Ausgabe 08/2016 - Schwerpunkt Lust

Schulverweigerer Thomas und Moritz Neubronner

Ohne kommt man auch gut durchs Leben

Rückkehr aus dem Exil: die Brüder Neubronner und ihr Vater

• Moritz Neubronners Schulbesuch verlief in den letzten beiden Jahren vor dem Abitur erstaunlich konstant. Bei anderen Oberstufenschülern häufen sich die Fehlzeiten, wenn sie erst mal 18 sind und ihre Entschuldigungen selbst schreiben dürfen. Doch Neubronner hatte es nicht nötig, grippale Infekte zu erfinden, wenn er keine Lust auf Mathe hatte. Der heute 19-Jährige aus dem Bremer Stadtteil Vegesack, der 2015 seine Abiturprüfung ablegte, war kein Schüler wie andere. Genau genommen war er gar kein Schüler. Seit dem Beginn des dritten Schuljahres hatte er – mit einer kleinen Unterbrechung vor den Prüfungen zum mittleren Schulabschluss – kein Schulgebäude mehr betreten. Er ist Deutschlands prominentester und hartnäckigster Schulverweigerer. Mit Abitur.

Die Entfremdung von der Schule begann am Ende des zweiten Grundschuljahres. Die Familie wohnte damals im Allgäu. Eines Tages verkündete der Junge, dass er den Unterricht in der von seinen Eltern mitgegründeten privaten Montessori-Schule nicht mehr besuchen wolle. Er wusste, dass diese Schule auch für ihn und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Thomas da sein sollte, er hatte sich auf sie gefreut. Aber schon kurz nach der Einschulung diagnostizierten die Eltern bei dem Jungen eine „Qual der sensorischen Überforderung“ und „existenziellen Leidensdruck“. Moritz fühlte sich von seinen Mitschülern gestört, konnte sich nicht konzentrieren, wurde kränklich. Ihr Sohn sei an der Schule erkrankt, so die Eltern damals. Die Mutter sagte: „Eigentlich wollte er wieder zurück zu den Engeln.“

Nachdem die Neubronners nach Bremen gezogen waren, wurden Moritz und Thomas in einer nahe gelegenen Grundschule angemeldet. Bereits nach wenigen Tagen erklärten sie, dass sie lieber zu Hause lernen wollten, und verweigerten fortan den Schulbesuch. Ihre Eltern begannen sie daheim zu unterrichten. Da beide – er Sozialpädagoge, sie Biologin und Gründerin einer „Praxis für Selbstheilung“ – von zu Hause einen kleinen Buchverlag führten, ließ sich das zeitlich einrichten.

Ärger mit der Schulbehörde war da unausweichlich. Streitpunkt war der Wille der Kinder, nicht zur Schule zu gehen. Dagegen stand die gesetzliche Schulpflicht (brand eins 02/2007, „Wille vs. Recht“) . Sollen Kinder selbst entscheiden dürfen, welche Bildung gut für sie ist, ob sie zur Schule gehen oder nicht? Nein, befand die Bremer Schulbehörde. Die Neubronners sollten ihre Kinder wie alle anderen Eltern auch zur Schule schicken, verlangte die Behörde und unterstrich ihre Forderung mit einem Zwangsgeld von 6000 Euro. Später kamen weitere Zwangsgelder sowie die Androhung von Beugehaft und Sorgerechtsentzug hinzu.

„Besser unser Vater geht eine Woche ins Gefängnis als wir noch acht Jahre zur Schule“, sagte Moritz damals. Bei sieben und neun Jahre alten Kindern hätten die Eltern „unzweifelhaft das Recht zur einseitigen Bestimmung über ihre Kinder“, urteilte das Bremer Verwaltungsgericht, nachdem die Eltern erfolglos für eine Befreiung von der Schulpflicht ihrer Kinder geklagt hatten. Es sei ihre Pflicht, „das unreife Kind vor den nachteiligen Folgen einer praktisch in sein Belieben gestellten Pflichterfüllung zu schützen“, hieß es.

