Wer soll’s richten?

Der eine zählt zu den einflussreichsten amerikanischen Intellektuellen, der andere zu den dynamischsten Unternehmern Brasiliens.
Robert B. Reich war Arbeitsminister unter Bill Clinton, Ricardo Young beriet den brasilianischen Präsidenten Lula da Silva. Das Thema Verantwortung diskutieren sie kontrovers – und kommen doch zum selben Ergebnis: Unsere Demokratien stecken in der Krise.




Moral in der Wirtschaft

Robert Reich:

„Unternehmen handeln weder moralisch noch unmoralisch. Unternehmen sind keine Bürger. Sie sind nichts als ein Geflecht von Verträgen. Ein Unternehmen hat die Aufgabe, das Spiel der Wirtschaft so aggressiv zu spielen wie möglich. Wal-Mart und andere Großkonzerne sind jedoch keineswegs außergewöhnlich brutal, abgebrüht, rücksichtslos oder gierig. Wie die Teilnehmer an jedem anderen Spiel tun sie alles, um zu gewinnen.

Unternehmen haben nicht das geringste Interesse am Gemeinwohl. Es ist nicht ihre Aufgabe, Gutes zu tun. Sie können Gutes tun, um ihr Marken-Image aufzuwerten und auf diese Weise Verkäufe und Gewinne zu steigern. Sie ergreifen Maßnahmen, die ihrem Gewinn nutzen und die nebenbei zufällig auch noch positive Auswirkungen für die Gesellschaft haben. Doch sie tun nichts, nur weil es der Gesellschaft nutzt.

Manager haben nicht den Auftrag, Unternehmensinteressen gegen das Gemeinwohl abzuwägen. Sie verfügen auch gar nicht über die Erfahrung, die nötig ist, um derartige ethische Fragen zu beantworten. Deshalb leben wir in einer Demokratie, in der die Regierung den öffentlichen Auftrag wahrnimmt, einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen zu schaffen. Manager müssen sich an Gesetze halten und sich für illegale Aktivitäten verantworten. Niemand kann von ihnen erwarten, dass sie mehr tun.

Der einzige legitime Grund, warum ein Unternehmen großzügig mit dem Geld seiner Aktionäre umgehen sollte, ist die Stärkung des Firmen-Images, und auch das hat seine Grenzen. Unternehmen tun in gewissem Umfang Gutes, doch die Dankesrituale erzeugen in der Öffentlichkeit den falschen Eindruck, dass sie aus Selbstlosigkeit handeln oder dass sie etwas wie ein Selbst haben, dem der Dank gebührt. Aber es gibt keine unternehmerische Selbstlosigkeit, und es gibt auch kein Selbst hinter dem Unternehmen. Im Zeitalter des Superkapitalismus existieren Unternehmen nur zu einem Zweck: ihren Kunden zu dienen und damit Profite für ihre Anleger zu erwirtschaften. Auf diese Weise dienen sie der Öffentlichkeit.

Solange sich die Spielregeln des Superkapitalismus nicht ändern, hat immer das Unternehmen den Wettbewerbsvorteil, das sich nicht sozial verantwortlich verhält. Die Rede vom Unternehmen als einem moralischen Wesen mit gesellschaftlicher Verantwortung verschleiert die Tatsache, dass die Öffentlichkeit die Aufgabe hat, diese Gesetze und Spielregeln überhaupt erst einmal festzulegen.“

Ricardo Young:

„Viele Leute, auch Robert Reich, argumentieren, dass Unternehmen früher stärker gesellschaftlich eingebunden waren. Aber das ist eine veraltete paternalistische Sichtweise. Dahinter steckt der Mythos vom guten Unternehmer, der soziale Verantwortung übernimmt, im Einklang mit gewissen moralischen und ethischen Vorstellungen. Aber in der globalisierten Welt ist der Wettbewerb größer geworden – und die Abhängigkeit der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche voneinander wird immer deutlicher. Das Risiko eines Kollaps ist in der globalisierten Welt gestiegen. Das betrifft auch die Unternehmer. Deshalb liegt es in ihrem eigenen Interesse, nachhaltig zu wirtschaften. Ein sozialverantwortliches Unternehmen garantiert über das wirtschaftliche Ergebnis hinaus ein soziales und umweltverträgliches Ergebnis. Wir nennen es das Konzept der Triple Bottom Line.

