Ausgabe 09/2016 - Wirtschaftsgeschichte

Henry Ford

Zum Wohl der Aktionäre

• Es war am Tag nach der Hochzeit seines Sohnes, als Henry Ford Post von zweien der Gäste erhielt. John und Horace Dodge hatten in der Nacht zuvor auf der Feier getanzt, sie hatten dem Brautpaar zugeprostet – und am Tag danach eine Überraschung für die Gastgeber parat.

Was Henry Ford am 2. November 1916 las, gefiel ihm ganz und gar nicht: „Wie Sie wissen, bitten wir schon lange um einen Termin, um mit Ihnen über Themen der Ford Motor Company zu sprechen, die uns als Aktionäre betreffen“, stand in dem Brief. Der Aufsichtsrat solle bitte einen großen Teil des Gewinns aus dem Vorjahr in Höhe von 60 Millionen Dollar und der Cash-Reserven von 50 Millionen Dollar „an die Aktionäre auszahlen, denen das gehört“. Andernfalls drohten die Dodge-Brüder mit einer Klage.

Ford ignorierte das Ansinnen, denn er hatte für Aktionäre nur Verachtung übrig. Gern unterschied er zwischen den Arbeitern und Ingenieuren, die die Autos fertigten, und denjenigen, die nur Geld gegeben hatten.

Ford war ein typischer Entrepreneur. Er war stur, hatte übermäßiges Vertrauen in seine Fähigkeiten und wollte unabhängig bleiben. Ehe er 1903 die Ford Motor Company gründete, war er mit dem Versuch, Autos zu bauen, zweimal pleitegegangen. Selbstverständlich waren daran die anderen schuld, vor allem die Investoren. Er hatte sich daraufhin geschworen: „Ich lasse mir nie wieder von reichen Leuten sagen, was ich zu tun habe.“

Zwar mochte er die Reichen nicht, aber er brauchte ihr Geld, um abermals Autos zu produzieren. Da war es sein Glück, dass er John und Horace Dodge kennenlernte. Sie trauten Ford, glaubten an seine Idee und investierten 10 000 Dollar in das Unternehmen. Das sollte sich als gutes Geschäft herausstellen. Nach dem Verkauf des ersten Fahrzeugs an einen Arzt aus Chicago ging es richtig los. In den ersten beiden Jahren verdiente das neue Unternehmen mehr als drei Millionen Dollar und schüttete 200 000 Dollar an Dividende aus.

Und das war erst der Anfang. 1909 brachte Ford das T-Modell auf den Markt. 1913 war das Fließband fertig. Danach gab es kein Halten mehr. Im Jahr 1916, als Ford den Brief der Dodges erhielt, kam jedes dritte Auto auf Amerikas Straßen aus seiner Fabrik.

Da war Ford selbst ein reicher Mann. Aber es ärgerte ihn, dass er auch seine Aktionäre reich machte. Trotz seines Wohlstands war er darauf bedacht, den ungehobelten Burschen zu geben. Er pflegte seine schlechten Manieren, klopfte Sprüche wie jenen, dass er „nicht fünf Cent für die ganze Kunst der Welt zahlen“ würde.

Seinen Arbeitern war er eher zugeneigt. 1914 führte er in seinen Fabriken einen Mindestlohn von fünf Dollar pro Tag ein, den treue Mitarbeiter erhielten. Gern feierte er sich als Sozialreformer, tatsächlich aber war der Mindestlohn eine clevere Maßnahme, um die Produktivität in der Fabrik zu erhöhen. Die Arbeit am Fließband war eintönig, der Krankenstand hoch, das Unternehmen musste 1500 Reservearbeiter einstellen, um die Belegschaft konstant zu halten. Mit der Lohnerhöhung fiel die Krankenrate schlagartig. Ford nannte sie „die beste Sparmaßnahme, die mir je eingefallen ist“.

Und weil er mit dem so Ersparten unbedingt wachsen wollte, dachte er auch nicht daran, der Forderung der Dodge-Brüder nach Zahlung einer höheren Dividende nachzugeben. Er zürnte: Sollen sie doch klagen!

Der Fall war kompliziert. Die Kläger waren Fords wichtigste Geschäftspartner, mehr als zehn Jahre saßen sie im Aufsichtsrat, die Familien waren befreundet. Doch die Dodges hatten 1913 beschlossen, eigene Wege zu gehen – und bauten nun selbst Autos.

