Ausgabe 08/2016 - Schwerpunkt Lust

Das Lustprinzip

„Ach!“ – spricht er – „Die größte Freud’ / Ist doch die Zufriedenheit!!“

Lehrer Lämpl, kurz vor der Detonation seiner Pfeife, in Wilhelm Busch: „Max und Moritz“

0. Null Bock

Liebe Leserin, lieber Leser! Lassen Sie uns, bevor wir anfangen, Klartext reden. Es gibt zwei Möglichkeiten: Sie haben Lust darauf, diesen Text zu lesen. Danke, das ist wunderbar, Sie können diesen Absatz gleich überspringen.

Nee, DU nicht! Du bleibst gefälligst hier, Freundchen! Du hast keinen Bock?

Was soll das bringen, sagst du? Du hast keine Lust? Du willst deine Ruhe? Weißt du was, du leidenschaftsloses Würstchen? Ich kann das sehr gut verstehen.

1. Leidenschaftslos

Heute ist es so: Die Guten müssen immer Bock auf irgendetwas haben. Wir leben in Zeiten, in denen alles erlaubt und vieles möglich ist – nur eines nicht: keine Lust zu haben. Früher stimmte mal, was Wikipedia bis heute als Definition der Lust bereithält. Dass die Lust nämlich „eine intensive angenehme Weise des Erlebens“ ist, „die sich auf unterschiedlichen Ebenen der Wahrnehmung zeigen kann“. Dieses außergewöhnliche Gefühl offenbare sich beim „Speisen“, durch sportliche und „schöpferische Tätigkeiten“, vor allem aber als „Bestandteil des sexuellen Erlebens“.

Das ist, nach heutigen Maßstäben, ein ziemlich bescheidenes Betätigungsfeld. Das Lustprinzip unserer Tage kann mehr, nämlich alles, es gilt immer und überall und setzt auf Inklusion. Sogar Leute, die meinen, an sich das Burnout-Syndrom erkannt zu haben, folgen diesem Prinzip, indem sie ihre Kraftlosigkeit öffentlich zelebrieren. Wer fragt schon, ob das Lustprinzip nicht auch seine Grenzen hat? Selbst Sachbearbeiter mit Strickweste müssen ihre Ablage leidenschaftlich erledigen, sonst machen sie sich verdächtig.

Im späten Konsumkapitalismus ist die Lust zum Massenartikel geworden. Wer nicht für alles „brennt“, gilt als teilnahmslos, als gleichgültig. Im politisch korrekten Milieu des frühen 21. Jahrhunderts ist nichts schlimmer als das. Man muss Bock haben, für die richtige Sache brennen. Die Lust ist parteiisch. Sie verlangt klare Glaubensbekenntnisse. Wo so viel Leidenschaft ist, hat die Vernunft ihr Recht verloren – Reiz ist geil.

Das musste ja so kommen.
Wirklich?

Lust muss man heute auf alles haben. Selbst Sachbearbeiter mit Strickweste müssen ihre Ablage leidenschaftlich erledigen, sonst machen sie sich verdächtig.

2. Der Hedonismus 

Lust ist eine menschliche Konstante. In der Ökonomie nennen wir sie Bedürfnis. Wer sich also mit der Lust auseinandersetzt, der redet über das persönliche und gesellschaftliche Hauptmotiv allen Tuns. Das ist keine Kleinigkeit, und deshalb sollte man über die Lust etwas tiefer nachdenken, als es Werbespots tun.

Stellen wir uns dazu eine Szene in einem heißen Land vor ungefähr 2500 Jahren vor. Die meisten Menschen in diesem Land sind sehr arm, aber es gibt auch einige Wohlhabende und dann noch ganz wenige, die sich weder für die einen noch die anderen interessieren, sondern mehr für den Sinn des Großen und Ganzen – die Philosophen also. In der griechischen Kolonie Kyrene im heutigen Libyen bastelt sich ein Mann namens Aristippos ein neues Weltbild. Der Mensch, glaubt er, wird von drei Gefühlen beherrscht, dem Schmerz, den Aristippos den „Sturm der Seele“ nennt, und sein genaues Gegenteil, die Lust, das höchste der Gefühle. Dazwischen aber gibt es noch etwas: die Seelenruhe. Die meisten Menschen, so weiß er, streben nach der Lust, der hedone, wie die Griechen sagen.

