Ausgabe 06/2016 - Schwerpunkt Einfach machen

Achille Varzi

„Die Kruste der nutzlosen Komplikationen“

Achille Varzi, 58,
wurde in Galliate bei Turin geboren und lehrt seit 1995 Philosophie an der Columbia University in New York. Eines seiner Kernthemen ist die philosophische Logik, sein bevorzugter Schreibpartner ist Roberto Casati (siehe „Ihre Dummheit ist ihre Stärke“, brand eins 07/2015). Mit ihm hat er unter anderem „Holes and Other Superficialities“ und „Insurmountable Simplicities – Thirthy-nine Philosophical Conundrums“ verfasst. Daneben ist Varzi Herausgeber von »The Journal of Philosophy«.

brand eins: „Unüberwindliche Einfachheiten“ heißt ein Buch, das Sie zusammen mit dem Philosophen Roberto Casati geschrieben haben. Das klingt furchteinflößend.

Achille Varzi: Tatsächlich ging es uns nicht darum, zu tun, was Philosophen normalerweise tun, wenn sie sich an ein nicht akademisches Publikum wenden: Sie versuchen, komplizierte Sachen einfach darzustellen, als ob die Menschen sie sonst nicht verstünden. Wir wollten im Gegenteil zeigen, dass sich hinter den alltäglichen, einfachen Dingen eine enorme Komplexität versteckt.

Was ist einfach?

Etwas, das keine Probleme aufzuwerfen scheint. Der griechische Philosoph Parmenides hat zum Beispiel eine der großen philosophischen Fragen sehr schlicht formuliert: Das Seiende ist – das Nicht-Seiende ist nicht. Inzwischen gibt es viele dicke Wälzer, die auf Hunderten von Seiten über das Sein und das Nichts philosophieren.

Bleibt bei der Kurzform nicht viel auf der Strecke?

Das kommt darauf an. Oft ist es so, dass wir einen eigentlich einfachen Zusammenhang durch mentale Verwirrung und komplizierte Sprache so vernebeln, dass die Vereinfachung hilft, die Kruste der nutzlosen Komplikationen zu beseitigen – zum Beispiel, indem wir das Problem in eine andere Sprache, eine andere Denkwelt übersetzen. Wenn wir über Quantenmechanik, Molekularbiologie oder Philosophie sprechen, tun wir das meist in einer Fachsprache, die den Laien ausschließt. Nehmen Sie das Geist-Körper-Problem, eine klassische Fragestellung der Philosophie: Sie können die Beziehung zwischen res cognitans und res extensa diskutieren, wohl wissend, dass nicht jeder folgen kann – oder Sie können eine sehr einfache Frage stellen: Bin ich nichts anderes als dieser Körper?

Auch keine einfache Frage.

Bei einer zweckmäßigen Vereinfachung verzichtet man nicht auf die Natur des Problems, welches man lösen möchte, sondern formuliert es in einer zugänglicheren Sprache. Wenn ein Problem komplex ist, bleibt es das auch.

Und warum sind die Einfachheiten, die Sie in Ihrem Buch vorstellen, „unüberwindlich“?

Das ist ein Wortspiel, das darauf verweisen soll, dass sich hinter alltäglichen Phänomenen auch tiefe Fragen verbergen können. Das spürt, wer sich wie Aristoteles oder Plato von der Welt überraschen lässt. Danach ist es die vornehmste Aufgabe eines Philosophen, dieses Gefühl des Staunens aufrechtzuerhalten und jene Komplexität zu erkennen, die aus einfachen Dingen entstehen kann. „Unüberwindlich“ ist sie, weil es selten eindeutige Antworten gibt, etwa auf Fragen wie: Warum zeigen Spiegel rechts und links seitenverkehrt an – und nicht oben und unten? Wie können wir wissen, ob Himbeeren für alle denselben Geschmack haben? Wo ist das Gesetz, demzufolge wir Gesetze befolgen sollen?

Beginnt mit solchen Fragen die Philosophie?

Sie beginnt mit dem forschenden Blick auf das, was einfach zu sein scheint und es doch nicht ist. Philosophieren heißt heute immer noch – wie bei Plato und Aristoteles – Ausrufungszeichen durch Fragezeichen zu ersetzen, die Praxis des Zweifelns zu üben, zu staunen, jede Gewohnheit zu überprüfen und sich neue Möglichkeiten und Lebensszenarien vorzustellen. Und das ist leichter, wenn man sich mit einfachen Fragen auseinandersetzt.

