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Der Glücksfall

Es ist der Stoff, ohne den sich Forscherideen nicht in Arzneien verwandeln: „Venture Capital“ wird es im Pokerspieler-Land USA genannt. „Risikokapital“ schimpft es sich im zaudernden Sparkassen-Deutschland. Entsprechend rar ist solches Geld in Deutschland. Und vielen Biotech-Firmen hierzulande wäre längst die Luft ausgegangen, wenn es nicht wagemutige Unternehmer wie den SAP-Gründer Dietmar Hopp gäbe. In den vergangenen sieben Jahren hat der Multimilliardär rund 800 Millionen Euro in 17 Biotech-Unternehmen investiert. Ein Glücksfall für die Branche, der allerdings auch verschleiert, dass viele teuer erforschte Ideen in Deutschland nicht zu Medikamenten werden können, weil Kapital und Strukturen flächendeckend fehlen. Woran das liegt und was es langfristig für die Branche und den Standort bedeutet, diskutieren prominente Vertreter der deutschen Biotech-Industrie: Diplom-Ingenieur Dietmar Hopp, Biotech-Experte Friedrich von Bohlen und Halbach und Rechtsanwalt Christof Hettich.




Herr Hopp, von anfangs hundert Medikamentenkandidaten in der klinischen Phase I wird in der Regel nur eines zugelassen. Pro neuartigem Wirkstoff fallen – je nach Schätzung – Kosten von wenigen Hundert Millionen bis mehr als eine Milliarde Dollar an. Gleichzeitig drückt die Politik auf die Arzneimittelpreise, und Blockbuster-Medikamente, die jährlich Milliarden einspielen, werden immer seltener. Warum investieren Sie ausgerechnet in eine so riskante Branche?

Hopp: Wenn mir vor sieben Jahren jemand gesagt hätte, dass nur jeder hundertste Wirkstoffkandidat eine Chance hat, ins Ziel zu kommen, wäre ich vermutlich abgeschreckt worden. Aber ich bin nicht so pessimistisch gewesen, weil ich Experten an meiner Seite habe, die aus den vielen Möglichkeiten hoffentlich die richtigen ausgewählt haben. Wir investieren zurzeit in 15 Firmen, und wenn wir zwei bis vier davon zum Erfolg führen können, dann bekomme ich wahrscheinlich mein Geld wieder, vielleicht sogar ein bisschen mehr. Aber darüber hinaus habe ich wertvolle Arbeitsplätze in Deutschland und in der Schweiz geschaffen – und vielleicht auch bessere Medikamente zur Verfügung gestellt.

„In Deutschland hat sich die Eichhörnchenmethode entwickelt“ Dietmar Hopp

Sie sind 2004 in die Branche eingestiegen, also lange nachdem viele Investoren mit dem Platzen der Biotech-Blase 2001 hatten lernen müssen, dass mit Medikamentenentwicklung kein schnelles Geld zu verdienen ist. Hat Sie das nicht auch abgeschreckt?

Hopp: Die Zeit, in der die pure Idee eines Forschers an der Börse einen Wert hatte, war in der Tat schon vorbei. Es war Ernüchterung eingetreten. Und die Biotech-Unternehmer, die damals Geld brauchten, waren realistisch.

Ich bin aber auch neugierig. Herrn Bohlen habe ich vor zehn Jahren auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt, wo wir beide Vorträge gehalten haben. Bei mir ging es um die Zukunft der Software, das Fernsteuern des Kühlschranks vom Handy aus, er hat über die Zukunft der Medizin, über personalisierte Medizin gesprochen. Das hat mich begeistert, und so sind wir ins Gespräch gekommen.

Aus Ihrer Begegnung entstand die dievini Beteiligungsgesellschaft. Alle Unternehmen, in die dievini investiert, sind in einer 30 Jahre alten Branche, der es bislang nur ein einziges Mal gelungen ist, aus einer Idee eines deutschen Forschers ein Medikament auf den Markt zu bringen. Das ist mutig.

