Bauanleitung für eine bessere Welt

Die Menschheit bildet eine Schicksalsgemeinschaft, die in eine soziale und ökologische Krise zu schlittern droht, sagt der amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs. Heraushelfen kann eine konsequente globale Zusammenarbeit. Und das Engagement jedes Einzelnen. Thesen aus Sachs’ Buch „Wohlstand für viele“.




Gemeinsame Herausforderungen, gemeinsamer Wohlstand

Die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts wird sein, uns der Tatsache zu stellen, dass auf einem dicht besiedelten Planeten die Schicksale aller Menschen untrennbar miteinander verbunden sind. Und dieses gemeinsame Schicksal wird neue Formen der globalen Zusammenarbeit erfordern. Viele Staats- und Regierungschefs haben diese grundlegenden und offenkundigen Tatsachen immer noch nicht verstanden oder akzeptiert. In den vergangenen zwei Jahrhunderten eilte die technische und demografische Entwicklung stets dem gesellschaftlichen Verständnis voraus. Die Industrialisierung und die Fortschritte in den Naturwissenschaften haben die Welt mit beispielloser Geschwindigkeit verändert. Philosophen, Politiker, Künstler und Ökonomen können nur mühsam mit den gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt halten. Folglich hinkt unser Verständnis der sozialen Gegebenheiten ständig der Realität hinterher. (...)

Ob unsere globale Gesellschaft im 21. Jahrhundert gedeihen oder untergehen wird, hängt davon ab, ob es der Menschheit gelingen wird, sich auf eine Reihe gemeinsamer Ziele und auf praktische Maßnahmen zu deren Verwirklichung zu einigen. Die Verknappung der Energieressourcen, die wachsende Umweltbelastung, der Anstieg der Weltbevölkerung, die legalen und illegalen Migrationsströme, die Verlagerung der Wirtschaftsmacht und große Ungleichheiten bei der Einkommensverteilung sind zu große Probleme, um sie allein den Kräften des Marktes und dem uneingeschränkten geopolitischen Wettbewerb zwischen den Staaten zu überlassen. Aufgrund der wachsenden Spannungen könnte es durchaus zu einem Kampf der Kulturen kommen, und dieser könnte verheerende Folgen haben und schließlich unser letzter Kampf sein. Wenn wir eine friedliche Lösung für unsere Probleme finden wollen, müssen wir auf globaler Ebene die gleichen entscheidenden Lektionen lernen, die erfolgreiche Gesellschaften im Lauf der Geschichte schrittweise und oft widerwillig im eigenen Land akzeptieren mussten. (...)

Heute besteht die Herausforderung weniger darin, die globale Zusammenarbeit zu erfinden, als vielmehr sie aufzufrischen, zu modernisieren und auszuweiten.

Globalisierung ohne Vertrauen

Wider alle Vernunft hat die globale Kooperationsbereitschaft jedoch in den letzten Jahren nachgelassen. (...) Das Paradox einer geeinten globalen Wirtschaft und einer gespaltenen globalen Gesellschaft stellt die größte Bedrohung für unseren Planeten dar, weil dadurch Kooperation unmöglich wird. Und ohne sie können wir die künftigen Herausforderungen nicht angehen. Ein Kampf der Kulturen würde alles zerstören, was die Menschheit aufgebaut hat, und, falls wir überlebten, unsere Nachfahren auf Generationen belasten. So weit waren wir schon einmal. Die erste große Globalisierungswelle im 19. Jahrhundert endete mit den leichenübersäten Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Besonders ernüchternd ist dabei der Gedanke, dass die Globalisierung und der Siegeszug der Wissenschaft vor dem August 1914 ebenso selbstverständlich wirkten wie heute. (...) Doch Misstrauen und das Versagen der europäischen Institutionen führten schließlich in einen Krieg mit verheerenden Folgen, die im gesamten 20. Jahrhundert zu spüren waren. Der Krieg selbst war in Bezug auf seine Brutalität und die Zahl der Opfer ohne Beispiel. In seinem Verlauf siegte in Russland der Bolschewismus, es kam zur großen Grippeepidemie von 1919, dann folgten die Weltwirtschaftskrise, der Aufstieg Hitlers, der Chinesische Bürgerkrieg, der Holocaust und die Teilung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg. 1914 wurde die Welt wahrhaftig in Stücke gerissen. In vielerlei Hinsicht sind die Wunden immer noch nicht ganz verheilt.

