Ausgabe 10/2016 - Schwerpunkt Gesundheit

Weniger ist mehr

• Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Rücken- und Knieschmerzen, unter Übergewicht und Diabetes, haben Karies oder das, was im Ausland als „deutsche Krankheit“ gilt: Kreislaufprobleme. Viele dieser Leiden hängen mit unserem Lebensstil zusammen. Weil wir sitzen statt zu gehen und Pommes essen statt Kartoffeln. Man muss ihnen daher anders begegnen als klassischen Krankheiten, eine Erkenntnis, die sich langsam durchsetzt.

In den vergangenen Jahren wurden bestehende Behandlungsmethoden hinterfragt: Vorschnelle Wirbelsäulen- oder Knie-Operationen etwa oder das rasche Verschreiben von Insulin bei Diabetes. In vielen Fällen ist man zu dem Schluss gekommen, dass vorsichtigere, konservativere Therapien besser sind. Man scheint zu begreifen, dass oft nur das, was die Menschen krank gemacht hat – vor allem ihr Lebenswandel – sie auch wieder gesund machen kann.

Das ist oft ungewohnt, für Arzt wie Patient. Aber die Ergebnisse der Forschung weisen den Weg zu einer besseren und effektiveren Behandlung von Leiden, mit denen viele Deutsche früher oder später zu kämpfen haben. Ein Überblick über den Stand der Forschung zu den sechs größten Alltagsleiden.

1. Rückenschmerzen

Es gibt kaum etwas, das Hausärzte häufiger hören als Beschwerden über den Rücken. Rund 70 Prozent der Erwachsenen geben an, mindestens einmal im Jahr Rückenschmerzen zu haben. Interessanterweise taucht das Leiden weder in der medizinischen noch in der schönen Literatur des 19. Jahrhundert auf. Der unspezifische Rückenschmerz ist eine moderne Erscheinung.

Es gibt die Vorstellung, dass er vor allem dadurch entsteht, dass man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt. Das scheint ein Irrtum zu sein. In einer Studie des Robert Koch-Instituts heißt es: „Entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil scheint eine überwiegend sitzende Tätigkeit kein nennenswertes Risiko darzustellen.“

Tatsächlich finden Ärzte in 80 Prozent der Fälle keine Ursache für den Schmerz. Was auch damit zusammenhängt, dass der Rücken ein komplexes Gebilde aus Knochen, Gelenken, Bandscheiben, Bändern und Muskeln ist, in dem schon leichte Fehlstellungen erhebliche Schmerzen verursachen können. Die meisten Störungen heilen jedoch schnell wieder – sofern man sie nicht falsch behandelt.

Das Robert Koch-Institut vermutet, dass der Umgang der Ärzte mit dem Schmerz ihrer Patienten Teil des Problems war. In der Vergangenheit hätten Ärzte zu häufig und zu lange Bettruhe verordnet, weil sie davon ausgingen, dass hinter dem Schmerz immer eine körperliche Krankheit stecken müsse. Nur ist Ruhe für die meisten Patienten mit Rückenschmerzen genau das Falsche. In den aktuellen Handlungsleitlinien zum Rückenschmerz wird stattdessen empfohlen, körperliche Aktivität so früh wie möglich wieder aufzunehmen, notfalls unter Schmerzmitteln. Sport wird explizit empfohlen – wenn die Schmerzen es zulassen.

Das hängt auch damit zusammen, dass man festgestellt hat, dass psychologische Faktoren beim Rückenschmerz eine entscheidende Rolle spielen. Nicht selten sind die Ursachen sozialer und nicht körperlicher Natur: Streit mit den Kollegen, zu hohe Arbeitsbelastung oder Depressionen. Bettruhe kann das Problem in einigen solcher Fälle sogar verschlimmern.