Parallel zu den Unternehmen ist die weltumspannende Zivilgesellschaft durch die Globalisierung stärker geworden. Sie verfolgt übernationale Ziele – genau wie Unternehmen. Wer die Kräfte dieser Zivilgesellschaft unterschätzt, kann irreparable Schäden erleiden. Die internationale Reputation eines Unternehmens ist heute wichtiger denn je. Selbst wenn es dorthin geht, wo die Löhne am billigsten, die Auflagen am lockersten sind, muss es sich auf die ethischen Vorstellungen der Konsumenten seiner wichtigsten Primär-Märkte einstellen. Wenn es Probleme in Nigeria oder im Mittleren Osten gibt, zeigt sich das schnell an den Börsen in aller Welt. Aktiengesellschaften verlieren in Stunden Milliarden Dollar an Wert. Deshalb haben Unternehmen ein Eigeninteresse, ethischen Maßstäben zu folgen. Es ist besser, auf ein Geschäft in einer Region zu verzichten, als Konzessionen an die Reputation zu machen. Zudem verfügen Unternehmen über ein großes Potenzial, ethische Maßstäbe in die Welt zu tragen. Sie sind potenter als lokale Regierungen und können auf ähnlichem Niveau wie multilaterale Organisationen agieren.

Die alten Regeln des Kapitalismus besitzen im Modell der nachhaltigen Entwicklung keine Gültigkeit mehr. Sie haben ihre historische Bedeutung erfüllt. Jetzt müssen wir die Regeln des Kapitalismus neu schreiben. Und zwar so, dass er den kollektiven Interessen der Menschheit auf lange Sicht dient. Die politische und soziale Organisation auf nationaler und multinationaler Ebene braucht Mechanismen, um die Ungleichgewichte des Kapitalismus auszugleichen – nicht nur je nach Bedarf und von Fall zu Fall. Die nachhaltige Entwicklung setzt einen anderen Grad an Zusammenarbeit von Staat, privatem Sektor und Zivilgesellschaft voraus.“

Robert B. Reich, 62, lehrt als Professor an der Goldman School of Public Policy der University of California in Berkeley. Er gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen in den USA.
Von 1993 bis 1997 diente er als Arbeitsminister unter Präsident Bill Clinton, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbindet. Die beiden lernten sich an der Universität von Oxford kennen, in Yale studierten sie gemeinsam Jura. Seine politische Karriere startete Reich im US-Justizministerium, im Clinton-Kabinett avancierte er zu einem der erfolgreichsten Minister.
 Er kämpfte gegen unwürdige Arbeitsbedingungen in den USA und gegen Kinderarbeit weltweit, für höhere Mindestlöhne, Altersicherung und bessere Ausbildungsprogramme.


Reich hat elf Bücher veröffentlicht, darunter Bestseller wie „Die neue Weltwirtschaft“ (1993),
der in 22 Sprachen übersetzt wurde, „Goodbye, Mr. President“ (1998) und „The Future of Success. Wie wir morgen arbeiten werden“ (2002). Sein jüngstes Werk „Superkapitalismus“ (2008), aus dem seine Argumentation in diesem Beitrag stammt, erscheint in mehr als einem Dutzend Sprachen. Als einer der wenigen Publizisten erkannte Robert Reich früh die Vor- und Nachteile der Globalisierung.
Die weltweit immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich führt er auf die Auswirkungen ungezügelter Marktwirtschaft zurück. Seit Jahrzehnten setzt er sich deshalb
gegen Ausbeutung, Armut und den schwindenden Einfluss der Politik ein. 2003 erhielt er für seine Pionierleistungen für Wirtschaft und Gesellschaft den renommierten Preis der von Václav
und Dagmar Havel gegründeten Stiftung Vision97.

Der Machtverlust der Politik

Robert Reich:

„Zwischen 1945 und 1975 fanden die Vereinigten Staaten zu einem erstaunlichen Gleichgewicht zwischen Demokratie und Kapitalismus. Unabhängige Regulierungsbehörden, deren Leiter von Gouverneuren und Präsidenten ernannt wurden, sollten Gebühren festlegen und die Zahl der Wettbewerber begrenzen. Dieses Vorgehen garantierte Einkommenssicherheit für Unternehmen und Preissicherheit für Verbraucher.

