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Specht der Reformen

Hu Shuli, Chefredakteurin des unabhängigen Wirtschaftsmagazins Caijing über den Erfolg ihres Blattes und die Geburt des investigativen Journalismus in China.




Chinas Medienmarkt ist der letzte Wirtschaftszweig, der noch voll vom Staat kontrolliert wird. Denn je mehr Eigendynamik die Marktwirtschaft entfaltet, umso mehr ist die Pekinger Zentrale darauf bedacht, die Kontrolle über die öffentliche Meinung zu behalten. Die rund 2000 Zeitungen, 9000 Zeitschriften sowie Fernsehen, Rundfunk und Internet sind nach wie vor strenger staatlicher Zensur unterworfen. Doch eine moderne Wirtschaft braucht nicht nur den freien Fluss von Kapital, sondern auch den der Informationen. Und da Chinas Reformen Ende der neunziger Jahre von massiver Korruption bedroht wurden, war die Regierung des damaligen Premierministers und ehemaligen Wirtschaftsprofessors Zhu Rongji bereit, sich auf ein Experiment mit unabhängigem Journalismus einzulassen: Das kleine Wirtschaftsmagazin Caijing, gegründet von zurückgekehrten Auslandschinesen, durfte 1998 erstmals investigativen Journalismus betreiben und Betrugsfälle in Behörden und Unternehmen aufdecken. Chefredakteurin Hu Shuli und ihr Team nutzten den Freiraum mit Mut, politischem Geschick, wilder Entschlossenheit – und gewaltigem Erfolg. Sechs Jahre nach seiner Gründung ist Caijing nicht nur Chinas führendes Wirtschaftsmagazin, sondern hat auch anderen Medien Freiräume erkämpft, die bis vor kurzem noch undenkbar waren. In China gilt Caijing heute als „meistrespektierte Finanzpublikation“ des Landes, wie die South China Morning Post schrieb. Das Wall Street Journal befand, Caijing „treibe die Entwicklung voran“.

Caijing erscheint am 5. und 20. jedes Monats, die Online-Version findet der Leser unter www.caijing.com.cn. Dort kann man auch einen englischsprachigen Newsletter abonnieren.

Es war Anfang Frühling, eine stürmische Nacht. Wir saßen im vierten Stock einer Schule, wo mein Freund Xilin Chen ein Büro gemietet hatte und eine wöchentliche Illustrierte herausgab. Erst gegen Mitternacht waren wir mit dem Layout für die erste Ausgabe von Caijing fertig geworden. Nun warteten wir auf den Druck.

Für mich war es das erste Mal, dass ich ein Magazin herausgab, nachdem ich 20 Jahre lang als Journalistin für Tageszeitungen geschrieben hatte. Weder ich noch meine Kollegen Yang Daming, Wang Shuo und Yan Xiaoqun konnten zu diesem Zeitpunkt ahnen, was vor uns lag. Schließlich war Caijing nur ein kleines Monatsmagazin mit 64 Seiten. Aber schon damals hatten wir das Gefühl, am Anfang von etwas Wichtigem zu stehen, dass dies der erste Schritt zu unserem gemeinsamen Traum war: „richtigen“ Journalismus zu machen.

Das war am 31. März 1998. Damals gab es in China wenige farbige Magazine in guter Druckqualität, und nachrichtenorientierte gab es noch viel weniger. Für das Layout hatte ich ein Dutzend Time-Hefte mitgebracht und zu Chen Xinlin, Pekings bestem Zeitungsgestalter, gesagt: „So soll es aussehen, gutes Design und ästhetische Aufmachung.“ Chen hatte keinerlei Erfahrung mit Zeitschriften, aber das Titelblatt für die erste Caijing-Ausgabe wurde trotzdem eindrucksvoll. Voller Verzweiflung beklagt ein Mann das Vermögen, das er am Aktienmarkt verloren hat. Der Titel lautete: „Wer ist schuld an Qiongminyuan?“

Mitte der Neunziger war Qiongminyuan ein schwarzes Schaf an Chinas junger Börse gewesen, eine unbekannte Firma, deren Aktienkurs in kurzer Zeit um 400 Prozent in die Höhe geschossen war. 1997 wurde das Papier plötzlich vom Handel ausgeschlossen, wegen des Verdachts der Bilanzfälschung. Doch ein paar Insider hatten vorher einen Tipp erhalten und sofort ihre Anteile verkauft. Übrig blieben 50.000 Kleinanleger mit einem Haufen nutzlosem Papier, für das sie ihre Ersparnisse geopfert hatten.

