Ausgabe 10/2016 - Schwerpunkt Gesundheit

Aids-Behandlung

„Du lebst ja weiter“

• Der Arzt gab Ralph Ehrlich noch höchstens fünf Jahre bis zum Tod, als er seinen Kampf aufnahm. Gegen das Humane Immunschwächevirus (HIV), in den Achtzigerjahren noch „Mörderkrankheit“ genannt. Ehrlich hatte geweint nach der Diagnose, er war verzweifelt.

Wenige Tage zuvor war er in ein Berliner Krankenhaus eingeliefert worden. Ihn plagten eine hartnäckige Grippe und Fieber. Ratlosigkeit in der Klinik. Bis ein jüngerer Arzt fragte: „Gehören Sie zu einer Risikogruppe?“ Ja, er sei homosexuell, antwortete Ehrlich. Der anschließende HIV-Test brachte Gewissheit.

Kurz nach der Diagnose begann Ehrlich, Medikamente einzunehmen, um sich vor Aids zu schützen. Damals war er 32 Jahre alt. Heute ist er 53 und Vorstand der Berliner Aids-Hilfe. „Ich hatte Glück“, sagt er, wenn er an all die Freunde denkt, die an dem Virus gestorben sind.

Ehrlichs Leben mit HIV war zunächst beschwerlich. Bis zu 15 Tabletten musste er schlucken, teilweise waren sie so groß wie Taubeneier. Wenn Kollegen spontan nach Feierabend etwas unternehmen wollten, dachte er sich eine Ausrede aus, um nach Hause zu fahren und seine nächste Tablette zu nehmen. Er wollte nicht, dass man ihn mit all seinen Medikamenten sieht.

Auch die Nebenwirkungen waren erheblich. „Auf der Buslinie M19, mit der ich damals regelmäßig fuhr, kannte ich jede öffentliche Toilette“, sagt er. Er erinnert sich auch an die Anfeindungen durch Menschen, die von seiner Infektion erfuhren. Heute kann Ehrlich sich glücklich schätzen: Er überlebte, Tausende andere starben.

Vergleichsweise kurz nach der Infektion von Ralph Ehrlich gab es einen wichtigen Erfolg im Kampf gegen Aids. Die Kombinationstherapie wurde vorgestellt: Das Zusammenspiel mehrerer Wirkstoffe behinderte die Vermehrung des HI-Virus im Körper. Seither ist klar: Das Virus lässt sich in Schach halten. In den westlichen Industrieländern gilt heute: Wird es früh genug entdeckt, ist die Lebenserwartung fast genauso hoch wie bei gesunden Menschen. Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft zur Förderung der sexuellen Gesundheit, sagt: „Die heutigen Medikamente gegen HIV haben relativ wenige Nebenwirkungen.“ Und es reicht meist, täglich eine Tablette einzunehmen.

Die Therapie verhindert, dass sich die Viren so stark vermehren, dass der Erkrankte an anderen Krankheiten – etwa an einer für gesunde Menschen harmlosen Grippe – sterben kann. Sie kann zwar immer noch nicht die Infektion heilen, aber verhindern, dass aus HIV das tödliche Aids wird.

Was das bedeutet, kann man exemplarisch bei Ralph Ehrlich sehen. Im Jahr 2010 lief er sogar Marathon. „Das war eine geile Geschichte.“ Menschen mit HIV können Sport treiben, jeden Job ausüben und dank der Medikamente gesunde Kinder zeugen.

Doch die Gefahr von HIV ist noch nicht gebannt. Nach Auskunft des Robert Koch-Instituts leben in Deutschland insgesamt 83 400 Menschen mit HIV oder Aids. Etwa 3200 haben sich, Schätzungen zufolge, im Jahr 2014 neu infiziert. Am häufigsten betroffen sind homo- und bisexuelle Männer. An zweiter Stelle folgen mit 590 Neuinfektionen heterosexuelle Menschen. Allerdings führt vermutlich ein geringeres Risikobewusstsein dazu, dass heterosexuelle Männer und Frauen sich seltener auf HIV testen lassen und oft erst spät behandelt werden.