Der Hedonismus sorgt schon damals für heftige Diskussionen. Denn das Problem mit der Lust, das wissen die alten Griechen natürlich auch, sind ihre Folgewirkungen und Nebeneffekte. Dazu gehören Eifersucht, Zorn und Wut – was leidenschaftlich anfängt, endet zuweilen in Mord und Totschlag. Das ist ein guter Grund, um ein anderes Ideal zu suchen. Das tut Aristippos’ Nachfolger Epikur. Auch er mag Höhepunkte. Aber noch besser als die kurze Lustspitze scheint ihm der Zustand der Seelenruhe zu sein. Wahre Lust, meint der Philosoph, richte keinen Schaden an. Man muss das im Kontext zu seiner Lebenswirklichkeit verstehen. Die Welt der Antike war brutal, Krankheit, Krieg, Mord und Chaos lauerten überall. Seelenruhe – das war ein angstfreies Leben. In aller Seelenruhe leben, unerschütterlich, ohne sich Extremen auszusetzen, das Erstrebenswerte leicht annehmen und mit dem Unvermeidlichen, dem Schmerz, der Enttäuschung, nicht hadern – das war das persönliche Glück, ein Ideal.

Rein theoretisch war damit die Sache mit der Lust geklärt. Allerdings zeigte sich bald das Problem aller Ideale: Sie sind nicht besonders praxistauglich. Man kann sie anstreben, aber nicht erreichen. Und selbst diese Versuche sind äußerst nerv-, energie- und zeitraubend, sie kosten Kraft und Freude und jede Menge Disziplin. Nein, die angestrebte Seelenruhe erwies sich keineswegs als leichte, schwebende Angelegenheit, sondern als Knochenjob. Wer höchste Lust erleben will, muss seine Leidenschaft bezähmen. Das wurde in der abendländischen Kulturgeschichte zum erstrebenswerten Ziel aller geistigen und weltlichen Führungskräfte – und ist bis heute ein intellektuelles Leitbild geblieben.

Man darf das nicht mit der Lustfeindlichkeit verwechseln, die andere Gründe hat. Ihr Aufstieg begann im vierten nachchristlichen Jahrhundert und war eine Folge der neuen römischen Staatsreligion, des Christentums.

In der vorchristlichen Ära galt es, so viel Lust wie möglich zu erleben, um damit die Leiden des Daseins zu lindern, zu kompensieren und mit viel Glück erst gar nicht an ihnen zu laborieren. Im Imperium Romanum hielten sich alle, die konnten, daran – in Form von Orgien, Ausschweifungen, Exzessen und einer Unzahl an Feiertagen, Festen, Spielen und Vergnügungen. Bis heute nennen wir solch zügelloses Treiben „wie im alten Rom“. Das ist nicht nur eine Redensart, sondern auch ein Bekenntnis zu einer Weltanschauung, einer ganz bestimmten Unlustgesinnung.

Die Geschichte von Tod und Leiden Jesu Christi am Kreuz ist vor allen Dingen auch die Antithese zum alten Hedonismus. Wer ewiges Leben will, muss erst mal leiden. Das stellt die Verhältnisse auf den Kopf.

Es folgte ein Jahrtausend fleißig und gnadenlos organisierter Unlust, eine Ära, die wir heute Mittelalter nennen. Die Leidenschaft und alle ihre Grundlagen wurden zu Sünden erklärt. Sünde ist immer eine individuelle Angelegenheit, die Lust an der Befriedigung persönlicher Bedürfnisse. Genau das hatten die antiken Philosophen im Auge, wenn sie über den Sinn des Lebens nachdachten – wie kann der Einzelne möglichst viel Lustgewinn erzielen? Diese Frage wurde im Christentum zur Schuld, zur Sünde.