Knapp dem Verbot entgangen

Es war das erste Mal, dass an Chinas neuer Börse der Handel einer Aktie ausgesetzt wurde. Doch obwohl Millionen Anleger darauf brannten, Informationen über den Skandal zu bekommen, verweigerte die Börsenaufsicht jeden Kommentar und machte unmissverständlich klar, dass die Medien sich von dem Thema fern zu halten hatten. Als wir die Erstausgabe von Caijing vorbereiteten, hatte das Schweigen sich ein Jahr gehalten. Wir entschieden uns, es zu brechen. Man kann sich leicht vorstellen, wie verärgert die Aufsichtsbehörden reagierten, als plötzlich eine detaillierte Titelgeschichte den Qiongminyuan-Fall aufrollte, und um ein Haar wäre Caijing verboten worden. Aber wir durften weiter erscheinen. Mit einem einzigen Heft hatten wir einen großen Schritt in Richtung unabhängige Berichterstattung gemacht. Caijings Überleben machte anderen Publikationen Mut, es uns nachzumachen.

Und genau darum ging es uns. Caijing sollte ein Nachrichtenmagazin sein, das ebenso seriös über Unternehmen und Finanzthemen berichtete wie unsere ausländischen Vorbilder, etwa die Financial Times, das Wall Street Journal oder die New York Times. Wir wollten nicht nur ein Wirtschaftsmagazin wie Business Week oder The Economist werden, sondern auch ein Forum für all die wichtigen Geschichten, die in Chinas Presse sonst nicht zu lesen waren. Wir waren echte Journalisten und wollten Chinas Aufstieg zu einer modernen Wirtschaftsmacht dokumentieren – mit allen seinen Erfolgen, aber auch mit seinen Schattenseiten.

Anfangs hatte Caijing nur vier Vollzeitkräfte. Alle anderen arbeiteten Teilzeit oder frei. Wang Shuo, damals erst 25 Jahre alt, wurde der Leiter unserer Nachrichtenredaktion. „Haben wir überhaupt eine Nachrichtenredaktion?“, fragte er, als er seinen Job antrat. Nein – er war unser erster und einziger Nachrichtenmann.

Wang Shuo hatte drei Jahre lang bei Chinas größter Zeitung, People’s Daily, gearbeitet. Er hätte dort eine große Karriere als Auslandskorrespondent machen können, doch er gab sie auf, um zu Caijing zu kommen. Er war kritisch, nüchtern und bestand auf höchster journalistischer Qualität, trotz aller Schwierigkeiten, die damit verbunden waren. Umso mehr bedeutete es mir, als er, der so anspruchsvoll war, nach unserer dritten Ausgabe sagte: „Shuli, weißt du eigentlich, dass wir hier das beste Magazin im ganzen Land machen?“

Caijing schlug ein wie eine Bombe, im In- und Ausland. In der letzten Ausgabe 1998 berichteten wir erstmals umfassend über die gewaltige Umstrukturierung der Telecom China und wurden dafür vom Wall Street Journal als „Chinas führende Finanzpublikation“ bezeichnet. Ein Exklusivinterview mit Informationsminister Wu Jichuan ging weltweit über die Agenturen.

Die Nachrichtenabteilung wuchs, immer mehr junge Reporter stießen zu uns. Die meisten von ihnen waren jung und unverheiratet. So wurde Caijing der „Singles Club“ genannt, weil unsere Journalisten viel zu viel arbeiteten, als dass Zeit für Freunde geblieben wäre. Dafür verdienten sie allerdings auch doppelt bis dreimal so viel wie Journalisten bei den offiziellen Zeitungen. Dank unserer Investoren, einer Privatinstitution namens Stock Exchange Executive Council, die von Chinesen gegründet worden war, die lange im Ausland gelebt hatten und nun nach China zurückgekehrt waren, war das Redaktionsbudget für chinesische Verhältnisse außergewöhnlich hoch. So konnten wir unseren Journalisten auch Reisekosten und Spesen zahlen.

Das war neu in China. Normalerweise gingen Journalisten nur zur Pressekonferenz einer Firma, wenn sie dort einen roten Umschlag mit Geld bekamen, üblicherweise 200 bis 500 chinesische Yuan (20 bis 50 Euro). Schon bei People’s Daily war Wang Shuo dafür bekannt, dass er diese roten Umschläge niemals annahm.

Hu Shuli

Hu Shuli begann ihre Karriere nach einem Journalismusstudium an der Pekinger Volksuniversität 1982 bei der Worker’s Daily. 1992 wechselte sie als Chefreporterin und Auslandschefin zur China Industry & Business Times, bevor sie 1998 Caijing gründete. Sie war Stipendiatin am World Press Institute und studierte ein Jahr lang an der Stanford Universität. Seit 2002 hält sie außerdem einen EMBA-Titel der Fordham University. Für die offensive Berichterstattung über die Lungenseuche SARS wurde Hu vergangenes Jahr vom World Press Review zur „Internationalen Chefredakteurin des Jahres“ gewählt. Sie hat sechs Bücher veröffentlicht, etwa über Reformpolitik und Chinas Rolle in der Welt.