Viele Hausärzte rechnen zudem nicht damit, dass ausgerechnet ihr Patient an HIV erkrankt sein könnte – vor allem dann nicht, wenn er nicht zu einer Hochrisikogruppe gehört. „Gerade bei heterosexuellen Personen werden Symptome einer HIV-Infektion nicht entsprechend gewertet“, sagt der Forscher Norbert Brockmeyer. Deshalb würden viele HIV-Erkrankte zu spät behandelt. „Etwa 30 Prozent der Diagnosen sind Spätdiagnosen. Viele Betroffene kommen erst zum Arzt, wenn sie schwer erkrankt sind.“

Dabei ist die frühzeitige Diagnose besonders wichtig. Sie verringert das Risiko, an Aids zu sterben, verhindert, dass Erkrankte das Virus beim ungeschützten Geschlechtsverkehr weitergeben, und senkt die hohen Behandlungskosten.

Der medizinische Fortschritt bei der HIV-Behandlung schlägt sich auch in der Meinung der Bevölkerung nieder. 1987 gehörte Aids laut Umfragen noch für zwei Drittel der Menschen über 16 Jahren zu den gefährlichsten Krankheiten. Im Jahr 2014 waren es nur noch acht Prozent.

Ganz anders ist die Situation in Afrika. Dort werden viele Menschen mit HIV oder Aids zu spät oder gar nicht behandelt. Die moderne Kombinationstherapie ist zu teuer für viele Menschen. Im Jahr 2014 lebten rund 25,8 Millionen HIV-positive Menschen in Afrika südlich der Sahara. Das sind etwa 70 Prozent aller Menschen mit HIV. Aids ist bei Teenagern in Afrika die häufigste Todesursache.

Armut, Ausgrenzung und Aberglaube – das sind die wesentlichen Gründe dafür, dass in Afrika im vergangenen Jahr etwa eine halbe Million Menschen als Folge einer HIV-Infektion starben. Es fehlt auch an funktionierenden Gesundheitssystemen und Behandlungsmöglichkeiten. Da wirkt es wie Hohn, dass der Staatspräsident Gambias im Jahr 2013 vor der UN-Vollversammlung Homosexuelle als eine der drei größten Bedrohungen für die menschliche Existenz bezeichnete. Und wie Wahnsinn, wenn dieser Präsident behauptet, er könne Aids durch Handauflegen heilen. Glücklicherweise gibt es auch Fortschritte: So wurde in Südafrika jüngst beschlossen, alle HIV-Infizierten kostenlos zu behandeln.

Wie alles anfing

Zaire im Jahr 1959: Von der Öffentlichkeit unbemerkt, stirbt ein Mensch an einer rätselhaften Krankheit. Was dort passiert, mutet an wie das Drehbuch eines Horrorfilms: Die Spezies Mensch wird, vermutlich von einem Affen-Virus, infiziert. Der Mensch dient dem Virus fortan als Wirt, der es per Sexualkontakt weiterverbreitet. Das menschliche Immunsystem versagt im Kampf gegen den neuen Erreger, da das Virus ausgerechnet jene Zellen befällt, die Teil des Immunsystems sind. Es entwickelt zwar Antikörper, doch nie genug, um das Virus einzudämmen, geschweige denn zu eliminieren.

Der erste, von der Öffentlichkeit unbemerkte Patient wird zur Keimzelle von Aids, einer Seuche, die die Menschheit im Handstreich erobert. Das Tückische an HIV, dem Erreger von Aids: Wer sich ansteckt, ist nach wenigen Wochen selbst ansteckend, aber er bemerkt die Krankheit erst nach Jahren. Hat er im Laufe dieser Zeit viele Sexualkontakte, wird HIV durch ihn in andere Gemeinschaften übertragen, in andere Städte oder gar auf andere Kontinente. Als HIV in die USA gelangt und vor allem unter Schwulen Angst und Schrecken verbreitet, werden Forscher und Politiker auf das Thema aufmerksam. Ungeheure Kräfte werden in den folgenden Jahrzehnten mobilisiert, um das HI-Virus zu verstehen und zu bekämpfen.

Auch wenn die Seuche aus den oben genannten Gründen nach wie vor grassiert, nahm sie aus Sicht der Wissenschaft bereits nach kurzer Zeit eine hollywood-reife Wendung – zumindest im Vergleich zu den großen Geißeln der Menschheit. Anders als die Seuchen früherer Jahrhunderte, die eine medizinisch naive Bevölkerung überfielen und nur deshalb zum Erliegen kamen, weil sie sich irgendwann selbst erschöpften, traf HIV im ausgehenden 20. Jahrhundert auf eine Menschheit, die inzwischen gut gerüstet war.

