Ausgabe 09/2016 - Schwerpunkt Vorbilder

Fixpunkte

1. Eine Runde! Für alle!

Es geht rund auf dieser Welt. Drunter und drüber. Wie soll man sich da zurechtfinden?

Gute Frage, zumal die Technik, in Form von Navigationssystemen, auch keine Antwort parat hat. Wer auf sie setzt, läuft in die Irre, und das lässt sich nachweisen.

Die Erde dreht sich am Äquator mit rund 465 Metern pro Sekunde um sich selbst, wird aber langfristig gesehen kontinuierlich langsamer – und das hat Konsequenzen. Computer, Netzwerke oder Navigationssysteme brauchen eine exakte Zeit. Nur so funktioniert unsere hochkomplexe Welt. Dafür haben wir ganz genaue Atomuhren.

Die weichen in einer Million Jahre gerade mal eine Sekunde ab, das ist unser Herzschlag in einer digitalisierten Welt. Abweichungen davon führen früher oder später zum Chaos.

Dagegen wird seit Jahren angeflickt. Seit Beginn der Siebzigerjahre wird die Erdzeit, die auf der Erdrotation basiert, ständig korrigiert. Immer wieder wird dem Jahr eine Schaltsekunde hinzugefügt. Die Atomzeit aber bleibt gleich. Beim Global Positioning System GPS, ohne das wir uns heute kaum zurechtfänden, sind seit dessen Einführung in den Achtzigerjahren etwa 20 Sekunden Differenz zur Erdzeit aufgelaufen. Das bereitet den Experten großes Kopfzerbrechen, denn es bedeutet faktisch, dass wir in zwei Welten leben – und im Wortsinn die Orientierung verlieren.

Doch keine Sorge, dieses Beispiel dient nicht dazu, den ohnehin reichlich vorhandenen Ängsten unserer Zeit eine weitere hinzuzufügen. Es ist ein nüchterner Hinweis darauf, dass wir uns beim Orientieren nicht allein auf die Technik, auf Methoden, Modelle und Berechnungen verlassen können.

Wenn es um Orientierung geht, kann man sich allerdings auch nicht auf sich selbst verlassen, wenigstens nicht, wenn man noch seine Richtung sucht. Damit kommt man nämlich nicht weit, um genau zu sein: auf geradem Wege bestenfalls 20 Meter.

Danach, so haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen im Jahr 2009 herausgefunden, kriegen wir einen leichten Drall, der dazu führt, dass wir im Kreis laufen, manche linksherum, andere rechtsherum, aber nie geradeaus. Fehlen Fixpunkte wie Sonne, Sterne, Berggipfel oder markante Landschaftszeichen, dann geraten wir schnell auf die schiefe Bahn.

Das Magazin »Bild der Wissenschaft« hat das vor dem Hintergrund des Tübinger Experiments so beschrieben: „Der Richtungssinn von Menschen (…) muss immer wieder neu kalibriert und mit der Umgebung abgeglichen werden (…).“ Um geradeaus zu gehen, bedürfe es also stets „äußerer Fixpunkte“. Damit hätten wir in Zeiten wie diesen die Kreislaufprobleme in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und bei uns selbst einmal grundlegend ausgesprochen.

Und nun?

2. Im Teufelskreis

Einen Kompass nehmen? Das wären die alten Methoden und Modelle, die Theorien und Ideologien, Glaubenssätze und Versprechen. Sie sind es, die die Verwirrung erst auslösen. Es ist wie bei der Atomzeit und der Erdzeit: Sie passen nicht zusammen.

Die Kultur der Industriegesellschaft war voller fester Regeln, und wer sich daran hielt, hatte sein Auskommen. Wir leben in der Wissensgesellschaft, in einer offenen Welt, aber wir hängen an den Vorschriften und Denkweisen von gestern. Natürlich läuft dann etwas schief.