Selbst beim Bandscheibenvorfall wird inzwischen in den meisten Fällen von einer Operation abgeraten. „Echte und klinisch bedeutsame Bandscheibenvorfälle sind vergleichsweise selten“, heißt es in der Studie der Robert Koch-Instituts. Man hat in mehreren Studien festgestellt, dass die Auffälligkeiten, die man auf Röntgenaufnahmen als Bandscheibenvorfall erkannt hat, auch bei Menschen auftreten, die überhaupt keine Rückenschmerzen haben. In den meisten Fällen verschwinde der Schmerz eines Bandscheibenvorfalls nach sechs Wochen wieder – auch ohne Operation. Die aktuelle Forschung empfiehlt deshalb, nur in Notfällen zu operieren und stattdessen auf Schmerztabletten und Bewegung zu setzen.

2. Knieschmerzen

Sie sind, was die Häufigkeit angeht, der kleine Bruder des Rückenschmerzes. In einer Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2012 berichteten 21 Prozent der Erwerbstätigen von Knieschmerzen in den vergangenen zwölf Monaten. Während Rückenschmerzen im Alter eher abnehmen, nehmen Knieschmerzen erheblich zu, was insbesondere mit Gelenkverschleiß (Arthrose) zu tun hat. Etwa 6 Prozent aller Erwachsenen leiden unter einer Arthrose im Knie, in der Gruppe der über 70-Jährigen sind es bis zu 40 Prozent.

Da es für Arthrose bislang keine Heilung gibt, versucht man die Symptome zu lindern und den Verfall aufzuhalten, damit das Kniegelenk nicht ausgetauscht werden muss. Bis vor Kurzem setzten viele Ärzte dabei auf Operationen: Durch kleine Schnitte wurde zum Beispiel Flüssigkeit ins Gelenk geleitet, um es von schmerzenden Knorpelrückständen zu reinigen – die sogenannte Kniegelenkstoilette. Inzwischen zeigen verschiedene Studien entweder nur einen kurzzeitigen oder gar keinen Nutzen dieser Operation. In einer Studie des »New England Journal of Medicine« wurde das Verfahren mit einer Scheinoperation verglichen. Die Forscher konnten keinen Unterschied feststellen.

Zwischenzeitlich lagen große Hoffnungen auf verschiedenen Medikamenten, die versprachen, die Gelenkschmiere beziehungsweise den Schutz des Knorpels wiederherzustellen. Hyaluronsäure und Glucosamin etwa zählen dazu. Mittlerweile werden sie vom amerikanischen Dachverband der orthopädischen Chirurgen als wirkungslos eingestuft. Einlagen helfen wohl ebenfalls nicht, ebenso wenig wie Akupunktur.

Stattdessen setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass der Patient sich selbst helfen muss. Denn entgegen der alten Vorstellung, dass sich das Gelenk durch häufige Benutzung verbrauche, tut Bewegung, so der Konsens der Forschung, dem Gelenk gut – solange man nicht stundenlang auf Asphalt joggt.

Besonders schädlich ist nicht die Belastung durch Sport, sondern Übergewicht, weil das zusätzliche Fett Botenstoffe produziert, die die Gelenke angreifen. So wächst mit fünf Kilogramm Übergewicht das Arthrose-Risiko um 36 Prozent. Der neue, konservative Ansatz lautet also: abnehmen und sich bewegen. Die Internationale Arthrosegesellschaft (OARSI) empfiehlt dafür Spaziergänge und Tai Chi.

3. Übergewicht

Etwas mehr als 20 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind adipös, also schwer übergewichtig. Damit einher gehen Organschäden, Diabetes, Herzinfarkte, Arthritis und geschätzte 13 Milliarden Euro Mehrkosten für das deutsche Gesundheitssystem pro Jahr. Dabei ist Übergewicht nicht unbedingt ungesund.

Mehrere Studien der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass vor allem die Verteilung entscheidend ist. Wenn das Fett zum Beispiel in der Bauchhöhle eingelagert ist, dann führt es besonders häufig zu Herzkrankheiten, Diabetes und weiteren Krankheiten. Lagert es hingegen an den Hüften, den Oberschenkeln oder am Gesäß, ist es weniger schädlich.

