Ausgabe 09/2016 - Schwerpunkt Vorbilder

Vorbild: Alice Schwarzer

Der Unterschied

• Es gibt Menschen, von denen man ein genaues Bild hat – bis man ihnen gegenübersteht. Dann kann es in die eine oder andere Richtung überschrieben werden, jedenfalls ist der Mensch anders, als man dachte. So ging es mir mit Alice Schwarzer.

Ich war 18, als ich zum ersten Mal von ihr hörte. „Wir haben abgetrieben!“, titelte der »Stern«, und sie war es, die ihn dazu gebracht und 374 Frauen überzeugt hatte, sich zu bekennen. Das Thema beeindruckte mich nicht weniger als die Frau: mit 21 Jahren nach Paris gegangen, mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre befreundet, unabhängig, offenbar ohne Angst, erfolgreich als Journalistin – und in kürzester Zeit ein rotes Tuch. Wer damals in Studentenkneipen oder anderen gemischten Gesellschaften auf sich aufmerksam machen wollte, musste sich nur zu Alice Schwarzer bekennen. „Bist du auch lesbisch?“, war noch die freundlichste Reaktion.

40 Jahre später hat Schwarzer das Missverständnis in ihrer Autobiografie „Lebenslauf“ aufgeklärt: Sie lebte damals mit einem Mann, hat sich erst später Frauen zugewandt, ohne dem anderen Geschlecht grundsätzlich abzuschwören. Warum sie sich dann so lange als Männerhasserin denunzieren ließ? „Ich wollte mich als Feministin nicht legitimieren“, sagte sie 2011 in einem »Spiegel«-Interview, „ich hätte das als unter meiner Würde empfunden. Der Witz bei mir ist ja, dass mir Männer immer sehr nahe waren und ich zeit meines Lebens ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen hatte. Darum nehme ich sie auch so ernst.“

Mit einem solchen Bekenntnis hätte sie in den Siebzigerjahren vermutlich nur neue Hasswellen provoziert, zum Zeitpunkt des Interviews aber hatte sich das Schwarzer-Bild in der Öffentlichkeit gewandelt. Die Frau, die 1975 mit „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ verstörende Zustände in deutschen Schlafzimmern offengelegt und heftige Reaktionen ausgelöst hatte, war inzwischen ein gern gesehener Talkshow-Gast und als Verlegerin der feministischen Zeitschrift »Emma« ebenso respektiert wie als politische Autorin. Und wer sich einlassen und nicht nur sein Vorurteil pflegen wollte, sah in Fernsehdiskussionen eine differenziert argumentierende Frau mit Standpunkt und in Spielshows einen Gast mit Mutterwitz und Charme.

Mich hat das nicht überrascht, obwohl Alice Schwarzer schon lange nicht mehr meine Heldin war. Ich hatte nur eine kurze Liaison mit dem Feminismus, die mit einem tragikomischen Frauenabend endete. Danach suchte ich meinen eigenen Weg, der sich in etwa so zusammenfassen ließe: „Es gibt ja diesen schönen Satz ,Die Zukunft ist weiblich‘. Diesen Satz kann ich wirklich nur als Provokation gutheißen – ansonsten bin ich überhaupt nicht an einer weiblichen Zukunft interessiert, so wenig wie an einer männlichen Gegenwart, sondern an einer menschlichen Zukunft.“

Das Zitat stammt von Alice Schwarzer und fiel in einem Gespräch, das wir 2004 für den Schwerpunkt „Radikal“ führten . Es war als Streitgespräch geplant, weil ich mit der Feministin, wie ich sie aus den Medien kannte, nicht mehr viel anfangen konnte. An jenem Nachmittag in ihrem Turm in Köln wurde dieses Bild dann überschrieben: Ich lernte eine Frau kennen, die Dogmatismus verabscheut, einen guten Humor hat, über sich selbst genauso lachen kann wie über die Widersprüche der Alt-68er oder die Intrigen der Frauenbewegung, die ihren Beruf liebt und nur Verlegerin geworden ist, um ihrem Anliegen ein Forum zu verschaffen.

„ Eine wie ich ist ja vogelfrei “

Seither ist Alice Schwarzer in meinem Blickfeld geblieben – und so mancher innere Dialog hätte als Streitgespräch getaugt. Dass sie der »Bild«-Zeitung ihr Foto für deren Imagekampagne überließ, fand ich noch eher komisch; dass sie für »Bild« dann auch noch den Prozess gegen Jörg Kachelmann kommentierte, schwierig. Und die Steueraffäre? Zu viel.