Desorientierung besteht nicht darin, dass man sich nur verläuft – das könnte immerhin dazu führen, dass man zufällig auf interessantes Neues stößt. Sie zeigt sich auch im konservativ-furchtsamen Zeitgeist, der uns zuflüstert, dass sich alles wieder „zum Guten“ fügt, die alten Zeiten wiederkommen. Ist es nicht so, dass das Festhalten an der industriellen Kultur die Rolle Deutschlands gestärkt hat? Sind unsere Schritte nicht sicherer geworden?

Das ist aber möglicherweise nichts weiter als eine Selbsttäuschung. Es sieht sicher aus, weil wir den Weg so gut kennen. Wir kommen immer an den gleichen Sachen, Problemen, Fragen vorbei. Auch das gibt eine gewisse Sicherheit. Aber die Runden, die man dabei dreht, sind sinnlos. Sie machen müde, frustrieren und enden in tiefer Erschöpfung. Bertolt Brecht hatte recht: „Wenn die Irrtümer verbraucht sind, sitzt als letzter Gesellschafter uns das Nichts gegenüber.“

Was Brecht 1920 beschrieb, ist die Endstation eines uralten Menschheitsphänomens. Die alten Römer nannten es circulus vitiosus, einen Kreis, der uns allmählich nach unten zieht, bis nichts mehr geht. Das deutsche Wort dafür heißt Teufelskreis.

In den gerät man bekanntlich leicht, und zwar vor allen Dingen dann, wenn man versucht, etwas zu verändern, dazu aber die alten Standorte, Einstellungen und Methoden verwendet. Dabei kommt zwangsläufig nichts Neues heraus, kein Kurswechsel, sondern bestenfalls eine Verlängerung des Schlamassels – und meistens eine Verschlechterung der Lage. Man muss lernen, sich an etwas anderem zu orientieren als an Dogmen. Wenn Methoden nicht mehr funktionieren, bleibt uns nur mehr eines übrig: Menschen.

Schauen wir also auf die, die ihren eigenen Weg gehen. Diese Spezialisten der Eigenart, die uns helfen, selbst besser zurechtzukommen, heißen Vorbild.

3. Helden

Das Schwierige mit dem Vorbild ist, dass es sehr oft eine optische Täuschung ist, ein Fehlbild. Wer nach echten Vorbildern sucht, muss erst mal diese falschen Fuffziger loswerden.

Von jeher orientierten sich Menschen an Leuten, die etwas Außergewöhnliches leisteten. Die Rede ist von Helden. Das waren früher, in einer Welt der allgegenwärtigen Bedrohung der eigenen Existenz durch Feinde und Naturgefahren, naturgemäß Leute, die in der Lage waren, diesen Gefahren mit schierer Kraft und Gewalt entgegenzutreten – und sie so zu bannen und zu vernichten.

Der Held ist ein Nothelfer, der dann erscheint, wenn die Lage einer Gruppe, einer Organisation oder Kultur aussichtslos erscheint. Er hilft, wo die üblichen Instrumente, Methoden, Verfahren und Institutionen nicht mehr weiterkommen, wo ihre Methoden und Ideen offensichtlich versagen. Die Jobbeschreibung ist einfach, ihre Umsetzung sehr schwer: Der Held muss Wunder bewirken. Und Wunder geschehen bekanntlich nicht einfach. Man muss an sie glauben.

In der Rolle des Nothelfers kennt man den Helden auch bis in die jüngere Geschichte. In der Sowjetunion wurde der „Held der Arbeit“ erfunden, als die reale Produktivität weit hinter den großspurigen Plänen zurückblieb. Die stalinistische Propaganda bastelte sich in den Dreißigerjahren ihr eigenes Vorbild, den Kohlearbeiter Alexei Grigorjewitsch Stachanow. Der soll in einer einzigen Schicht 102 Tonnen Kohle gefördert haben, was der 14-fachen Menge der Arbeitsnorm entsprach. Stachanow fiel bald in Ungnade, soff wie ein Loch und starb 1977 – offiziell immer noch vom Regime als Vorbild gefeiert, obwohl er nicht einmal mehr zu den nach ihm benannten Jubelfeiern kommen durfte. Stachanow ist auch ein Beispiel dafür, wie hohl die totalitäre Ideologie der Sowjets war.