Für Diäten gibt es bis heute keine eindeutigen Empfehlungen. Es scheint egal zu sein, ob man vor allem auf Kohlenhydrate verzichtet, auf Fette oder Proteine. Wichtig ist vor allem, dass man weniger isst. Das ist effektiver als Sport. Krafttraining allein nützt kaum etwas beim Abnehmen, Konditionstraining dagegen schon. Sport und Diät zusammen helfen – wenig überraschend – am meisten. Von extremen Diäten oder vom Fasten rät die Deutsche Adipositas Gesellschaft eher ab, weil die Risiken zu groß seien. Chirurgische Eingriffe (wie etwa ein Magenband) seien lediglich das allerletzte Mittel.

Die wichtigsten Erkenntnisse gibt es in puncto Vorbeugung. Entsprechende Kampagnen in Schulen etwa – zum Beispiel zu gesunder Ernährung oder Sport – bringen so gut wie gar nichts. Selbst wenn Ernährungsberater zu übergewichtigen Familien nach Hause kommen, hilft das meist nicht und kann bisweilen sogar das Gegenteil bewirken. Stattdessen wird immer mehr über Verhältnisprävention nachgedacht – also die Schaffung von „Lebenswelten, die gesunde Lebensstile ermöglichen“, wie es in einem Positionspapier des Kompetenznetzes Adipositas heißt. Also beispielsweise das Aufstellen von Wasserspendern in Schulen oder ein Verbot von Softdrinks. Aber diese Eingriffe haben ihre Grenzen. In Schulen ließe sich so etwas eher umsetzen, im Supermarkt nicht. Und die Ursachen des Problems würden nicht beseitigt. So schreiben die Autoren des Kompetenznetzes: „Die stärksten Determinanten von Übergewicht und Adipositas (biologische Faktoren und sozioökonomischer Status) sind nicht durch Gesundheitsförderung und Prävention zu beeinflussen.“

4. Zahnschmerzen

Als ein Forscherteam der Universität von Sheffield jüngst entdeckte, dass Menschen ähnliche Zellen besitzen wie jene, die bei Haien die Zähne nachwachsen lassen, war der Jubel groß. Schon träumte man davon, kariöse Zähne einfach nachzuzüchten. Das Problem ist nur: Der Hai-Mechanismus lässt sich bei Menschen bis heute noch nicht in Gang setzen.

Der Kampf gegen Karies geht also weiter. Aber auch hier hat man dazugelernt. Zahnseide hilft zum Beispiel nicht gegen Karies. Besonders effektiv ist dagegen das Zähneputzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta. Darüber, wie häufig man Zähne putzen soll, gibt es erstaunlicherweise kaum systematische Studien. Die meisten davon raten zu zweimal am Tag. Was ebenfalls hilft: Versiegelungen und das Auftragen von Fluoridlack.

Die größte Neuerung gibt es bei der Behandlung von Karies. Eine Studie von Wissenschaftlern der Charité in Berlin zeigt, dass es bei tief sitzender Zahnfäule besser ist, den Karies nicht wie üblich komplett zu entfernen. Denn beim Bohren wird häufig das weiche Gewebe im Inneren des Zahns (die Pulpa) verletzt, was schmerzhaft ist und meist eine Wurzelbehandlung nach sich zieht. Stattdessen lässt der Zahnarzt einen Rest Karies auf der Pulpa, desinfiziert ihn und setzt dann die Füllung darüber. Der Karies wird kontrolliert, nicht ausgemerzt. In der Studie der Charité-Mediziner schneidet dieses Verfahren sehr gut ab, allerdings muss es noch weiter getestet werden.

5. Kreislaufprobleme

Ein bisschen Schwindel, ein bisschen Kopfschmerzen, ein bisschen Unwohlsein, Wetterfühligkeit – so richtig ernst genommen hat man Kreislaufprobleme lange nicht. Niedriger Blutdruck galt bis vor Kurzem noch als „lebensverlängernde Befindlichkeitsstörung“; lästig, aber nicht bedrohlich. Das ändert sich nun. Und das ist durchaus wichtig, weil es sich bei Kreislaufproblemen um ein Massenphänomen handelt: Je nach Messung und Definition leiden 6 bis 35 Prozent der Deutschen darunter.

