Ausgabe 09/2016 - Schwerpunkt Vorbilder

Birgit Lohmeyer

Aufgeben? Niemals

• „Wenn uns Leute von außerhalb besuchen, sagen sie oft, wir seien wie die unbeugsamen Gallier bei Asterix und Obelix. Das passt ganz gut, auch wenn es eigentlich nicht witzig ist. In Jamel gibt es elf Häuser und rund 40 Einwohner, die allermeisten sind überzeugte Neonazis. Sonst gibt es nicht viel, keinen Laden, keine Post. Wir leben hier wie der Stachel im Fleisch, und man lässt uns spüren, dass wir nicht willkommen sind. Was Mobbing angeht, haben wir eigentlich die gesamte Skala durch. Und vergangenes Jahr brannte unsere Scheune ab, die stand nur sechs Meter von unserem Wohnhaus entfernt. Das war ein Mordanschlag und extrem belastend. Gerade weil wir diese Auseinandersetzung gar nicht gesucht haben, wir sind keine Märtyrer.

Eigentlich sind wir im Jahr 2004 als klassische Stadtflüchtlinge nach Jamel gekommen. Wir wollten raus aus Hamburg, wollten in die Natur und einfach leben. Wir haben uns in die Landschaft verliebt, es gibt viel Wald, und die Ostsee ist nur zehn Kilometer Luftlinie entfernt. Wir suchten so etwas wie Altersruhe. Na ja, das Alter ist jetzt da, nur mit der Ruhe hat es nicht funktioniert.

Dabei sah es anfangs gar nicht danach aus. Wir wussten zwar, dass es im Dorf einen bekannten Neonazi gab, der die Menschen bereits eingeschüchtert hatte. Als wir unseren Hof kauften, übernahmen wir auch einen Bauwagenbewohner, der des Öfteren „Verpiss dich“ gehört hatte und der uns bat, einen Stacheldrahtzaun um das Gelände zu ziehen. Aber mit einem einzelnen Neonazi fertigzuwerden haben wir uns schon zugetraut. Die ersten drei Jahre verliefen dann auch relativ ruhig. Wir haben vor allem unseren Hof umgebaut und hatten ohnehin wenig Kontakt zur Nachbarschaft, zumal unser Hof eher am Rand liegt.

Dass etwas nicht stimmte, haben wir allerdings bald gespürt, etwa als wir einen Handwerker brauchten. Denn der traute sich kaum ins Dorf. Wir merkten, dass die Leute in der Umgebung regelrecht Angst hatten, nach Jamel zu kommen. Zumal sich das Dorf änderte, weil der Nazi immer mehr leer stehende Häuser aufkaufte und seine Gesinnungsgenossen dort unterbrachte. Die übernahmen das Dorf regelrecht, und 2007 kam deshalb schließlich eine Landtagsdelegation nach Jamel, um die angeblich national befreite Zone zu besuchen. Dabei gab es doch auch uns dort, doch das spielte gar keine große Rolle. Da haben wir gemerkt, dass wir etwas tun müssen, und haben erstmals unser Open-Air-Rockfestival veranstaltet. Die Nazis wollen hier in aller Ruhe vor sich hin hitlern, so als wäre das völlig normal. Wir wollten aber, dass die Menschen das mitkriegen, dass sie merken, was es bedeutet. Also haben wir einen Anlass geschaffen, damit Menschen dieses Freiluftmuseum für Nazis besuchen.

Wir hätten natürlich auch stillhalten können, wie so viele Menschen in der Umgebung. Was ich sogar ein wenig verstehen kann, schließlich sind die Jameler Nazis wirklich gewaltbereite Menschen, und die Rechten terrorisieren den Landstrich seit Jahren. Aber gerade wenn alle schweigen, muss man doch den Mund noch weiter aufmachen. Wir wollten einfach weiterhin in den Spiegel schauen können. Außerdem hatten wir mit unserem Hof unseren Lebenstraum gefunden, da lässt man sich nach drei Jahren nicht mehr vertreiben. Wegen ein paar Glatzen einfach verschwinden, nein, das macht man nicht, das ist eine sehr naive Vorstellung.

Mit unserem Schritt in die Öffentlichkeit hat sich unser Leben radikal verändert – wir sind seitdem wirklich allein in Jamel. Von den wenigen Nicht-Nazis werden wir komplett geschnitten, und die Nazis selbst versuchen immer wieder, uns einzuschüchtern. Zwar sind wir noch nie direkt körperlich angegriffen worden, aber was passiert ist, kann man ganz klar als Bedrohung betrachten.