Dank ihrer technischen Fertigkeiten, dem Verständnis molekularer Zusammenhänge und der immensen Erfahrung auf dem Gebiet der Arzneimittelentwicklung gelang es Forschern, die Ursache von Aids zu erkennen, zuverlässige Diagnosetests zu entwickeln, die Schwachstellen des Virus zu identifizieren und daraus wirksame sowie inzwischen nebenwirkungsarme Medikamente gegen HIV abzuleiten. Doch was in der Rückschau wie eine routiniert inszenierte Forschungsstory anmutet, hatte in Wirklichkeit Züge eines Dramas – mit Irrtümern und Siegen, Helden und Verlierern.

Zu Beginn der Epidemie fiel Ärzten auf, dass es in den Vereinigten Staaten von Amerika unter homosexuellen Männern zu einer auffälligen Häufung bestimmter Krankheiten wie etwa des eigentlich seltenen Kaposi-Sarkoms kam. Bald wurde deutlich, dass offenbar eine geschwächte Immunabwehr die Männer anfällig für sonst gut kontrollierbare Keime machte. Diese Erkenntnis gab der rätselhaften Krankheit ihren Namen: erworbenes Immunschwäche-Syndrom, englisch Acquired Immune Deficiency Syndrome, kurz Aids. Was die Krankheit jedoch auslöste, war nach wie vor unklar. Neben seriösen Thesen kam es auch zu wilden Spekulationen. Dass die Krankheit besonders im Schwulen- und Drogenmilieu um sich griff, heizte die Fantasien zusätzlich an.

Forschergruppen aus aller Welt wetteiferten darum, die Ersten zu sein, die die wahre Ursache fanden. Mögliche Aids-Erreger wurden auf Kongressen und in Fachzeitschriften präsentiert, diskutiert und wieder verworfen. Prominente Widersacher jener Anfangsjahre waren Luc Montagnier vom Institut Pasteur in Paris und der US-Amerikaner Robert Gallo, deren Zwist, wie das »Deutsche Ärzteblatt« schreibt, sogar „zu außenpolitischen Verstimmungen zwischen Frankreich und den USA führte“.

1983 stellten die beiden Forscher in derselben Ausgabe der Fachzeitschrift »Science« ihren jeweiligen Top-Favoriten unter den Erregern vor. Zunächst attackierte Gallo Montagniers Vorschlag. Als er aber ein weiteres Virus isolierte, musste er zugeben, dass sein erster Kandidat eine Niete war. Sein neuer Kandidat, den er 1984 präsentierte, stellte sich dann als alter Bekannter heraus: Er war mit dem von Montagnier entdeckten Virus identisch. Beide trugen noch unterschiedliche Namen, bis die Weltgesundheitsorganisation im Jahr 1986 einen neuen Namen kreierte, der bis heute gültig ist: human immunodeficiency virus, kurz HIV.

Heute weiß man nahezu alles über HIV und seine Subtypen. Es gibt wohl kaum einen anderen Organismus auf Erden, der so vollständig erforscht ist: HIV ist, wie alle Viren, eine mit Erbgut gefüllte Proteinkapsel, die alle eigentlichen Lebensvorgänge vom Wirt erledigen lässt. Man kennt seine Erbsubstanz von der ersten bis zur letzten Nukleinsäure, man weiß, wie seine Hülle aufgebaut ist, wie es Menschen befällt, in welche Zellen es eindringt, wie es sich dort vermehrt und wie es sich verbreitet. Und man kennt längst seine Stärken – und Schwächen.

Doch selbst als sich die Kreise um das HI-Virus immer enger zogen, weil sich die wissenschaftlichen Indizien zu Beweisen erhärteten, widersetzten sich einzelne Wissenschaftler dem allgemeinen Erkenntnisprozess und hielten hartnäckig an ihren eigenen Thesen fest, manche bis heute. Selbst verdiente Forscher manövrierten sich so ins wissenschaftliche und letztlich auch ins gesellschaftliche Abseits – Unterstützung finden sie nur noch in obskuren Kreisen von Esoterikern und Weltverschwörungstheoretikern. Manche brandmarkten sogar die frühen Therapieversuche als die eigentliche Ursache von Aids.