Während die Europäer Kartelle schufen und mit dem demokratischen Sozialismus experimentierten, kam man in den USA direkt zur Sache und erfand einen demokratischen Kapitalismus mit einer Art zentraler Planwirtschaft, die der Kontrolle der Unternehmen unterstand. Die Massenproduktion in großem Stil ließ eine breite und stabile Mittelschicht entstehen, die das Bollwerk der Demokratie darstellte. Dank des oligopolistischen Systems konnten es sich diese Wirtschaftsführer leisten, in die Rolle des Staatsmanns zu schlüpfen und für das Wohl der gesamten Nation und nicht nur für das ihrer Aktionäre und Kunden einzutreten.

Ende der siebziger Jahre begann eine Veränderung im demokratischen Kapitalismus der Vereinigten Staaten, die sich bald auch im Rest der Welt bemerkbar machte. Der Kapitalismus triumphierte und nicht nur als Ideologie. Die Struktur der Wirtschaft in den USA und weltweit hat sich hin zu weit konkurrenzorientierten Märkten gewandelt. Großkonzerne, die ganze Branchen beherrschten, verloren an Macht, und den Gewerkschaften liefen die Mitglieder davon. Der Einfluss der Regulierungsbehörden wurde beschnitten. Vorstandsvorsitzende verloren ihre Rolle als staatsmännische Unternehmensführer. Der immer schärfere Wettbewerb der Unternehmen griff schließlich auch auf die Politik über: Die Politiker kümmerten sich immer weniger um die Städte und Gemeinden in ihren Wahlbezirken und immer mehr um das Sammeln von Wahlkampfspenden. Schwärme von Lobbyisten fielen über Washington und andere Hauptstädte der Welt her, um Gesetze zu bewirken, die ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschafften (oder einen Nachteil abwendeten). Diese Interessenvertreter erhielten immer größeren Einfluss auf politische Entscheidungen. So kam es, dass der Superkapitalismus den demokratischen Kapitalismus verdrängte.

Zu Beginn der neunziger Jahre hatten mehr als 500 US-Unternehmen ständige Vertretungen in der Hauptstadt und beschäftigten rund 61000 Lobbyisten und Anwälte.

1998 hatte das reichste Prozent über ein Drittel des gesamten US-Vermögens angehäuft und besaß damit mehr als die ärmsten 90 Prozent der Bevölkerung zusammengenommen. Als Bürger haben wir möglicherweise das Gefühl, eine Ungleichverteilung in diesen Dimensionen könne unmöglich gut für die Demokratie sein.

Die alten Institutionen des demokratischen Kapitalismus sind verschwunden und mit ihnen die Verhandlungen, mit denen die Gesellschaft seinerzeit einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen herstellte. Doch es sind keine neuen Institutionen an deren Stelle getreten. Wir haben keine Möglichkeit, ein neues Gleichgewicht herzustellen.

Unsere Bedürfnisse als Verbraucher und Investoren behalten die Oberhand, weil uns effektive Möglichkeiten fehlen, unsere Bedürfnisse als Bürger zu artikulieren – abgesehen von erhitzter Polemik, die sich auf die falschen Ziele richtet. Dies ist die wahre Krise der Demokratie im Zeitalter des Superkapitalismus. Ein Blick auf den Superkapitalismus der USA zu Beginn des 21. Jahrhunderts vermittelt Ihnen einen Eindruck davon, wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird.

Demokratie bedeutet weit mehr als freie und gerechte Wahlen. Demokratie, so wie ich sie verstehe, ist ein System, das Dinge ermöglicht, wie sie nur die Gemeinschaft leisten kann: Spielregeln zu schaffen, die auf das Gemeinwohl abzielen. Die ‚freiwilligen‘ Unternehmensinitiativen lenken die Öffentlichkeit nur von der notwendigen Durchsetzung harter Gesetze und Vorschriften ab.