3. Todsünden 

Die Lust des Ichs kollidiert früher oder später mit dem kollektiven Gehorsam, den man der Obrigkeit – Kirche, Fürst, Partei, Staat oder dem Management – „schuldet“. Der Kampf gegen den Individualismus ist identisch mit dem gegen die Lust. Dazu muss man nicht ins 6. Jahrhundert zurückkehren, der Zeit, in der die Wollust und das Begehren – lateinisch luxuria – zur Todsünde erklärt wurden. Das ist bis heute der Kern dessen geblieben, was die Kirche Todsünde nennt, das unverzeihlichste Verbrechen von allen.

Vor nur etwas mehr als drei Jahrzehnten, im Jahr 1984, hatte der damalige Papst Johannes Paul II. die Todsünde als „denjenigen Akt“ definiert, bei dem „ein Mensch bewusst und frei Gott und sein Gesetz sowie den Bund der Liebe, den dieser ihm anbietet, zurückweist, indem er es vorzieht, sich sich selbst zuzuwenden …“

Dieses Konzept erwies sich als äußerst haltbar. Die Protestanten übernahmen es in ihrer Reformation von den Katholiken, und die linken und rechten Ideologien, die mit der Französischen Revolution entstanden, speicherten das in ihrer DNS – sie verbreiten bis heute, dass Lust etwas Suspektes ist und der Gemeinschaft schadet.

Zwei Jahrtausende lang wurde der Hedonismus, der Versuch des Menschen, selbst herauszufinden, was ihm Lust und Freude bereitet, und eine vernünftige, ihm entsprechende Balance zu finden, als Verbrechen, als bösartiger Egoismus denunziert. Kein Wunder, wenn nach und nach Lust und Leidenschaft einen schlechten Ruf bekamen.

Diktaturen sind besonders prüde, nicht nur jene, die sich einem fundamentalistischen Christentum oder Islam verschrieben haben. In Hitlers Deutschland galt schon das Auftragen von Lippenstift als volkszersetzend – „die deutsche Frau schminkt sich nicht“, hieß es.

Im Jahr 1965, in dem die Beatles die Welt eroberten, warnte der im Stalinismus gestählte Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, auf dem XI. Plenum des Zentralkomitees der SED die Jugend seines Landes davor, sich der Lust und Leidenschaft von Rock ’n’ Roll und Beat hinzugeben: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nun imitieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je (Yeah, Yeah, Yeah, Anm.) und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“

Wer Macht über andere ausüben wollte, der kontrollierte immer auch deren Lust. Nur der Kapitalismus geht mit der Lust leidenschaftslos um. Wer will, der kann.

4. Rock ‘n’ Roll 

Auch wenn Ulbrichts Appell letztlich genau das Gegenteil auslöste – verbotene Lust reizt bekanntlich noch mehr – und die DDR-Jugend geradezu süchtig nach Westmusik machte, er wusste durchaus, welchen Feind er da bekämpfte: Spätestens seit Elvis „The Pelvis“ Presley und dem Aufstieg des Rock ’n’ Roll in den Fünfzigerjahren war klar, dass die neue Jugendkultur Freiheit, Individualität und freie Sexualität auf ihr Banner geschrieben hatte.

Es ist kein Zufall, dass das Wirtschaftswunder in der westlichen Welt nahezu zeitgleich das Thema Erotik und Sex auf die Agenda setzte – zunächst über den „unverdächtigen“ Umweg in der Wissenschaft, die der Sexualforscher Alfred Kinsey, William Masters und Virginia Johnson. Lust wird als Bedürfnis verstanden. Es ist nur durch Moral von anderen Bedürfnissen, die sich materiell wie immateriell befriedigen lassen, getrennt.

Dass die Lust ein Bedürfnis ist – die Grundlage der Ökonomie –, merkt man in der erfolgreichen kapitalistischen Nachkriegsgesellschaft sehr schnell. Kaum sind die elementaren Bedürfnisse gedeckt, die nackte Existenz gerettet, geht es ums Vergnügen. Auch wenn der Schutt vieler Jahrhunderte darauf lagert.

