Ausgabe 09/2016 - Schwerpunkt Vorbilder

Afrika: Modernisierung

Das andere Afrika

• Zum ersten Mal war ich Mitte der Neunzigerjahre in Mosambik, damals als Entwicklungshelfer. Ich sollte beim Aufbau von Gemeindeverwaltungen helfen. Dafür wurde ich nach Beira geschickt, der zweitgrößten Stadt des Landes, gelegen an der Mündung des Pungwe-Flusses in den Indischen Ozean. Der Bürgerkrieg war erst 1992 zu Ende gegangen, die Stadt heruntergekommen. Viele Häuser waren zerstört, viele Menschen lebten auf der Straße, es gab kaum Autos. Als ich Jahre später wieder zurückkam, war ich erstaunt darüber, wie sich Mosambik und der ganze afrikanische Kontinent gewandelt hatten.

Die Wirtschaftsleistung Afrikas südlich der Sahara hat sich zwischen 2000 und 2015 von etwa 1,2 Billionen Dollar auf 3,5 Billionen Dollar knapp verdreifacht. Seit dem Verfall des Rohölpreises 2015 hat sich der Aufschwung allerdings spürbar verlangsamt. Daher müssen, wenn vom Aufstieg des Schwarzen Kontinents gesprochen wird, kurzfristige Schwankungen von großen Trends unterschieden werden.

So hat die Entwicklung der Region südlich der Sahara bis 2015 vor allem in den Rohstoff produzierenden Ländern stattgefunden. Nigeria, die größte Volkswirtschaft des Kontinents mit 180 Millionen Einwohnern, hat einen bedeutenden Anteil daran. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes hat sich im genannten Zeitraum vervierfacht. Die Hauptstadt Lagos, ein dynamisches Finanz- und Geschäftszentrum mit den Studios in „Nollywood“, wo mehr Filme produziert werden als in den USA, steht in krassem Gegensatz zum nördlichen Teilstaat Borno, bis vor Kurzem Hauptaktionsgebiet der Terrorgruppe Boko Haram. Doch Nigeria, das stark vom Erdöl abhängt, leidet enorm unter dem Preisverfall. Schlimmer noch erging es Angola, dem größten Erdölproduzenten Afrikas, der jüngst die internationale Gemeinschaft um Hilfe gebeten hat.

Besser stehen die ostafrikanischen Länder da. Kenia, Tansania und Uganda haben seit dem Jahr 2000 ihre Pro-Kopf-Einkommen verdoppelt. Die drei ostafrikanischen Nationen sind Teil einer Ländergruppe, der auch Äthiopien, Ghana, Senegal und Benin angehören. In all diesen Staaten hat ein Wandel stattgefunden, ist Neues entstanden, was die Wirtschaft des Kontinents in Zukunft prägen wird – auch wenn sich das Wachstum fast überall zuletzt verlangsamte.

Am bedeutendsten ist wohl, dass eine neue Generation herangewachsen ist, die offen ist und am Weltgeschehen ebenso teilnimmt wie ihre Altersgenossen in Europa, Asien, Lateinamerika oder den USA. Sie sind Bauingenieure, Architekten, Mediziner, Ökonomen – in den afrikanischen Hauptstädten sitzen sie als Sachbearbeiter, Abteilungsleiter und politische Referenten in den Ministerien und als Techniker und Manager in den Telefongesellschaften, Wirtschaftsprüfungskanzleien und technischen Büros.

Eine neue Mittelschicht ist entstanden. Verlässliche Daten, die einen Überblick über sie geben, sind rar. In einer Umfrage in elf Ländern kam die südafrikanische Standard Bank auf einen Anteil von 14 Prozent der Haushalte, die mehr als 5500 Dollar jährlich verdienen.

Afrika ist nicht gleich Afrika. Aber bei allen Unterschieden zwischen den einzelnen Staaten gibt es eine Gemeinsamkeit: Der in den vergangenen beiden Jahrzehnten entstandene Zugang zur globalen Wissensgesellschaft ist eine einschneidende Veränderung. Die Möglichkeit, auf Information, Technik und Netzwerke zuzugreifen, ändert viel.