Bohlen: Dass deutsche Biotech-Unternehmen bislang kaum Erfolge vorweisen konnten, hat zwei Ursachen. Zum Teil fehlt es an Kapital. Vor allem aber mangelt es am Verständnis. Die Entwicklung von Medikamenten wurde hierzulande bisher viel zu sehr auf schnelle Erfolge hin geplant. Wer eine Medikamentenentwicklung beginnt, muss gewisse Laufzeiten, Studiengrößen, Regulierungen und insbesondere einen entsprechenden Kostenrahmen akzeptieren. Wenn ich die Geduld und das Geld nicht habe, ist es weiser, gar nicht erst anzufangen, als mit wenigen Mitteln zu starten und dann zu hoffen, dass es schon irgendwie gut gehen wird.

In der Arzneimittelentwicklung geht es eben nicht irgendwie gut. Wir müssen es gut werden lassen. Das dauert, das kostet, und beides mussten wir in Deutschland erst mühsam lernen. Die Erwartung schneller Resultate, die Fehleinschätzungen der Möglichkeiten und das vielfache Scheitern, das in der Natur der Sache liegt, haben den Optimismus von Investoren zusätzlich gedämpft – und dann die ganze Biotech-Branche in eine Negativ-Spirale geführt.

Trotzdem birgt das Geschäft enorme Chancen: Der Antikörper Avastin, den die US-Biotech-Firma Genentech (heute ein Teil des Roche-Konzerns) entwickelt hat, spielte 2010 mehr als sechseinhalb Milliarden Dollar Umsatz ein. Und Geld für Investitionen hätten wir hierzulande doch genug. Weshalb also scheuen wir das Risiko?

Hopp: Zweimal wurde Deutschland arg gebeutelt: durch Inflation und totale Geldentwertung. Da hat sich, anders als in den USA, wo es Vergleichbares so noch nicht gab, eine andere Mentalität entwickelt – die Eichhörnchenmethode.

Der Deutsche vergräbt sein Geld lieber an sicherer Stelle für Notzeiten, als es riskant, aber gewinnträchtig zu investieren?

Hopp: Genau. Wobei man fairerweise sagen muss, dass es in Relation zu den USA hierzulande auch nicht so viele reiche Menschen gibt, die genug Geld übrig haben, um in derart risikoreiche Unternehmungen zu investieren. Daneben ist es in den Vereinigten Staaten ganz normal, in die Selbstständigkeit zu gehen. Bei uns muss man sich diesen Schritt reiflich überlegen, weil Scheitern ein gesellschaftlicher Makel ist.

Für die Branche ist das schwierig. Kultur und Mentalität sorgen dafür, dass immer weniger in die Medikamentenentwicklung investiert wird, was deren Erfolgsaussichten weiter schmälert. Ein Teufelskreis, den sich fremde Kapitalgeber zunutze machen: Zwei Drittel des Risikokapitals deutscher Biotech-Firmen stammen mittlerweile schon aus dem Ausland.

Hettich: Auf Dauer ist das fatal, aber es stimmt schon: In Deutschland betreibt man eher Risikovermeidung – und für Risikobereitschaft wird man bestraft. Das betrifft den Finanzmarkt genauso wie die staatlichen Fördermaßnahmen und die öffentliche Meinung. Deshalb funktioniert die Medizintechnik in unserem Land auch recht gut: Sie ist zwar nicht so innovativ und lukrativ, dafür aber weniger riskant.

Aber Medikamentenentwicklung ist nun einmal ausgesprochen schwer planbar. In Ländern wie den USA ist die Bereitschaft, ein höheres Risiko für einen höheren Ertrag einzugehen, einfach größer. Es ist ja bezeichnend, dass mehr als die Hälfte aller Biotech-Investitionen im Jahr 2010 in Deutschland von Unternehmerpersönlichkeiten wie Herrn Hopp oder den Hexal-Gründern Andreas und Thomas Strüngmann stammen.

