoch defizitär, nur dank staatlicher Finanzspritzen können sie überleben. Schwelteer aus Braunkohle kostete seinerzeit bis zum Zehnfachen des Weltmarktpreises für Teer und war damit genauso weit von Wettbewerbspreisen entfernt wie heute der Strom aus Sonnenkraft. Natürlich ist der Vergleich ungerecht. Bei den Schwelereien handelte es sich um eine museumsreife Technologie, die wider jede ökonomische und ökologische Vernunft in Gang gehalten wurde, weil die Partei es so beschlossen hatte und weil das Geld für moderne Anlagen fehlte. Schwelteer aus Braunkohle hatte keinerlei Zukunftsperspektive.

20 Jahre lang garantierte Erlöse

Bei der Solarenergie ist das anders. Die Geldspritzen aus Bundesumweltminister Jürgen Trittins Töpfen könnte man wohlwollend als eine Art „Erziehungssubvention“ für eine als förderungswürdig auserkorene Zukunftstechnologie rechtfertigen. So wie einst der Airbus soll jetzt auch die Photovoltaik gedeihen und allmählich zur Marktreife gelangen. Derzeit kann niemand sagen, ob das gelingt. Der Spiegel höhnte anlässlich der Einweihungsfeier in Espenhain, der staatliche Geldregen für Sonnenkraft habe „eine energiepolitische Geisterfahrt in Gang gesetzt“. Genüsslich wurde vorgerechnet, dass die Anlage drei Jahre störungsfrei laufen muss, um allein die Energiemenge zurückzugewinnen, die für die Herstellung der Solarzellen verbraucht wurde.

Die Ergebnisse aus dem Dauerbetrieb von Großanlagen wie der in Espenhain sollen in die Weiterentwicklung der Technologie fließen, die dadurch effizienter und letztlich preisgünstiger wird. Allein schon die für eine Anlage dieser Dimension nötige Massenherstellung – in Espenhain wurden 33.500 Solarmodule verbaut – senkt die Kosten bei der Produktion der Solarzellen. Bei Shell Solar, dem Lieferanten der Espenhainer Module, rechnet man damit, dass die Solarstromerzeugung irgendwann zwischen 2015 und 2020 wettbewerbsfähig wird.

Dank staatlich garantierter Erlöse sind Solarkraftwerke mittlerweile auch für die Finanzwelt attraktiv geworden. Geosol hat die Espenhainer Anlage noch vor der Inbetriebnahme an die WestLB-Tochtergesellschaft West-Fonds Immobilien-Anlagegesellschaft mbH verkauft. Die brachte das Kraftwerk in einen geschlossenen Immobilienfonds namens WestFonds Solar 1 ein. Nachdem alle Anteile schnell verkauft waren, plant WestFonds jetzt weitere Solarfonds. Anders als bei Immobilienfonds mit Büros und Hotels oder Schiffsbeteiligungen mit Öltankern im Portfolio haben Solarfonds-Anleger den Vorteil großer Einnahmensicherheit. Ein Bürokomplex steht vielleicht irgendwann leer. Trittin dagegen zahlt – 20 Jahre lang.

Jobs entstehen woanders

Es gibt eine Frage, die muss man stellen. Sie ist vielleicht die schwierigste von allen: Wie viele Arbeiter aus der Schwelerei haben im Espenhainer Solarkraftwerk Arbeit gefunden? Die Antwort: keiner. Die Anlage läuft vollautomatisch. Alle Daten, Fehlermeldungen und die aktuelle Performance können online abgerufen werden. Zwei Mitarbeiter reichen aus, das Kraftwerk zu überwachen und zu warten, und die hat Geosol auch noch nach Espenhain mitgebracht. Die beiden werden demnächst auch die neue Anlage in Borna betreuen. Bleiben die Wachmänner einer privaten Security-Firma, die nachts die „Bestreifung“ des Geländes übernehmen. Mehr Jobs bringt die solare Zukunft erst einmal nicht. Demnächst kommen zum Schutz vor Vandalen scharfe Hunde auf das Gelände. Dann arbeiten dort mehr Tiere als Menschen.

Bürgermeister Jürgen Frisch und Wirtschaftsförderer Wolfgang Klinger hatten sich gewünscht, dass ein Investor vielleicht mit einer Fabrik für Solarzellen nach Espenhain kommen würde. Nur dort, in den Produktionsstätten für die Module, schafft die Branche Arbeitsplätze in nennenswertem Umfang. Shell Solar beispielsweise beschäftigt mittlerweile rund 1300 Leute, Tendenz steigend.

Für Espenhain ist der Zug wohl abgefahren. „Wir werden vermutlich keine Modulfabrik bekommen“, sagt ein doch etwas enttäuschter Bürgermeister. „Da mache ich mir keine allzu großen Hoffnungen mehr.“ Espenhain bleibt solares Versuchsfeld – die Jobs entstehen anderswo.

In der Schwelerei arbeiteten einmal 6000 Menschen. Sie verdienten gut, bekamen Leistungsprämien, Kohledeputat und Bergmannsschnaps und standen bei Ferienplätzen und Kurvergabe obenan. Sie wischten den Ruß von den Fensterbänken, lernten, ihre Wäsche nur bei günstigem Wind aufzuhängen, und hielten die Fenster nachts geschlossen, weil dann meist das Gas kam. Viele von ihnen konnten nicht einmal richtig lesen und schreiben; sie hatten nur den Hilfsschulabschluss oder waren nach der sechsten Klasse von der Schule gegangen. Ihre Arbeit war schwer; sie riskierten ihre Gesundheit, damit die schrottreifen Anlagen liefen.