Die einzige Möglichkeit, um unsere Interessen als Bürger gegenüber unseren Interessen als Anleger und Verbraucher durchzusetzen, sind Gesetze und Regulierungsmaßnahmen.“

Ricardo Young:

„Robert Reich hat recht. Wenn Unternehmen immer stärker werden, bedeutet das auch, dass sie die politische Kraft des Staates aushöhlen. Darin liegt ein großes Risiko, nämlich das eines Machtverlustes. Hinzu kommt, dass neue Interessengruppen wie Verbraucherverbände, Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen an Bedeutung gewinnen – die organisierte Zivilgesellschaft beeinträchtigt die Macht des Staates also zusätzlich.

Aber wir dürfen nicht naiv sein: Unternehmen verfolgen immer auch politische Ziele. Sie verfolgen eigene Interessen und werden versuchen, die Regierung zu beeinflussen. Aber auch die organisierte Zivilgesellschaft hat Ziele. Diese demokratische Dynamik erlaubt die multiple Kontrolle der Interessen. Deshalb kommt es darauf an, in den Unternehmen Mechanismen für Transparenz und Ethik zu schaffen. Einerseits verbessern sich so die Beziehungen zwischen Unternehmen und organisierter Zivilgesellschaft. Andererseits werden die Unternehmen politisch gestärkt. Ein ethisch handelndes und transparentes Unternehmen besitzt mehr Glaubwürdigkeit bei seinen Forderungen.

Es gibt immer die Erwartungshaltung von Verbrauchern, dass Unternehmen sozial verantwortlich handeln. Das versuchen wir ja zu vermitteln: ,Wenn dein Unternehmen nicht die ersten Schritte unternimmt, wird es die Politik tun.‘ Darin liegt ein Risiko für das Unternehmen.

Bei einer Ethos-Umfrage vor zwei Jahren äußerten 60 Prozent der Brasilianer den Wunsch, dass die Regierung Gesetze entwickeln möge, die die Unternehmen zu mehr sozialer Verantwortung verpflichten. Gleichzeitig finden 65 Prozent der Brasilianer die sozialen Aktionen der Unternehmen gut und richtig. Sie trauen der Wirtschaft mehr zu als dem Staat. Die Bevölkerung erwartet also von der Regierung verantwortungsvolles Handeln, während gleichzeitig die Unternehmen die Schwächen der Regierung ausgleichen sollen.

Es ist ganz einfach: Wir Brasilianer haben wenig Vertrauen in unsere Politiker. Oft trauen wir Unternehmen, deren Produkte wir schon lange konsumieren, viel mehr zu. Das ist natürlich gefährlich, denn wer garantiert etwa den Erfolg von Privatisierungen öffentlicher Dienstleistungen? Solche Risiken können Sie nur durch Stärkung der organisierten Zivilgesellschaft minimieren. Ohne die Kraft der organisierten Zivilgesellschaft ginge es Brasilien heute schlechter. Wir haben rund 230 000 NGO, in denen Millionen von Menschen engagiert sind. Die organisierte Zivilgesellschaft hat großen Einfluss auf die Meinungsbildung in der Gesellschaft.

Das Grundproblem liegt jedoch in der Frage, was wir heute unter Politik und Demokratie verstehen. Die traditionellen Parameter der demokratischen Gesellschaften haben sich radikal verändert. Die Regierung schuldet nicht mehr dem Wähler eine Rechtfertigung, sondern denjenigen, die ihre Kampagne finanziert haben. Die klassische Sicht der Gewaltenteilung, der repräsentativen Teilnahme durch Wahlen ist überholt. Die politische Repräsentation funktioniert heute vor allem über organisierte gesellschaftliche Gruppen, die je nach Lage der Interessen Allianzen mit Unternehmen schließen.“

WENN SICH FIRMEN UM EINE BESSERE WELT BEMÜHEN,SIND POLITIKER DANN VON DIESER AUFGABE BEFREIT? SCHWÄCHT CR ALSO ETWA UNSERE DEMOKRATIEN?

Der Widerspruch zwischen Verbraucher und Bürger

Robert Reich:

„Wir müssen den Superkapitalismus daran hindern, auf die Demokratie überzugreifen. Wir als Bürger müssen Unternehmen daran hindern, die Spielregeln selbst festzulegen.

Der wahre Schuldige ist der Superkapitalismus, ein immer stärker werdendes Wirtschaftssystem, in dem Verbraucher und Anleger immer mehr Macht haben und Arbeitnehmer und Bürger immer weniger.