Und sie weckt Fantasien wie diese: Fast lautlos gleiten kleine Drohnen in geringer Höhe über die Steppe von Ruanda. Sie haben eine Spannweite von wenigen Metern und werden von energiesparenden Motoren angetrieben. Unbemannt transportieren sie bis zu 100 Kilogramm Fracht in schwer zugängliche Dörfer. Sie gelangen auch dorthin, wo es in der Regenzeit keine Fahrzeuge mehr hinschaffen.

Lizenz zum Träumen

Das ist die Vision des Unternehmers und ehemaligen »Economist«-Korrespondenten Jonathan Legard. „Red Line“ nennt sich das Projekt für den Aufbau von Tiefflugrouten für Transportdrohnen in Ruanda, für die sich Legard mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) zusammengetan hat.

Das knapp zwölf Millionen Einwohner zählende Ruanda löst in Europa vor allem Erinnerungen an den Genozid aus, bei dem im Jahr 1994 Hunderttausende Menschen ermordet wurden. Es hat sich aber seither dort sehr viel getan (siehe brand eins 08/2009 ). Es herrscht Frieden. Die Regierung hat die Institutionen gestärkt und systematisch in die Infrastruktur investiert. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich vom Jahr 2000 bis 2015 mehr als vervierfacht. Als eines der ersten Länder der Welt hat Ruanda im Jahr 2008 Plastiktüten verboten. Und seit in der Hauptstadt Kigali ein Mülltrennsystem eingeführt wurde und es unter Strafe gestellt wurde, dass die Bürger ihren Müll einfach irgendwohin werfen, gilt die Metropole als die sauberste Stadt Afrikas.

Für sein Drohnenprojekt hat Legard noch viel zu tun: Von technischen Herausforderungen bis zur Klärung der Rechtslage für die unbemannte Flugfahrt ist noch viel unklar. Unabhängig aber vom künftigen Erfolg oder Misserfolg zeigt das Projekt, dass globale Vernetzung und fortschreitende Digitalisierung das Leben der Menschen auch in den entlegensten Regionen der Welt verändern werden.

Dafür gibt es viele Beispiele. Um die Jahrtausendwende verbreiteten sich Prepaid-Mobiltelefone bis in die abgeschiedensten Gegenden. Irgendwann wurde die Möglichkeit, Telefonguthaben von einem Gerät auf ein anderes zu übertragen, massenweise nachgefragt. Die Menschen aus der Stadt kauften Gesprächsminuten für auf dem Land lebende Angehörige. Und die bezahlten damit die Einkäufe auf dem Markt. Die Telefonanbieter hatten – bewusst oder unbewusst – ein neues Zahlungssystem geschaffen.

Safaricom, ein Joint Venture zwischen Vodacom und der staatlichen kenianischen Telekom, hat im Jahr 2007 das erste formelle mobile Bezahlsystem eingeführt: M-Pesa. Heute gibt es allein im östlichen Afrika 24 mobile Zahlungsdienstleister.

In Europa steht das mobile Bezahlen dagegen noch am Anfang. Das deutsche Fintech-Unternehmen Number26 hat im Juni seinen zweihunderttausendsten Kunden gemeldet. Zum Vergleich: M-Pesa hat allein auf seinem Heimatmarkt Kenia mehr als 19 Millionen Nutzer und ist in weiteren sieben afrikanischen Ländern, in Indien und mittlerweile auch an der Peripherie Europas, in Rumänien und Albanien, aktiv.

In Afrika entstehen unerwartete Innovationen, auch weil die Suche nach Lösungen nicht von alten Techniken und Besitzständen blockiert wird. Die Zentren dieser wirtschaftlichen Dynamik befinden sich in Nairobi (Kenia), Kigali (Ruanda), Lagos (Nigeria), Accra (Ghana) und Johannesburg (Südafrika).

So wurde im Coworking Space IHub in Nairobi das Kriseninformationssystem Ushadi entwickelt. Ein Datensammel- und -managementsystem, das es erlaubt, Informationen aus SMS, Tweets, E-Mails und weiteren Anwendungen zu sammeln, zu analysieren und so aufzubereiten, dass auf breiter Basis Maßnahmen zur Krisenbekämpfung gesteuert werden können. Oder BRCK, ein robustes mobiles Gerät zum Aufbau von WLAN- Netzen, mit eigener Stromversorgung.