Das gilt natürlich auch für deren rechte und linke Verwandte, den Tyranneien Hitlers, Mussolinis, Mao Zedongs oder auch das Familienunternehmen, das Kim Il-sung nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Nordkorea etablierte. Wie solche Herrschaftsformen entstehen, kann man derzeit an der Entwicklung in der Türkei beobachten. Alle die Regime eint: Der Inhalt spielt eine Nebenrolle. Auch die Methode ist nicht der gemeinsame Nenner. Der Sinn ist der Anführer selbst, sein Wohl und sein Wille, von Floskeln umspült – der Personenkult.

Der Herrscher ist wie Gott, er teilt die Welt in Gut und Böse, Oben und Unten, Richtig und Falsch. Inmitten der Gleichschaltung und Gleichförmigkeit entlastet die Vaterfigur damit die Seele der Untertanen. Von den Verbrechen des Regimes, die sich insgeheim herumsprechen, weiß der Tyrann nichts. „Wenn das der Führer wüsste“, war das geflügelte Wort im Dritten Reich. Und es gab Sowjetbürger, die sich bei Stalin bitter über Säuberungen beklagten, die der Diktator persönlich angeordnet hatte, weil sie meinten, er, der Vater der Nation, der strahlende Held der Sowjetunion, könne davon nichts wissen. Solche falschen Vorbilder gibt es aber eben nicht nur in ausgewiesenen Diktaturen. Sie existieren auch an der Spitze von Unternehmen und scheinbar demokratischen Organisationen. Sie sind in Parteien und Verbänden keineswegs selten anzutreffen. Der allgegenwärtige Personenkult legitimiert alles, was die Organisation tut – und erleichtert die Mitmacher, die ihre persönliche Verantwortung abgeben können.

Weil der Held als Anführer unfehlbar ist, sind es seine Anhänger auch. Sie glauben es wirklich, wenn sie sagen, sie hätten nur getan, was man ihnen gesagt hat. Sie können ihre Unselbstständigkeit, die Grundlage ihrer Unverantwortlichkeit, jederzeit beschwören.

4. Postheroisch

Totalitäre Systeme, ganz gleich, wie sie sich auch selbst darstellen und nennen mögen, haben auch immer einen Helden parat, der mit seinem eigenen Leben dafür einsteht, dass „die Sache größer ist als man selbst“. Diese Leute legen „Zeugnis“ für eine Ideologie und ein falsches Vorbild ab. Vom altgriechischen Wort für Zeuge leitet sich der Märtyrer ab. Seine Geschichte zieht sich durch alle Kulturen und Nationen, ganz besonders des Abend- und Morgenlandes. Christliche, islamische, faschistische und kommunistische Märtyrer gibt es zuhauf. Sie lassen sich für ihre Sache in Stücke hacken – und nehmen dabei gern noch andere mit.

Das ist das genaue Gegenteil jener „Märtyrer“, die im Jahr 1998 am Westportal der Westminster Abbey in London an der Fassade verewigt wurden. Es sind Zeugen, aber solche gegen Fanatismus und Totalitarismus, alle aus dem 20. Jahrhundert: etwa der deutsche Priester Maximilian Kolbe, den die Nazis ermordeten. Oder Martin Luther King und der während der maoistischen Kulturrevolution ermordete Pfarrer Wang Zhiming.

Die Vorbilder von Westminster Abbey waren keine Kamikaze-Piloten, die aus selbstmörderischem Antrieb handelten. Sie wurden ermordet. Daran ist nichts heldenhaft, erhaben oder vorbildlich. Sie waren keine Helden und Märtyrer im alten Sinne, die sich für ihre Sache aufopferten. Das gilt auch im Alltag.

