Ausgabe 09/2016 - Schwerpunkt Vorbilder

Natalie Grams

Die Ketzerin

• An der Wohnung der Familie Grams in einem mehrstöckigen Haus in Heidelberg hängt ein Zettel: Nachmieter gesucht. Das Ehepaar zieht mit den drei Kindern in eine billigere Bleibe. Es lief finanziell besser, als Natalie Grams noch ihre Privatpraxis für Homöopathie ganz in der Nähe hatte. Die Patienten waren zufrieden, das Geschäft florierte, so hätte es weitergehen können. Doch dann gab die heute 38-jährige Ärztin ihre Praxis im vergangenen Jahr zur Verwunderung von Patienten, Kollegen und Freunden auf. Das ist in Kurzform die Geschichte dieser Frau, die sich traute, eine Überzeugung infrage zu stellen, die ihr Halt gegeben und eine komfortable Existenz ermöglicht hatte.

Natalie Grams wächst in Bayern auf. Ihr Vater ist Chemiker, sie macht das beste Chemie-Abitur des Jahrgangs 1997 in dem Bundesland und beginnt, Medizin zu studieren, zunächst in München, dann in Heidelberg. Mit Esoterik hat sie nichts im Sinn, sie will Chirurgin werden. Doch im Jahr 2001 wirft ein Unfall sie aus der Bahn. Auf einer Landstraße kommt ihr in einer Kurve ein Wagen auf ihrer Spur entgegen, sie versucht auszuweichen, aber da ist schon die Böschung – ihr Auto überschlägt sich mehrfach und kracht gegen mehrere Bäume. Es ist nur noch Schrott. Sie hat „wahnsinniges Glück“, bleibt fast unverletzt: „nur ein leichtes Schleudertrauma und ein paar Kratzer“. Der Verursacher des Unfalls hält nicht an.

Die damals 22-jährige Studentin Grams geht zur Tagesordnung über, es ist ja alles gut gegangen. Einige Monate später bekommt sie gesundheitliche Probleme: „Ich bin immer wieder ohnmächtig geworden, hatte Herzrasen.“ Sie konsultiert einige Fachärzte, die nichts Körperliches finden. Auf die Idee, zu einem Psychotherapeuten zu gehen, kommt sie nicht. „Psychologie war für mich ein rotes Tuch. Da geht man nur hin, wenn man irgendwie einen an der Waffel hat.“

Doch sie lässt sich schließlich von einer Kollegin überreden, eine Homöopathin aufzusuchen. Diese Heilpraktikerin unterhält sich – anders als die meisten Ärzte – lange mit Grams über ihre Krankengeschichte und ihr Leben. Sie stellt als Erste eine Verbindung zu dem Autounfall her und deutet die Symptome als eine verspätete Reaktion auf das Unglück. Die Homöopathin verordnet Globuli, Zuckerkügelchen mit Substanzen in so hoher Verdünnung (im Jargon: Hochpotenzen), dass sie keine pharmakologische Wirkung haben können. Und sie rät zu einer Psychotherapie, die Grams nun auch macht. All das hilft. Grams führt die Besserung auf die Globuli zurück und hat ein Erweckungserlebnis: „Ach, so kann man auch heilen.“

Das Thema fasziniert sie. Neben ihrem Studium beginnt sie eine Ausbildung zur Homöopathin. Sie wendet insgesamt zehn Jahre und etliche Tausend Euro für diese Glaubenslehre auf, die modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht. „Die Homöopathie“, sagt sie, „erschien mir wie eine Art Parallelwissen, etwas, das man noch nicht so gut erklären kann wie eine chemische Reaktion.“ Aber es sei ja offenkundig, dass die Methode Patienten helfe. Mit dieser Haltung ist sie unter Kollegen nicht allein: In Deutschland gibt es neben Laien – man braucht keine Vorbildung, um Homöopath zu werden – und Heilpraktikern mehr als 7000 Ärzte mit entsprechender Zusatzausbildung.