Das Virus ist leider sehr wandlungsfähig

Einer der prominentesten Aids-Leugner ist Peter Duesberg, Virologe an der University of California in Berkeley. Als die Suche nach dem Erreger noch in vollem Gange war, konnte er seine Hypothese, wonach HIV zwar existierte, aber nicht der Auslöser von Aids wäre, noch in den besten Fachzeitschriften publizieren. Das änderte sich, als die Beweise für HIV als alleinige Ursache von Aids erdrückend wurden. Duesberg blieb uneinsichtig, und so wurden seine Aufsätze mit der immer gleichen Botschaft nicht mehr veröffentlicht – wodurch sich er und seine Anhänger erst recht bestätigt fühlten.

Wie Duesberg leugnet auch die deutsche Ärztin Juliane Sacher HIV als Ursache von Aids. Sie behandelt ihre Patienten statt mit Medikamenten mit Alternativmitteln. Ihr Credo: „Betroffene müssen sich nicht zwangsläufig in die Chemie-Maschinerie der Schulmedizin begeben.“ Obwohl brand eins bereits 2009 über die Ärztin und ihre kruden Ideen berichtete (02/2009: „Im Supermarkt der Superkräuter“)  sah die Ärztekammer Hessen offenbar keinen Handlungsbedarf. Sacher praktiziert bis heute unbehelligt als Fachärztin für Allgemeinmedizin in Frankfurt am Main.

Vielleicht rührt solche Verbohrtheit auch daher, dass die Suche nach Medikamenten von Misserfolgen begleitet war. Für die gibt es gute Gründe: HIV bietet kaum Angriffsflächen, weil es sich wie ein Verwandlungskünstler ständig verändert. Diese Besonderheit ließ bislang auch alle Versuche scheitern, eine Impfung zu entwickeln. Ihrer potentesten Waffe im Kampf gegen Viren beraubt, musste die Forschung also neue Wege gehen.

Die Forscher versuchten deshalb, virenspezifische Enzyme zu blockieren. Das gelang, doch aufgrund seiner Wandlungsfähigkeit findet das Virus immer wieder Mittel und Wege, Resistenzen gegen einzelne Wirkstoffe zu entwickeln. Die Folge ist ein andauerndes Wettrüsten zwischen HIV und Pharmaforschung, man könnte sagen, zwischen Evolution und menschlichem Erfindergeist. Um Resistenzen gar nicht erst entstehen zu lassen, schlugen Ärzte bereits 1998 die Strategie ein, mindestens drei Medikamente gleichzeitig zu verabreichen, die das Virus an verschiedenen Stellen angreifen. Die Therapie trägt das Kürzel ART für „antiretrovirale Therapie“.

Wie komplex und differenziert die Behandlung von HIV-Infizierten heute ist, lässt der Umfang der HIV-Guidelines der Weltgesundheitsorganisation WHO erahnen: 480 Seiten misst der 2016 veröffentlichte Wälzer. Er beschreibt, für welche Patienten zu welchem Zeitpunkt welche Medikamentenkombination empfohlen wird. Grundsätzlich gilt: Eine Therapie sollte früh beginnen, und sie muss, von Spezialfällen abgesehen, ein Leben lang ohne Unterbrechung eingehalten werden, wobei zwischendurch einzelne Medikamente ausgetauscht werden können. Das Ziel der Therapie ist es, die Virenlast dauerhaft auf unter 50 Virenpartikel pro Milliliter Blut zu senken.

Von den Erfolgen im Kampf gegen HIV beflügelt, riefen Forscher auf der internationalen Aids-Konferenz im Jahr 2012 selbstbewusst ein neues Ziel aus: die Eliminierung von HIV, also eine echte Heilung von Aids. Davon kann bislang aber noch keine Rede sein, auch wenn immer wieder Schlagzeilen in den Medien suggerieren, man stehe kurz vor einem Durchbruch. So titelte die »Hannoversche Allgemeine Zeitung« im Februar 2016: „Sensation im Kampf gegen Aids“, in der eine baldige Eliminierung von HIV beschworen wurde – eine PR-Gurke.