Niedriger Blutdruck wird inzwischen von Ärzten, gerade bei älteren Menschen, als problematisch angesehen, weil er die Gefahr erhöht, in Ohnmacht zu fallen und zu stürzen. Und dann gibt es noch eine Sonderform: Kreislaufprobleme beim Aufstehen nach längerem Liegen, die sogenannte orthostatische Hypotonie.

Dabei erhöht der Körper beim Aufstehen den Blutdruck nicht ausreichend, sodass sich das Blut in den Beinen sammelt. Das Gehirn wird unterversorgt, und es kommt zu leichtem Schwindelgefühl bis hin zu Ohnmacht. Das passiert fast jedem mal, wenn man zu lange im Bett gelegen oder zu wenig getrunken hat. Wenn sich diese Kreislaufprobleme jedoch wiederholen, können sie Zeichen eines ernsteren Problems sein. In einer Meta-Studie des »European Heart Journal« stellten italienische Wissenschaftler der Universität Chieti-Pescara bei Menschen mit diesen Kreislaufproblemen eine 50 Prozent erhöhte Sterberate fest und eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit, Herz-Kreislauf-Krankheiten zu bekommen.

Medikamente zur Heilung der orthostatischen Hypotonie gibt es noch nicht, nur welche gegen ihre Symptome. Ärzte empfehlen Saunagänge, um den Körper an schnelle Wechsel des Blutdrucks zu gewöhnen, sowie salziges Essen und Ausdauersport.

6. Zuckerkrankheit

Müdigkeit, Leistungsschwäche, Konzentrationsprobleme und etwas Blasenschwäche sind die ersten Zeichen von Diabetes mellitus, genannt „honigsüßer Durchfluss“ weil der nicht verdaute Zucker in den Urin des Kranken gelangt und süß ausgeschieden wird. Später, wenn der Zucker nicht mehr in die Zellen transportiert wird, fängt er an, Gefäße, Nerven und Organe zu schädigen. Es kommt zu Nierenversagen, Erblindung, Herzinfarkt, Amputationen – wenn man kein Insulin spritzt. Zumindest dachte man das bis vor Kurzem.

Es galt die Devise: Wer einmal Diabetes hat, müsse für immer damit leben. Denn erst würden die Zellen der Muskulatur, des Fettgewebes und der Leber unempfindlich gegenüber Insulin (das den Zucker verarbeitet), und irgendwann stelle der Körper die Produktion des lebenswichtigen Hormons ganz ein. In mehreren Studien wurde nun aber gezeigt, dass der Körper auch später wieder lernen kann, Insulin zu produzieren und aufzunehmen – zumindest in einigen Fällen.

Ein Forscher der Universität von Newcastle hatte Patienten für acht Wochen auf eine Radikaldiät gesetzt. Bei 61 Prozent der Patienten verbesserte die Diät alle der von Diabetes betroffenen Bereiche: Blutzuckerspiegel und Blutdruck sanken, die Gefäßschädigungen nahmen ab. Und noch erstaunlicher: Der Körper lernte von sich aus, wieder Insulin herzustellen und zu verarbeiten.

Das ist gerade für Deutschland mit seinen rund sieben Millionen Diabetes-Typ2-Kranken interessant, für die bis vor Kurzem noch die zügige Behandlung mit Insulin der Standard war. Pro Kopf wurde in Deutschland doppelt so viel Insulin verschrieben wie in Frankreich. Inzwischen sind Diät und Sport fester Bestandteil der Behandlungsleitlinien für Diabetes. Erst wenn die konservative Behandlung nicht anschlägt und sich der Zustand des Patienten verschlechtert, wird Insulin verschrieben. Welche Art von Diät hier am besten hilft, ist noch nicht erforscht. Diesem Thema man will sich in Newcastle 2018 widmen. ---

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