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Hussein Jinah

Der Sozialarbeiter Hussein Jinah kämpft in Dresden gegen Fremdenfeindlichkeit. Ehrenamtlich, unermüdlich – und sanft.




Gegen 5.30 Uhr steht er meist auf, rührt sich einen löslichen Billigkaffee an und schaut auf n-tv, ob die Welt seit gestern noch schrecklicher geworden ist. Dann setzt er sich in die Straßenbahn und kauft am Hauptbahnhof ein Brötchen, das er erst im Büro essen wird. Hussein Jinah arbeitet jeden Tag acht Stunden als Sozialarbeiter im Sozialamt und einmal in der Woche im Personalrat der Stadtverwaltung. Aber er hat noch etwa zehn andere Jobs, für die er kein Geld bekommt. Weil sie gemacht werden müssen. Weil die Schwachen eine Stimme brauchen. Und weil er Debatten provozieren will. Darüber, ob Dresden eine weltoffene Stadt sein kann oder nur ein Symbol deutscher Fremdenfeindlichkeit.

Als Treffpunkt hatte der 58-Jährige das „Maharadscha“ vorgeschlagen, das älteste indische Restaurant der Stadt. Dort sitzt er nun auf seinem Stammplatz in der blau getünchten Ecke vor einem prächtigen roten Wandteppich, schaut durch seine leicht getönte Brille, bestellt Linsen, extrascharf, und erzählt mit sanfter Stimme sein Leben. 1985 war er im Rahmen eines Austauschprogramms zwischen der DDR und Indien nach Dresden gekommen, zusammen mit einigen Landsleuten. Die meisten, mit denen er damals zu tun hat, wissen nicht, wo Indien liegt. Manche denken, er sei ein Indianer. Heute, sagt er, lebten etwa 1500 Inder in der Stadt.

Jinah promoviert als Ingenieur der Elektrotechnik. Er schreibt mehr als 100 Bewerbungen und wird zu keinem einzigen Vorstellungsgespräch geladen. Mal heißt es, er sei überqualifiziert, dann ist von Umstrukturierungen die Rede. Irgendwann hat er die Nase voll und will zurück nach Indien, aber da hat er sich gerade in seine künftige Frau verliebt. Also bleibt er und sattelt um: Hussein Jinah wird Sozialarbeiter. Berufsbegleitend studiert er Sozialpädagogik an der TU. Und entdeckt für sich das Feld der Ehrenamtlichkeit.

Heute ist er Vorstandsvorsitzender des Sächsischen Flüchtlingsrats, sitzt im Bundesmigrationsausschuss von Verdi und im Landesmigrationssauschuss, ist Vorsitzender des Integrations- und Ausländerbeirats der Stadt Dresden. Als Gemeindedolmetscher arbeitet er auch noch. Ist immer da, wenn ihn jemand braucht, der fremd ist. Weil er selbst Fremdheit erlebt hat. Argwöhnische Blicke schon zu DDR-Zeiten, aber nach der Wende eben noch mehr. Weil der neuen Freiheit, wie Jinah sagt, offenbar ein Missverständnis zugrunde liegt. Sie war doch nicht erkämpft worden, damit man anschließend Minderheiten drangsalieren konnte.

An einem Juli-Abend wird er von einer Gruppe Skinheads auf der Straße provoziert: „Türken sind Schweine“, rufen sie, weil sie ihn für einen Türken halten. Einer knallt ihn gegen die Wand und schlägt zu. Keiner der Umstehenden hilft. Keiner greift zum Telefon. Das ist es, was Jinah bis heute traurig macht. Wenn Menschen wegschauen. Als er zur Wache geht, sagt ihm der Diensthabende: „Na ja, das könnte auch eine ausländerfeindliche Einbildung sein.“ Und dass er ohne ärztliches Attest den Fall leider nicht aufnehmen könne. Wenn er aber am nächsten Tag wiederkommen wolle … Jinah fühlt sich gedemütigt. Es bleibt nicht das einzige Mal.

Einmal wird er Zeuge, als Jugendliche in der Straßenbahn Ausländer als Schmarotzer bezeichnen. Er meldet sich zu Wort und sagt, dass er sehr wohl Steuern zahle und auch Sozialversicherungs­beiträge. „Halt’s Maul!“, sagt einer der Jugendlichen und zieht ein Messer. Da entschuldigt sich Jinah und sagt, er nehme alles zurück.

Als am 20. Oktober 2014 rund 350 Menschen die Pegida-Montagsdemonstration ins Leben rufen, ist er der einzige Gegendemonstrant. Wenig später sind es schon Tausende. Bis heute ist er bei jeder Gegendemonstration dabei, hält Reden, zeigt sein Gesicht. Jinah sagt, er kämpfe bis zuletzt. Nicht für sich, sondern für künftige Generationen. Für ein Dresden, wie es sein könnte. Und wie es in vielen Stadtteilen auch ist. Dass die Leute das nicht verstehen: „Glück ist nicht materieller Wohlstand, sondern die ­innere Einstellung gegenüber Mitmenschen und Umwelt.“

Er versucht, sich nicht zu ärgern, weil das Gift für den Körper sei. Stattdessen nimmt er die Dinge, wie sie sind, und meditiert ­gegen den Hass. In seiner Zeit als Streetworker bedachten ihn die ausländerfeindlichen Jugendlichen mit bösen Sprüchen, er blieb immer sanft und freundlich. Ließ ihre negative Kraft ins Leere gleiten. Aber wenn er mal frei hatte, haben sie sich nach ihm erkundigt, ob er krank sei – was, wenn man so will, schon ein gewisses Zeichen von Sympathie ist. „Tu etwas im Leben und halte dich fern von Aggressionen“, hat er ihnen beizubringen versucht. Und jetzt, viele Jahre später, sieht er sie manchmal mit Frau und Kind auf der Straße, und sie sagen immer noch „Alter“ zu ihm und fragen, was „abgeht“. „Viel zu tun“, antwortet er meistens.