Dietmar Hopp (71) stammt aus Hoffenheim, hat Nachrichtentechnik studiert und war Mitgründer der SAP AG. Neben seinen derzeitigen Investment-Tätigkeiten hat er eine Stiftung ins Leben gerufen und engagiert sich auch sportlich stark: Er ist Mäzen der TSG Hoffenheim.

Totale Abhängigkeit von zwei, drei risikobereiten Gönnern – das kann doch wohl kein Konzept für eine nachhaltige Medikamentenentwicklung in Deutschland sein?

Hopp: Die Hoffnung ist, dass der Investitionstopf sich wieder füllt für Re-Investitionen, sodass ein Mittelkreislauf entsteht, der letztlich der gesamten deutschen Biotech zugute kommt. Aber wenn aus 15 Investments null herauskommen sollte, dann ist tatsächlich Ende der Fahnenstange.

Haben Sie den Zeitpunkt für dieses Ende schon definiert?

Hopp: Nein, aber auch meine Mittel haben natürlich Grenzen, und die gehen nicht wesentlich über die bis jetzt aufgewendeten 800 Millionen hinaus.

Bohlen: Unsere Investitionen haben klare Meilensteine. Mitte dieses Jahres erwarten wir zum Beispiel die Ergebnisse einer Phase-III-Studie der Agennix AG, und Ende des Jahres wird die Wilex AG Phase-III-Daten präsentieren. Wenn diese Ergebnisse positiv sind, dann besteht allein darin ein Wert, der sich über Partnerschaften mit großen Pharmafirmen auszahlen kann.

Dann ginge ein Pharmakonzern beispielsweise mit der Hopp’schen Biotechfirma Agennix für eine Summe X eine Partnerschaft ein, um das Lungenkrebsmedikament Talactoferrin vermarkten zu können?

Bohlen: Das wäre eine Möglichkeit. Wir müssen einen Medikamentenkandidaten ja nicht allein auf den Markt bringen, sondern nur so weit entwickeln, bis Pharmafirmen wie Bayer, Novartis oder Pfizer Interesse zeigen, uns ein Projekt zu einem vernünftigen Preis abzukaufen. Unser Ziel ist es nicht, eigenständige Pharmafirmen aufzubauen. Wir wollen vielversprechende Ideen bis zur Produktreife entwickeln. Und das benötigt einen bestimmten Zeithorizont.

Wenn eine Medikamentenentwicklung 10 bis 15 Jahre dauert, dann haben wir jetzt mit sieben Jahren Halbzeit. Und wir gehen davon aus, in den nächsten ein, zwei Jahren jene Erfolge zu erzielen, mit denen sich das Portfolio wieder auffüllen lässt. Dann hätten wir ein perpetuierendes Modell, das zwar nicht die ganze deutsche Biotech wird tragen können. Aber es macht vielleicht anderen Investoren neuen Mut, wieder in die Medikamentenentwicklung einzusteigen.

Um mit anderen Nationen mithalten zu können, brauchen wir allerdings eine ganz gehörige Portion Mut. In den USA haben Venture-Capital-Gesellschaften im vergangenen Jahr 4,7 Milliarden Dollar in Biotech-Unternehmen investiert. In Deutschland flossen im Jahr 2011 nur knapp 150 Millionen Euro. Sieht ganz so aus, als passten deutsches Risikokapital, kurzfristige Renditeerwartungen und langwierige Medikamentenentwicklung einfach nicht zusammen.

Hopp: Wäre ich vor sieben Jahren Manager eines VC-Fonds gewesen und hätte mich rechtfertigen müssen, dann hätte ich wohl auch nicht in Biotech investiert. Risikokapitalgeber machen den Fehler, dass sie die Horizonte zu eng wählen. Nur fünf Jahre bis zur Rentabilität zu veranschlagen ist für Biotech-Investitionen einfach zu kurz. Wer das Thema wirklich ernst nimmt, muss andere Laufzeiten ansetzen.

