Ausgabe 09/2016 - Artikel

Internet der Dinge

Was war noch mal … das Internet der Dinge?

• Das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) besteht aus Objekten, die durch Sensoren, Antennen und Software verbunden sind und miteinander kommunizieren. Die Idee: Digitale Informationen werden nicht länger nur von Menschen erzeugt – die zum Beispiel eine E-Mail schreiben oder ein Foto machen –, sondern von Dingen. Dazu zählt zum Beispiel der Google-Thermostat „Nest“, der mit dem Smartphone seines Besitzers verbunden ist und weiß, wann dieser nach Hause kommt, und rechtzeitig die Heizung einschaltet. Der schon fast sprichwörtlich gewordene Kühlschrank, der selbstständig Milch nachbestellt, wenn seine Sensoren registrieren, dass diese aufgebraucht ist, dient seit Jahren sowohl als Paradebeispiel für die IoT-Enthusiasten wie als Zielscheibe für die Spötter. In der Wirtschaft ist das Thema vor allem in der Logistik und der Materialfluss-Steuerung relevant. Mit Sensoren ausgestattete Pakete, Paletten und Behälter „wissen“ selbst, wo sie sind und hinmüssen und suchen sich – ähnlich einem Datenpaket im Internet – selbst den bestmöglichen Weg. Das soll massive Kosteneinsparungen und Effizienzsteigerungen bringen.

Wer hat’s erfunden?

Geprägt wurde der Begriff von dem Briten Kevin Ashton. Er war Ende der Neunzigerjahre im Marketing von Procter & Gamble (P&G) tätig und genervt davon, wie lange es dauerte, bis ausverkaufte Produkte in Supermarkt- und Drogerieregalen nachgefüllt wurden. Auf der Suche nach einer Lösung stieß er auf die sogenannte Radio-Frequency-Identification-Technik (RFID). Diese war damals noch teuer und vergleichsweise klobig, sie ermöglichte es aber, so gut wie jedes physische Objekt mit einem kleinen, mit einer Antenne versehenen Chip auszustatten. Von diesem konnten Informationen über das Objekt, seine Eigenschaften, Seriennummer, Haltbarkeit oder Zielort ausgelesen werden.

1999, inzwischen geschäftsführender Direktor des Auto-ID Center – einem von P&G, Kraft, Wal-Mart, Unilever und zahlreichen anderen Handelsriesen finanzierten Ableger des Massachusetts Institute of Technology (MIT) – etablierte Ashton einen internationalen Standard für RFID-Chips und andere vergleichbare Sensoren. Den Begriff Internet of Things verwendete er das erste Mal bei einer Präsentation vor P&G-Managern, denen er die Bedeutung der RFID-Technik für die Logistik demonstrierte.

Das Konzept von miteinander kommunizierenden Minicomputern, die in Gegenstände, Kleidung oder Gebäude eingearbeitet sind, geht auf den Aufsatz „The Computer for the 21st Century“ aus dem Jahr 1991 zurück, den der US-Informatiker Mark Weiser im »Scientific American« veröffentlichte. Der erste mit dem Internet verbundene Toaster wurde sogar noch früher vorgestellt: 1990.

Wo stehen wir jetzt?

„Bin ich schon drin?“, fragte sich Boris Becker 1999 zu Werbezwecken beim Internet-Zugang. Heute kann man dieselbe Frage über das Internet der Dinge stellen – und auch dessen Nutzen. So lässt sich die „Hue“-LED-Lampe von Philips so einstellen, dass sie blau leuchtet, wenn es regnet, und rosa, wenn die Sonne scheint. Ein Gimmick. Gleichzeitig stellt jedes mit dem Internet verbundene Gerät eine potenzielle Angriffsstelle für Hacker dar. Oft wird im Vernetzungsfieber die Sicherheit vergessen. So liefert beispielsweise schon eine simple Google-Suche Zugriff auf Tausende ungeschützte Webcams in der ganzen Welt.

„Ich habe Angst vor der Schlagzeile: 100 000 Kühlschränke starten Hackerangriff auf Bank of America“, sagte Vint Cerf, einer der Gründerväter des Internets, kürzlich in einem Interview mit dem Online-Magazin Motherboard. Tatsächlich wurden bereits die ersten gehackten Überwachungskameras als Teile eines kriminellen Botnets identifiziert. Der Twitteraccount @internetofshit macht sich währenddessen sehr gekonnt über den aktuellen Trend lustig, blindlings einen Chip in jedes Produkt einzubauen und es smart zu nennen. Höhepunkt des Irrsinns: Die 99 US-Dollar teure Wasserflasche „Pryme Vessyl“, die sich dank eines eingebauten Sensors meldet, wenn ihr Besitzer vergisst, ab und zu einen Schluck zu trinken.

„In der Tat werden einige Geräte im Consumerbereich etwas arg optimistisch vermarktet“, sagt Michael ten Hompel, IoT-Experte und Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik. In der Warenwirtschaft führe an der Technik aber kein Weg mehr vorbei. „Individualisierung ist der große Treiber“, sagt er. „Immer mehr unterschiedliche Produkte müssen in immer kürzerer Zeit zugestellt und zurückgenommen werden.“ Das sei mit konventionellen Methoden nicht mehr zu schaffen.

Was kommt als Nächstes?

Ein Problem für Endkunden: Bislang wurstelt fast jedes IoT-Gerät allein vor sich hin. Es braucht eine separate App und kommuniziert nur eingeschränkt mit anderen „smarten“ Haushaltsgeräten. Die große Frage ist, wem es gelingen wird, einen Standard zu entwickeln. Google versucht es mit Brillo, Apple mit HomeKit und Samsung mit SmartThings. Hinzu kommen unzählige kleine Allianzen. Trotz dieses Durcheinanders, trotz Sicherheitslücken und bescheuerter Ideen wie „intelligente“ Klorollenhaltern, die E-Mails oder SMS verschicken, wenn das letzte Blatt verbraucht wurde: Das Internet der Dinge wird kommen. „Wir befinden uns mittendrin in dieser Revolution“, sagt Michael ten Hompel. „Es gibt noch jede Menge Herausforderungen, aber in fünf Jahren wird es uns vollkommen normal vorkommen, mit einem Regal zu reden.“

Er selbst hat Anfang des Jahres mit dem Industrial Data Space eine Initiative gestartet, in der sich zahlreiche Unternehmen zusammentun, um einen gemeinsamen Datenstandard für das Internet der Dinge zu entwickeln. „Wir haben gerade die große Chance, aus Deutschland und der EU heraus neue Märkte zu schaffen“, sagt ten Hompel. Sicherheit und Zuverlässigkeit seien Themen, mit denen sich die hiesige Wirtschaft positiv von der US-Konkurrenz abheben könne: „Wir müssen genauso Software bauen, wie wir Autos bauen“, so seine Überzeugung. Das Internet der Dinge existiere zwar schon lange als Verheißung, in diesem Jahr, ist sich ten Hompel sicher, komme der Durchbruch: „Die vierte industrielle Revolution wurde Wirklichkeit.“ ---

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