Grams stellt sogar gewisse Gemeinsamkeiten zwischen beiden Sphären fest: „Während des Medizinstudiums lernt man riesige Informationsmengen in kurzer Zeit auswendig, ohne sie unbedingt in Gänze zu verstehen oder kritisch zu hinterfragen, um danach bei Tests die richtige Antwort anzukreuzen. Genauso kann man sich homöopathische Arzneimittelbilder und Samuel Hahnemanns ,Organon der Heilkunst‘ (das Grundlagenwerk des Erfinders der Homöopathie) reinpfeifen. Hat gut funktioniert.“

Sie ist so überzeugt von der Lehre, dass sie 2009 ihre Facharztausbildung abbricht, als sie das Angebot bekommt, eine gut gehende Praxis für Homöopathie zu übernehmen. „Mir schien das so sicher, ich wollte das bis an mein Lebensende machen.“ Die Universitätsstadt Heidelberg mit vielen privatversicherten Beamten ist ein gutes Pflaster für die in gehobenen Kreisen beliebte Homöopathie. 2011 gründet Grams eine eigene Praxis in einem ehemaligen Ladengeschäft. Heute praktizieren dort zwei Physiotherapeuten und eine Heilpraktikerin, aber das aufwendig gestaltete Logo am Fenster, das unter anderem eine Schnecke zeigt, stammt noch von der einstigen Besitzerin.

Natalie Grams ist traurig, das alles hinter sich zu lassen. Aber sie kann nicht anders. Am Anfang sind Zweifel, die es durchaus auch in der Szene gibt. Sie berichtet von Fortbildungen mit Live-Untersuchungen von Patienten durch den jeweiligen Guru. „Im Anschluss gibt es eine Fragerunde, jeder Homöopath kann dann sagen, welche Globuli er geben würde. Und ich habe es in keiner Fortbildung erlebt, dass die Leute sich einig geworden sind. Es wurde dann gegeben, was der Chef sagt.“

Sie berichtet auch von Diskussionen unter ärztlichen Homöopathen im vertrauten Kreis: „Wir wissen ja alle, dass in den Globuli nichts Materielles enthalten ist. Aber es wäre schön zu wissen, was da eigentlich wirkt. Schon allein, um die Kritiker zum Schweigen zu bringen.“ Gern wird in der Szene die Quantenmechanik oder Nanotechnik bemüht, um zu suggerieren, dass sich irgendwann beweisen lasse, was nicht zu beweisen ist.

Kritik von außen wird geflissentlich ignoriert. Grams spricht von einer „Blase“, in der sie und die anderen Anhänger der Homöopathie sich bewegten. Sie allerdings lässt sich verleiten, einen Blick hinaus zu riskieren. Der Anlass ist das 2012 erschienene Buch: „Die Homöopathie-Lüge“ von Christian Weymayr und Nicole Heißmann. Von Letzterer war Grams zu Recherchezwecken interviewt worden. Neugierig auf das Ergebnis kauft sie das Buch, liest es und macht wütend Anmerkungen: „Fehler!“, „Völlig falsch!“, „Hat keine Ahnung von Homöopathie!“

Sie will das nicht hinnehmen und beschließt, eine Erwiderung zu verfassen. Nun kann sie allerdings nicht mehr über die Argumente der Kritiker hinweglesen. Sie schaut sich die einschlägigen Studien an und spricht mit Wissenschaftlern. „Und dann ist wohl mein naturwissenschaftliches Denken wieder auferstanden.“ So ändert sich ihr Vorhaben mit der Zeit: von einer Ehrenrettung der Homöopathie hin zu einem Text darüber, was übrig bleibt von der Methode, wenn man sie unvoreingenommen prüft. Entstanden ist daraus ihr Buch „Homöopathie neu gedacht“. Im Vorwort heißt es: „Wir alle hängen an lieb gewordenen Gewohnheiten. Dazu zählen nicht unbedingt Fakten; ausschlaggebend ist vielmehr ein gutes Gefühl. Ich unternehme in diesem Buch den Versuch, beides einmal näher zu betrachten: die Fakten der Homöopathie und das, was sich irgendwie gut anfühlt an ihr, um dann zu entscheiden, wie wir fortan damit umgehen können.“

Sie verwirft die Homöopathie als Arzneimitteltherapie, weil sich mit nichts nicht heilen lässt. Es gibt trotz jahrzehntelanger Forschungsarbeit keine seriöse Studie, die einen Effekt belegt, der über den von Placebos hinausgeht. Die Globuli seien, schreibt Grams, „Träger einer Bedeutung und einer individuellen Autosuggestion, keine Medikamente im eigentlichen Sinn“. Ihre Quintessenz: „Die Homöopathie wirkt, weil wir als Homöopathen und weil unsere Patienten die Vorstellung haben, dass sie wirke.“ Dennoch könne die Medizin von der Methode lernen. Zum Beispiel, wie man einfühlsam auf Patienten eingeht. Und dass es sinnvoll ist, sich Zeit für deren Lebensgeschichte zu nehmen, statt sie auf bestimmte Symptome zu reduzieren.

