Ausgabe 08/2016 - Schwerpunkt Lust

Wie wird Bildung zur Quengelware?

Prof. Dr. Stephan A. Jansen, Leiter des Center for Philanthropy & Civil Society (PhiCS) an der Karlshochschule, Karlsruhe

Was ist Bildung?

Der Begriff ist so richtig erst im 18. Jahrhundert in Deutschland angekommen. Meister Eckhart hat ihn – deutlich früher – am schönsten eingeführt: das Erlernen von Gelassenheit. Mit Friedrich Schleiermacher und Wilhelm von Humboldt entsteht dann der Gedanke, mit Bildung könne man sich zum Autoren der eigenen Lebensgeschichte machen. Und da kommt auch die Lust ins Spiel. Bildung macht Spaß, weil es um die Idee der Selbsttätigkeit geht, um John Lockes Idee der Selbstbestimmung, Immanuel Kants Förderung der Urteilskraft und um Georg Wilhelm Friedrich Hegels Idee der Geistestätigkeit, um frei und unabhängig zu leben. So verstanden ist Bildung die Pflege der Neugier auf die Welt und auf sich selbst in der Welt. Eine Art Sucht, die immer höhere Dosen braucht: Wissensdurst ist nicht löschbar. Neurophilosophisch wissen wir auch: Neugier ist notwendig, damit das Gehirn nicht in eine Depression verfällt.

Warum ist davon an den Schulen so wenig zu spüren?

Kinder sind egoistische Lernlüstlinge, feiernde und feixende Fragende an die Welt und die Eltern. Doch an den Schulen wird aus der Lust eine Pflicht, und es geht darum, das Wissen anderer zu erlernen, das irgendwann später einmal wichtig werden könnte. Das ist im schlechtesten Sinne langweilig. Meine Tochter – an der Universität aufgewachsen – fragte kurz vor der Schulwahl sehr irritiert, warum sie denn noch auf die Schule gehen müsse, wenn sie doch eh an die Universität wolle. Die Frage war nur formal beantwortbar, also nicht sonderlich überzeugend. Aber nach der Grundschule kam ein neuer Verdacht auf: Warum müsse man denn Dinge lernen, die das Smartphone, Amazon Echo oder bald auch Google Home einem ebenso verraten können?

Vielleicht weil die Bildung längst in den Fängen einer Bürokratie ist, die mehr an vergleichbaren Abschlüssen als an Ergebnissen interessiert ist?

In der Tat. Zahlreiche Institutionen haben der Bildungsdiskussion in einem neuen wirtschaftlich und politisch besetzten Orchester seit den Neunzigerjahren – durchaus gut gemeint – eine andere Melodie gegeben: das Lied der „globalen Wissensökonomie“. Ging es zuvor um die innerliche Welterkennung stand nun die technische Les- und Beschreibbarkeit der äußerlichen Welt im Fokus. Das nennt man nun Literalität. Das mag für die Bildungseliten in Entwicklungs- und Schwellenländern nachvollziehbar sein, aber die Folgeerscheinungen sind Formalisierung, Bürokratisierung, Akkreditierung und Verzweckung von Bildung – sie ist nur noch für die Befähigung zur Beschäftigung da. Und das wiederum hat zur Folge, dass Bildungsabschlüssen trotz zunehmender Qualitätskontrolle mehr misstraut wird. Die Bürokratisierung tötet die Lust auf das Lernen. Erst langsam wird als Ironie der Wissensökonomie erkannt, dass Bildung da anfängt, wo das Wissen aufhört. Aber keine Sorge: Die Bildungsdiskussion dreht sich erneut. Und das ist jetzt auch notwendig: Denn Digitalisierung, Algorithmisierung und eine wie auch immer definierte künstliche Intelligenz fordern nicht nur die Bildungsinstitutionen mit Blick auf deren Abschlüsse und Prüfungen heraus, sondern auch die Art des Lernens und Forschens selbst.

Sie plädieren für eine „sinnliche Bildung“. Was meinen Sie damit?

Die weitgehende Demokratisierung des Wissens nach Jahrtausenden von Wissen als Machtquelle verlangt eine neue Dramaturgie des Lernens und Forschens. Auf der einen Seite bedarf die digitale Vermittlung von Wissbarem neuer und anregender Zugänge als noch derzeit. Auf der anderen Seite müssen wir auch darüber nachdenken, wie das Nicht-Wissbare zu ermitteln sein könnte. Wir brauchen für unterschiedliche Wahrnehmungstypen unterschiedliche Formate der Vermittlung – es gibt Menschen, die lieben Hörbücher, andere schlafen dabei wie ich verlässlich ein. Einige lesen Bücher, andere sehen Videos, wiederum andere lernen durch Spiele. Da haben wir nun deutlich mehr Möglichkeiten.

Ist das schon sinnlich?

In meinem Verständnis geht es weniger um Esoterik als um die Erkenntnis, dass es auf künstliche Intelligenz nur zwei Reaktionsmöglichkeiten gibt: künstliche Dummheit oder menschliche Intelligenz, was sich übrigens nicht ausschließt. Künstliche Dummheit ist eine naiv anmutende Befragung von Selbstverständlichkeiten, die keine sind. Menschliche Intelligenz beginnt da, wo Kreativität im Nicht-Wissen, im Nicht-Regelbasierten notwendig wird. Da können auch lernende Algorithmen nicht mithalten. Freiheits- und Gerechtigkeitssinn, Orientierungs- und Irritationssinn, Eigen- und Gemeinschaftssinn, Realitäts- und Möglichkeitssinn oder Körper- und Mediensinne werden die mehr als sieben Sinne sein, die man in unseren Zeiten beisammen haben sollte.