Dank neuer Technologien haben Verbraucher und Anleger in den vergangenen Jahren eine geradezu grenzenlose Vielfalt neuer Wahlmöglichkeiten hinzugewonnen. Die Folge war eine Stärkung der freien Märkte und eine Schwächung der sozialen Sicherungssysteme.

Der Superkapitalismus hat unsere Spielräume als Verbraucher und Anleger radikal vergrößert und ermöglicht es uns, in aller Welt Schnäppchen zu suchen. Den Preis dafür bezahlen wir als Arbeitnehmer und Bürger. Unsere Arbeitsplätze und Löhne werden immer unsicherer, und wir sind immer weniger imstande, unsere Rolle als Bürger auszufüllen.

Konzerne wie Wal-Mart haben beispielsweise dafür gesorgt, dass zahlreiche Güter um einiges preisgünstiger zu erhalten sind, was uns als Verbrauchern sehr entgegenkommt. Der Erfolg von Wal-Mart schlägt sich auch in unseren Gewinnen als Anleger nieder. Doch wir sind nicht nur Verbraucher und Anleger, sondern auch Bürger, und als solche haben wir bestimmte Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit. Daher sind wir entsetzt über die niedrigen Löhne und schlechten Sozialleistungen. Wir sind erbost über die Art und Weise, wie Wal-Mart seine Zulieferer knebelt und sie so zwingt, ihre eigenen Löhne ins Ausland zu verlagern. Und wir beklagen das Verschwinden der unabhängigen Einzelhändler und Ladengeschäfte in unseren Innenstädten.“

Ricardo Young:

„Das Paradox zwischen Verbraucher und Bürger, von dem Robert Reich spricht, ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Konsum ist nur eine von vielen Dimensionen im Leben des Individuums, die Bürgerrechte aber umfassen einen viel größeren Bereich seines Universums. Je besser ein Mensch informiert ist über das, was er konsumiert, je mehr er weiß, welche Auswirkungen sein Konsum auf seine Lebensqualität hat, desto eher wird er reagieren. Er wird aus seinem Konsum einen politischen Akt machen.

Forschungen in 25 Ländern haben gezeigt, dass es Übereinstimmungen im Konsumverhalten der Menschen gibt: sozial unverantwortliche Praktiken werden abgelehnt, sozial verantwortliche Unternehmen werden belohnt. Wer versucht, sein schlechtes Image über den niedrigen Preis zu kompensieren, täuscht sich: Auf lange Sicht werden Billiganbieter von Käufern vernachlässigt. Der Verbraucher wünscht sozial verantwortliche Unternehmen.

Wir müssen jedoch bedenken, dass es sich hier um eine historische Entwicklung handelt. Der brasilianische Verbraucher zum Beispiel ist – wie die meisten Verbraucher in den emerging markets – noch nicht so weit, dass er Unternehmen bestraft. Nach einer Ethos-Umfrage von 2006 praktizieren nur 15 Prozent der Brasilianer Konsumverzicht. Die Menschen in Schwellenländern haben einen sehr viel größeren Konsumbedarf. Gleichzeitig übernehmen diese neuen Konsumenten einige Werte viel schneller, als das vorher in den Industrienationen der Fall war. Die Mittelschichten in den alten Industrienationen brauchten drei, vier Dekaden, um sich über Umweltproblematiken bewusst zu werden. Die unteren Einkommensschichten, die gerade ihre Konsumwünsche befriedigen, benötigen dafür vielleicht 10 bis 15 Jahre. Sie sind offener gegenüber neuen Kommunikationsformen. Hier haben Bildung und Medien eine wichtige Aufgabe.