Wer sich für seine Sache ins Schwert stürzt, sich gesundheitlich ruiniert oder bereit ist, jeden Preis zu zahlen, von dem sollte man sich fernhalten, auch dann, wenn diese Leute nicht für den sogenannten Islamischen Staat oder eine andere Terrorbande tätig sind. Es gilt die Lebensweisheit des verstorbenen Motörhead-Frontmanns Lemmy Kilmister: „Haltet euch von den Idioten fern!“ Wer nur brennt, egal für was, fackelt sich und andere ab.

Das „heroische Zeitalter“, ursprünglich eine historische Bezeichnung für die Antike bis zur Schlacht von Troja – bei der die meisten Helden ihrer Zeit umkamen –, zieht sich als Vorlage für Führungskräfte bis heute hin. Man findet die Heldentypen in den Chefetagen und im Management von Organisationen aller Art, natürlich auch in Wissenschaft und Politik.

Der Held, haben wir gelernt, handelt für andere, er denkt aber auch für sie. Er nimmt damit den Mitgliedern und Mitarbeitern seiner Organisation das Selbst-Entscheiden und -Denken ab. Wahre Helden lassen andere sein, wie sie sind. Wahre Helden halten das aus.

Zum Selbstbild der Eliten, ganz gleich, wie sie sich politisch auch verorten mögen, gehört aber bis heute die fixe Idee, dass „die da unten“ nicht in der Lage sind, für sich selbst zu denken und zu handeln. Deshalb ist ihr Held der Repräsentant, der Machthaber, der von direkter Demokratie so wenig hält wie von Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Das sei ja alles nett, sagt er, aber die Zeit noch nicht reif. Man sehe ja immer wieder, was dabei herauskomme.

Diese Helden haben heute wieder Konjunktur, aber sie wird nicht von Dauer sein. Seit der Aufklärung sind sie auf dem Rückzug, und dank des Wohlstands, der sich im Industriekapitalismus verbreitet hat, hat das Heldische stark an Boden verloren.

Die Leute machen, was sie wollen. Je stärker das Selbstbewusstsein wird, desto weniger werden die alten Heldenideen gebraucht. An der Theorie des irischen Wirtschaftssoziologen Charles Handy vom „Postheroischen Management“ lässt sich das gut erkennen: Gut ausgebildete, selbstständige Menschen in den Organisationen brauchen niemanden, der sie „führt“ und ihnen sagt, was sie zu tun haben, sondern jemanden, der hilft, ihr Können und ihre Talente optimal zu entfalten. Diese Welt ist kühler und nüchterner als ihre Vorgänger, was immer noch viele bedauern. Doch ihre Bewohner leben länger und sicherer.

Das System selbst wird zum Vorbild, das Orientierung schafft – und damit die Möglichkeit, dass sich der Einzelne entfaltet. Auch das gehört zur Aufklärung: ein verlässlicher Rahmen, in dem jeder sein Ding machen kann.

Leider kommt es dabei immer wieder zu Verwechslungen, die mit alten, schlechten Angewohnheiten zu tun haben. Denn viele sehen im System den neuen Helden. Der Apparat, die Organisation soll es richten. Damit beginnt ein neuer Teufelskreis. Tatsächlich gibt es immer mehr selbstbewusste Menschen, die keine sie bevormundenden Systeme und deren Repräsentanten brauchen.

Aber machen wir uns nichts vor: Die meisten sind nach wie vor von der Transformation der Industrie- zur Wissensgesellschaft verstört, sie leiden unter dem, was der im Juni verstorbene Autor Alvin Toffler (siehe Seite 88) bereits vor 50 Jahren den „Zukunftsschock“ genannt hat. Es sind Menschen, die angesichts von Komplexität nahezu handlungsunfähig werden. Sie wollen jemanden, der sie führt.