Jetzt gibt es ihre Berufe nicht mehr. Manche sitzen mit einem Kasten Bier vor dem Haus. Schon morgens um zehn. Auch von den Renditeverheißungen des WestFonds Solar 1 – „Ausschüttungen von 4 bis 107 Prozent jährlich!“ – haben sie nichts. Der kleinste Fondsanteil kostete 20.000 Euro. So viel Geld hat ein arbeitsloser Arbeiter aus Espenhain nicht.

Kein Interesse an einer Elf-Millionen-Euro-Investition

Ein grauer Februartag. Das Kraftwerk präsentiert sich als solare Winterlandschaft. Im Schnee sind frische Spuren von Hase und Dachs zu sehen. Sämtliche Module sind schneebedeckt, auf dem Gelände herrscht totale Stille. Die Generatoren schweigen, die größte Photovoltaikanlage der Welt steht still.

„So ein Tag ist ökonomisch ein Totalausfall“, erklärt Hans-Jörg Koch, einer der beiden Espenhainer Geosol-Statthalter. „Wir werden mal überlegen, ob es nicht besser ist, ein paar Leute heranzuholen, die den Schnee von den Modulen wegräumen. Das kostet zwar Lohn, aber dafür läuft dann die Anlage.“ Es ist nicht die Art Job, von dem die Arbeitslosen in Espenhain träumen. In der Gegend liegt im Schnitt an zehn Tagen im Jahr Schnee.

Auf einer nur 300 Meter vom Espenhainer Kraftwerk entfernt liegenden Halde wollte Geosol eine weitere Anlage errichten. „Wir wären gern noch größer in der Region eingestiegen“, erklärt Geschäftsführer Gero Hollmann. Ein kleines Solarkraftwerks-Cluster hätte entstehen können. Aber der Ortschaftsrat der Gemeinde, auf deren Territorium die Halde lag, zeigte den Sonnenkraftinvestoren die kalte Schulter. Die Dorfpolitiker hatten kein Interesse an einer Elf-Millionen-Euro-Investition, die keinen einzigen Arbeitsplatz bringt.

Wirtschaftsförderer Wolfgang Klinger ärgert sich darüber. Was haben die denn von ihrem Nein, fragt er sich. In Lobstädt, nicht weit entfernt, war es genauso. „Wenn die Anlage dort nicht gebaut wird, liegt die Fläche weiter brach“, sagt Klinger. „Da kann man niemals bauen.“ Dem Bürgermeister von Lobstädt hat er vor Wochen einen Brief geschrieben, mit der dringenden Bitte, die Entscheidung gegen die Solaranlage doch noch einmal zu überdenken.

Eine Antwort hat er bislang nicht erhalten.

Viel Sonne, wenig Arbeit

Das Solarkraftwerk „Leipziger Land“ in Espenhain wurde 2003/2004 errichtet und am 8. September 2004 eingeweiht. Die 33.500 Module für die Anlage ließ die Betreibergesellschaft Geosol in den Fabriken des Generalunternehmers Shell Solar in Gelsenkirchen und Camarillo (Kalifornien) fertigen. Jedes dieser Module besteht aus 72 Solarzellen. Im Kraftwerk werden jeweils 18 Module zu einem so genannten String verknüpft.

Vier Wechselrichter-Einheiten wandeln den erzeugten Gleichstrom zu Niederspannungs-Drehstrom um; zwei Transformatorblöcke sorgen schließlich für eine Spannung von 20.000 Volt, so dass der Solarstrom ins Netz fließen kann.

Die projektierte Spitzenleistung von fünf Megawatt erreicht die Anlage nur, wenn Sonneneinstrahlung und Temperatur ideal sind. Nach Angaben von Geosol ist das „für vier oder fünf Stunden an kühlen Mai- und Junitagen“ der Fall – rund 90 Prozent der Zeit läuft sie also, wie alle Solaranlagen in Deutschland, wetterbedingt mit verminderter Leistung. Die Anlage versorgt 1800 Haushalte mit Strom und vermeidet verglichen mit einem Kohlekraftwerk Emissionen von 3700 Tonnen Kohlendioxid jährlich. Sie beschäftigt zwei Mitarbeiter.

Viel Dreck, viel Arbeit

Das Braunkohlenveredlungswerk Espenhain wurde zwischen 1936 und 1942 erbaut. Mit Hilfe der Kohlechemie wollten die NS-Wirtschaftsplaner unabhängig von Erdölimporten werden. Nach Kriegsende wurde die Produktion bald wieder angefahren. Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen (die Kosten für Produkte aus Braunkohle lagen bis zum Zehnfachen über dem Weltmarktpreis für entsprechende Erzeugnisse aus Erdöl) sollte die Anlage bereits Mitte der siebziger Jahre stillgelegt werden. Doch mit dem von der DDR-Führung Ende der Siebziger beschlossenen Vorrang für die heimische Braunkohle erlebten die Anlagen eine Renaissance. Die Umweltschutzeinrichtungen – soweit überhaupt vorhanden – waren völlig überlastet, der Schadstoffausstoß der 24 Schwelöfen und zwei Kraftwerke stieg immer weiter an.

26.000 Tonnen Staub, 121.000 Tonnen Schwefeldioxid, 7000 Tonnen Schwefelwasserstoff, 8000 Tonnen hochgiftiges Phenol und 5000 Tonnen Stickoxide entwichen zuletzt jährlich aus den 30 Schloten. Erst die Marktwirtschaft erzwang das Aus. Am 24. August 1990 wurde der letzte Schwelofen abgeschaltet.

Das Werk beschäftigte in Spitzenzeiten mehr als 6000 Menschen.