Die Neubronners scheuten diesen vom Richter skizzierten und im Februar 2009 in zweiter Instanz vom Bremer Oberverwaltungsgericht bestätigten Weg, der viel mit elterlicher Autorität und wenig mit kindlichen Wünschen zu tun hatte. „Zwang wäre der einzige Weg, gegen ihren Willen eine physische Anwesenheit unserer Kinder in der Schule herbeizuführen“, sagte Tilman Neubronner nach dem Urteilsspruch. „Aber es kann doch niemand ernsthaft von uns verlangen, unsere Kinder mit Gewalt in die Schule zu tragen.“

Im Nachhinein betrachtet, spricht einiges dafür, dass die Neubronners damals einen Kampf gegen einen Gegner führten, der nicht mehr dem alten Feindbild entsprach. Was Moritz, Thomas und ihre Eltern kritisierten – langweiliger Frontalunterricht, Notendruck, viel Leerlauf, stures Pauken –, entsprach dem Bild von Schule, an das sich beispielsweise Tilman Neubronner aus leidvoller Erfahrung erinnert. „Eine katastrophale Zeit“ sei seine Zeit auf einem altsprachlichen Gymnasium gewesen, „nur Druck und Zwang, völlig sinnentleert, eine elende Quälerei“. Natürlich gibt es solche Lernfabriken noch heute, doch neben ihnen sind mittlerweile ganz andere Lernstätten entstanden. Orte, an denen Kinder mit weniger Notendruck lernen und ihre Wochenlehrpläne selbst zusammenstellen. Auch in Bremen und Umgebung gibt es solche Schulen (siehe brand eins 11/2006, „Schulen als soziale Innovationen“). Doch die Neubronners waren damals nicht mehr auf der Suche nach der einen, passenden Schule für ihre Söhne. Ihnen ging es ums Grundsätzliche.

Um den immer schärferen Sanktionen der Behörde und vor allem der deutschen Schulpflicht zu entrinnen, floh die Familie im Jahr 2008 ins Ausland, zunächst nach Gran Canaria, dann für fünf Jahre ins Elsass. Hat ein Kind länger als die Hälfte des Jahres seinen Wohnsitz im Ausland, greift die deutsche Schulpflicht nicht mehr. Im Fernsehen war damals zu sehen, wie die Mutter weinend das Eigenheim verließ und ins voll bepackte Auto stieg. In Spanien und Frankreich wohnten sie in Wohnungen von Freunden; die Erträge aus dem Verlag hielten die Familie finanziell gerade so über Wasser.

Jetzt, da beide Jungen älter als 16 sind und nicht mehr der Schulpflicht unterliegen, ist das Leben im Exil nicht mehr nötig. Moritz und Thomas wohnen mit ihrem Vater wieder in ihrem Einfamilienhaus am Bremer Stadtrand. Die Ehe der Eltern wurde vor einigen Jahren geschieden. Dagmar Neubronner wohnt aber nach wie vor im selben Stadtteil.

Ihr Bildungsexperiment hatten die Neubronners „Homeschooling“ genannt und detaillierte Lehrpläne ausgearbeitet. Dass richtiger Unterricht stattfindet, nur an einem anderen Ort, war Teil ihrer Argumentation gegenüber der Schulbehörde gewesen. Die könne den Leistungsstand der Kinder gern regelmäßig überprüfen, hatten sie angeboten. Man werde schon dafür sorgen, dass diese den Stoff der entsprechenden Jahrgangsstufe beherrschen.

Ein Glück, dass sich die Behörde darauf nicht eingelassen hat. Denn das Homeschooling-Modell hatte nicht lange Bestand. Anfangs versammelte man sich noch für ein paar Stunden täglich mit Büchern am Gartentisch oder in der Küche. „Meine Eltern haben versucht, zu Hause ‘ne Schule nachzubasteln“, erinnert sich Moritz Neubronner. Aus dem blassen Neunjährigen auf dürren Beinchen, dessen Sätze über die Schule seltsam auswendig gelernt klangen, ist ein selbstbewusster junger Mann geworden, der gern ins Erzählen kommt. Sein jüngerer Bruder ist stiller, beobachtet lieber. „Wir haben dann ziemlich schnell gemerkt, dass es Quatsch ist, was meine Eltern da versuchen“, sagt der Ältere, „denn wenn ich jeden Tag fünf Stunden Unterricht zu Hause habe, kann ich ja auch gleich zur Schule gehen.“ Die binomischen Formeln sind daheim nun mal dieselben wie in der Schule, die Übungsaufgaben auch.