Sie verlangen ihre Helden, Märtyrer, falschen Vorbilder, eine Leitkultur, alles so Sachen, die vorgeben, etwas zu verstehen, was niemand verstehen kann. Viele ziehen etwas Schlechtes dem Ungewissen vor. Vor allen Dingen können diese Leute nicht unterscheiden, etwa zwischen sich selbst und den Vorbildern, die sie wählen.

Das aber ist eine wichtige Arbeit. Sie muss immerzu geübt werden.

Du bist nicht der andere.

Man kann es nicht oft genug sagen.

5. Projektionsflächen

Doch hilft es auch was?

Mit dem Aufkommen der Massenmedien, ganz besonders des Kinofilms, begann das Phänomen der „Stars“. Taugen sie als echte Vorbilder?

Es kommt auf den Betrachter an. Solange man die eigene Persönlichkeit auseinanderhalten kann von dem, was man dem Star zuschreibt, ist das in Ordnung. Wir wissen aber auch: Stars werden leicht zur Projektionsfläche ihrer Fans. Dann wird aus einer Zuneigung und einer Sympathie ein Mythos – dieses Wort benutzten die alten Griechen für das, was wir eine Märchengeschichte nennen. In dieser lebt der Star nur für seinen Fan. Alles, was er sagt, tut, macht und lässt – es ergibt Sinn, ist nur für einen selber gesagt, gesungen und getan worden. Das Vor-Bild ist selbst gepinselt. Die Gefahr besteht darin, dass man einer Marketingkonstruktion zum Opfer fällt. Viele Stars werden gemacht, ihr Image ist konstruiert, um sich anzubiedern. Das Vorbild führt damit in die Irre, seine wahre Botschaft ist eine Hidden Agenda. Das kommt ziemlich oft vor.

Vielleicht so oft, dass viele gar nicht mehr mit echten, also authentischen Vorbildern umgehen können. Die sind widerborstig, tun, was sie wollen, und nicht, was sie sollen. Und das gefällt uns nicht. Es kommt, wie es kommen muss: Ein Star, der zum Mythos wird, hat sein Recht auf die eigene Interpretation seines Lebens verwirkt. Das machen jetzt andere für ihn. Das gilt für Ikonen aller Art – Steve Jobs, James Dean, Ernesto „Che“ Guevara – und den Musiker Bob Dylan.

An ihm lässt sich der Mechanismus des Star-Mythos besonders deutlich machen. Dylan stieg auf, als John F. Kennedy, der Star der westlichen Politik, US-Präsident war. Die Zeiten änderten sich, und Dylan sprach das aus. Er wurde schneller zum Mythos als irgendjemand im Unterhaltungsgeschäft vor ihm. Zwei Jahre, von 1962 bis 1964, genügten, um zum bedeutendsten Vorbild der Jugendlichen zu werden. Wer an Veränderung glaubte, wählte ihn als Vorbild. Das war, umgekehrt, eine gewaltige Vereinnahmung der Person.

Die Bilder und Filme zeigen den coolen Dylan zunehmend verunsichert und irritiert. Wer wäre das nicht, wenn er, gerade mal Mitte 20, feststellen würde, dass man ihm sein Leben geklaut hat? Und es nicht das Geringste nützt, wenn man dagegen protestiert, sich darüber lustig macht, sich lautstark dagegen wehrt – wie er es während der folgenden Jahre tun wird.

Selbst in seinem einsam gelegenen Haus bei Woodstock lauerten ihm Fans auf, wie Dylan 2004 in einem CBS-Interview erzählte. Die Leute auf seinem Grundstück wollten etwa über „Philosophie, Politik und Bio-Landbau“ diskutieren. Was er, Dylan, denn vom biologischen Landbau verstehe, wollte der Reporter wissen. Traurig und resigniert antwortete Bob Dylan: „Nichts. Gar nichts.“

Das ist mehr als eine Anekdote. Fanatismus ist auf viele Arten gewalttätig. Er raubt Ideen, Persönlichkeiten, interpretiert Regeln und Gebote nach eigenem Gutdünken, liest zwischen den Zeilen und deutet um, wie es ihm passt. Fanatismus, die extreme und falsche Ausrichtung nach Vorbildern, vernebelt nicht nur die Sinne der Anhänger. Es nimmt den Objekten der Verehrung auch das Recht, zu sein, was sie wollen. Das ist schwere geistige Körperverletzung.