Riesengewinne mit Gemüseextrakt

Unabhängige Berichterstattung, exklusive Geschichten und ungewöhnliche Perspektiven – mit diesem Konzept gewann Caijing Leser bei der wirtschaftlichen und akademischen Elite. Anfang 1999 hatten wir 7000 Abonnenten, ein Jahr später waren es schon 20.000. Nach zwei Jahren hatte Caijing genug Ansehen, um von Unternehmen ernst genommen zu werden, und genug Erfahrung, um die komplizierten Vorgänge an den Aktienmärkten verfolgen und darstellen zu können.

China hatte damals noch wenig Börsenerfahrung. Zwar hatte es in Schanghai schon Anfang des 20. Jahrhunderts einen Aktienmarkt gegeben, doch die ersten Börsen der Volksrepublik wurden erst 1990 in Schanghai und Shenzhen eröffnet. Anfangs wurde die Finanzpresse von der Aufsichtsbehörde, der China Securities Regulatory Commission (CSRC), scharf kontrolliert. Um die Stabilität des Marktes zu sichern, bestimmte die CSRC genau, was veröffentlicht werden durfte und was nicht. Wer sich nicht an die Regeln hielt, wurde kritisiert und bestraft.

Und dann kam Caijing und enthüllte, wie die Börse tatsächlich funktionierte. Im Oktober 2000 erschien der Artikel „Fondsmanagement hinter dem schwarzen Vorhang“. Er basierte auf den Erkenntnissen eines ehemaligen Angestellten der Schanghaier Börse, der zwischen Oktober 1999 und April 2000 die Transaktionen von 22 neuen Fonds überprüft hatte. Mit sehr präzisen quantitativen Analysen belegte er, dass jeder einzelne dieser Fonds an Marktmanipulationen beteiligt gewesen war. Mit Hilfe mehrerer Experten und Insider konnte Caijing seine Ergebnisse bestätigen. Unser Artikel war vernichtend und zeichnete ein düsteres Bild der Fondsbranche, in der Korruption und Betrug zur Tagesordnung gehörten – und die bis dahin fest von staatlichen Brokern kontrolliert worden war. Die zehn Firmen, die unser Artikel entlarvt hatte, veröffentlichten umgehend eine Erklärung, in der sie die Integrität ihrer Zunft und die eigene Unschuld beschworen und uns mit einer Klage drohten. Es blieb bei der Drohung.

In vieler Hinsicht war die Fondsmanagement-Geschichte ein Durchbruch – nicht nur für Caijing, sondern für die ganze chinesische Presse. Denn zum ersten Mal kam von der Regierung keinerlei Reaktion; unser Artikel wurde weder kritisiert noch verboten. Der Vorsitzende der CSRC sprach sich in einer Rede sogar für kritische Berichterstattung aus. Investigativer Journalismus hatte in China eine völlig neue Dimension erreicht.

Ein halbes Jahr später mussten acht der zehn Fondsgesellschaften Unregelmäßigkeiten eingestehen. 30 Angestellte wurden entlassen. Die CSRC hatte die Überprüfung gefordert und von den Firmen verlangt, sie selbst durchzuführen.

Dieser Sieg war der Startschuss für eine ganze Serie kritischer Börsenanalysen: über Preismanipulationen, Insider-Handel und gefälschte Bilanzen. Diese Geschichten schockierten die Märkte, besonders unser Titel im August 2002: „Die Yinguangxia-Falle“. Mehrere Monate hatte Ling Huawei, eine 25 Jahre alte Journalistin, recherchiert. Guangxia Industry Co. Ltd. war ursprünglich eine kleine Disketten-Firma aus Yinchuan im Nordwesten Chinas. Mitte der neunziger Jahre wuchs sie zu einem großen Konglomerat heran, Umsätze und Profite stiegen, und der Aktienwert schnellte allein in einem Jahr um 440 Prozent nach oben. Ende der Neunziger war Guangxia gemessen am Marktwert das zweitgrößte börsengelistete Unternehmen in China. Und das, obwohl es fast seinen gesamten Umsatz mit einem einzigen Produkt erzielte: Gemüseextrakt, den es an eine ominöse deutsche Firma verkaufte.