Bohlen: Ein Medikament gegen eine bestimmte Krankheit zu entwickeln dauert eine bestimmte Zeit und hat einen ganz bestimmten, unverhandelbaren Preis. Dasselbe Ziel mit nur der Hälfte des Geldes erreichen zu wollen – das ist, als schickte man ein halb voll getanktes Flugzeug über den Atlantik. Herr Hopp versteht das, obwohl er nicht aus der Branche kommt. Aber der Investmentmanager eines Risikokapitalfonds hat nun mal seine Investoren im Hintergrund, die jeden Tag anrufen und fragen, wo ihr Geld bleibt. In so einer Situation ist es natürlich schwierig, noch einmal eine Million zuzuschießen, um eine Studie abschließen zu können. Unsere Aufstellung ist schon ein großes Privileg. Das muss aber trotzdem nicht heißen, dass Risikokapital und Medikamentenentwicklung nicht zusammenpassen. Die VC-Fonds müssen sich verändern.

Hettich: Ein Beispiel aus unserem Portfolio: Die Phase-III-Studie des Lungenkrebsmedikaments der Agennix AG dauert drei Jahre, von der Vorbereitung der Studie, über die Laufzeit bis zur Nachbearbeitung. Eher sogar etwas mehr, bis die Früchte der Arbeit geerntet werden können. Und das ist nur die Phase III.
Auch die gesamte Entwicklung von der Präklinik über Phase I und II hat mehr als fünf Jahre gedauert. Wie soll das funktionieren mit einer VC-Fonds-Laufzeit von insgesamt nur fünf Jahren? Soll man dann mitten in einer solchen Studie aussteigen? Zu einem Zeitpunkt, an dem man nur halbe oder noch gar keine Ergebnisse hat?

Die Fragen stellen sich anderswo doch auch. Sind die Wagniskapitalgeber in den USA denn geduldiger?

Bohlen: Die Bostoner Biotechfirma Vertex Pharmaceuticals hat 20 Jahre gebraucht, um am Markt erfolgreich zu sein. Da sind insgesamt rund zwei Milliarden VC-Gelder geflossen. Die Antwort auf die Frage lautet also: ja. Allerdings ist das Risikokapitalvolumen in den USA ungleich größer als in Deutschland. In der Nähe des Silicon Valley gibt es eine Straße, die Sand Hill Road in Menlo Park, in der Dutzende VC-Gesellschaften nebeneinander residieren.

Verhältnisse wie diese werden wir hierzulande vermutlich nie haben. Dann ist es ja vielleicht nur konsequent, wenn sich die wenigen deutschen Geldgeber sukzessive aus der BiotechBranche zurückziehen.

Hopp: Nicht unbedingt. Man könnte mehr selektieren. Vor allem aber müsste man seinen Finanzpartnern viel deutlicher sagen, dass es Investitionen gibt, bei denen man einen längeren Atem braucht, an deren Ende dann aber durchaus Früchte zu ernten sind. Mir war von Anfang an klar, dass ich in meinem Lebenshorizont nicht mehr alle Früchte würde ernten können – wenn es denn welche zu ernten gibt, was ich natürlich hoffe. Deshalb freue ich mich über positive Nachrichten, bin aber nicht zu enttäuscht über negative, weil ich weiß, dass längst nicht jedes Projekt durchkommen kann.

Bohlen: Es kommt noch ein Problem hinzu. Früher gab es ein ungeschriebenes Gesetz: Die guten Ergebnisse einer Phase-II-Studie bedeuteten, dass das Projekt im Grunde sicher an ein Pharmaunternehmen verkauft war. Heute bekundet ein Unternehmen zwar noch Interesse, wartet aber lieber die Phase III ab, bevor es investiert. Und darauf sind VC-Gesellschaften nun überhaupt nicht vorbereitet. Denn die Phase III kostet ja rund das Doppelte von all dem, was die Medikamentenentwicklung bis dahin schon gekostet hat. Das hebelt das klassische VC-Modell endgültig aus.