Lust haben, ein Bedürfnis befriedigen wollen, das ist ein Wohlstandsphänomen – und höchst gefährlich für alle, die die Lust ihrer Bürger ebenso wie deren politische Meinung kontrollieren wollen. Walter Ulbricht wusste das sehr gut – die Lust, das war die Vorhut des Klassenfeindes. Was mit „Yeah, Yeah, Yeah“ anfing, würde schließlich mit „mehr, mehr, mehr“ enden – also dem Aufstand der auf Hedonismus und materielle Bedürfnisbefriedigung abzielenden Bevölkerung.

Ulbrichts Lagebeurteilung war – wie sich 1989 herausstellen sollte – ziemlich präzise. Auch im maoistisch-totalitären China, das sich erst Ende der Siebzigerjahre etwas lockerte, galt westliche Musik als „dekadent“, ein Urteil, mit dem Staatsfeinde schnell ins Jenseits befördert werden konnten. Stattdessen sang man lieber die Parteihymne „Der Osten ist rot“. So nannte der deutsche Avantgarde-Rocker Holger Czukay, Mitbegründer der legendären Rockgruppe Can, auch sein 1984 erschienenes Soloalbum. Auf dessen Plattencover liest man eine Warnung der chinesischen KP vor dekadenter Westmusik – und die Empfehlung, lieber realsozialistische Traditionals wie das Parteikampflied „Die Fäkaliensammler kehren vom Berg zurück“ zu singen.

Allerdings wurde auch im freien Westen der Verfall der Sitten immer wieder thematisiert. Im Jahr 1951 gab es wegen eines kurzen Nacktauftritts der jungen Hildegard Knef im Willi-Forst-Film „Die Sünderin“ fast eine Staatskrise, mit Demonstrationen, Aufführungsverboten in zahlreichen Städten und einem heftigen Kulturkampf.

Dann kam, mit dem Wirtschaftswunder, der Rock ’n’ Roll und seine eindeutig sexuell konnotierten Texte und Tänze. In den Sechzigerjahren mutierte er zum Beat, der die Leidenschaft zum zentralen Thema machte. Immer schamloser ging es zu.

Als Sigmund Freud zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Arbeiten zum „Lustprinzip“ vorstellte, war Sex ein absolutes Tabuthema. Freuds rasch wachsende Bekanntheit war vor allen Dingen auch dem Umstand zu verdanken, dass seine Schriften als Provokationen des spießigen Bürgertums angelegt – und als Skandal von diesem hochwillkommen aufgenommen wurden. Sex sells.

Ein halbes Jahrhundert nach Freuds Lustprinzip wurde es zum neuen gesellschaftlichen Leitmotiv. Wer kulturell und politisch auf der Höhe sein wollte, zog sich um 1968 herum aus – nicht zufällig ist eine der Ikonen dieser Zeit das Poster mit den nackten Mitgliedern der Kommune 1 um Rainer Langhans und Fritz Teufel, die sich paradoxerweise sonst gern mit sogenannten Mao-Anzügen zeigten, eine Kombination, die sie in der von ihnen so verehrten Volksrepublik China – zumal zu Zeiten der Kulturrevolution – in ernste Schwierigkeiten gebracht hätte. Die Linke aber glaubte damals, nicht nur in Deutschland, fest daran, dass das Sprengen bürgerlicher Sexualtabus irgendwie auch gleich eine Revolution auslösen würde. Doch der Kapitalismus, das erfolgreichste System zur Befriedigung materieller Bedürfnisse aller Art, lachte sich eins.

Sexuelle Befreiung? Wenn’s weiter nichts ist. Bitte schön, bitte gleich! Rainer Langhans, dem nackten Kommunarden, wird der Satz „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ zugeschrieben, doch der bestreitet das. Das Kurzgedicht habe sich, so Langhans in einem Interview vor einigen Jahren, ein Reporter der Illustrierten »Stern« einfallen lassen. Das klingt plausibel. Das Hamburger Magazin profitierte wie seine Konkurrenten umgehend von dem, was man bald Sexwelle nannte. Wer auf den Titeln und im Heft etwas anhatte, verstieß gegen den neuen Dresscode.