Kürzlich haben sich zum Beispiel die brasilianischen Farmerverbände verpflichtet, zwei Jahre lang kein Soja auf gerodeten Regenwaldflächen anzubauen. Hintergrund war, dass Greenpeace lückenlos die Verarbeitungskette von Soja aus dem Amazonas bis zum Hamburger bei McDonald’s nachweisen konnte. Die Fastfood-Kette drohte, aus Angst vor Konsumentenprotesten, kein Soja mehr aus Brasilien zu kaufen – und die Sojafarmer unterschrieben die Erklärung. So schnell, direkt und effizient kann der Markt funktionieren. Vor fünf Jahren wäre eine Allianz aus Greenpeace, McDonald’s, den Sojaproduzenten und der brasilianischen Regierung noch undenkbar gewesen.“

Ricardo Young, 51, ist Vorsitzender des brasilianischen Instituto Ethos, einer Art Nichtregierungsorganisation der Wirtschaft zum Thema Nachhaltigkeit. Young ist hauptberuflich Unternehmer, seine Firma Yázigi Internexus unterhält eines der führenden Franchise-Netzwerke für
Weiterbildung und Sprachen. 1998 gründete er zusammen mit 15 weiteren Unternehmern die Corporate NGO Instituto Ethos. Mehr als ein Drittel des brasilianischen Brutto-Inlandproduktes – Unternehmen der verschiedensten Größenordnungen und Branchen – wird von Ethos repräsentiert.
Die Wirtschaftsexperten erarbeiten dort Prinzipien für den Umgang mit Mitarbeitern, Zulieferern, Verbrauchern, Aktionären, der öffentlichen Hand und der Umwelt.
Instituto Ethos arbeitet wie eine Denkfabrik, die ihr Wissen über soziale Verantwortung kostenlos zur Verfügung stellt. 600 Unternehmen haben ihre Unternehmensführung bereits nach Ethos-Kriterien überprüfen lassen. Sie erhalten Feedback, Auswertungen und Hinweise zur Verbesserung ihres persönlichen CR-Wertes. Rankings oder Zertifizierungen werden von Ethos nicht veröffentlicht. Ricardo Young war bis 2006 wirtschaftlicher Berater des brasilianischen Präsidenten Lula da Silva. Derzeit vertritt er Brasilien in zahlreichen internationalen Organisationen wie Global Reporting Initiative, Transparency International und UN Global Compact.

Verantwortung, Gesellschaft und die Lage der Demokratie

Robert Reich:

„Mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen verhält es sich in etwa so wie mit Zuckerwatte: Je kräftiger man reinbeißt, desto schneller löst sie sich in nichts auf.

Es ist nur allzu verständlich, dass Big Business das Schlagwort der gesellschaftlichen Verantwortung aufgegriffen hat. Es sorgt für gute Presse und beschwichtigt die Öffentlichkeit. Auch Politiker werden durch das neue Schlagwort aus der Verantwortung entlassen.

Doch die öffentliche Zurschaustellung von unternehmerischer Großherzigkeit verdeckt nur allzu leicht die Probleme, mit denen sich eine Demokratie beschäftigen sollte und auch beschäftigen würde, wenn sich die Öffentlichkeit ihrer wahren Dimension bewusst würde. Und weil die Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit begrenzt ist, können kurzfristige PR-Maßnahmen von Unternehmen wirkungsvoll dauerhafte Lösungen verhindern.

Dow Chemical reduziert beispielsweise seinen Kohlendioxidausstoß, um seine Energiekosten zu senken. (...) Starbucks versichert seine Teilzeitkräfte, um sie an das Unternehmen zu binden und so der Bilanz zu nutzen. Wer diese Unternehmen für ihr sozial verantwortliches Verhalten lobt, dehnt den Begriff auf alles aus, was die Unternehmensgewinne steigert und zufällig auch noch positive Auswirkungen für den Rest der Gesellschaft mit sich bringt.

In Fällen wie diesen sollten Sie fragen, warum das öffentliche Interesse, wenn es denn so wertvoll ist, nicht in Form eines Gesetzes festgeschrieben wird, das die Wirtschaft zu Maßnahmen verpflichtet. Wenn sich die US-Regierung wirklich für die Einhaltung der Menschenrechte in China einsetzen wollte, könnte sie morgen ein Gesetz verabschieden, das es US-Firmen verbietet, die chinesische Regierung bei der Einschränkung der freien Meinungsäußerung zu unterstützen – so wie sie früher den Handel mit Südafrika per Gesetz verbot, bis heute den Handel mit Ländern wie Kuba oder Myanmar unterbindet und die Banken zwingt, keine Geschäfte mit Nordkorea zu machen.