Heute scheinen solche Verheerungen unmöglich, doch Kriege und Konflikte, bei denen die amerikanische Außenpolitik oft im Gegensatz zur herrschenden Meinung der Weltöffentlichkeit handelt, erinnern uns täglich daran, dass der Weltfrieden zunehmend bedroht ist.

Aus der Vergangenheit lernen

Viele junge Menschen weltweit verbinden mit dem Begriff „Geschichte“ vor allem den 11. September 2001 und den Irakkrieg, eine Welt der Gewalt und des Terrors. (...)

Doch es gibt eine andere Geschichte, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zurückreicht, die uns als Anleitung dienen und Hoffnung geben kann. Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühten sich die Weltmächte trotz des Kalten Krieges, gemeinsam die Umweltverschmutzung, die Überbevölkerung, die Armut und das Wettrüsten zu begrenzen. Sie erfanden neue Formen und Institutionen der globalen Kooperation, etwa die Vereinten Nationen, und führten weltweite Kampagnen zur Bekämpfung der Pocken, zur Impfung von Kindern, zur Bekämpfung des Analphabetentums, zur Förderung der Familienplanung und zum Umweltschutz durch. So bewiesen sie allen Zynikern, dass die globale Zusammenarbeit trotz widriger Umstände Gutes hervorbringen kann.

Die Träger des Wandels

Die Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung, ob es sich nun um den Klimawandel, die Beseitigung der extremen Armut, die Stabilisierung der Weltbevölkerung oder die Trinkwasserversorgung handelt, können nur bewältigt werden, wenn wir uns auf zahlreiche verschiedene Einrichtungen stützen. Die Probleme sind so gravierend, dass sie weder der Staat noch die Wirtschaft oder eine bestimmte Organisation im Alleingang beheben können. An komplexen gesellschaftlichen Problemen sind viele Akteure beteiligt, die Teil des Problems sind und daher auch ihren Teil zur Lösung beitragen müssen. Wir stehen nun vor der schwierigen Aufgabe, die vielen verschiedenen Beteiligten zur Zusammenarbeit zu bewegen.

Wenn die Kräfte des Marktes die Probleme allein bewältigen könnten, wäre die Zusammenarbeit relativ einfach. Märkte sind wunderbar, weil sie die Handlungen zahlreicher Anbieter und Kunden koordinieren, die einander oft gar nicht kennen. (...)

Das hat einige Wirtschaftswissenschaftler zu der irrigen und vereinfachenden Sichtweise verleitet, der Markt könne alle Probleme lösen. (...) Wenn es einfach darum ginge, Kunden mit einer großen Menge an Impfstoffen zu versorgen, würden die Kräfte des Marktes völlig ausreichen. Wenn wir jedoch alle Kinder, die geimpft werden müssen, mit Impfstoff versorgen wollen, ist der Markt dieser Aufgabe nicht gewachsen. Und wenn wir uns vor allem um die ärmsten Menschen kümmern möchten, die fernab von befestigten Straßen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Krankenhäusern und Informationen zur gesundheitlichen Aufklärung leben, steht der Markt ganz unten auf der Liste der Institutionen, die wir mobilisieren müssen. (...)

In solchen Fällen sind vielmehr komplexere Formen der Zusammenarbeit erforderlich, bei denen nicht nur Unternehmen und Verbraucher, sondern auch der öffentliche und gemeinnützige Sektor hinzugezogen werden müssen.

Die soziale Verantwortung der Unternehmen


Ein Unternehmen hat in erster Linie die Aufgabe, Gewinn für seine Eigentümer zu erwirtschaften. Doch das schließt keineswegs aus, dass sich die Wirtschaft aktiv für die Lösung nicht marktwirtschaftlicher Probleme engagiert, etwa für den Zugang zu Aids-Medikamenten. Tatsächlich wissen Unternehmensführer nur zu gut, dass sie eventuell den Erfolg des Unternehmens aufs Spiel setzen, wenn sie bei den Firmenaktivitäten die gemeinnützige Seite vernachlässigen. Wenn ein Unternehmen Lösungen blockiert, kann sein Ansehen enormen Schaden nehmen, was sich auf Unternehmenskultur, Kundenbindung, Arbeitsmoral der Beschäftigten, die Anwerbung neuer Mitarbeiter und sogar die gesellschaftliche Akzeptanz seiner Tätigkeit auswirkt. (...)