Wir hatten eine tote Ratte im Briefkasten, man hat uns eine Ladung Mist auf die Auffahrt gekippt, die Kinder zeigen uns ihre nackten Hintern. Man hat uns auch die Reifen zerstochen, und wir wurden auf der engen Landstraße ausgebremst, sodass wir kilometerweit im Schneckentempo hinterherfahren mussten. Oder wir wurden mit dem Auto verfolgt. „Verkaufen Sie Ihr Haus an mich, solange Sie noch können“, hat mal einer zu uns gesagt. Die Nazis fotografieren unsere Besucher, schreiben ihre Kennzeichen auf oder drohen ihnen auch schon mal Schläge an. Immer wieder erhalten wir Erpresserbriefe und werden von Spam-Mails überzogen.

Mal häufen sich diese Aktionen, mal herrscht monatelang Ruhe. Aber wir wissen nie, was kommt, weshalb wir in einem Zustand ständiger Wachsamkeit leben. Und wir haben eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen entwickelt. Ich selbst etwa achte darauf, dass ich keinen festen Tagesablauf und keine eindeutige Wochenroutine habe, wechsle ständig meine Zeiten und Fahrtrouten. Wir haben kleine Videokameras in unsere Autos gebaut, um notfalls dokumentieren zu können, was uns passiert. Wenn mein Mann auf Stadtfesten als Musiker auftritt, achtet er sehr darauf, wo er sein Auto parkt, damit er danach nicht an einsamer Stelle seine Instrumente einpacken muss.

Doch an diesem grundsätzlichen Gefühl der Unsicherheit ändert all das wenig. Eine gewisse Angst bleibt unser treuer Wegbegleiter. Einerseits ist das ganz gut, weil sie uns aufmerksam macht und schützt. Aber dieser ständige Belagerungszustand ist auch eine Belastung.

„Das war ein Trauma, und das wirst du auch nicht wieder los“

Wie wir das durchhalten? Wir sind Kinder der Täter des NS-Regimes, wir müssen hinschauen. Das ist für uns keine Phrase, sondern das gibt uns Kraft. Und zum Glück führen wir eine gute, ausgeglichene Partnerschaft – das ist extrem wichtig. Auch verfügen wir beide über eine robuste Psyche, ich selbst schreibe ja Krimis und habe ohnehin eine schwarze Fantasie. Die Einsamkeit können wir ganz gut abpuffern, weil wir wohl eher Eigenbrötler sind – wir müssen nicht in einen Schützenverein oder eine Handarbeitsgruppe der Landfrauen. Außerdem haben wir jenseits einer zehn Kilometer breiten Bannmeile um Jamel, in der niemand etwas mit den Lohmeyers zu tun haben will, durchaus Freunde gefunden. Grundsätzlich ist es wichtig, den Anteil der Normalität hochzuhalten. Ich mache Yoga, meditiere, jogge durch den Wald, schreibe meine Bücher. Einfach auf der Terrasse sitzen und ins Grüne schauen, unseren Hof genießen – auch das gehört dazu. Für uns ist Jamel ja trotz all der Nazis Heimat geworden.

Es sind eben zwei Welten, die zugleich existieren. Deshalb haben wir auch nie wirklich daran gedacht, Jamel wieder zu verlassen. Selbst als im August 2015 unsere Scheune nachts niedergebrannt wurde. Damals sind wir vielleicht nur deshalb dem Tod entronnen, weil ein Feriengast das Feuer früh entdeckte und die Feuerwehr unser Wohnhaus mit Wasser kühlen konnte, sodass es nicht Feuer fing. Den Täter hat man bis heute nicht gefunden.

Das war ein Trauma, und das wirst du auch nicht wieder los. Aber wir sind mittlerweile auch etwas abgebrüht, zudem ist es einfach so: Unser Haus ist unverkäuflich, niemand außer einem Nazi würde sich dafür interessieren, aber einem solchen würden wir unseren Hof niemals überlassen. Insofern sind wir durchaus auch Gefangene unserer Situation, aber zumindest sind wir hier die Guten. Wobei die Zukunft bestimmt nicht leichter wird, schließlich werden die Kinder der Nazis älter und werden sich irgendwann beweisen wollen. Wir müssen sehen, was noch alles auf uns zukommt. Wir werden ja beide nicht jünger.