Allmählich sei ihren Eltern klar geworden, „dass sich durch das Homeschooling an der Art und Weise, wie wir lernen, überhaupt nichts geändert hat“, sagt der 19-Jährige, „außer dass die Location von der Schule nach Hause verlagert wurde und wir keine Mitschüler mehr hatten. Aber es war definitiv nicht das, was wir wollten und was uns Spaß machte.“ Gegen den zaghaften Widerstand ihrer Eltern übernahmen die Jungen die Regie über den Unterricht – und sorgten dafür, dass er nach und nach aus ihrem Tagesablauf verschwand. Erst zehn Minuten Deutsch statt einer halben Stunde, dann nichts mehr. „Das mit dem Unterricht hat dann ganz aufgehört“, sagt Moritz Neubronner.

Die Brüder wollten jeden Tag nur tun, was ihnen in den Sinn kam, was Spaß machte. Und ihre Eltern wollten sie nicht nötigen. „Wir beobachten sie natürlich“, sagte der Vater vor ein paar Jahren, „und wir haben immer gesehen: Ihnen geht es prima, sie entwickeln sich gut, sie haben Spaß am Leben.“

Sollte langsam mal fürs Abi lernen, will er aber nicht: Thomas Neubronner
Hat schon Abi, hält aber wenig davon: Moritz Neubronner

Gelernt haben die beiden trotzdem. Allerdings nicht in der Schule – und nur das, worauf sie gerade Lust hatten. Die Kinder gaben den Takt vor, bestimmten Inhalt und Tempo. Oft saßen sie mit einem Elternteil oder mit beiden nach dem Frühstück noch eine Stunde am Küchentisch, um zu reden. So führte etwa ein Gespräch über die Karibik zu Kuba und schließlich zu Fidel Castro. „Wer ist denn das? – „Hat ‘ne Revolution gemacht.“ – Okay, was ist eine Revolution?“ Ein paar Minuten später Lenin. „Man hätte eine Strichliste führen können, welche Fächer da so drankamen“, sagt der ältere Bruder. „Manchmal war es Stoff der dritten Klasse, manchmal der achten – und dann wieder Sachen, die in gar keinem Lehrplan stehen.“ Diskussionen, die mit Mathematik, Physik und Chemie zu tun hatten, wurden jedoch weitgehend umschifft.

Und Hitler? „Nun ja“, beginnt Moritz Neubronner, der fast immer antwortet, wenn eine Frage an beide gerichtet wird, „es ist sicher sinnvoll, dass jeder sich mit der Geschichte seines Landes auseinandersetzt, auch mit den dunklen Kapiteln.“ Aber wenn die Sonne scheint, hat es Hitler schwer. In der Schule steht er im Lehrplan, da gibt es kein Entrinnen.

Vielleicht ist es ja viel wichtiger, dass man sich als Kind überhaupt für etwas begeistert, von etwas entflammt wird, auch wenn es in keinem Lehrplan steht. „Jeder hat doch Sachen, die ihn begeistern“, sagt der 19-jährige Wortführer. Bei ihm war es die Produktion eigener Videofilme. Schon als Kinder drehten die Brüder mit einer billigen Kamera erste Filmchen. Moritz Neubronner ist dem Hobby treu geblieben, und seine Arbeiten wurden immer besser. Jetzt jobbt er als Cutter in einer kleinen Videoproduktionsfirma und ist manchmal als Kameramann beim Dreh dabei. „Hätte es vor zehn Jahren dieses Lernen aus Begeisterung nicht gegeben, dann hätte ich diesen Job jetzt nicht“, sagt er. „Wäre ich zur Schule gegangen, hätte ich vermutlich gar nicht die Zeit und die Energie gehabt, mich so intensiv mit dem Filmen zu beschäftigen.“

Müßiggang gab es in seinem Leben genug, er war sogar der Normalfall. Die Zeit ohne Schule beschreibt er rückblickend als „jahrelange Dauerferien, in denen ich machen konnte, worauf ich gerade Lust hatte. Das reicht doch schon als Grund, nicht zur Schule zu gehen. Und es war den Ärger absolut wert, den wir als Familie hatten.“ Die Brüder standen spät auf, schauten sich viele Filme an, spielten bis zu sechs, sieben Stunden am Tag Fußball. Einer im Tor, der andere am Ball. Sie lernten surfen auf Gran Canaria, sangen im Kinderchor, spielten im Posaunenorchester, schrieben und probten Theaterstücke.