Ling Huawei besuchte das Unternehmen, interviewte die Manager und überredete schließlich die Buchprüfer der Firma, ihr Einblick in die Bilanzen zu geben. Kopien durfte sie nicht machen, aber als ihr bei den Zollformularen Unregelmäßigkeiten auffielen, prägte sie sich die Identifikationsnummern ein. Zwei Monate später ging sie zum Zollamt, wo sie zu ihrem großen Erstaunen keine Kopien der Exportpapiere finden konnte. Statt der angeblichen Exporterlöse von 700 Millionen Yuan (70 Millionen Euro) hatte das Unternehmen tatsächlich nur drei Millionen Yuan (300.000 Euro) eingenommen.

Uns war klar, dass die Geschichte dramatische Auswirkungen auf den Aktienkurs des Unternehmens haben würde. Umso wichtiger war es, dass niemand vorab informiert war. In unserem Büro hängten wir sogar eine falsche Version der Textstrecken des nächsten Heftes aus, während wir die echte Geschichte heimlich zum Drucker schickten.

Am Abend vor dem Erscheinungstermin, so gegen acht, bekamen wir einen Anruf: Die Geschichte war durchgesickert. Sofort stellten wir den Text auf unsere Website. Zehn Stunden später musste die Guangxia-Aktie vom Handel ausgesetzt werden, und nach drei Tagen begann die Börsenaufsicht mit einer Untersuchung.

Pionier der chinesischen Medienindustrie

Für Caijing war es ein Meilenstein. „Guangxia hat Caijing zum Leitmedium des chinesischen Aktienmarktes gemacht“, musste selbst der für gewöhnlich recht arrogante Herausgeber einer offiziellen Börsenzeitung einräumen. Nicht mehr nur die Eliten, sondern auch der Markt begann, auf die unabhängige Stimme der Presse zu hören.

Damals, gegen Ende 2001, hatte Caijing bereits mehr als 100 Seiten pro Ausgabe. Die Auflage erhöhte sich schnell auf 70.000. Auch die Werbeeinnahmen stiegen, so dass Caijing zu einem höchst profitablen Magazin wurde. Und damit war es Zeit für den nächsten Schritt: Seit Ende 2001 erscheint Caijing zweiwöchentlich, mit einem erweiterten inhaltlichen Spektrum und mehr Reportagen über China und die Welt.

Dann, im Frühjahr 2003, brach die Lungenseuche SARS aus. Caijing berichtete von Anfang an darüber und verwendete viel Zeit und Mühe darauf, die Herkunft der Epidemie zurückzuverfolgen. Schon die ersten SARS-Fälle im südchinesischen Guangdong ließen uns aufmerken. Obwohl SARS kein unmittelbares Wirtschaftsthema war, ahnten wir die Bedeutung der sich anbahnenden Krise. Im Februar 2003 druckten wir eine lange Analyse unter dem Titel: „Guangdong-Seuche und staatliche Seuchenkontrolle prallen aufeinander“. Der Text zeigte die Schwächen der chinesischen Seuchenbekämpfung, Schwächen, die in Guangdong immer offensichtlicher wurden. Wir wollten das Land warnen.

Im April breitete sich SARS in Peking und anderen Orten aus und erreichte Ende des Monats den Höhepunkt. Schon Anfang April hatten wir einen Plan, um die SARS-Berichterstattung effektiver zu organisieren. Neben ausführlichen SARS-Artikeln im Heft brachten wir eine Zeit lang sogar eine wöchentliche Extraausgabe mit aktuellen Informationen heraus. Stück um Stück konnten wir das Puzzle der Lungenseuche zusammensetzen, und Artikel wie „Betroffene Gebiete im In- und Ausland“, „Wie man im Krankenhaus über Infektionen informiert wird“ oder „Bauern und Wanderarbeiter in der Stadt“ gingen um die Welt. Für Caijings Reporter war es eine aufregende, aufwühlende und unvergessliche Zeit. Fünf weiße Schutzanzüge, die bei der SARS-Recherche benutzt worden waren, hängen heute noch immer in der Redaktion. Für die SARS-Berichterstattung wurde Caijing international ausgezeichnet.

Caijing war Pionier der chinesischen Medienindustrie. Heute sind wir nicht mehr allein. Journalisten und Verlage haben gemerkt, welche Möglichkeiten und Chancen der chinesische Medienmarkt eröffnet, besonders im Bereich der Wirtschaftspresse. Jahr für Jahr werden neue unabhängige Zeitungen und Magazine gegründet. So entsteht Wettbewerb, und das heißt: Druck, sorgfältig und fair zu berichten und „richtigen“ Journalismus zu betreiben. Dass die Medien in China eine immer wichtigere Rolle spielen, das ist wirklich neu.

Mein Kollege Wang Shuo sagte einmal zu einem neu eingestellten Redakteur: „Caijing ist wie ein Specht. Wir picken von allen Seiten das morsche Holz von Chinas großen Reformprojekten, damit das Land nicht im Korruptionssumpf versinkt.“ Ein schöner Vergleich.