In den meisten Fällen sind die wichtigsten Vermögenswerte eines Unternehmens seine Technologien, seine Zulieferer und seine Kunden, sein guter Name und seine Mitarbeiter. Diese Werte kann ein Unternehmen in den Kampf gegen Armut, Hunger, Krankheiten und Umweltzerstörung einbringen. (...)
Ich selbst habe festgestellt, dass die gemeinnützige Arbeit von Unternehmen am besten als Teil eines umfassenden Entwicklungsprojekts funktioniert, bei dem viele Partner – darunter Philanthropen, Hilfsorganisationen und private Unternehmen – gemeinsam ihren Beitrag leisten. (...)

Eine besondere Form der Zusammenarbeit, die von der Gates Foundation initiiert wurde, sind sogenannte Public Private Partnerships (PPP), also öffentlich-private Partnerschaften, im Bereich der Forschung und Entwicklung, bei denen Labore und Wissenschaftler in wichtigen akademischen und privaten Einrichtungen von der Privatwirtschaft finanziell unterstützt werden. Gegründet wurden die PPP zur Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente, Diagnosetechniken, Impfstoffe und Behandlungsmethoden im Kampf gegen tödliche Krankheiten wie Aids, Tuberkulose, Malaria und verschiedene Parasiten. Aus marktwirtschaftlichen Überlegungen wären die Forschungskosten für diese Krankheiten nicht zu vertreten, denn es gibt keinen Markt, um die Probleme der Ärmsten der Armen zu lösen. Die Gates Foundation springt in Zusammenarbeit mit innovativen wissenschaftlichen Einrichtungen dort ein, wo die Kräfte des Marktes nicht ausreichen.

Generell sollten sich Unternehmen in drei Richtungen weiterentwickeln. Erstens sollten sie sich darauf einigen, die Millenniumsziele zum Bestandteil ihres Engagements zu machen. Zweitens sollten sie kreativ arbeiten und überlegen, wie ihre spezielle Technologie, ihre Produkte, Netzwerke und Fachkenntnisse Teil der Lösung sein könnten. (...) Drittens sollte ein Unternehmen bereit sein, in Ländern aktiv zu werden, in denen es bislang nicht vertreten ist. Vielleicht verdient es mit den ersten Einsätzen in Mali, Malawi, Tadschikistan oder Bolivien nicht viel, andererseits hat es auch nicht viel zu verlieren, vor allem nicht, wenn ein Unternehmen auf diesen neuen Märkten mit gleich gesinnten Firmen zusammenarbeitet. Das Projekt der Millenniumsdörfer und ähnliche Vorhaben bieten eine Plattform, bei der sich jedes Unternehmen auf seine Weise einbringen kann und die zugleich den Einstieg in einen neuen Markt enorm erleichtern kann.

Nichtregierungsorganisationen

Kein anderer Sektor unserer modernen Welt spielt eine so konstruktive Rolle bei der Bekämpfung von Armut, Krankheiten, Hunger und beim Umweltschutz wie der Bereich der Nichtregierungsorganisationen (nongovernmental organizations, NGO). (...)

Der Begriff der NGO umfasst eine breite Palette von Organisationen: akademische Stiftungen, einzelne Philanthropen, Aktivistengruppen, professionelle Wohlfahrtsverbände, wissenschaftliche Organisationen, die karitativen Organisationen der Kirchen und so weiter. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie regierungsunabhängig und gemeinnützig sind. (...)

Theoretisch kann der Staat immer dort eingreifen, wo der Markt es nicht tut, doch Regierungen können das Versagen des Marktes nur zum Teil ausgleichen. (...) Die Möglichkeiten des Staates, Steuern zu erheben und Kredite bereitzustellen, liefern die erforderlichen finanziellen Mittel. Die Ideen hingegen, was man tun kann, erfordern in ihrer Entwicklungsphase Forscherund Unternehmergeist. Hierzu leisten die Nichtregierungsorganisationen einen entscheidenden Beitrag. (...)