6. Idole. Ideale

Widerspruch wird nicht geduldet. Ein Vorbild, das nicht passt, wird passend gemacht. Das Vorbild muss so wollen, wie man selber will. Oder anders: Vorbilder dürfen keine Vorbilder mehr sein. Sie haben das Recht verloren, ihr eigenes Ding zu machen.

Professor Werner Plumpe, Wirtschaftshistoriker an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, kann erklären, was da schiefläuft, er nennt es die „Demokratisierung des Vorbilds“. Klingt doch eigentlich gut, oder? Obacht.

Dass Vorbilder konstruiert werden, ist nichts Besonderes. „Ein Idol muss konstruierbar sein“, sagt Plumpe, „nehmen Sie mal Goethe. Der war konstruierbar“, ein offenes System. Aber diese Konstruktion ging von Goethe selbst aus, sie war gewollt. Goethe und Dylan haben einiges gemeinsam. Der Frankfurter schrieb als junger Dichter seinen „Werther“, der, so Plumpe, „zum Schlüsseltext des 19. Jahrhunderts wurde“. Dylan schrieb als junger Musiker „Blowin’ in the Wind“ und „Like a Rolling Stone“, sozusagen seine Werthers, und von nun an war er ein Idol, wie es einst Goethe war. Und, das ist entscheidend, unerreichbar für alle Normalsterblichen, also nichts mit Augenhöhe und so.

Bei Goethe wäre das auch das Letzte gewesen, woran seine Fans interessiert waren. „Sie wollten ja die Differenz“, sagt Plumpe. Im Idealismus, der das 19. Jahrhundert dominiert, ging es noch nicht darum, dass alles und jeder „gleich gemacht, also jede Konkurrenz und jeder Unterschied nivelliert wird“, so Plumpe. Der Fan hatte noch nicht die fixe Idee, dass sein Idol zu dem werden muss, was man selber gern wäre oder ist. Es ging nicht darum, sich mit seinem Vorbild zu identifizieren, also so zu tun, als wäre man selbst der, dem man nachstrebt.

Man folgte dem Vorbild, um irgendwann selbst eines zu werden – auf die eigene Art. Dazu muss man sich ein Idol suchen, das anders ist als man selbst, „jemand, der einem noch etwas beibringen kann“, so Plumpe, denn „Ungleichheit ist die Voraussetzung für echte Vorbilder. Deshalb passen sie nicht zu den seit dem 20. Jahrhundert dominierenden Gleichheitsideologien, die alles nivellieren. Die zerstören die Idee des Vorbilds.“

Was dabei herauskommt, sind Leute, die nichts anderes wollen, als ihre Vorurteile und Starrsinnigkeiten von anderen bestätigt zu bekommen. Sie wollen ihre „Bubble“, ihre „Meinungsblase“. Das Vorbild soll das gefälligst absegnen. Das ist der Unterschied zwischen den Fans von Goethe und denen von Dylan. Es ist der Unterschied zwischen Idealismus, der Suche nach der richtigen Antwort und Selbstgerechtigkeit, das Gefühl, recht zu haben und auf der richtigen Seite zu stehen. Selbstgerechtigkeit ist das ziemlich genaue Gegenteil einer unabhängigen Persönlichkeit. Hier will niemand einen eigenen Weg gehen, sondern Fahrverbote aussprechen.