Aber wir sind eben auch beherrscht von einem gewissen demokratischen Trotz. Dass Nazis Andersdenkende vertreiben – das geht einfach nicht. Und wir bekommen ja auch viel Zuspruch für unsere Arbeit. Auch unseretwegen findet Jamel öffentliche Beachtung in den Medien, immer wieder bekommen wir Besuch von Politikern, die Besucherzahlen bei unserem Festival sind von Jahr zu Jahr gestiegen, auf zuletzt rund 1800. Des Öfteren berichten wir an Schulen, auf Gemeindeversammlungen oder Tagungen von Jamel, etwa in Dresden, Erfurt oder Salzburg. Insofern haben wir unser Ziel, die Nazis hier nicht einfach in Ruhe machen zu lassen, durchaus erreicht. Jamel selbst haben wir nicht geändert, aber zumindest können wir zeigen, was andernorts nicht passieren darf. Etwa dass Häuser brennen – bei uns ist das keine abstrakte Befürchtung, sondern Lebenswirklichkeit.

Wobei wir uns schon darüber wundern, dass in der Region selbst alles so weitergeht wie bisher. Denn wir fragen uns, was man eigentlich tun könnte, um Jamel selbst nicht weiter den Nazis zu überlassen. Aber je näher man dem Ort kommt, umso zurückhaltender reagiert auch die Politik. Klare Kante? Jüngst hat der Gemeinderat ein großes Stück Land an einen Nazi verkauft, mit der Begründung, dessen Kläranlage müsse legalisiert werden. Oder auf dem Parkplatz für unser Festival werden plötzlich Bäume gepflanzt. Eine Streuobstwiese für Jamel? Da kann man sich fragen, ob das Festival nicht aktiv sabotiert werden soll.

Vielleicht ist es einfach so: Wir machen den Leuten Arbeit, und auch Lokalpolitiker wollen ihre Ruhe haben. Ein früherer Polizeichef von Wismar hat uns mal gesagt, wir sollten doch einfach mit unserem Obernazi reden, dann werde das schon. So als ginge es hier um einen Nachbarschaftsstreit. Dass der neue Polizeichef dann aktiv auf uns zukam und uns fragte, was er für uns tun könne – so etwas ist in der lokalen Politik absolut ungewöhnlich.

Insofern hat mich die Zeit in Jamel doch sehr verändert. Als ich noch in Hamburg lebte, habe ich öfters einfach an der Elbe gesessen und Schiffe angeguckt, habe in den Tag hineingelebt. Diese Unbefangenheit habe ich verloren, diese Arglosigkeit; und das bedauere ich. Auf der anderen Seite verspüre ich aber auch so etwas wie Glück, selbst wenn das ziemlich schräg klingt. Aber es ist einfach so: Wir haben hier keine Lebensaufgabe gesucht, aber eine gefunden, und ich habe mich noch nie so sehr gebraucht gefühlt wie jetzt. Bei uns geht es nicht mehr wie früher vor allem um Spaß, wir tragen Verantwortung. Das macht mich sehr zufrieden.“ ---

Der Ortsteil Jamel besteht nur aus wenigen Häusern, er gehört zu der Gemeinde Gägelow in Mecklenburg-Vorpommern, gelegen zwischen Wismar und Lübeck. Jamel ist das bundesweit wohl bekannteste Beispiel für das Bemühen von Rechtsradikalen, sogenannte national befreite Zonen zu schaffen. Gebiete also, in denen sie das Sagen haben, als Gegenmacht zum staatlichen Gewaltmonopol. Die Strategie ist einfach: Die Rechten konzentrieren sich auf dünn besiedelte ländliche Regionen, übernehmen Häuser und Wohnungen, siedeln einzelne Gesinnungsgenossen oder ganze Familien an – so lange, bis sie einen Ort oder einen Landstrich dominieren.

In Jamel begann diese Entwicklung in den Neunzigerjahren. Ein ansässiger Neonazi kaufte Häuser und vermietete sie weiter, machte den Ort mit seinen Kameraden konsequent zu einem Rückzugsraum für Rechtsextreme. Wehrsport im Wald, Nazi-Feste, offene NS-Propaganda und unaufgeklärte Brandstiftungen vertrieben potenzielle Neubürger. Bis der damalige Ortsbürgermeister im Jahr 2007 schließlich eingestand: „Wir haben Jamel aufgegeben.“

Das Hamburger Ehepaar Birgit und Horst Lohmeyer zog im Jahr 2004 nach Jamel, in den ehemaligen Forsthof am Dorfrand. Birgit Lohmeyer, 58, ist Schriftstellerin, Horst Lohmeyer, 60, Musiker. Seit 2007 veranstalten sie alljährlich das Musikfestival „Jamel rockt den Förster – Festival für Demokratie und Toleranz“.

Für ihr Engagement wurden die Lohmeyers häufig geehrt, etwa mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage, dem Bürgerpreis der deutschen Zeitungen und zuletzt 2015 mit dem Georg-Leber-Preis der IG Bau.

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