Aber wie kann es sein, dass Pharmafirmen nicht mehr kaufen wollen, was sich in Phase II, also der ersten Wirksamkeitsprüfung, bewährt hat? Die Firmen suchen doch eigentlich händeringend nach neuen Wirkstoffen.

Bohlen: Es ist aber so: Die Pharmaindustrie gibt heute lieber viel Geld aus für ein kaum noch riskantes Projekt, das alle Studien bestanden hat und kurz vor der Zulassung steht, als dass sie ein Zehntel des Geldes in ein Projekt mit 20 Prozent Restrisiko investiert.

Friedrich von Bohlen und Halbach (49) hat Biochemie, Neurobiologie und Betriebswirtschaft studiert. Er ist ein Neffe von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, dem letzten Chef der Krupp-Werke. Zusammen mit Christof Hettich führt er bei dievini die Geschäfte.

Deshalb suchen die Unternehmen hierzulande inzwischen ihr Heil woanders. Die Münchner MorphoSys oder die Hamburger Evotec haben sich auf Auftragsforschung verlegt – also klar umrissene Serviceleistungen wie zum Beispiel das Entwickeln und Produzieren von Antikörpern gegen ein bestimmtes Zielmolekül. Damit generieren sie immerhin Umsatz und hoffen so, langfristig ihre Medikamentenentwicklung finanzieren zu können. Ist das eine gangbare Strategie?

Bohlen: Alle Beispiele, auch die genannten, zeigen, dass man mit einem Servicegeschäft keine Medikamentenentwicklung finanzieren kann. Die Margen sind einfach zu gering. Um eine Phase-III-Studie finanzieren zu können, brauche ich pro Monat gut und gerne mindestens zwei Millionen Euro. Die lassen sich mit 70 Millionen Euro Umsatz im Jahr nun einmal nicht generieren.

Service und Medikamentenentwicklung zu kombinieren funktioniert aber auch deshalb nicht, weil man jeweils ganz andere Experten braucht. Ein Serviceunternehmen ist ein kostenoptimiertes, durchgetaktetes, prozessorientiertes Unternehmen. Bei einem forschenden Arzneimittelunternehmen steht eher der Umgang mit den klinischen Zentren, mit den Zulassungsbehörden im Vordergrund. Beides zu kombinieren würde bedeuten, man hätte zwei völlig unterschiedliche Unternehmen unter einem Dach, und das trauen sich nicht einmal große Pharmafirmen wie Novartis oder Pfizer. Aber verständlich ist die Entwicklung schon: Die Kapitalsituation in Deutschland zwingt Unternehmen mitunter dazu, sich auf den Service zu konzentrieren und die Medikamentenentwicklung hintanzustellen.

„Von mir aus können alle öffentlichen Fördermittel gestrichen werden.“ Friedrich von Bohlen und Halbach

Nun hat ja nicht jede Medikamentenentwicklung ein gleich hohes Risiko. Projekte, in denen bewährte Wirkstofftypen wie zum Beispiel Antikörper entwickelt werden, müssten doch eher Investoren finden als Projekte mit neuartigen, bislang kaum getesteten Substanzen wie etwa die Erbgutmoleküle RNA oder DNA?

Bohlen: Wir haben sowohl das eine als auch das andere in unserem Portfolio – ganz bewusst. Aber wir haben überwiegend in innovative Projekte investiert, wie sie die CureVac GmbH und immatics GmbH, die AC Immune SA, die Agennix AG und die Apogenix GmbH verfolgen. Diese Firmen entwickeln völlig neue Typen von Medikamenten, sogenannte First-in-Class-Wirkstoffe. Und weil diese Ideen noch niemand vorher getestet hat, gehen sie natürlich mit viel höheren Risikoprofilen einher. Wir haben mit Dietmar Hopp aber jemanden, der dieses Risiko mitgeht. Denn wenn so ein Ansatz durchkommt, dann ist man ganz vorn mit dabei. Sollten sich zum Beispiel die RNA-Impfstoffe der CureVac bewähren, dann kann das ein deutsches Genentech werden, ein Multi-Milliarden-Unternehmen, denn damit wäre erstmalig eine Produktklasse eingeführt, die sich in zahllosen Indikationen einsetzen ließe. Das wäre dann auch ein finanzieller Durchbruch, und zwar für das gesamte dievini-Portfolio.