Irgendwann wurde ihnen klar, dass sie vielleicht ganz gut ohne Schule durchs Leben kommen würden, aber nicht ohne Schulabschluss. Auf den Hauptschulabschluss bereiteten sie sich mit den Prüfungsaufgaben der vergangenen zehn Jahre vor. Zur Schule gehen mussten sie dafür nicht; in allen Bundesländern gibt es die Möglichkeit, bei der zuständigen Schulbehörde eine sogenannte Externenprüfung abzulegen. Drei Monate Lernerei mussten reichen. Moritz Neubronner bestand 2012 mit einem Notenschnitt von 1,4, Thomas schaffte zwei Jahre später sogar eine glatte Eins, was seinen älteren Bruder immer noch ein bisschen wurmt. Er ist schließlich derjenige, der immer alles als Erster ausprobiert und seine Popularität als Galionsfigur der deutschen Schulverweigerer auch ein wenig genießt. Mit ihm reden die Journalisten, er war schon ein paarmal bei „Stern TV“ zu Gast.

Für den mittleren Schulabschluss besuchten beide – Moritz im Jahr 2013, Thomas zwei Jahre danach – noch mal für einige Monate eine nahe gelegene Oberschule. Die Schule nahm die beiden anstandslos auf, obwohl sie rund 1500 Schultage verpasst und eine Menge Stoff versäumt hatten; vor allem in Mathematik und in den Naturwissenschaften hatten sie große Lücken. In der Schule hatten sie dann keine schlechte Zeit, sagen beide – auch wenn ihr Lernen dort ihrem Ideal völlig widersprach. Für die Prüfungen habe er, weil das gar nicht zu schaffen war, „nicht den gesamten Stoff nachgeholt, den die anderen Schüler in den Jahren zuvor durchgenommen hatten, sondern nur die Themen, die ich für die Prüfungen draufhaben musste“, sagt Thomas Neubronner. Moritz war den Lehrern sogar regelrecht dankbar dafür, dass er genau so lernen konnte, wie er es nie gewollt hatte: nur für das Kurzzeitgedächtnis. Im Politikunterricht, zum Beispiel. „Diskutiert wurde da nicht. Da ging es nur um Prüfungsrelevantes. Das passte genau, denn ich wollte ja eine Eins oder Zwei in Politik haben.“ Dass dies mit der Lernpraxis der vergangenen Jahre kollidierte, war ihnen egal. „In dem Moment, in dem System war es absolut richtig, dass mich nur die Note interessierte.“

Beide Brüder sind sich bewusst, dass ihnen ein Großteil des Schulwissens fehlt. Vielleicht für immer, wann sollte man all das noch nachholen? Werden sie Theodor Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ als Mittzwanziger noch auswendig lernen? Oder mit 40? Aber wird es in einer zunehmend vernetzten und digitalisierten Welt noch wichtig sein, die Vornamen aller deutschen Bundesminister samt Parteizugehörigkeit herunterbeten zu können? Moritz Neubronner musste das für seine Politikprüfung leisten. „Um Schüler für das Leben zu rüsten, benötigen sie neben einem Basiswissen vor allem analytische Fähigkeiten. Sie sollten sich mit der Welt auseinandersetzen können und nicht allein Gelerntes nachbeten.“ Markige Worte, sie könnten von Moritz Neubronner stammen. Doch gesagt hat sie Brunhild Kurth, die Kulturministerin von Sachsen, wo fleißig eingepauktes Faktenwissen bislang besonders hoch im Kurs stand. Nun will man dort die Lehrpläne gründlich entrümpeln.

Die Neubronner-Jungs haben eine Entscheidung getroffen – gegen das mehr oder weniger systematische Anhäufen von Wissen und für die Lust, die Freiheit. Während seiner wenigen Monate auf der Schule, sagt Thomas Neubronner, habe er nachmittags „weder Lust noch Energie gehabt, groß was zu machen. Bisschen Computer gespielt, und das war’s dann.“ Die Fußballschuhe blieben im Regal, die Gitarre in der Ecke.