In den vergangenen 50 Jahren haben einige NGO den Friedensnobelpreis erhalten – ein Indikator für die Führungsrolle, die der NGO-Sektor inzwischen einnimmt. (...)

Man könnte sogar sagen, dass die wichtigste Institution für die wirtschaftliche Entwicklung der Welt im 20. Jahrhundert eine Nichtregierungsorganisation war, nämlich die Rockefeller Foundation. Keine andere Organisation – weder die Weltbank noch USAID oder eine andere internationale Organisation – spielte eine ähnlich gestaltende Rolle wie die Rockefeller Foundation in den ersten 75 Jahren nach ihrer Gründung. (...)

Etwa 170 Wissenschaftler, die von der Stiftung unterstützt wurden, erhielten den Nobelpreis. (...)

Heute können Bill und Melinda Gates mit knapp 40 Milliarden Dollar aus ihren eigenen Mitteln und weiteren 30 Milliarden Dollar von Warren Buffett Ähnliches erreichen. Zu Recht konzentriert sich das Ehepaar auf die Bekämpfung von Krankheiten und extremer Armut. Wie die Rockefeller Foundation setzt die Bill und Melinda Gates Foundation auf die Forschung, um mit den von ihr entwickelten technischen Neuerungen die Armut weltweit zu beseitigen. Ursprünglich stand das Gesundheitswesen im Mittelpunkt des Stiftungsinteresses, doch nun gehören auch die Landwirtschaft, Wasser und andere Bereiche, die einen entscheidenden Anteil im Kampf gegen die Armut haben, zu den Schwerpunkten. (...)

Die aktuelle Liste der im Magazin Forbes veröffentlichten reichsten Menschen der Welt rückt noch einen ganz anderen Aspekt in den Vordergrund. Laut Forbes gibt es derzeit etwa 950 Milliardäre weltweit, deren gemeinsames Vermögen auf 3,5 Billionen Dollar geschätzt wird. Das ist ein Anstieg von sage und schreibe 900 Milliarden Dollar in nur einem Jahr. (...)

Nach der üblichen konservativen Vermögensverwaltung von Stiftungen erzielen 3,5 Billionen Dollar jährlich fünf Prozent Zinsen, also etwa 175 Milliarden Dollar, eine Summe, mit der man in sämtlichen Armutsgebieten der Welt eine grundlegende medizinische Versorgung sichern, Pandemien wie Aids, Tuberkulose und Malaria eindämmen, eine Grüne Revolution in Afrika in Gang bringen, die Digitale Spaltung überwinden und die dringend benötigte Trinkwasserversorgung für eine Milliarde Menschen sichern könnte.

Die Milliardäre, also nicht einmal tausend Menschen, würden mit ihrem Geld die Entwicklungshilfe in Höhe von 105 Milliarden Dollar übertreffen, die 21 Geberländer mit einer gemeinsamen Bevölkerung von fast einer Milliarde Menschen aufbringen. Das sagt viel über das unglaubliche Vermögen der Superreichen aus, aber auch über die derzeitige Kurzsichtigkeit in Washington, Tokio und vielen europäischen Hauptstädten.

Die Rolle der Universitäten

Unter den Nichtregierungsorganisationen fällt Forschungseinrichtungen und Universitäten eine besondere Aufgabe bei der Umsetzung der Millenniumsziele zu. Nur Universitäten beherbergen in ihren Fakultäten die breite Spanne an wissenschaftlichen Kenntnissen, die unverzichtbar für Problemlösungen bei der nachhaltigen Entwicklung sind. Zusätzlich weisen Universitäten noch drei weitere Stärken auf:

Erstens stehen Universitäten wie viele gesellschaftliche Einrichtungen für eine langfristige Sichtweise. (...)