Der Tabubruch wurde anfangs sachte vollzogen. Man zeigte dem Leser nicht einfach von heute auf morgen Schweinkram, sondern „informierte“ ihn, beispielsweise über die „Sexualbräuche der Naturvölker“, wie eine von „Wissenschaftlern“ für das Wochenblättchen »Praline« erstellte Serie hieß. So betulich gaben sich auch Blockbuster wie „Der Schulmädchenreport“, der natürlich rein pädagogischen Zwecken diente.

Auch dieser Trick war, wie vieles aus dem weiten Feld der Lust und Leidenschaft, nicht neu, sondern aus der Kunstgeschichte der Neuzeit geklaut. Im Mittelalter war Nacktheit ein absolutes Tabu. Doch mit der Renaissance und erst recht ab dem Barock änderte sich das zumindest für die besseren Kreise. Man zeigte doch nur antike Vorbilder, und deren Götter und Helden traten eben meist nackig auf – das billigte man nicht, nein! –, aber was sollte man machen, wenn man die Bildsprache des klassischen Hedonismus zitierte, aus – ähem, rein künstlerischen Gründen, versteht sich.

In der Konsumgesellschaft der Siebzigerjahre war das bald nicht mehr nötig. Um mit Nacktheit, die mit Sexualität assoziiert wurde, noch aufzufallen, musste man schon etwas Außergewöhnliches tun, etwa bei öffentlichen Veranstaltungen nackt vor die Kamera springen oder durch die Straßen laufen. Flitzer nannte man das damals, und die, die so was taten, hatten natürlich eine politische Botschaft. Das kennt man auch heute wieder – etwa von Tierschutzaktionen wie „Lieber nackt als im Pelz“ oder Femen. Solche Auftritte erregen allerdings heute kaum noch Empörung, weit eher das Mitgefühl mit den Demonstranten, die bevorzugt in der kalten Jahreszeit und nur mit Spruchband und Schuhen bekleidet für die gute Sache frieren. Die armen Dinger, hört man dann, haben ja gar nichts an.

5. Strenge Kammer 

Wie traurig, aber da ist nichts zu machen.
Was früher reizvoll war, ist heute längst Massenartikel, normal, langweilig, wohlfeil geworden. Es ist das alte Problem: viel Quantität, wenig Qualität. Die meisten haben dieses industrialistische Prinzip so verinnerlicht, dass sie von einem Höhepunkt zum nächsten jagen. Das, was zwischen den Orgasmen in Beruf, Sport und Freizeit liegt, ist eigentlich langweilig und muss möglichst kurzgehalten werden. Früher sagte man Leben dazu. Auch die Wahrnehmung der Welt erfolgt unter diesem Prinzip der Dauererregung. Doch kaum ist man so richtig betroffen und empört, sackt man auch schon wieder in sich zusammen. Her mit der nächsten Sau.

Wollte man unsere Zeit mit einer Geisteskrankheit charakterisieren, dann wäre sie wohl ein manisch-depressiver Schub, glaubt der Autor, Psychiater und Berater Fritz Simon. Doch dazu sind wir nicht gebaut, weiß er. „Die meisten Menschen wollen nicht immer mehr Lust und noch mehr Lust. Sie wollen Unlust verhindern. Das ist etwas anderes. Da geht es nämlich um die Vermeidung von Anstrengung.“ Wäre es anders, sagt Simon, dann würden „die Leute rund um die Uhr masturbieren“. Das machen aber die meisten dann doch nicht. Sie suchen lieber anstrengungsarme Befriedigungen, beispielsweise „das Fernsehen. Ein Spaß ohne Aufwand.“

Die Grenzen der Lust sind dort erreicht, wo man – wie heute im Berufsleben üblich – ständig so tun muss, als ob man Mordsbock auf alles hätte, was einem von oben vorgegeben wird. Dabei entstehe eine spezielle Form von Leistungsgesellschaft, sagt Simon. Zudem schwant es vielen, dass sie ohnehin nur austauschbare Spielfiguren in der Organisation sind. Nur Idioten arbeiten mit Leidenschaft und Lust daran, dass man sie jederzeit ersetzen kann. Gegen diese Systemfehler kommt kein Tschaka-Rufen, kein Motivationsseminar an. Nicht selten leben oben im Management einige wenige ihre Leidenschaft aus – und zwingen andere dazu, wenigstens so zu tun, als ob sie darauf Bock hätten. Max Weber hat das „stahlhartes Gehäuse“ genannt, aber in Zeiten des Lustzwangs wird daraus eine strenge Kammer.

