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Kristina Musholt

Philosophie – ein Fach für abgehobene Denker im einsamen Studierstübchen? Nicht wenn es nach der Leipziger Professorin Kristina Musholt geht.




Es ist ein berühmtes Experiment der Verhaltens- und Kognitionsforschung: der Spiegeltest. Dazu wird der Proband unbemerkt markiert, etwa mit einem roten Punkt auf der Stirn. Beim Blick in einen Spiegel zeigt sich dann, ob Mensch oder Tier sich erkennt und versucht, den Punkt abzuwischen. Der Test gilt als Beweis für die Fähigkeit eines Individuums, sich seiner selbst bewusst zu sein. Kinder bestehen ihn mit etwa zwei Jahren, aber auch Schimpansen und Orang-Utans, Delfine oder Elstern merken, dass sie selbst es sind, die sich da aus dem Spiegel anblicken.

Aber ist das schon Selbstbewusstsein? Braucht es neben der Existenz einer solchen Ichperspektive nicht auch das Wissen darum, dass es diese Perspektive gibt? Wie funktioniert Denken überhaupt, wie entwickelt es sich? Kristina Musholt hat sich schon als Schülerin für komplexe Fragen wie diese interessiert. Und die Suche nach klugen Antworten darauf ist heute ihr Beruf: Die 36-Jährige ist seit 2015 Professorin für Kognitive Anthropologie am Institut für Philosophie der Universität Leipzig.

Wer in dem kleinen, dunklen Büro an der Leipziger Beethovenstraße eine zurückgezogene, in die eigene Gedankenwelt versponnene Wissenschaftlerin erwartet, wird allerdings enttäuscht. Kristina Musholt, schmal, ernsthaft und immer ein wenig atemlos, ist meist unterwegs, engagiert sich vielfältig – auch außerhalb ihrer Disziplin. Ihr besonderer Ansatz: Sie bezieht in ihre Forschungen die Entwicklungspsychologie ebenso ein wie die Neurowissenschaften. Aufbauend auf Erkenntnissen dieser empirischen Wissenschaften, will sie ein Stufenmodell der Entwicklung von Selbstbewusstsein und sozialer Kognition entwerfen. Das ist neu und ungewöhnlich.

Zurzeit beschäftigt sich Musholt vor allem mit der Entwicklung von Erklärungsmodellen zu menschlichen Fähigkeiten der sozialen Kognition. „Das heißt, dass wir uns in andere hineinversetzen und unsere Blickwinkel vergleichen können“, erklärt sie. „Denn nur so ist unser Wissen um uns selbst möglich. Und erst wenn wir diese Zusammenhänge besser verstehen, können wir Fragen nach der Entwicklung spezifisch menschlicher Fähigkeiten oder nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von menschlichen und tierischen Fähigkeiten beantworten.“

Antworten auf die Kernfragen nach dem Wesen des Menschen sucht die Wissenschaftlerin schon lange – in ganz unterschiedlichen Disziplinen. Deshalb hat sie selbst nicht nur Philosophie, sondern auch Humanbiologie und Neurowissenschaften studiert und ist viel im Ausland gewesen, unter anderem am renommierten MIT in Boston und an der London School of Economics. Unser Verständnis menschlicher Fähigkeiten könne von einer interdisziplinären Perspektive nur profitieren, findet Musholt. Die Philosophie hinterfrage zwar alltägliche Phänomene, kreise dabei aber zu oft noch um sich selbst. Wenn es nach Musholt geht, wird sich das ändern: Raus mit der Disziplin aus dem Elfenbeinturm, die Wissenschaft gehört in die Gesellschaft.

Daran arbeitet sie auch als Mitglied der Jungen Akademie, zu der Kristina Musholt 2014 berufen wurde. Der Zusammenschluss von 50 hervorragenden jungen Wissenschaftlern unterschiedlichster Fächer ist ein Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und wurde 2000 ins Leben gerufen. In dieser weltweit ersten Akademie des wissenschaftlichen Nachwuchses beschäftigen sich die jungen Forscher in interdisziplinären Arbeitsgemeinschaften mit aktuellen Themen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft.

Musholts neuestes fachübergreifendes Projekt ist erst wenige Monate alt – in mehrfacher Hinsicht. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern untersucht sie an einem 2016 neu gegründeten Zentrum der Uni Leipzig die frühkindliche Entwicklung. Und hat dabei eine kleine Probandin gleich im Haus. Seit 2015 ist Kristina Musholt auch Mutter einer Tochter.