Wer soll das lehren?

Das kann, sollte und wird in den meisten Bildungsinstitutionen zunehmend Einzug halten. Denn das 21. Jahrhundert wird vermutlich eines werden, das die nonformale beziehungsweise informelle Bildung deutlich übergewichten wird. Ob in Sebastian Thruns gut finanziertem Onlinebildungs-Start-up Udacity. Ob durch neue Verlage, die sich Kindergärten, Schulen, Hochschulen und sonstigen Wissbegierigen anders zuwenden als bisher. Oder durch jedwede andere Methode, mit der sich die Lust auf das Lernen in sehr unterschiedlichen Kontexten jenseits der Abschlüsse, der Rollenrituale, der Orte oder Lehrbücher wecken lässt. Bildung wird eine Quengelware, wie die Süßigkeiten an der Kasse genannt werden. Will man haben. Nervt man seine Eltern deswegen.

Gilt das aber nicht eher für die Weiterbildung als für die grundständige Bildung?

Nein, das beginnt am Anfang. Lebenslanges Lernen ist keine Drohung im Sinne von „Lernen lebenslänglich“, sondern die Pflege der frühkindlichen Lust. Wenn die Algorithmisierung kommt, dann sollten wir uns spätestens alle wieder dieser ursprünglichen Lust hingeben. Die OECD hat in einer international vergleichenden Studie im Frühjahr über die digitale Ersetzbarkeit der Arbeitsplätze Deutschland eine besonders bedenkliche Prognose erstellt – wegen unseres Bildungssystems. Die University of Oxford geht bei 702 analysierten Berufsfeldern davon aus, dass 47 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse in den USA mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit in wenigen Jahren wegfallen werden. Alle Bildungseinrichtungen werden gefordert sein, das Lernen zu lernen, Kritik und Kreativität anzuregen und die Interdisziplinarität zwischen Technik- und Computerwissenschaften und den Geisteswissenschaften mit Blick auf die Kognition, die Sinneswahrnehmung und Geistesgegenwart zu akzentuieren.

Was kann die Politik dafür tun?

Das letzte Versprechen des Nationalstaates ist das der Selbstentfaltung durch Bildung. Es ist ein Gewinn für alle Beteiligten: die Bürger, die Arbeitsmärkte, die Demokratie und die Staatsfinanzierung. Die Herkunftsabhängigkeit von Bildungskarrieren ist und bleibt dagegen ein Skandal – derzeit für bildungsfernere Gruppen und bisherige Migranten, bald könnte er einer für die Geflüchteten werden. Um die Gewinnerseite zu stärken, muss Deutschland seine Bildungsfinanzierung auf den Kopf stellen: massive Investitionen in eine dann kostenlose frühkindliche Bildung und die Grundschulen und eine behutsame und faire, also nachlaufende private Kostenbeteiligung an der Hochschulbildung. So ist das eigentlich überall in der Welt und wird von Nobelpreisträgern wie James Heckman bildungsökonomisch auch sehr präzise empfohlen. Konkret ist die Ideen-Liste der Bildungspolitik ja ganz kurz: (1) Kindergärten als qualitativ aufregende Anregungsarenen für alle ab dem dritten Lebensjahr ausbauen. (2) Digitale Kompetenzen in den primaren und sekundären Bildungsstufen. (3) Sozial faire, nachlaufende Studiengebühren, gemessen an der individuellen Bildungsrendite. Und: (4) die Weiterentwicklung der Volkshochschule als Präsenz- und Fernuniversität des wirklichen Lebens.

Und dann kommt die Lust?

Dafür fehlt noch die Vermittlung – denn die erogenen Zonen der Bildung werden über die Menschen und ihre Begeisterung geschaffen. Auf dem Weg dorthin brauchen wir eine besondere Wertschätzung der Vermittlungskompetenz der Lernbegleiter, die vielleicht irgendwann so genannt werden. Massenvorlesungen und Skripte werden der Vergangenheit angehören, was Friedrich Nietzsche schon im Jahr 1872 empfahl. Und das gilt auch für oft die Intelligenz beleidigende Lernvideos.

Sie haben 2003 die Zeppelin Universität als interdisziplinäre Universität gegründet – was fördert nach Ihrer Erfahrung die Lust auf das Lernen?

Bei einer Alumni-Befragung von mehr als 30 000 Studierenden in den USA kam heraus, dass nachhaltige Glücksmomente nicht der Abschluss oder das Renommee der Hochschule seien, sondern das Gespräch mit besonderen, forschungsgetriebenen Professoren. Bildung braucht Bindung. Dafür haben wir damals viele Formate entwickelt, die das Inwendiglernen vor das Auswendiglernen stellten, das Vorherlesen vor die Vorlesung, die Selbstbelustigung vor die Fremd-Beschäftigung. Der Geschmack der selbst geknackten Nuss ist einfach am besten. Und wer eine Nuss geknackt hat, bekommt noch mehr Lust auf die nächsten. ---

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