7. Menschenbilder

Das ist natürlich alles andere als ideal. Beim deutschen Chefaufklärer Immanuel Kant bedeutet dieses Wort noch schlicht eine unverwechselbare, individuelle Idee. Ein Ideal, ein Idol erzeugt Unterschiede, macht sie sichtbar. Wer sich mit diesen Unterschieden, die man sich wie Wegmarken und Fixpunkte vorstellen muss, auseinandersetzt, der lernt nicht nur die Welt kennen, sondern auch, wie er sich seinen eigenen Platz in ihr schafft. Man findet sich zurecht.

Wer nicht zu differenzieren lernt, gehört im Vorhinein zu den Verlierern der Transformation, ganz gleich, auf welcher sozialen Stufe man auch stehen mag. Und immer mehr Menschen spüren das auch, sagt Werner Plumpe: „Heute, wo so vieles infrage steht, sehen viele, dass eine Welt ohne Vorbilder ein trostloser Ort ist, an dem man sich zwar nicht mehr anstrengen muss, nichts mehr zu unterscheiden braucht, in dem man aber auch nichts mehr werden kann.“

Und wer nichts wird, kann auch nichts sein. Die scheinbar veralteten Vorbilder, die Ideale, der Idealismus, der so leichtfertig verlacht wird, haben einen Kern, den die Wissensgesellschaft dringend braucht: die Fähigkeit zur positiven Unterscheidung, die zur selbstständigen Person führt. Das Vorbild ist ein Suchwerkzeug, mehr Kompass als Navigationssystem. Etwas, das eine mögliche Richtung zeigt, ohne den Kurs exakt bestimmen zu wollen.

Zu wissen, dass man das braucht, gehört zum Erwachsenwerden. Wir sollten das eigentlich wissen und uns erinnern können. Es sind vor allem junge Menschen, die ihre Stars lieben, also die, für die das Suchen und Lernen, das Irren und Neuanfangen noch keine Zumutung sind, sondern tägliche Normalität. Deshalb schreiben wir auch die Fähigkeit, sich zu ändern, den Jungen zu, sie sind, im besten Sinn, noch nicht fertig. Und das ist gut so.

Laut dem Statistik-Portal haben 67 Prozent der deutschen Mädchen und 64 Prozent ihrer männlichen Altersgenossen ein Vorbild, Sportler, Musiker, aber auch nicht prominente Idole aus ihrem Umfeld. Das ist ein wesentlicher Teil ihres Navigationssystems auf dem Weg zum Erwachsenwerden und zur Selbstbestimmung.

Der amerikanische Sozialwissenschaftler Robert Merton hat dazu vor mehr als einem halben Jahrhundert eine Vorstellung entwickelt. In einer offenen Gesellschaft geht es nicht um blinde Nachahmung eines fremden Lebens, wie das in den alten Theorien der Fall war – einschließlich der Personenkulte der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts.

Es geht um spezielle Vorbilder in Interessengebieten wie Musik, Sport, Beruf und Leben – um role models, wie Merton sie nannte. Ein Rollenmodell ist eine Orientierungshilfe, ein gutes Beispiel also, das zur eigenen, unverwechselbaren Entwicklung beiträgt, wobei es für spezielle Fähigkeiten zuständig ist. Etwa dort, wo sich ein Gründer fragt: Wie hätte Steve Jobs dieses Problem gelöst? Wie trifft Adele den Ton? Wie hast du das gemacht? Und wie passt es zu dem, wie ich die Dinge tue?

Es geht also ums Kapieren, nicht ums Kopieren. Man guckt sich das Know-how seines Vorbilds für das eigene Können ab, interpretiert und adaptiert es.

Wenn hingegen die allgemeinen Einstellungen, die Persönlichkeit eines Vorbilds, in den Vordergrund treten, dann spricht Merton von „Bezugsindividuen“. Nicht was, sondern wie sie es tun, macht dann das Vorbild aus. Dabei prägt das Vorbild auch unsere ethische Seite, unseren Charakter. Beides gehört zusammen.