Was vielleicht schwerer wiegt als ein Leben ohne Bekanntschaft mit Herrn Ribbeck auf Ribbeck, sind die sozialen Erfahrungen, die die beiden nicht gemacht haben, schöne wie bittere. Das gemeinschaftliche Erlebnis von Ausflügen und Klassenfahrten zum Beispiel. Zusammen den Lehrer zur Weißglut bringen. Die eigenen Zensuren mit denen der Mitschüler messen. Spickzettel unter der Bank weiterreichen. Sich in der Klasse gemeinsam mit anderen gegen pöbelnde Mitschüler durchsetzen. Wenn die anderen Kinder etwa im Chor und im Fußballverein von solchen Dingen erzählten, konnten die Brüder nie mitreden. Ihre erste Klassenfahrt machten sie mit 16, als sie sich an der Schule auf den Abschluss vorbereiteten. Kein Grund zur Trauer, findet Moritz Neubronner: „Wenn du Lehrer ärgern und coole Klassenfahrten haben willst, hast du automatisch auch den ganzen Schulalltag – und nicht die Freiheit, die wir genießen konnten. Ich bereue nicht, dass ich mich für meinen Weg entschieden habe.“ Ein Weg, der – zumindest in diesem Fall – keine sozial deformierten, von der Außenwelt isolierten Einzelgänger produziert hat. Sie trafen sich mit den Nachbarskindern, hatten Freunde und spielten Fußball. Und als er sein Abitur bestanden hatte, war das Neubronner’sche Haus voll mit Gleichaltrigen, die mit ihm feierten.

Moritz Neubronner hat sich eine Menge Gedanken gemacht, wie er das Schulsystem verbessern würde, wenn er das Sagen hätte. Sein Ideal ähnelt der Volkshochschule – ein freiwilliges Angebot an jene, die mitmachen wollen. Mit Kursen und Diskussionsrunden, in denen man sich mit anderen austauscht, Meinungen diskutiert, etwa zur Flüchtlingsproblematik, weil einen das Thema interessiert – ohne sich anschließend im Mathekurs mit der Integralrechnung befassen zu müssen.

Nach dem mittleren Schulabschluss schalteten die beiden erst mal wieder in den Modus des kreativen Müßiggangs. „Jetzt mach’ ich wieder gar nichts“, verkündet Moritz in einem Youtube-Video aus dieser Zeit. „Ich lerne von zu Hause aus. (Pause) Beziehungsweise lerne überhaupt nicht.“

Das Abitur hat er in einer externen Prüfung abgelegt. Wieder häufte er das prüfungsrelevante Wissen im Schnelldurchgang an. Gelernt hat er vor allem mit Onlinevideos und mit Büchern aus der Stadtbibliothek. Für die Vorbereitung auf die Spanisch-Prüfung wurde ein Nachhilfelehrer engagiert. Vorgenommen hatte er sich acht Stunden Büffeln pro Tag, letztlich waren es meist nicht mehr als zwei. „Man kann nicht behaupten, dass ich perfekt diszipliniert fürs Abi gelernt habe“, sagt er lapidar. Ihm habe eine Menge Stoff gefehlt, „aber die Lernkompetenz aus der Zeit, in der wir fast alles selbst rausfinden mussten, die war da. Das Selbst-Erarbeiten. Und die Fähigkeit, sich durch kleine Rückschläge nicht aus der Bahn werfen zu lassen.“

Mit seiner Prüfungsvorbereitung erreichte er einen Notendurchschnitt von 2,5. Was das über das Niveau des Abiturs aussagt, mag dahingestellt bleiben. Moritz Neubronner zumindest hält nicht viel vom höchsten deutschen Schulabschluss: „Es ist wirklich erschütternd, wie einfach das geht. Man muss halt ein bisschen mehr lernen als für andere Abschlüsse.“

Auch Thomas Neubronner wird irgendwann anfangen, für das Abitur zu lernen. Momentan macht er nicht den Eindruck, als wolle er gleich morgen damit beginnen. Sein Bruder bewirbt sich derweil bei Universitäten: „Im Moment hab’ ich eher Lust, im Studium den klassischen Weg zu gehen.“ Nach einem Studium der Kommunikationswissenschaften stehe ihm der Sinn. Aber vielleicht wird es auch etwas anderes. Oder er fängt erst im Frühjahr an. Mal sehen.

Ob er sich auch vorstellen könnte, Lehrer zu werden, wurde Moritz Neubronner mal gefragt. Er fand das lustig: „Wär’ schon ‘ne coole Idee.“ Aber man würde sich vermutlich fragen, warum ausgerechnet er, der bekennende Schulverweigerer, Pauker sein wolle. „Dabei hab’ ich ja gar nichts gegen die Schule oder gegen Lehrer. Für mich war es nur nicht das Richtige.“ ---

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