Ford verspürte nicht die geringste Lust, ihnen auch noch das Kapital dafür auszuschütten. Die Dodges wiederum brauchten das Geld von Ford nicht wirklich. Aus ihren 10 000 Dollar Investment waren inzwischen mehrere Millionen Dollar geworden, die sie über die Jahre hinweg an Dividenden kassiert hatten. Es ging ihnen um etwas anderes: Sie wollten Ford Geld wegnehmen, damit er am River Rouge nahe Detroit keine neue Fabrik bauen konnte. Dieses neue Werk würde es ihnen unmöglich machen, jemals mit Ford zu konkurrieren, fürchteten sie.

Am 21. Mai 1917 kam es zum Duell. An jenem Tag trafen sich beide Seiten in Michigan vor Gericht. Die Dodge-Brüder machten Ernst. Sie beantragten erstens, die Ford Motor Company solle „alle Einnahmen mit Ausnahme einer Notreserve ausschütten“. Und zweitens, das Gericht möge den Bau einer neuen Fabrik verbieten. Die Investition sei unverantwortlich, denn es sei damit zu rechnen, dass infolge des Ersten Weltkriegs weniger Autos verkauft würden.

Ford ging den Prozess einigermaßen naiv an. Statt betriebswirtschaftlich zu argumentieren, pflegte er sein Image als Freund des Arbeiters. In einem Interview mit den »Detroit News« sagte er: „Ich bin nicht der Ansicht, dass wir solch schreckliche Gewinne mit unseren Autos machen sollten. Ein vernünftiger Gewinn ist gut, aber nicht zu viel. Es war immer meine Politik, den Preis des Autos zu senken und die Gewinne den Käufern und Arbeitern zukommen zu lassen.“

Für den Anwalt der Aktionäre Elliott G. Stevenson war das eine Einladung zur Attacke. Vor Gericht löcherte er Ford mit Fragen:

Stevenson: „Glauben Sie immer noch, diese Gewinne seien furchtbar?“Ford: „Ja, ich glaube schon.“Stevenson: „Und deshalb wollen Sie nicht weiter solche Gewinne machen?“Ford: „Es scheint uns nicht zu gelingen, die Gewinne zu senken.“Stevenson: „Versuchen Sie, sie zu senken? Zu welchem Zweck gibt es die Ford Motor Company, wenn nicht zu dem, Gewinne zu machen? Können Sie mir das sagen, Mister Ford?“Ford: „Es gibt sie, um so viel Gutes zu tun, wie wir können, überall, für jeden, der beteiligt ist. Und nebenbei machen wir auch Geld.“

Stevenson: „Nebenbei machen Sie auch Geld?“Ford: „Ja, Sir.“

Das war fatal. Ein Unternehmen, das kein Geld verdienen will? Ein Chef, der derart großzügig mit dem Kapital der Aktionäre umgeht? Das Gericht hatte kaum eine andere Wahl, als zu entscheiden, dass die Ford Motor Company die Dividende auszahlen musste. Es wählte jedoch eine geringe Summe: 19 Millionen Dollar sollten abgezweigt werden, auf die Dodge-Brüder würden lediglich 1,9 Millionen Dollar entfallen. Entscheidender für sie war jedoch: Das Gericht verbot den Bau der Fabrik. Die Brüder waren zufrieden und verzichteten trotz der niedrigen Dividende auf den Einspruch.

Ford hingegen tobte – und ging umgehend in Revision. Der Oberste Gerichtshof von Michigan nahm sich 18 Monate Zeit. Und korrigierte das Urteil. Den Dodge-Brüdern wurde die Dividende zugesprochen. Aber Ford bekam seine Fabrik. Im Dictum – das nur eine Rechtsmeinung ist, die aber für den Fall irrelevant ist – schrieben die Richter noch ihre Ansicht zum Unternehmenszweck: „Ein Unternehmen ist zuerst dazu da, einen Gewinn für seine Aktionäre zu erwirtschaften. Die Tätigkeit der Direktoren muss diesem Ziel dienen.“

Das kümmerte Ford nur noch wenig. So schnell es ging, begann er mit dem Bau der Fabrik am River Rouge. Es wurde eine gigantische Anlage, größer als eine Kleinstadt, in der später einmal mehr als 100 000 Arbeiter tätig sein und 4000 Autos pro Tag produziert werden würden.

Es war die größte Produktionsstätte ihrer Zeit, und sie ist heute noch in Betrieb. Ford war zufrieden. Zumindest zunächst. Später sagte er, die neue Fabrik sei „so groß geworden, dass es keinen Spaß mehr macht“. ---

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