Statt dem Fernziel der medikamentösen Heilung von Aids gibt die WHO pragmatischere, wenn auch nicht weniger ambitionierte Ziele aus: Sie will bis 2020 so vielen Menschen Zugang zu einer Therapie verschaffen, dass Aids bis 2030 die öffentliche Gesundheit nicht mehr bedrohen wird. Dafür hat die WHO die Parole „90-90-90“ ausgegeben: 90 Prozent aller HIV-Infizierten sollen über ihre Infektion Bescheid wissen, 90 Prozent davon sollen die ART-Behandlung bekommen, die in 90 Prozent der Fälle HIV erfolgreich zurückdrängen soll. Dann hätte HIV zwar Millionen von Menschenleben gefordert, aber sein Aufstieg und Fall hätte nur ein Menschenleben gedauert.

Auch medikamentöse Prophylaxe funktioniert

Der Kampf gegen HIV und Aids wird weiterhin viel Geld kosten. Die Deutsche Aids-Hilfe fordert die Bundesregierung auf, die deutschen Beiträge zum globalen Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria auf 400 Millionen Euro pro Jahr zu verdoppeln. Die bisherigen Beiträge entsprächen nicht der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands. Eine UN-Deklaration sieht 26 Milliarden Dollar pro Jahr für den Kampf gegen das HI-Virus vor.

Auf der 21. Internationalen Aids-Konferenz im Juli berichteten viele Staaten von guten Erfahrungen mit der medikamentösen HIV-Prophylaxe (PrEP). Diese kann Menschen vor einer Infektion bewahren. Besonders sinnvoll ist sie vor einem absehbar riskanten Kontakt – zum Beispiel kurz vor einem Date. Im August hat nun auch die Europäische Kommission ein entsprechendes Arzneimittel zugelassen. Deutsche Patienten könnten es vielleicht schon bald auf Rezept bei der Apotheke bekommen.

Robert Gallo, einer der Entdecker des HI-Virus, hält PrEP für eine gute Idee. „Sehr beeindruckt“ ist er auch von einer Entdeckung deutscher Wissenschaftler: Frank Buchholz von der Technischen Universität Dresden und Joachim Hauber vom Heinrich Pette Institut in Hamburg haben mit ihren Teams eine Methode entwickelt, mit der das Virus gezielt aus dem Erbgut herausgeschnitten werden kann. Bis zur Marktreife kann es allerdings noch Jahre dauern.

Gallo selbst forscht an einem Impfstoff gegen das Virus. Dies wäre die radikalste und wohl günstigste Möglichkeit, HIV zu stoppen. Auch der deutsche Wissenschaftler Norbert Brockmeyer setzt die Hoffnung auf einen solchen Impfstoff.

HIV-Positive wie Julian Huber leben derweil einfach ihr Leben. Der 28-Jährige trägt das Virus seit mehr als sechs Jahren in sich, doch er fühlt sich gesund. Er achtet darauf, Grippe-Erkrankte zu meiden, und schont sein Immunsystem. Er weiß, dass er ein erhöhtes Krebsrisiko hat. Aber im täglichen Leben fühlt er sich kaum eingeschränkt.

„Man weiß nicht, wie das Leben sonst gelaufen wäre“, sagt er. Und schweigt für ein paar Sekunden. Als Folge der Infektion habe er einen Schwerbehindertenausweis erhalten und mit Ende 20 eine neue Ausbildung in einer Verwaltung beginnen können. Zuvor hatte er jahrelang mal als Frisör, mal als Masseur gearbeitet. „Ich habe angefangen, mein Leben zu verändern.“ So ernähre er sich mittlerweile gesünder als früher.

Woran Huber leidet, ist Ausgrenzung. „Man wird teils beleidigt und beschimpft“, sagt der Mann, der in Wirklichkeit einen anderen Namen hat. Er denkt auch, dass es ihm ohne das Virus leichter fiele, einen Partner zu finden. „Man ärgert sich, dass man etwas in sich trägt, wovor andere Angst haben.“ Doch das Virus gehöre zu ihm dazu, dies müsse er akzeptieren.

Als Huber seinen Eltern erzählte, dass er HIV habe, war seine Mutter schockiert. Aber nicht wegen der Krankheit, sondern weil er sie ihr gegenüber drei Jahre lang verheimlicht hatte. Und sein Vater, der Arzt ist, sagte: „Du lebst ja weiter.“ ---

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