Ausgabe 06/2016 - Schwerpunkt Einfach machen

Tunesiens Gründerszene

Entweder wir finden einen Weg, oder wir machen einen

• Zum informellen Monatstreff der neuen Gründerszene, dem „ApéroEntrepreneurs“, sind fast tausend junge Leute in das beliebte Lokal „Carpe Diem“ in Tunis gekommen. Eine Mittzwanzigerin ergreift das Mikrofon und präsentiert ihre Geschäftsidee: Universitäts-Cafés mit Arbeitsmöglichkeit. Die Ankündigung eines weiteren neuen Coworking-Büros im Zentrum der Hauptstadt macht die Runde. Man erzählt sich Erfolgsgeschichten, berichtet von Gründerseminaren, Mentorenprogrammen und Treffen mit Investoren. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Endlich mal wieder in Tunesien.

Fünf Jahre nach der Revolution, die zu Umbrüchen in der gesamten Region führte, hat sich Ernüchterung breitgemacht in dem kleinen nordafrikanischen Staat. Zwar steht Tunesien gut da im Vergleich zu den Nachbarländern, in denen entweder ein Bürgerkrieg tobt wie in Libyen, oder das Militär herrscht wie in Ägypten. In Tunesien hat die Demokratie gewonnen. Doch der Aufschwung lässt auf sich warten. Die Hälfte der zehn Millionen Tunesier ist unter 30 und ungeduldig. Sie haben im Winter 2010 in wenigen Wochen den Diktator Ben Ali in die Flucht geschlagen, aber nun sind sie enttäuscht von der Politik. Nur 12,5 Prozent der 18- bis 21-Jährigen haben Ende 2014 an den ersten freien Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in der Geschichte des Landes teilgenommen. „Wieso soll ich innerhalb von drei Monaten dreimal wählen gehen, wenn ich in drei Jahren kein einziges Vorstellungsgespräch hatte?“, fragten sich damals viele.

Im Januar haben wieder Tausende junge Menschen im ganzen Land demonstriert gegen Ungerechtigkeit und Korruption und teils mit Gewalt ihr Recht auf Arbeit eingefordert. Das garantiert ihnen zwar die neue demokratische Verfassung in Artikel 40, doch einklagbar ist es nicht – es würde auch kaum etwas ändern. Das Bruttoinlandsprodukt ist im vergangenen Jahr um zehn Prozent gesunken. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 15,4 Prozent, in manchen seit Jahrzehnten von der Politik vernachlässigten Regionen im Landesinneren sogar bei knapp 50 Prozent. Ein Drittel aller Arbeitslosen hat einen höheren Bildungsabschluss. Zwei von fünf Jugendlichen unter 30 sind ohne Arbeit.

Es sind gute Zeiten für Pioniere

„Das Problem ist, dass die Jugend heute keine Vorbilder hat“, sagt Anis Aouini, Gründer und Geschäftsführer von Saphon Energy. Der 38-jährige Ingenieur musste weit in die Geschichte seiner Heimat zurückgehen, um selbst fündig zu werden. Hannibals Satz vor seiner spektakulären Alpenüberquerung – „Entweder wir finden einen Weg, oder wir machen einen“ – ist Aouinis Wahlspruch. Sein Büro ist eine Hommage an den Feldherrn aus der Antike. Eine ganze Wand ist tapeziert mit einem Bild des Hafens von Karthago, heute ein teurer Vorort von Tunis. In der Ecke steht eine kleine Statue des Windgottes Baal-Saphon neben einem Modell des legendären Schnellbootes der Karthager. Dahinter hängt eines der fünf internationalen Patente für Energietechnik, die Aouini hält.

Vor Kurzem wurde der industrielle Prototyp des von ihm entwickelten Windrads am Strand von Raoued vor den Toren der Hauptstadt errichtet. Wie die Flosse eines Fisches bewegt sich die runde Schüssel Saphonia, produziert zweimal mehr Strom als ein klassisches Windrad und ist nur halb so teuer, weil die üblichen Rotorblätter durch eine Hydraulik ersetzt werden. Diese erzeugt weder Lärm noch Schatten und stört deshalb das Ökosystem nicht. Die Innovation überzeugte die Initiative Microsoft 4Afrika, die eine strategische Partnerschaft mit ihm einging.