Der große Hänger ist programmiert. Die Leidenschaft stirbt, wenn sie zur Pflicht wird. Man kann das Reizüberflutung oder Übersättigung nennen. Das liegt nicht am großen Lustangebot, sondern daran, was wir daraus machen – oder besser gesagt nicht daraus machen.

Die Erfahrung, dass so viele Lust haben dürfen, ist nämlich historisch neu. Die allermeisten können das noch nicht.

Lust ist nicht so wichtig. Unlustvermeidung ist wichtig. Sonst, sagt Fritz Simon, „würden die Leute rund um die Uhr masturbieren“.

6. Bienen 

Der Sozialtheoretiker Bernard Mandeville schrieb im liberalen England des frühen 18. Jahrhunderts seine berühmte „Bienenfabel“, in der er das von den Kirchen und der herrschenden Moral offiziell gegeißelte Laster als Grundlage einer funktionierenden Ökonomie und Gesellschaft bezeichnete. Mandeville plädierte für verschwenderische Vielfalt und das Lustprinzip statt demütige Bescheidenheit und Kleinkrämerei. Lust und Leidenschaft sind bei ihm persönliche Triebe, die sich nicht unterkriegen lassen – ein Synonym für das Leben schlechthin.

Natürlich wurde er dafür gleich angezeigt. Ein Gericht in Middlesex meinte, Mandevilles Thesen wären geeignet, die Religion und die „bürgerliche Herrschaft“ hinwegzufegen.

Scharf beobachtet – und das gilt bis heute. Die Laster bestehen selbstverständlich nur vordergründig aus Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll. Das wahre Laster ist das, was die Ulbrichts dieser Welt so fürchten: die Erkenntnis des Einzelnen, dass er eigene, unverwechselbare persönliche Bedürfnisse hat, die nur er selbst befriedigen kann. Machthaber wollen nicht nur die Kontrolle über Zeit, Kraft, Wissen und Triebe ihrer Untergebenen, sie wollen vor allen Dingen verhindern, dass die wissen, worin ihre persönlichen Bedürfnisse wirklich bestehen. Nichts ist gefährlicher für das Management als das, weiß Mandeville: „Um (…) das Volk selbst in kümmerlichsten Zuständen zufrieden zu machen, ist es nötig, dass die große Mehrheit sowohl unwissend als arm bleibt. Kenntnisse erweitern und vervielfachen unsere Bedürfnisse, und je weniger ein Mann bedarf, desto leichter können seine Notwendigkeiten befriedigt werden“, schreibt er in der Bienenfabel.

Man muss diese kluge Analyse nochmals wiederholen: „Kenntnisse erweitern und vervielfachen unsere Bedürfnisse.“ Damit hat Mandeville nicht nur das ökonomische Grundprinzip aller entwickelten Wissensgesellschaften auf den Punkt gebracht, sondern auch die dazugehörigen Probleme. Die späte Konsumgesellschaft geht mit Lust und Leidenschaft so um, wie sie es gelernt hat: Sie schert sie über einen Kamm, macht sie zu Massenprodukten, zu Massenbedürfnissen.

Davon haben die Leute aber die Nase voll – das törnt sie ab. Im wahrsten Sinn des Wortes, sie wollen mehr. In Abraham Maslows berühmtem hierarchischen Modell der menschlichen Bedürfnisse steht ganz oben die Selbstverwirklichung. Lust und Leidenschaft lassen sich in einer wohlständigen Welt der Vielfalt nicht mehr verordnen. Sie lassen sich nur selbst erleben. An und für sich. Sie wollen sich selbst spüren. Das führt zu mehr Selbstbewusstsein.