Zweitens können Universitäten globale Probleme in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unvoreingenommener als andere Einrichtungen betrachten. Sie streben nicht nach Gewinn (was teilweise zu bedauern ist) und vertreten keine kommerziellen Interessen. In den meisten Fällen sind sie nicht dem Staat verpflichtet und agieren daher nicht als Vertreter einer bestimmten Politik. Sie verwalten sich selbst, oft durch eine Kombination aus Einrichtungen auf Fakultätsebene und gewählten Kontrollinstanzen. Ranghohe Positionen werden häufig auf Lebenszeit besetzt, was den Amtsinhabern zusätzliche Unabhängigkeit verschafft. (...)

Drittens wurden die meisten Universitäten mit dem Auftrag gegründet, die Welt zu verbessern, und zwar nicht nur durch Forschung und Bildung, sondern auch dadurch, dass sie etwas für die Gemeinschaft tun. Es gibt daher eine lange Tradition, dass sich die Universitäten bei lokalen Problemen engagieren. (...)
Das heißt allerdings nicht, dass Universitäten sofort und ganz automatisch die Führung bei den großen globalen Aufgaben übernehmen werden. Dagegen sprechen drei Gründe: Der erste ist die Tradition, dass sich die meisten Universitäten hauptsächlich als nationale und nicht als internationale Einrichtungen verstehen. (...)

Zweitens zögern Universitäten oft, Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung in der Praxis anzugehen, etwa die Verbesserung der Gesundheitsfürsorge oder der wirtschaftlichen Entwicklung in armen Ländern. Derartige Projekte gelten als riskant, man fürchtet, dadurch Kritik auf sich zu ziehen, weil sie nicht genügend Grundlagenforschung beinhalten. Doch das Verhältnis von Theorie und Praxis wird falsch gewichtet. Die Forschung zur nachhaltigen Entwicklung ist oft schwierig, wenn man in den Räumen der Universität bleibt. (...) Vielmehr ist die Auseinandersetzung mit realen Problemen für die Entwicklung einer umfassenden theoretischen Erklärung unverzichtbar.

Drittens sind Universitäten, ähnlich wie Regierungen, von ihrer Organisationsstruktur her nicht darauf ausgerichtet, es mit den intellektuellen Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung aufzunehmen. Lehre und Forschung sind nach akademischen Fächern wie Volksund Betriebswirtschaft, Politik oder Ökologie aufgegliedert und nicht nach möglichen Lösungsansätzen. Die Probleme selbst (Armut, Umweltzerstörung, Klimawandel, Wasserverschmutzung und Artensterben) halten sich jedoch nicht an die traditionellen Fächergrenzen, sondern erfordern interdisziplinäre Forschungsstrategien und Teamarbeit. (...)

Interdisziplinäre Projekte wie jenes, das ich am Earth Institute an der Columbia University leite, bieten vielversprechende Möglichkeiten, die Trennlinien zwischen den Disziplinen aufzuheben und das gesamte Fachwissen der Universität für die Lösung komplexer, interdisziplinärer Probleme zu nutzen.

Neue Formen der Regierungsführung


Unternehmen, Universitäten, Nichtregierungsorganisationen und Berufsverbände werden alle durch die Kräfte und Chancen der Globalisierung umgeformt. Um sich anzupassen, benötigen Regierungen sogar noch einen gründlicheren Umbau als diese Institutionen. Für die organisatorische Umstrukturierung muss der Leitsatz gelten, dass sich die Form der Regierung nach der Funktion richtet. Regierungen und internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen müssen neu strukturiert werden, nur dann können sie den Millenniumsversprechen mehr Substanz verleihen. Nationalstaaten formten sich ursprünglich durch Kriege oder um aus einer Ansammlung lokaler Märkte einen nationalen Markt für Güter und Dienstleistungen, Kapital und Arbeit zu schaffen. Doch diese Antriebskräfte der politischen Organisation gehören immer mehr der Vergangenheit an. Nationale Regierungen sind zu klein, um es mit globalen wirtschaftlichen, demografischen und ökologischen Bedrohungen aufzunehmen, aber zugleich sind sie zu groß, um die kulturelle Vielfalt und Traditionen auf lokaler Ebene zu bewahren.