Die Regierung in Ruanda hat das Ziel, das erste bargeldlose Wirtschaftssystem der Welt einzuführen. Das Unternehmen Khenz hat ein bargeldloses Fahrkartensystem für den Busverkehr in Betrieb genommen, Airclerk bietet neuartige Zahlungskartensysteme an.

In vielen afrikanischen Ländern hat Mobiltelefonie die Festnetztechnik einfach übersprungen, haben die mobilen Bank-dienstleistungen die Filialnetze traditioneller Geldinstitute nutzlos gemacht. Leapfrogging – zu Deutsch Bockspringen – nennen das die Experten. Hunderte Millionen Menschen verdanken ihm den Zugang zu Kommunikation und Geldwirtschaft. Beides Grundvoraussetzungen für eine Teilnahme am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben. Mittlerweile ist zu vermuten, dass die mobile Nutzung von Facebook, LinkedIn und Twitter aus Afrika den ersten Kontinent machen wird, auf dem die Menschen praktisch nur mit Smartphones im Netz sind.

Neue Freunde

Das heißt nicht, dass in Afrika bald paradiesische Zustände herrschen. Es gibt Kriege, Krisen, Hungersnöte. Trotzdem sollte zur Kenntnis genommen werden, dass die Zahl der bewaffneten Konflikte abgenommen hat. 

Trotz aller Fortschritte sind derzeit im östlichen und südlichen Afrika laut Welternährungsorganisation (WHO) rund 40 Millionen Menschen von der Dürre betroffen. Aber heutzutage gibt es eine Infrastruktur und staatliche Institutionen, die in der Lage sind, fehlende Nahrungsmittel dorthin zu bringen, wo sie benötigt werden.

In den Neunzigerjahren wurden in vielen afrikanischen Ländern, etwa im Senegal, in Äthiopien, Uganda, Kenia, Tansania und Mosambik, liberale Wirtschaftsreformen eingeleitet, die geholfen haben, den folgenden Boom zu entfesseln. Doch obwohl damals Reformen nach dem Vorbild der entwickelten Welt umgesetzt wurden, ziehen afrikanische Länder heute China, Indien, Brasilien oder die Türkei als Geschäftspartner vor. Auch interessieren sie sich kaum noch für europäische Ideen wie soziale Marktwirtschaft oder Demokratisierung. Als Vorbild dient heute eher das staatskapitalistische Modell Chinas. Denn dieser Staat ist, auch wenn die Volkswirtschaft heute langsamer wächst als früher, vor allem eines: erfolgreich. Hinzu kommt, dass die Mischung aus politisch-autoritär und wirtschaftlich-liberal für viele afrikanische Regierungen hochattraktiv ist: Sie hilft, den Machterhalt zu sichern.

Die Folge sind zunehmend autoritäre Tendenzen. So folgen viele Präsidenten den Staatschefs von Kamerun, Niger und Burundi, denen es gelungen ist, die Beschränkung ihrer Amtszeit auf zwei Wahlperioden abzuschaffen. Auch Paul Kagame, Präsident des erfolgreichen Ruandas, hat sich im Dezember vergangenen Jahres bei seinen Wählern einen Freibrief für seine Wiederwahl geholt.

Trotz alldem bleibt festzuhalten: Privateigentum, digitale Kommunikation und die städtische Mittelschicht sind die entscheidenden Faktoren für den Fortschritt in Afrika. Es waren Unternehmer, die den Kontinent erfolgreich verändert haben. Doch ihre Partner fanden sie oft nicht in Europa.

Denn dort wird Afrika noch immer allzu oft als Kontinent gesehen, dem man helfen muss. Chinesische Konzerne dagegen sehen Chancen. Wer bereit ist, Risiken einzugehen, der kann wichtige Kontakte knüpfen und für beide Seiten gute Geschäfte machen. Wer jedoch durch Abwesenheit glänzte, für den wird es immer schwieriger, dabei zu sein, wenn ein ganzer Kontinent sein gigantisches Potenzial entfaltet. ---

* b1.de/_ruanda

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