Wer andere kontrollieren will, um daraus einen Nutzen zu ziehen, fürchtet das wie die Pest. Die Leute sind leichter zu beherrschen, wenn sie weniger wissen – und damit weniger Bedürfnisse für sich entdeckt haben und auch weniger wollen. Wer aber einmal „Oh Yeah“ sagt, hört damit nicht so schnell wieder auf.

7. Die Erdung der Lust 

Wer keine Lust hat, keinen Bock auf die falsche Leidenschaft, der liegt ganz richtig – und hat das Wichtigste schon verstanden: Wenn alles geht, ist nichts mehr geil. Das spricht nicht für Beschränkungen, sondern für die nächste Entwicklungsstufe: sich zu entscheiden. Bei Sigmund Freuds Theorie des Lustprinzips taucht als unerlässlicher Gegenpol das Realitätsprinzip auf. Man könnte sagen, dass es die Lust erdet – was ein wenig ernüchternd klingt, aber wichtig ist. Lust, die ihre Grenzen kennt, daran aber auch immer wieder arbeitet, ist reizvoller als ein anything goes, bei dem alles unverbindlich bleibt.

Materielle Bedürfnisse funktionieren genau so. Wenn es nichts mehr gibt, was man sich wünschen kann, wenn alles sofort und mühelos erreichbar ist, dann verliert die Lust ihr Recht.

Der 1997 verstorbene Wiener Psychoanalytiker Viktor Frankl formulierte das so: „Je mehr es dem Menschen um die Lust geht, desto mehr vergeht sie ihm schon. Je mehr er nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon.“

Das ist vor dem Hintergrund des Glücks-Booms der vergangenen Jahre eine wichtige Erkenntnis. Man muss sich schon selbst entscheiden, worauf man Lust hat oder nicht. Das schließt natürlich das Recht ein, keinen Bock zu haben.

Entweder ist alles geil oder alles scheiße. Was ist eigentlich mit der Zufriedenheit? Wäre es nicht richtig cool, zufrieden zu sein?

8. Coolness 

Davon konnte der Wiener Chansonnier und Dichter Georg Kreisler ein Lied singen. Es hieß „Ich hab ka Lust“ und wurde 1964 veröffentlicht, noch bevor die große Lustwelle über uns kam. Und wie im Titel schon klar wird, geht es dabei nicht darum, was Kreisler will – worauf er Lust hat –, sondern das genaue Gegenteil, was ihm „gestohlen werden kann“. Alles, was einem im Leben lästig ist, solle man mit einem „Ich hab ka Lust“ von sich weisen, schlägt Kreisler vor. Das ist mehr als das moderne Prokrastinieren unserer Zeit – es bedeutet, einfach auch einmal Nein zu sagen, wenn alle Ja sagen. Um mit Huckleberry Finn, dem Romanhelden Mark Twains, zu reden: „Nö, Tom, da mach’ ich nicht mit.“

Das ist cool – und eine sehr vernünftige Reaktion auf die allgegenwärtige Verpflichtung, leidenschaftlich mitzuziehen und auf alles Lust haben zu müssen, auch das, was die Organisation an Sinnlosem und Dummem bereithält – und das ist ja nun wirklich eine ganze Menge.

Das meint zumindest der Organisationsforscher Christian Julmi von der Fernuniversität Hagen, der sich dem Thema „Coolness“ verschrieben hat. Das kollektive Lust-habenMüssen habe, meint Julmi, schon solche Formen angenommen, dass alle, die sich dagegen stellten „und auch einmal Nein sagen, einen klaren Karrierevorteil haben – sie gelten als souverän. Wer sagt, dass er keine Lust hat, macht sich nicht gemein, sondern exklusiv.“ Damit verschafft man sich Aufmerksamkeit und Respekt. Und wer das Ganze noch gelassen durchzieht, zeigt auch, dass er nicht abhängig ist – die Coolen können auch anders –, „sie demonstrieren ihre Selbstständigkeit“, sagt Julmi, „und sie machen klar: Ich habe meine Grenzen. Und ich muss auch nichts werden, weil ich schon jemand bin.“ Wer cool ist, macht – so sagt die Forschung – eher Karriere als andere, eben weil er oder sie klar demonstriere, das gar nicht nötig zu haben. Es sind persönliche Ziele, die Coole offen verfolgen. Sie lassen sich ihre Lust nicht von Organisationen, Anführern oder Regeln vorschreiben. Sie wollen nicht geliebt werden, weil sie gelernt haben, sich selbst gut leiden zu können.