Regierungen sind außerdem nicht darauf ausgerichtet, wissenschaftliche Erkenntnisse zur nachhaltigen Entwicklung aus verschiedenen Disziplinen sinnvoll zu verarbeiten und umzusetzen. Daher reagieren sie blind, wenn die Globalisierung sie vor Probleme stellt, die sie nicht verstehen. Herausforderungen wie die weltweite Armut und die Umweltzerstörung werden als traditionelle Bedrohungen der Sicherheit interpretiert. Doch militärische Interventionen bringen kümmerliche Ergebnisse. (...)

Auch das Verhältnis zwischen den Staaten muss sich grundlegend ändern. Die Europäische Union weist den Weg zu einer fortschreitenden regionalen Integration. Da unsere Probleme heute global sind, erweisen sich die alten Nationalstaaten als zu klein, um auf transnationaler Ebene für das Allgemeinwohl zu sorgen. Die EU garantiert nicht nur, dass ein Krieg zwischen den Mitgliedsstaaten heute undenkbar ist, sondern investiert europaweit in wichtige Bereiche wie den Umweltschutz und die Infrastruktur. Zugleich unterstützt sie die Mitgliedsstaaten bei der „Software“ der Regierungsführung, zum Beispiel in der Währungspolitik, bei der Lebensmittelsicherheit und bei der Regulierung der Finanzmärkte. Andere Regionen, vor allem Afrika, werden dem europäischen Beispiel folgen und eine starke staatenübergreifende Organisation gründen. Selbst die USA, die stets ihren eigenen Weg gehen, banden einen Teil ihrer nationalen Wirtschafts- und Umweltpolitik an das transnationale Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA), dem neben den USA noch Kanada und Mexiko angehören.

Die transnationalen Organisationen haben jedoch Schwierigkeiten, sich auf direktem Weg demokratisch zu legitimieren. Oft wirken sie abgehoben und bürokratisch und werden von einem Beamtenapparat oder von ernannten Vertretern der Mitgliedsländer geleitet, nicht jedoch durch die direkte demokratische Mitsprache des Volkes. Eine Lösung wäre, den staatenübergreifenden demokratischen Institutionen wie dem Europäischen Parlament mehr Macht zu geben. Dabei kann beispielsweise die Informationstechnologie helfen. Ein wunderbares neues Projekt, das e-Parlament, versucht, Parlamente und Volksvertretungen per Videokonferenz und Internet auf staatenübergreifender, globaler Ebene miteinander zu verknüpfen. Ein e-Parlament, das nationale Parlamente verbindet, könnte zur Lösung zahlreicher Probleme beitragen. Wie soll eine Herausforderung wie der weltweite Klimawandel auf demokratische Weise bewältigt werden, wenn es den globalen Institutionen an ausreichender demokratischer Legitimation mangelt? Wenn die Parlamente der Welt beispielsweise zeitgleiche Sitzungen abhalten würden, mit renommierten Wissenschaftlern und Politikwissenschaftlern, die Dutzenden Parlamenten gleichzeitig ihre Analysen vorstellen würden, könnten sich die demokratischen Institutionen der Welt gemeinsam auf globale Maßnahmen einigen. Selbst globale Gesetze oder zumindest globale Resolutionen zu Themen wie dem Klimawandel könnten debattiert und verabschiedet werden. Meiner Ansicht nach hätte das Gefühl der Legitimation und globalen Verbundenheit eine elektrisierende Wirkung. Wir würden zu viel kreativeren Lösungen gelangen, wenn wir endlich besser erkennen könnten, dass die Probleme uns alle betreffen.

Die Macht des Einzelnen

Wir alle haben verschiedene Identitäten und Rollen – als Bürger einer Nation, Bewohner einer Region, Angehörige einer kulturellen Gruppe, Mitarbeiter in einem Unternehmen, Mitglied zivilgesellschaftlicher Organisationen. (...)

Ich glaube, dass wir in der kommenden Generation vor allem in unserer Funktion als Weltbürger neue, ungeahnte Chancen haben werden. Als Individuen werden wir uns dann am weitestgehenden selbst verwirklichen und unseren Lebensunterhalt dann am besten bestreiten können, wenn wir Mitglieder globaler Netzwerke sind, sowohl in der Arbeit als auch in der Freizeit. (...)

Die folgenden acht Maßnahmen kann jeder von uns ergreifen, damit die Hoffnungen unserer Generation auf eine friedliche Welt und eine nachhaltige Entwicklung Wirklichkeit werden.