„Bin ich die letzte moralisch glaubwürdige Instanz in dieser Republik?“, kontert Schwarzer in einem »Stern«-Interview von 2010 die Kritik an ihrer Werbung für »Bild«. Schließlich hätten viele Prominente für das Boulevard-Blatt geworben, nur sie wurde kritisiert. Und die Kommentierung des Kachelmann-Prozesses? „Ich gratuliere mir bis heute, dass ich das Angebot angenommen habe.“ Denn „ich tue das, (…) weil das mutmaßliche Opfer noch vor Beginn des Prozesses als Lügnerin diffamiert worden ist“. Nach der Steueraffäre schwieg sie erst einmal. Ein halbes Jahr später meldete sie sich dann reuig in der Talkshow von Sandra Maischberger zurück.

Vielleicht kann einen solchen Glaubwürdigkeits-Gau nur überstehen, wer ein Leben lang im Feuer stand. „Eine wie ich ist ja vogelfrei“, sagte sie dem »Spiegel« (2011). „Seit fast 40 Jahren rollen in regelmäßigen Abständen diese Angriffswellen über mich hinweg.“ Auszuhalten ist das nur, wenn es einen starken Antrieb gibt. Im Fall von Alice Schwarzer: der Feminismus, verstanden als „das Streben nach gleichen Chancen, Rechten und Pflichten für beide Geschlechter“.

Dass sich dagegen heute eigentlich kaum noch jemand öffentlich wenden würde, macht sie nicht ruhiger – im Gegenteil. Viel sei erreicht worden in den vergangenen 30 Jahren, deshalb stehe auch viel auf dem Spiel: Seit ihrem ersten Besuch im Iran 1979 warnt Schwarzer vor der Frauen- und Menschenfeindlichkeit des politisierten Islam. Die Silvesternacht in Köln, Hamburg und Berlin ließ all ihre Alarmglocken schrillen.

Seitdem meldet sie sich wieder vermehrt zu Wort, eckt an, streitet im »Spiegel« mit jungen Feministinnen, die nicht „nur dann über sexualisierte Gewalt reden (wollen), wenn sie von Migranten und Geflüchteten ausgeht“, riskiert Beifall von der falschen Seite und bleibt doch unbeirrt: „Ich kritisiere den Islamismus, nicht den Islam.“ In Deutschland habe man zu lange „diese schriftgläubigen Fanatiker toleriert. Das ist ein Verrat an den demokratischen Muslimen und Musliminnen. Denn nicht wir, sondern die sind die ersten Opfer der Fanatiker.“

Man muss ihrer Argumentation nicht folgen, sich damit auseinanderzusetzen kann lohnend sein. Ist das Kopftuch Mode, Kultur oder, wie sie sagt, „Flagge der Islamisten“? Was heißt es, wenn ein deutscher Standesbeamter von einer volljährigen Marokkanerin das schriftliche Einverständnis des Vaters zur Eheschließung verlangt? Und was ist falsch daran, wenn sie fordert, „der seit 25 Jahren ungebremst laufenden islamistischen Agitation endlich etwas entgegenzusetzen. Und (zu) lernen, stolz zu sein auf das, was wir so hart errungen haben: Rechtsstaat, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter?“

Alice Schwarzer bezieht auch unbequeme Positionen, ist immer zur Auseinandersetzung bereit und argumentiert selbst dann noch, wenn man sie in eine Ecke zu stellen versucht. Sie ist eine akribische Journalistin, schreibt herausragende Bücher und hält ihr Magazin seit mehr als 30 Jahren über Wasser. Und ja, sie macht auch Fehler, ist vermutlich keine einfache Chefin, verbeißt sich bisweilen in Themen, die nicht meine sind, bleibt dabei allerdings, wenn man den O-Ton liest, erfreulich unverbissen.

Als Stellenbeschreibung für eine, die Orientierung bietet, weil sie zur Auseinandersetzung reizt, ist das nicht schlecht. Und dass sie mit ihren 73 Jahren immer noch keine Nachfolgerin für ihre »Emma« gefunden hat, mag eine Schwäche sein, für die sie sich aber nicht entschuldigen mag: „Ich bin nicht gewählt wie die Kanzlerin und auch nicht die Vorsitzende der Frauenbewegung. Ich kann nur alle Frauen, die eine ähnliche Rolle in der Öffentlichkeit spielen wollen, ermuntern, es ganz einfach zu tun. Wenn die Schwarzer mal nicht mehr sein sollte, weil sie sich nach Frankreich verdrückt hat oder in den Rhein gefallen ist – ja, dann bleibt der Stuhl leer. Das ist nämlich der Stuhl von Alice.“ ---

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