Ausgabe 10/2016 - Markenkolumne

Zenith

Das Werk und sein Retter

• Das Städtchen Le Locle an der französischen Grenze gilt als Wiege der Schweizer Uhrmacherei und wurde zum Unesco- Weltkulturerbe geadelt. Zenith hat dort seit je seinen Sitz. Das Allerheiligste auf dem Firmengelände ist ein unscheinbarer Dachboden. Hier stehen Regale mit allerlei Werkzeugen – Zeugnisse einer Heldentat, die 1975 geschah. Zenith gehörte damals einem Elektronikhersteller aus den USA. Quarzuhren waren in, mechanische out. Die Amerikaner ordneten an, deren Produktion einzustellen und alles dafür Notwendige zum Materialwert zu verkaufen. Charles Vermot, Spezialist für Chronografen, brachte das nicht übers Herz. Er schaffte nachts und an Wochenenden alle wichtigen Gerätschaften – insgesamt mehr als eine Tonne – auf den Dachboden, den er anschließend zumauerte.

Ende der Siebzigerjahre gab es einen neuen Eigentümer, die Hoffnung auf eine Renaissance klassischer Uhren und einen Interessenten: Er fragte bei Zenith an, ob man ihn mit dem El Primero beliefern könne – dem Uhrwerk, das der ganze Stolz der Firma gewesen war. Die Geschäftsleitung musste passen, alles perdu. Da lüftete Vermot sein Geheimnis, das Uhrwerk konnte hergestellt und verkauft werden, später auch an Rolex.

Heute produziert Zenith fast nur noch für den eigenen Bedarf. Und Aldo Magada erzählt gern die Story vom mittlerweile verstorbenen Helden Vermot: „Er nahm das ganze Risiko auf sich und rettete die Firma.“ Der 58-Jährige ist seit zwei Jahren Chef von Zenith und schon seit mehr als 30 Jahren in der Branche. Aber noch nie sei er in einer Firma mit so viel „Seele“ gewesen. Zenith gehört zu den wenigen Herstellern, die fast alle Teile selbst fertigen. Allerdings ist die einst große Marke nun mit einer Jahresproduktion von weniger als 40 000 Stück ein Zwerg; Rolex produziert mehr als zehnmal so viel. Wenig Glamour, dafür ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis: Zenith gilt als vergleichsweise günstig. Chronografen mit dem El Primero sind ab 6900 Euro zu haben.

Auch bei der Werbung muss die Firma sich bescheiden. Magada setzt auf Kooperationen mit starken Marken aus anderen Branchen. Besonders stolz ist er auf die mit den Rolling Stones. Sie kam zustande, weil das Bandmitglied Ron Wood Uhren-Fan ist. Ergebnis ist eine mit der berühmten Stones-Zunge verzierte Sonderedition. Ähnliche Kooperationen gibt es mit dem kubanischen Zigarrenhersteller Cohiba und neuerdings mit Land Rover.

Zenith präsentiert sich als Marke für große Jungs, die Technik mögen und das gern demonstrieren: Etliche Modelle haben ein Guckloch, durch das man das Uhrwerk betrachten kann. In Le Locle kann man den Uhrmachern in den liebevoll restaurierten Gebäuden dabei zusehen, wie sie mit modernster Technik sehr traditionelle Produkte herstellen. Mit diesem Pfund will Magada wuchern und mehr Besucher in den abgelegenen Ort locken. Insgeheim macht er sich auch schon Gedanken über die Zeit, wenn seine prominentesten Werbepartner in Rente sein werden. Die Suche nach einer vergleichbaren Band dürfte nicht leicht werden: „Lebende Legenden sind selten.“ ---

Georges Favre-Jacot gründet 1865 seine Fabrik für Taschenuhren, in der er – das ist neu – alle Produktionsschritte vereint. Er ist sehr von seiner Arbeit überzeugt: So benennt er ein von ihm entwickeltes Uhrwerk und später die ganze Firma nach dem höchsten Punkt des Universums: Zenith. Die Marke wird zu einer mit Weltrang und beschäftigt zu Hochzeiten mehr als 1000 Menschen. Heute sind es 295. Zenith treibt der Ehrgeiz, immer genauere Uhren zu entwickeln. 1969 gelingt der Triumph mit dem ersten automatischen Chronografenwerk der Welt: Das El Primero deklassiert die Konkurrenz – und wird dann von der Quarzuhr ausgestochen. 1971 übernimmt die Zenith Radio Corporation aus Chicago die Firma und setzt auf Quarzuhren. 1978 geht Zenith an den Maschinenbauer Dixi. 1984 läuft die Produktion eigener Uhren wieder an. 1999 schnappt sich der französische Luxusgüterkonzern LVMH die kleine, aber feine Uhrenmarke. Sie ist heute neben TAG Heuer und Hublot die dritte des Konzerns.

LVMH

Mitarbeiter: 125 346; Umsatz im vergangenen Jahr: 35,7 Mrd. Euro; Nettogewinn: 4 Mrd. Euro

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