Ausgabe 10/2016 - Kolumne

Work-Life-Balance

Was war noch mal … die Work-Life-Balance?

• Work-Life-Balance bedeutet, verschiedene Lebenssphären miteinander in Einklang zu bringen. Die Zahl der auszutarierenden Aufgaben reicht von zwei (klassischerweise Beruf und Privatleben) bis zu einem halben Dutzend (wie Beruf, Familie, Gesundheit, Freunde, Spiritualität, Ehrenamt). Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) spricht bei einer erfolgreichen Balance von einer „dreifachen Win-Situation“ für das Unternehmen, den Beschäftigen und die Gesellschaft.

In Deutschland war der Begriff lange Zeit nahezu ein Synonym für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie wird unter anderem durch die permanente Erreichbarkeit vieler Angestellter auf eine neue Probe gestellt.

Wer hat’s erfunden?

Das Konzept wurde erstmals Ende der Siebzigerjahre in Großbritannien beschrieben, damals bezogen auf berufstätige Mütter. Auf beide Geschlechter wurde der Begriff ab 1986 in den USA angewandt, diesmal im Zusammenhang mit immer längeren Arbeitszeiten. In Deutschland wurde der Begriff in den Neunzigerjahren populär.

Die Idee eines vom Privatleben getrennten Berufslebens, die es miteinander auszubalancieren gilt, ist indes älter und reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Vor der Industrialisierung fand Arbeit für die meisten Menschen weder räumlich getrennt vom Haushalt statt, noch waren Männer allein fürs Geldverdienen zuständig. Auch waren die Arbeitszeiten damals stärker von Faktoren wie Tageslicht oder Jahreszeit abhängig und somit weit weniger beeinflussbar. Erst durch die Einführung der Lohnarbeit, die zunächst nur Männer für eine festgelegte Zeit aus dem privaten Lebensraum holte, entstand die Zweiteilung beider Sphären.

„Das große Kunststück der Industrialisierung war es, die Leute dazu zu bekommen, Montagmorgen pünktlich vor der Fabrik zu stehen“, sagt der Arbeits- und Organisationspsychologe Walter Bungard. „Denn die einen hatten keine Uhr, die anderen fragten sich, warum sie schon wieder in die Fabrik gehen sollten, wo sie doch noch etwas Geld übrig hatten.“

Wo stehen wir jetzt?

Inzwischen ist die Work-Life-Balance zu einem diffusen Wellnessbegriff geworden, auf den sich auch der Betriebsrat mit dem Berater einigen kann: Sicher, die Work-Life-Balance muss stimmen, das ist klar.

In der Realität sieht es jedoch anders aus: Laut OECD gerät Deutschland (wie viele Länder) seit 2004 immer mehr aus dem Gleichgewicht. Gefragt wurde unter anderem nach beruflichen Sorgen, die einen auch außerhalb der Arbeitszeit beschäftigen, oder nach dem Gefühl, die Arbeit fordere zu viel Kraft, um in der Freizeit Spaß zu haben.

„Die Belastungen durch die Arbeitswelt haben sich in manchen Bereichen sicherlich verstärkt, auf jeden Fall aber verschoben“, sagt Arbeitsforscher Bungard. „Früher hatten viele Arbeiter irgendwann ein kaputtes Kreuz, heute sind psychische Belastungen für den Großteil der Fehlzeiten verantwortlich.“ Dabei sei der individuelle Handlungsfreiraum oder die Zeitsouveränität nach wie vor das beste Mittel gegen Stress. „Die typischen Infarkt-Kandidaten sitzen im mittleren Management: viel Verantwortung, aber kaum Entscheidungsspielraum“, sagt Walter Bungard.

Hinzu kommt, dass sich Beruf und Privatleben durch moderne Kommunikationstechnik weniger klar trennen lassen. Obwohl diese Entwicklung meist negativ bewertet wird, bietet sie auch Chancen. Denn neben jeder Anekdote über den fiesen Chef, der auch im Urlaub auf dem Mobiltelefon anruft, gibt es auch eine über die wichtige Nachricht, die eben nicht am Büroschreibtisch abgewartet werden muss, sondern auf dem sonnigen Balkon zu Hause bearbeitet werden kann. In vielen Fällen wird Zeitsouveränität durch moderne Technik überhaupt erst möglich.

Klar ist: Je weiter sich die Arbeit durch die Digitalisierung von festen Kernzeiten oder dem klassischen Büroplatz löst, umso mehr verschiebt sich die Verantwortung für eine gesunde Balance zwischen Privatem und Beruflichem vom Unternehmen zum Einzelnen. „Jeder Mensch hat eine gewisse Eigenverantwortung“, sagt Bungard, „wenn ich schlau genug bin, dass ich einen anspruchsvollen Job habe – dann bin ich hoffentlich auch schlau genug, nicht das ganze Wochenende nach meinen Mails zu schauen. Egal ob es da eine firmenweite Richtlinie gibt oder nicht.“

Was kommt als Nächstes?

Arbeit und Leben als Gegensätze zu begreifen ist für die Wissensgesellschaft nur bedingt tauglich. Daran ändert auch eine Neuverpackung durch Begriffe wie „Work-Life-Integration“ nur wenig.

Auch das Bild der Waage, die stets im Gleichgewicht zu sein habe, klingt eher nach einer verordneten Nine-to–five-Logik als nach Realität. Moderne Arbeitskonzepte wie Scrum (brand eins 06/2016: „Schneller!“) beruhen auf der Erkenntnis, dass es im Leben – ob beruflich, privat oder irgendwo dazwischen – unterschiedliche Phasen gibt, die ein unterschiedliches Tempo erfordern. Statt einer immergleichen Balance ist also vermutlich das Bild eines rhythmischen Wechsels aus Vollgas und Müßiggang viel treffender.

Außerdem teilt sich die Berufswelt immer stärker in zwei Lager: solche Menschen, die es sich leisten können, über Themen wie die Work-Life-Balance zu diskutieren, und solche, die sich eher über ihre Work-Work-Balance Gedanken machen, weil sie zwei oder drei schlecht bezahlte Jobs schultern müssen, um über die Runden zu kommen. ---

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