Wenn wir die Spielregeln ändern und von Unternehmen verlangen wollen, dass sie angemessene Löhne und Sozialleistungen zahlen, sodass keiner der Angestellten auf staatliche Sozialhilfe angewiesen ist, dann sollten wir dies in einem Prozess der demokratischen Willensbildung tun.

Kein Unternehmen ist in der Lage, ‚freiwillig‘ zusätzliche Kosten auf sich zu nehmen, wenn die Konkurrenz sie sich spart. Deshalb gibt es im Zeitalter des Superkapitalismus keine andere Möglichkeit, als Unternehmen per Verordnung dazu zu zwingen, Dinge zu tun, die der Bilanz schaden. Unternehmen und ihre Manager (...) können sich bereit erklären, ‚freiwillig‘ Geld für einen guten Zweck zu spenden, die Luft rein zu halten oder in einer bestimmten Region mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Doch sie werden es nur dann tun, wenn es Profite bringt, wenn sie ihr Image aufpolieren und so die Bilanz verbessern oder wenn sie auf diese Weise Gesetze und Vorschriften vermeiden können, die ihnen noch größere Belastungen aufbürden würden.

Bekenntnisse zur gesellschaftlichen Verantwortung sind auch ein beruhigendes Feigenblatt für talentierte und privilegierte junge Menschen, die einerseits auf die astronomischen Vorstandsgehälter schielen und andererseits das Gefühl haben wollen, der Welt etwas Gutes zu tun.

Mit einer geschickten PR-Kampagne kann ein Unternehmen, das einst wegen seines mangelnden sozialen Gewissens gescholten wurde, plötzlich als Held der gesellschaftlichen Verantwortung dastehen. Die eigentliche Gefahr besteht jedoch darin, dass diese publikumswirksamen Akte der Großzügigkeit in der Öffentlichkeit den falschen Eindruck erwecken, man könne sich im Notfall auf die Wohltätigkeit der Unternehmen verlassen. Die ‚freiwilligen‘ guten Taten sind jedoch begrenzt, zeitlich befristet und reichen nur so weit, wie sie dem Unternehmen nutzen.

Der Zweck des Kapitalismus besteht darin, Anlegern und Verbrauchern gute Angebote zu machen. Der Zweck der Demokratie besteht darin, gemeinsam Ziele zu erreichen, die wir als Einzelperson nicht erreichen. Die Unterscheidung zwischen beiden wird aufgehoben, wenn Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen scheinen oder wenn sie die Politik missbrauchen, um ihre Wettbewerbsposition auszubauen.

Manager, die ehrlich etwas Gutes tun wollen, können keinen besseren Beitrag leisten, als ihr Unternehmen aus der Politik herauszuhalten. Wenn es so etwas wie Unternehmensverantwortung gibt, dann besteht sie darin, die Demokratie nicht zu korrumpieren.

Das Effektivste, was Reformer tun können, ist, den Einfluss der Unternehmensgelder auf die Politik zu verringern und die Position der Bürger zu stärken.

Es gibt nur einen einzigen konstruktiven Weg der Veränderung: Wir müssen den Superkapitalismus daran hindern, auf die Demokratie überzugreifen. Alles andere ist Zeitverschwendung.“

Ricardo Young:

„Robert Reich hat recht. Unternehmen nutzen soziale Verantwortung als Marketing. Aber: Der Verbraucher ist wachsam. Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Skepsis der Konsumenten gegenüber dem Marketing deutlich gewachsen ist. Der Verbraucher glaubt der Kommunikation nur, wenn sie mit seinen persönlichen Erfahrungen übereinstimmt. Nicht Kampagnen formen die Reputation eines Unternehmens, sondern das, was wir als Bürger dabei empfinden. Es nutzt wenig, Millionen für Werbekampagnen auszugeben, wenn im Internet und in den Medien das Verhalten des Unternehmens heftig kritisiert wird. Noch nie war der Markt so gut informiert und ausgerüstet, um falsche Kommunikation zu entlarven.

Unternehmen, die soziale Verantwortung nur simulieren, müssen am Ende einen hohen Preis zahlen. Forschungen der Universität von Ontario in Kanada zeigen, dass Unternehmen, die lediglich green-washing betreiben, auch auf lange Sicht vom Konsumenten bestraft werden. In der Welt der sozialen Verantwortung bleibt wenig verborgen, denn dort ist die Dialektik komplexer. Der Ruf eines Unternehmens ist nicht dadurch geschützt, dass es sozial verantwortlich handelt. Im Gegenteil: Der Verbraucher ist diesen Unternehmen gegenüber oft noch anspruchsvoller.