Sein großes Vorbild ist Hannibal: Anis Aouini
Khaled Bouchouchas Technik für Imker ist oben zu sehen

„Seit Jahrhunderten ist aus Tunesien keine Erfindung mehr gekommen, sagt Aouini, „jetzt sind wir Pioniere.“ Unterstützung von der Politik bekommt er nicht, obwohl die Regierung beschlossen hat, bis 2030 ein Drittel des jährlich um fünf Prozent wachsenden Strombedarfs durch erneuerbare Energien zu decken. Woher die dafür notwendigen Investitionen kommen sollen, steht allerdings in den Sternen. Der Wirtschaftsstandort Tunesien kämpft nach drei Terroranschlägen im vergangenen Jahr um sein Ansehen.

Aouini ist in der Hafenstadt La Goulette aufgewachsen, nur wenige Kilometer entfernt von den Ruinen Karthagos. Nach dem Ingenieurstudium arbeitete er sechs Jahre in der Ölindustrie, bis ihm klar wurde: „Tunesien hat ein riesiges Energiedefizit. Aber wir haben Wellen, Wind und Sonne.“ 2012 gründete er Saphon Energy. Vor Kurzem hat er mit der größten Infrastrukturbank Indiens einen Vertrag für einen Windpark in Südindien mit 50 seiner Anlagen à 20 Kilowatt unterschrieben, die Gesamtleistung soll bei einem Megawatt liegen. „Ich habe bei null angefangen, außer moralischer Unterstützung konnte mir meine Familie nichts geben“, sagt er. Sein Unternehmen sei nicht einfach nur ein Business, sondern der Beweis, dass der Gründergeist der jungen Generation etwas bewegen kann.

Diese Chance gibt es erst seit der Revolution. Während der Diktatur bestimmte der Präsident, wer Geschäfte in Tunesien machen durfte. Ein Bericht der Weltbank hat die Vetternwirtschaft eindrücklich beschrieben: Mehr als 200 Unternehmen hatte sich der Ben-Ali-Clan unter den Nagel gerissen. Konkurrenz wurde durch Präsidialdekrete vom Markt ferngehalten. Ein Fünftel der Gewinne im Privatsektor flossen in die Kassen des Herrschers und seiner in der Bevölkerung verhassten Ehefrau Leila Trabelsi. Mindestens 1,2 Milliarden US-Dollar Steuern gingen dem Staat durch gefälschte Zollerklärungen verloren. Tunesiens Wirtschaft – bis zur Revolution vom Westen als liberales Vorzeigemodell im arabischen Raum gepriesen – war nur scheinbar offen, in Wirklichkeit aber hochreguliert zum Nutzen einiger weniger.

„Wenn du nicht zum Clan gehörst und was Großes gemacht hast, wurdest du vernichtet“, sagt Anis Aouini. Die Leute trauten sich nicht, erfolgreich zu sein. „Davon hat uns die Revolution befreit“, sagt er. „Heute sagen wir, was wir denken. Und was wir wollen, erreichen wir.“

Aufbruchsstimmung herrscht auch im Cogite, einem Coworking Space im Geschäftsviertel Berges du Lac. Houssem Aoudi hat Cogite vor zwei Jahren gegründet, inzwischen mieten knapp hundert Freiberufler und Firmengründer Arbeitsplätze in der weißen Villa mit Cafeteria, Garten und Pool. „Früher war in Tunesien Stillstand. Jetzt gibt es eine quirlige Szene von Kulturaktivisten, Bürgerrechtlern und Unternehmensgründern im Land“, sagt Aoudi, der von der Insel Djerba stammt und als Erster in seiner Familie studiert hat. „Unser Bankensystem ist defizitär, unsere Politiker altmodisch“, sagt der 32-Jährige. „Aber jetzt leben wir in der Demokratie, und da können die Bürger ihre Sache selbst in die Hand nehmen.“

Unternehmertum mit einem Schuss Patriotismus

Was tunesische Jugendliche heute aus ihrem Leben machen wollen? Anis Aouini antwortet: „Sie wollen Fußballer oder Filmstar werden. Oder Terrorist.“ Das seien die von Fernsehen und Facebook transportierten Rollenbilder, die für Aufstieg und Erfolg stehen. Vor fünf Jahren wollten die Menschen den Umsturz der Verhältnisse. Für viele von ihnen hat sich seitdem wenig zum Besseren verändert.