Die Coolen kommen indirekt zum Höhepunkt. Das funktioniert, wenn man es ernst meint und seine Coolness nicht bloß spielt, ziemlich gut – und bestätigt Viktor Frankls Erkenntnis über Lust und Glück.

Echte Coolness ist immer seelenruhig – und damit ganz nah an dem Ideal der antiken Hedonisten, die diesen Zustand Ataraxie nannten. Man kann das vielleicht am besten mit einem altmodischen Wort beschreiben, Gleichmut, den heute viele mit Gleichgültigkeit verwechseln. Das aber wäre grundfalsch. Gleichmut ist alles andere als Desinteresse und Ignoranz. Er besteht aus Vernunft und abwägender Ruhe, die sich vor die Leidenschaft stellt. Man sieht sich und die Menschen und die Welt leidenschaftslos.

Das galt zu allen Zeiten als Symbol wahrer Stärke. Die Voraussetzung dafür ist allerdings zu wissen, wer man ist.

9. Zufriedenheit. Sinn 

Für alle, die nach mehr Lust, Leidenschaft und Brennwert in ihrem Job suchen, wäre das der richtige Ansatz, glaubt Catharina Bruns. Die Unternehmerin und Autorin („Frei sein statt frei haben“) beschreibt das Grundmuster der Lustlosigkeit so: „Die wichtigste Frage der Welt stellen sich die Leute gar nicht: Was will ich? Was macht mir Freude? Worauf habe ich wirklich Lust? Das läuft immer nebenher, das haben wir nicht gelernt.“ Statt sich einmal mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich über seine Bedürfnisse klar zu werden, „hoppen dann viele von Job zu Job. Sie verändern das Äußere, den Bürostuhl, die Lage – das Setting aber bleibt gleich.“ Kein Wunder, sagt sie, dass dann „der Bore-out der neue Burn-out ist – und dem kann man auch nicht durch teure Reisen an entlegene Orte der Welt entgehen, weil man dort die gleichen frustrierten Leute trifft wie zu Hause“.

Diese Form von null Bock sei „kindisch, weil man vor sich und seinen Bedürfnissen auf der Flucht ist“. Das komme davon, weil man die Menschen von klein auf so erziehen würde, dass sie „nach Anerkennung und Liebe anderer gieren – aber es für die eigene Anerkennung nicht reicht“.

Das Problem mit der Unlust, sagt Bruns dann noch, sei es, dass die Leute eben „nicht mit sich selbst zufrieden sind“.
Was für ein altmodisches Wort. Was für ein wichtiges Wort. Zufriedenheit.

Es passt irgendwie nicht ins Zeitalter der Extreme, in dem alles entweder total geil oder total scheiße ist. Zufriedenheit klingt zu einfach, fast schon resignierend. Das sagt man doch nur, wenn man nichts Besseres hat, oder? Falsch.

Zufriedenheit bedeutet, mit sich im Reinen zu sein. Danach streben die meisten, aber nur wenige kommen dort an, weil sie – mit Frankl – auf der Jagd nach mehr Glück und Lust beides verjagen, also „vor sich selbst auf der Flucht sind“, wie Bruns sagt. Vielleicht bleibt ihr mal einen Moment stehen und überlegt mal ganz cool, leidenschaftslos, ohne großes Theater, einmal nicht, wohin es gehen soll, sondern mit wem. Ganz cool.

Begeisterung ist nicht nötig. Lust auf ein eigenes Leben genügt völlig. Darauf Bock zu haben ist der Sinn der Sache. ---

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