Was ist also der reale Kern der Homöopathie? Eine Art Gesprächstherapie, die aber nicht so genannt wird.

Je kritischer der Blick von Natalie Grams wird, desto schwerer fällt ihr die Arbeit in ihrer Praxis, wo sie ihren Patienten nach der entsprechenden Lehre versichern soll: „Ja, klar wirkt dieses C30 Natriumchlorid, – also hochverdünntes Kochsalz – gegen Ihre Depression.“ Als Glücksfall habe sich dann die Schwangerschaft mit ihrem dritten Kind erwiesen. „Ich habe mich vorzeitig in die Babypause gerettet, habe viel früher Schluss gemacht. Ich war einige Monate in einer Agonie, weil mein Lebenstraum geplatzt war.“

Sie denkt darüber nach, wie es weitergehen könnte. Ob sie nicht einfach wie bisher mit den Patienten sprechen sollte, weil denen das ja ganz offensichtlich guttut – nur, ohne im Anschluss Globuli zu verordnen. Das wäre eine homöopathische Anamnese ohne homöopathische Behandlung, die sie entsprechend abrechnen könnte. „Aber wie kann ich etwas abrechnen, das ich nicht mehr vertrete? Das hätte ich nicht lauter gefunden.“

Sie öffnet ihre Praxis nicht mehr. Im Januar 2015, kurz vor Druck ihres Buches, ändert sie in letzter Minute den Klappentext entsprechend. Ihr Mann, von Beruf Wirtschaftsprüfer, ist nicht begeistert, weil der Familie das Geld, das Natalie Grams als Homöopathin verdient hat, fehlen wird. Zudem hat sie ihn einst selbst von der Lehre überzeugt. Sie informiert auch ihre Patienten. „Glücklicherweise haben alle verstanden, dass ich nichts anbieten kann, hinter dem ich selbst nicht mehr stehe.“

Ihr Buch versteht sie als ein Gesprächsangebot an die Gemeinschaft, der sie sich immer noch nahe fühlt. „Wir alle hängen an der Homöopathie, unsere Patienten profitieren offensichtlich bis zu einem gewissen Grad davon. Aus wissenschaftlicher Sicht handelt es sich also um eine wirksame Scheintherapie. Darüber sollten wir die Patienten aufklären, denn wir sind nicht ganz ehrlich, sie zu behumsen. Lasst uns eine Tür zur evidenzbasierten Medizin öffnen.“

Doch ihr Appell stößt auf Ablehnung, sie gilt nun als Ketzerin. „Die Reaktionen waren ausschließlich gegen mich als Person gerichtet, nach dem Motto: Ich hätte die falsche Ausbildung, keinen Erfolg mit meiner Praxis und sei überhaupt bescheuert. Der Kernvorwurf war, dass ich die Homöopathie nicht verstanden hätte. Denn wenn man die Homöopathie verstehe, komme man ja nicht auf solch komische Gedanken.“

Sie berichtet auch von Drohungen: „Heidelberg ist ja nicht groß, wir finden schon raus, wo Sie wohnen. Und hoffentlich werden Sie mal richtig krank, und kein Homöopath nimmt Sie dann mehr an, und Sie müssen von der Schulmedizin getötet werden.“ Mancher Anhänger einer sanften Medizin kämpft offenbar mit harten Bandagen. Fast alle ihre Freunde, die der Homöopathie anhängen, wenden sich von ihr ab. Das trifft sie und beschleunigt ihren Ablösungsprozess.

Mittlerweile hat sie einen neuen Job. Sie schreibt medizinische Fachtexte, überträgt zum Beispiel die Ergebnisse von Kongressen in den USA zum Thema Diabetes für Ärzte ins Deutsche. Obwohl sie damit und den Kindern gut ausgelastet ist, engagiert sie sich zudem ehrenamtlich im Informationsnetzwerk Homöopathie. Eine Initiative, die „wissenschaftlich fundiert und fair offenlegen will, was Homöopathie leisten kann und was nicht“, wie es auf der Homepage heißt.

Natalie Grams investiert also nach wie vor viel Energie in das Thema. Wieso eigentlich? Sie könnte ja auch einen Haken an die Homöopathie machen. „Vielleicht, sagt sie, „ist da eine gewisse Traurigkeit darüber, dass ich mich selbst so getäuscht habe und dieser Verheißung so blind gefolgt bin. Trotzdem bin ich da rausgekommen und hoffe, dass es anderen vielleicht auch gelingt.“ ---

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