Tunesien ist der größte Exporteur ausländischer Kämpfer an den sogenannten Islamischen Staat. Mindestens 6500 enttäuschte junge Männer und Frauen haben sich laut einer Studie des amerikanischen Thinktanks Soufan Group bislang von dort auf den Weg nach Syrien und in den Irak gemacht.

Setzt auf mediterrane Mode: Sofiane Ben Chaabane

Nicht nur weil die Heimkehrer nach wie vor gefährlich sind, ist die Perspektivlosigkeit der Jugend die größte Gefahr für die junge Demokratie, die einzige aller arabischen Länder. Jahrzehntelang hat der Staat auf die Forderung nach Arbeit mit Repression und der Schaffung meist überflüssiger Stellen im öffentlichen Sektor reagiert. Etwa 800 000 Beamte leistet sich Tunesien. Knapp die Hälfte des öffentlichen Haushalts ist damit verplant. Dass der Staat es richten solle, glauben nach mehr als fünf Jahrzehnten zentralistischer, autoritärer Politik bis heute noch viele Tunesier. Sicherheit geht vor Freiheit.

„Wir müssen aufhören, irgendetwas zu fordern, das keiner mehr liefern kann“, sagt Sofiane Ben Chaabane, Gründer des Mode-Labels Lyoum. „Stattdessen sollten wir darüber nachdenken, wie wir Arbeit schaffen.“ Als er die Bilder der Revolution und die Gewalt der Polizei im Fernsehen sah, arbeitete Ben Chaabane nach seinem Marketingstudium in einer großen Werbeagentur in Paris. Er beschloss, zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern zurückzukehren. „Wenn ich jetzt nicht etwas in Tunesien anfange, dann verliere ich die Verbindung zu meiner Heimat“, sagt der 35-Jährige. Die Revolution sei für die Tunesier und die ganze Welt eine Überraschung gewesen. Auf diesen Überraschungseffekt zielt auch die Mode von Lyoum, die europäischen Stars augenzwinkernd eine Liebesbeziehung mit der arabischen Küche andichtet: Shirts mit Aufdrucken wie „Nietzsche loved Falafel“ oder „Hendrix loved Couscous“ erfreuen sich rund ums Mittelmeer zunehmender Bekanntheit und Beliebtheit.

Für die internationale Textilbranche ist Tunesien schon lange ein wichtiger Standort. Unternehmen wie Gardeur und Benetton lassen dort produzieren, weil das Ausbildungsniveau relativ hoch und der Weg nach Europa nicht weit ist. Einheimische Designermarken gab es vor Lyoum, zu Deutsch: heute, nicht. Um es einzuführen, eröffnete Ben Chaabane Mitte 2012 ein Café, in dem er zunächst nur Kindermode verkaufte. „Wir mussten ganz von vorn angefangen. Aber nach der Revolution war das möglich“, erinnert er sich. Der erste Schritt der Unternehmensgründung war leicht, nach nur knapp sechs Wochen konnte es losgehen. Doch unmittelbar danach begannen Probleme mit der Bürokratie, Papierkrieg und Schikanen ineffizienter Verwaltungsbeamter. „Der Bürger ist bislang immer Bittsteller gegenüber dem Staat gewesen“, sagt Ben Chabaane.

Inzwischen betreibt er zwei Geschäfte in der Hauptstadt und nutzt auch den ersten Onlinehändler des Landes als Vertriebskanal. Zehn Prozent seines Umsatzes macht er online in Frankreich und den USA. Sein Ziel beschreibt er so: „Tunesien ist Teil des Mittelmeerraums, und wir wollen eine mediterrane Marke sein.“

Der Modemacher spricht von einem außergewöhnlichen „Momentum“ in Tunesien. Alles sei möglich. Jeder könne etwas ausprobieren. Das Land sei heute weltoffen, modern und kreativ. Christentum, Judentum und Islam, die Geschichte Karthagos und die jahrtausendealte Berber-Kultur machten die Identität Tunesiens aus – und nicht das Postkarten-Image eines Landes der langen Strände und der ewigen Sonne, das der Staatsgründer Habib Bourguiba und Diktator Ben Ali verbreitet haben. „Die Gründer arbeiten an der Marke Tunesien“, sagt Ben Chaabane. „Wir benutzen dafür die Mode.“