Die Logik der Industrie erschließt sich dennoch nicht. Einerseits haben sich die Pharmakonzerne aus der frühen Medikamentenentwicklung weitgehend zurückgezogen und verlassen sich auf junge Biotech-Firmen. Auf der anderen Seite stammt die Hälfte der Risikokapitalinvestitionen in deutsche Biotech-Firmen von Fonds der Großen wie Sanofi, Novartis oder Pfizer. Wie ist das zu erklären?

Bohlen: Sie haben recht. Eigentlich ist es absurd, dass Pharmafirmen Fonds gründen, die in Biotech-Firmen investieren. Denn damit geben sie ja in gewissem Sinne zu, dass sie die Innovationskraft außerhalb ihrer Firmen für größer halten als innerhalb.

Es ist natürlich trotzdem gut, dass es diese Pharma-Fonds gibt. Einfach deshalb, weil es nun mal kaum andere Finanzierungsquellen gibt. Daneben betreiben die Konzerne mit diesen Investitionen auch Scouting, sodass einige Biotech-Firmen schon früh auf dem Radar der Konzerne erscheinen und so Kontakte für spätere Partnerschaften entstehen können.

Können auch öffentliche Gelder helfen, junge, attraktive Kandidaten so fit zu machen, dass Pharma anschließend zugreift?

Bohlen: Von mir aus können alle öffentlichen Fördermittel gestrichen werden. Die Politik könnte viel Intelligenteres tun, indem sie die steuerliche Abschreibung auf Investitionen in die Medikamentenentwicklung wiederherstellt. Das ist uns gestrichen worden und einer der Gründe, weshalb es so wenig Risikokapitalinvestitionen in Deutschland gibt. Wenn in Hochrisikobranchen wie der Biotechindustrie die Verluste steuerlich nicht mehr geltend gemacht werden können, dann ist die Motivation zu investieren begrenzt. Das zu ändern wäre viel wichtiger als Fördergelder.

Hettich: Es ist das Natürlichste der Welt, dass Gewinne gegen Verluste verrechenbar sind. Das ist die Grundidee des Steuersystems. Aber die wird in Deutschland kaputt gemacht – wenn auch mit einer guten Intention: Der Gesetzgeber will verhindern, dass sich Investoren bei einem Gesellschafterwechsel in ein Unternehmen nur einkaufen, um sich dessen Verlustvorträge für andere, gewinnbringende Aktivitäten zu beschaffen. Eigentlich eine prima Idee, aber die Biotech-Industrie funktioniert nun mal nur über Finanzierungsrunden. Und bei jeder Runde kommt mindestens ein neuer Gesellschafter hinzu, sodass über einen Zeitraum von zehn Jahren ständig neue, sich ergänzende Gesellschafterkreise entstehen. Weil das deutsche Steuerrecht die Verlustvorträge aus den ersten Finanzierungsrunden aber nicht mehr akzeptiert, wird die deutsche Biotech-Branche international benachteiligt.

Große Pharmafirmen haben dieses Problem nicht: Sie können die Verluste aus der Entwicklung immer mit Gewinnen aus laufenden Geschäften gegenrechnen. Statt neue Förderprogramme aufzulegen, muss die Politik endlich begreifen, dass das System nicht mehr stimmt. Eigentlich passen Biotech und Pharma als wissensgetriebene Industrien ideal zu Deutschland. Tatsächlich geht die Wertschöpfung spätestens in Phase III einer Medikamentenentwicklung ins Ausland. Diesen Verlust holt man nicht mit Fördergeldern auf, sondern nur mit grundsätzlich anderen Strukturen.