In einem Schwellenland wie Brasilien ist die Rolle der Unternehmen und der organisierten Zivilgesellschaft viel wichtiger als in entwickelten Volkswirtschaften. Warum? Weil in den entwickelten Ländern der Staat einigermaßen gut funktioniert. Die Grundbedürfnisse der Bevölkerung wie Wohnen, Sicherheit, Bildung und Gesundheit sind dort abgesichert. Dadurch haben die Firmen geringere soziale Kosten. In den emerging markets aber funktioniert der Staat meist schlecht. Eine ganze Reihe von Anforderungen wie Bildung, Gesundheit, Infrastruktur werden nicht erfüllt. Die Unternehmen – zusammen mit der organisierten Zivilgesellschaft – müssen diese Aspekte entwickeln, sonst erleben sie Nachteile. Ein Unternehmen, das die Mängel der formalen Schulbildung nicht ausgleicht, wird Wettbewerbsprobleme bekommen. Das bedeutet: In den Schwellenländern, wo die gesellschaftliche Abhängigkeit von den Unternehmen ohnehin schon groß ist, wächst die soziale Verantwortung der Unternehmen ganz automatisch.

Das kann sich auch positiv auf die Geschäfte auswirken. Na und? Die Rolle der Unternehmen wird weltweit immer wichtiger. Ihr Engagement ist fundamental bei der Beschleunigung oder Verzögerung gesellschaftlicher Lösungsprozesse.

2007 wurde in São Paulo die Bewegung ‚Nossa São Paulo‘ gegründet. Gesucht wurden Lösungen für das Zusammenleben in einer weniger gewalttätigen, gesünderen und demokratischeren Stadt. Schon nach kurzer Zeit waren mehr als 400 Gruppen aus der Zivilgesellschaft darin versammelt: Unternehmen, Universitäten, Gewerkschaften und NGO. Sie eint die Skepsis gegenüber den öffentlichen Institutionen, das Misstrauen in die Glaubwürdigkeit politischer Akteure und Zweifel über die Einhaltung demokratischer Grundsätze. Die besten Ideen für ein sozial und ökonomisch ausgeglichenes Zusammenleben wurden von Unternehmen vorgeschlagen, die sich mit CR beschäftigen.

Ich bin sehr skeptisch gegenüber den Kritikern. Der Neoliberalismus hat einen der historisch bedeutsamsten Erfolge zerstört: den Wohlfahrtsstaat. Bisher wurde noch kein anderes Modell entwickelt, das die Resultate wirtschaftlichen Wachstums an die Gesamtheit der Bevölkerung verteilt.

In Europa habt ihr Erfahrungen gemacht mit einem Kapitalismus, dessen Ungleichgewichte korrigiert wurden durch eine sozial und politisch anspruchsvollere Organisation. Die skandinavischen Länder, die sich nicht vom Wohlfahrtsstaat verabschiedeten, sondern die Grundidee noch radikalisierten, sind heute Vorbilder sozialverantwortlichen Handelns. In den Schwellenländern haben wir diese Erfahrung aber nicht.

Wenn es brennt, rufen wir nach dem Staat. Als die Regierung unter Fernando Henrique Cardoso vor zehn Jahren Milliarden Dollar an die brasilianischen Banken gab, hat der Internationale Währungsfond das Land scharf kritisiert. Bei der Hypothekenkrise in den USA mussten sich die Zentralbanken der ganzen Welt organisieren und Milliarden Dollar in Umlauf bringen, um das Schlimmste abzuwenden.

Die politische und soziale Organisation auf nationaler und multinationaler Ebene braucht Mechanismen, um die Ungleichgewichte auszugleichen – nicht nur von Fall zu Fall und je nach Bedarf. Die konventionellen Regeln des wirtschaftlichen Neoliberalismus und der liberalen Demokratie haben schon längst ihre Gültigkeit verloren. Wir müssen neue Modelle nachhaltiger Entwicklung ausprobieren.“