Diese Portion Patriotismus ist ein Markenzeichen tunesischer Gründer. Auch Khaled Bouchoucha will mit seinem Unternehmen Iris Technologies das Land voranbringen. Er hat einen Sensor entwickelt, der Daten über das Treiben in Bienenstöcken sammelt. Damit kann die Honigproduktion aus der Ferne überwacht werden. Viermal am Tag werden im Stock Feuchtigkeit und Temperatur gemessen und von den Biologen und Tiermedizinern bei Iris ausgewertet. Bislang sterben etwa ein Viertel der Tiere wegen zu hoher Feuchtigkeit. Nun kann der Imker rechtzeitig einschreiten und zum Beispiel das Belüftungssystem verbessern. Auch das heimliche Untermischen von Zucker soll dank der elektronischen Chipkarte „Smart Bee“ nicht mehr möglich sein. Bouchoucha will ein Qualitätssiegel für hundertprozentig natürlichen Honig einführen. Für seine Idee hat der 29-Jährige inzwischen mehrere renommierte Gründerpreise im In- und Ausland bekommen.

Zuvor hatte er als Ingenieur in der Luftfahrtindustrie gearbeitet – seine Familie, Vorgesetzten und Freunde waren von seinen neuen Plänen zunächst gar nicht begeistert. Wir treffen ihn im „Start-up-Haus“ im belebten, schäbigen Zentrum von Tunis, direkt an einer der zentralen Metrostationen hinter der bei Salafisten beliebten Moschee Al-Fatah. Sebastian Rubatscher vom deutschen gemeinnützigen Verein Enpact, auf dessen Initiative die Gründung des Zentrums zurückgeht, hat den Standort bewusst gewählt: „Gründen sollte nicht davon abhängen, ob man ein Auto hat oder sich jeden Tag das Taxi leisten kann.“ In diesem Jahr haben sich 120 junge Leute aus dem ganzen Land auf das Mentorenprogramm von Enpact beworben. „In Tunis entsteht ein Hub für Unternehmergeist“, sagt Rubatscher. Der werde sich, so seine Hoffnung, auch bis in die Provinz ausbreiten.

Khaled Bouchoucha arbeitet mit Imkern im ganzen Land zusammen. Der Widerstand gegen neue Techniken ist allerdings groß: „Hier glauben die Leute, dass es Gottes Wille ist, ob die Bienen sterben oder der Honig gut ist.“ Mithilfe von Crowdfounding, auch ein Novum für Tunesien, will er Helfer für die Qualitätskontrollen gewinnen. Bouchoucha ist überzeugt, mit seinem Frühwarnsystem eine Marktlücke mit Zukunft gefunden zu haben: „Honig kann ebenso ein wichtiges Exportprodukt werden wie Olivenöl oder Datteln.“ Tunesien ist der weltweit drittgrößte Olivenöl- und führende Dattel-Exporteur.

Appell an die Politik: Bitte lasst uns machen!

Bouchoucha warnt allerdings vor überzogenen Erwartungen: „Aus einem Arbeitslosen kann man nicht einfach einen Gründer machen.“ Man brauche Menschen mit Berufserfahrung und unternehmerischem Können, die Gleichaltrige mitreißen.

Elisabeth Schmit ist davon überzeugt, dass es bereits heute vieler solcher Vorbilder gibt. Sie untersucht für den Verein Enpact in Berlin das Potenzial von Unternehmensgründungen in Tunesien und sagt: „In den vergangenen fünf Jahren ist eine blühende Gründerszene entstanden, die die Gesellschaft verändert und die Wirtschaft voranbringen wird.“ Genaue Zahlen gibt es noch nicht. Doch wegen der geringen Größe des Landes sei allein die Vielzahl von Initiativen zur Unterstützung von jungen Unternehmern beachtlich.

Von einer „Bewegung“ spricht Amel Saidane, die gerade den Verband Tunisian Start-ups ins Leben gerufen hat. Von der Politik erwartet die Ingenieurin, die eine Bildungs-App namens SlickStone entwickelt hat, nicht viel. Sie wollten vor allem in Ruhe gelassen werden, um aus Tunesien ein Land der Möglichkeiten zu machen. ---

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