Erstens müssen wir uns informieren, vor welchen Herausforderungen unsere Generation steht. Wir müssen uns mit den wissenschaftlichen Grundlagen einer nachhaltigen Entwicklung vertraut machen. (...) Wer nicht mehr zur Schule geht, sollte sich über wissenschaftliche Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Die wöchentlich und monatlich erscheinenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften (Nature, Science, New Scientist, Discover, Scientific American) sind heutzutage Pflichtlektüre. (...)

Zweitens sollten Sie reisen, so viel und so weit es die persönlichen Umstände erlauben. Der Kontakt zu anderen Ländern und Kulturen ist die beste Möglichkeit, die gemeinsamen Interessen und Hoffnungen zu verstehen, die uns ebenso verbinden wie die besonderen Herausforderungen in bestimmten Teilen der Welt. (...)

Drittens sollten Sie eine Organisation gründen oder einer Organisation beitreten, die sich der nachhaltigen Entwicklung verschrieben hat. (...)
Sie und Ihre Organisation könnten die Welt verändern und andere dazu inspirieren, ebenfalls aktiv zu werden. Muhammad Yunus setzte mit seiner Grameen Bank die weltweite Mikrokredit-Revolution in Gang. Paul Farmer gründete Partners in Health und zeigte der Welt die wahren Möglichkeiten einer Gesundheitsversorgung für alle Menschen auf. (...) Die heutigen Aktivisten unterstützen eine Grüne Revolution in Afrika, sie bekämpfen die Malaria, forschen an dürreresistenten Nutzpflanzen, schließen abgelegene Dörfer an das Internet an und vieles mehr.

Viertens sollten Sie das Engagement Ihres Umfeldes fördern und andere ermutigen, sich ebenfalls für eine nachhaltige Entwicklung einzusetzen. Der Ballettstar Jacques D’Amboise konnte das National Dance Institute (NDI) für die afrikanische Entwicklungshilfe begeistern und Tausende New Yorker Schüler inspirieren. Das NDI unterrichtet Tanz an Schulen, die oft in schwierigen Vierteln mit niedrigem Einkommen liegen, und brachte den Kindern Ideen wie Leistung, Schönheit und persönliche Vervollkommnung nahe. Als D’Amboise das Jahresprogramm des NDI 2007 dem Tanz, der Kultur und den Rhythmen afrikanischer Dörfer widmete, reagierten die Kinder begeistert und entwickelten zahlreiche Möglichkeiten, ihre Schule, Familie und ihr Viertel zum Spendensammeln für das Millenniumsdorf in Potou im Senegal zu bewegen.

Fünftens sollten Sie die nachhaltige Entwicklung über soziale Netzwerke im Internet propagieren. (...)

Sechstens sollten Sie sich politisch engagieren und von unseren Politikern die Umsetzung der Millenniumsziele verlangen. Wenn die Öffentlichkeit darauf besteht, wird die Politik reagieren. (...)

Siebtens sollten Sie Ihren Arbeitsplatz einbeziehen. Jedes Unternehmen kann zu einer globalen nachhaltigen Entwicklung beitragen. (...)

Achtens sollten Sie auch Ihr eigenes Leben nach den Millenniumsversprechen ausrichten. (...) Verwenden Sie Zeit, Geld und Energie auf Ihre eigenen sozialen Netzwerke. Übernehmen Sie bei Ihren Freunden und Kollegen Verantwortung. Handeln Sie als Verbraucher kritisch, wählen Sie nachhaltige Produkte und Technologien. (...)

Die größten Herausforderungen unserer Generation – Umwelt, Demografie, Armut und Weltpolitik – sind gleichzeitig große Chancen. (...)

Unsere Generation kann der extremen Armut ein Ende bereiten, im Klimawandel eine Wende herbeiführen und die massive, gedankenlose Ausrottung der Arten aufhalten. Unsere Generation kann das Problem bewältigen, wirtschaftliches Wohlergehen mit ökologischer Nachhaltigkeit zu verbinden. Wir sind die Generation, die die Wissenschaft und eine neue Ethik der globalen Zusammenarbeit dazu nutzen kann, künftigen Generationen einen intakten Planeten zu hinterlassen.