Das ist das Verhältnis eines Schülers zu seinem Meister. Und darum geht’s beim echten Vorbild: Zeig mir, was ich kann.

8. Was machst du?

Der Wiener Unternehmer Ali Mahlodji, Gründer des Web-Portals Whatchado (siehe brandeins 02/2016 „Und was machst du so?“) kann das an seinem eigenen Leben präzise erklären: „Kinder und junge Leute sind Hardware ohne Software – und sie bilden sich ihr Betriebssystem, indem sie andere beobachten und von ihnen lernen, aber eben auf ihre Weise.“ Mahlodji ist das Kind iranischer Flüchtlinge aus einfachsten Verhältnissen; „bis ich 15 war, habe ich immer nur Klamotten von der Caritas getragen, nie etwas Eigenes, Neues“. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einer wie er zum erfolgreichen Unternehmer schafft, ist hierzulande relativ gering. Seine entscheidende Motivation, sagt Mahlodji, sei die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Ausnahme-Basketballer Michael Jordan gewesen.

Dessen Handicap ist bekannt: Jordan ist „nur“ 1,98 Meter groß, also kein Riese unter den Basketballspielern. „Er musste sich also auf das konzentrieren, was er gut konnte, und das besser machen. „Von Jordan habe ich gelernt, wie man sich auf sich selbst und seine Stärken fokussiert und nicht über seine Schwächen und Handicaps grübelt“, sagt Mahlodji. Von nun an sucht sich der Junge seine Vorbilder selber: „Menschen, die helfen und einen weiterbringen“ – und die gegen offensichtliche Widerstände ihren Weg gegangen sind.

Daraus entwickelt sich die Geschäftsidee von Watchado, das mittlerweile selbst ein Vorbild in Sachen Berufsberatung geworden ist. Rund 5000 Menschen erzählen hier in kurzen Bio-Pics, warum sie tun, was sie tun, was sie anders machen würden und welche Vorstellung sie mit 14 von ihrem Leben hatten. Das dient der Selbstvergewisserung. Das ist die wichtigste Orientierungsarbeit überhaupt.

Was bin ich? Und wie kann ich der sein, der ich bin? Weil sich diese Fragen so wenige stellen, landen sie nicht nur im falschen Job, sondern auch im falschen Leben. Man müsse selber herausfinden, wo es langgehe, sagt Ali Mahlodji, und sich keine „falschen Vorbilder von der Gesellschaft und Kultur aufdrücken lassen“. Vorbilder, sagt er, dass seien eben nicht „die Leute, die dir ihr tolles Leben zeigen oder davon reden, sondern die mit der Idee zurechtkommen, frei zu sein“.

Das ist sehr nah an dem, was ein großes Vorbild für Millionen vor elf Jahren in einer Rede in Stanford sagte. Steve Jobs, Apple- Gründer und im Jahr 2011 verstorbene Unternehmer-Legende, erzählte über seine Vorbilder, allen voran den Freigeist, Verleger und Berater Stewart Brand. Er erinnerte die jungen Studenten aber auch an ihre Vergänglichkeit und die Gefahr, ein Vorbild nur nachzuleben, zu kopieren: „Eure Zeit ist begrenzt, also verschwendet sie nicht, indem ihr das Leben irgendeines anderen lebt. Geht keinem Dogma auf den Leim, was bedeutet, mit den Ergebnissen anderer Menschen Ideen zu leben. Und lasst den Lärm der Meinung anderer nicht eure eigene innere Stimme übertönen.“ Man möge, so der Rat des echten Vorbilds, seinem Herzen und seiner Eingebung folgen, die wüssten schon, wo es langgeht: „Alles andere ist zweitrangig.“

Es ist eine einfache Nachricht. Vorbilder braucht man, um zu sich selbst zu kommen. Auf den eigenen Weg. Dort liegt der Ausweg aus dem Teufelskreis. ---

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