Welche Auswirkungen haben AMNOG- und Zwangsrabatt-Politik auf Investitionen?

Bohlen: Produkte, die einen eindeutigen Vorteil für den Patienten haben, betreffen die Änderungen ja im Grunde nicht. Diese Gesetze sind die Reaktion auf eine Situation, in der neue Medikamente nur marginale Vorteile bringen, wie der x-te Antikörper, der lediglich noch einmal einen halben Monat Überlebensvorteil bringt.

Hettich: Ich halte das Desinteresse für viel bedenklicher als die jüngsten Gesetzesvorstöße. Bislang hat sich noch kein Politiker die Zeit genommen, mit uns die Bedingungen der deutschen Biotech-Industrie und die Bedingungen für die Entwicklung neuer Medikamente zu diskutieren. Stattdessen werden mit Studien von Beratungsunternehmen wie McKinsey, die kein Geld investiert haben, Urteile über die Industrie gefällt. Mit den Akteuren selbst hingegen wird nicht geredet.
Wir wollen weder Geld noch Zuschüsse. Aber wenn ich Gesundheitsoder Wirtschaftsminister wäre, würde mich schon interessieren, wie die deutsche Biotech-Industrie funktioniert. Ich würde wissen wollen, wie Investitionsanreize wirken, welche Potenziale diese Industrie hat und welche Auswirkungen sie auf andere Branchen haben kann.

Wir haben viel Geld investiert und wichtige Erfahrungen gesammelt, zum Teil auch bittere, die für politische Strukturentscheidungen interessant wären. Aber nicht wir werden gefragt, sondern Verbände oder der Vorsitzende der Geschäftsleitung von Boehringer Ingelheim, der aber ganz andere Herausforderungen hat als ein Biotech-Start-up.

Die Politik tut viel, um Forschungseinrichtungen mit Geld auszustatten und die Wissenschaft zu stärken. Das ist gut so, aber nur der erste Schritt. Wir brauchen auch Schritt zwei und drei. Wir brauchen eine industrielle Basis, um Wissen in wirtschaftlichen Erfolg umzusetzen, sonst gibt es diese Industrie in Deutschland bald nicht mehr.

„Mit den Akteuren der Biotech-Branche wird nicht geredet.“ Christof Hettich

Bohlen: Ich habe manchmal das Gefühl, wir kämpfen hier wie Asterix und Obelix. Wir sind umgeben von Legionen, die weder verstehen, welche Auswirkungen die Steuerpolitik auf die Medikamentenentwicklung hat, noch wissen, wo Fördergelder sinnvoll eingesetzt werden können oder dass sich das Gesundheitssystem im Umbruch hin zu einer personalisierteren Medizin befindet. Das ist mitunter schon befremdlich. Trotzdem bin ich optimistisch: Die Asterix-Geschichten gehen ja eigentlich immer gut aus.

Mit Dietmar Hopp haben Sie – in finanzieller Hinsicht – aber auch so etwas wie einen Zaubertrank. Was macht die deutsche Biotech, wenn dieser Kelch mal leer ist?

Bohlen: Ich bin mir dessen sehr bewusst: Die Aufstellung, die wir mit der dievini genießen, ist in vielerlei Hinsicht ein Glücksfall. Für die 15 Unternehmen und natürlich auch für mich ganz persönlich. Es kann auch einer für die vielen Patienten werden, für die diese Firmen die Medikamentenkandidaten entwickeln. Es ist hoffentlich bald ein finanzieller Glücksfall für Dietmar Hopp. Und wenn es am Ende auch noch ein Glücksfall für die deutsche Biotech-Branche wäre – herzlich gerne.

Christof Hettich (52) ist promovierter Jurist und gründete zusammen mit Dietmar Hopp und Friedrich von Bohlen die Beteiligungsgesell- schaft dievini, die in Life und Health Sciences investiert. Im Portfolio sind Biotech-, Medizintechnik- und Bioinformatikunternehmen.