Also kann jeder philosophieren?

Wir bekennen uns zu jener Definition der Philosophie, die Ludwig Wittgenstein zugeschrieben wird, wonach Philosophie eine Aktivität und keine Doktrin ist. Manchmal erklärt man das mit der Metapher einer Brille, die Philosophen immer wieder putzen, aber nie aufsetzen – beides ist notwendig, um sich daran zu gewöhnen, dass die Welt nicht das ist, was wir üblicherweise in ihr sehen oder was uns vorgegeben wird.

Was folgt daraus?

Machen wir es praktisch: Heute Morgen war mein Hemd sauber und gebügelt, jetzt ist es schmutzig und zerknittert. Doch ist es immer noch mein Hemd: Wie ist das möglich? Wie kann es dasselbe Ding sein, wenn es anders ist? Das große Problem der Identität im Wandel, das Philosophen seit Heraklits Zeiten hinterfragen, ist schon in den Falten dieses Hemdes versteckt. Oder nehmen wir das große Thema Verantwortung, das sich durch eine einfache Geschichte darstellen lässt: Zwei Kinder spielen Ball. Der Ball trifft eine Vase, die kaputtgeht. Wer ist daran schuld? Typischerweise würden wir sagen, dass derjenige schuld ist, der den Ball geworfen hat: Hätte er das nicht gemacht, wäre die Vase noch heil. Doch in diesem Fall hat der Ball, von A geworfen, zuerst B getroffen, der den Ball zur Vase umgeleitet hat. „Es ist nicht meine Schuld“, sagt A. „Hättest du den Ball nicht umgeleitet, wäre die Vase nicht kaputtgegangen.“ – „Meine Schuld ist es auch nicht“, sagt B. „Wenn du den Ball nicht geworfen hättest, hätte ich ihn nicht umgeleitet.“ Dieser einfache Fall enthält die ganze Komplexität des Problems.

Sie unterrichten auch Häftlinge. Wie läuft das ab?

Am Taconic Correctional Facility, einem Frauengefängnis in New York, halte ich ein Seminar über die Theorie der Argumentation, kritisches Denken und Logik. Und ich lehre dort nicht viel anders als an der Universität: Ich zitiere nicht, was Kant, Descartes oder auch zeitgenössische Philosophen gesagt und geschrieben haben – ich erzähle, von welchem Ausgangspunkt aus sie ihre Theorien entwickelt haben. So konkret, dass die Studenten neugierig werden und aus ihrem Dämmerschlaf erwachen.

Was kann Philosophie im Gefängnis nützen?

Bertrand Russell hat gesagt, die Philosophie liege im Niemandsland zwischen Theologie und Wissenschaft: Sie spekuliert über jene Fragen, für die wir wie beim Mythos weder Wissen noch klare Ideen haben – aber wie die Wissenschaft beruft sie sich auf das rationale Denken. Dieses Niemandsland ist gefährlich, weil es Raum für Übergriffe und Missbrauch schafft. Umso wichtiger ist es, das Gefühl der Verwunderung aufrechtzuerhalten und damit auch unsere Aufmerksamkeit und das kritische Denken. Die Fähigkeit, sich für eine bessere Welt zu engagieren, beruht auf unserer Fähigkeit, uns eine andere Welt auszudenken. Sonst wären wir Opfer der Umstände.

Und die Vereinfachung soll die Hürde senken?

Sie ermöglicht es, uns mit Problemen zu beschäftigen, die uns alle angehen. Wer Fragen, Theorien und Lösungen in eine komplizierte Sprache und verworrene Formeln kleidet, will sich selbst als Experte ausweisen, will besser sein als alle anderen. Das erleben wir oft in der Politik und der Wirtschaft, aber auch in der Theologie – die Botschaft ist: „Ihr seid nicht fähig, diese komplexen Probleme zu verstehen – wir sind die Experten, ihr sollt uns vertrauen.“ Das ist in Ordnung, wenn die Probleme tatsächlich so schwierig sind – aber in vielen Fällen bedarf es der Entmystifizierung, damit die Probleme nicht nur von Experten verstanden werden können. Das Vereinfachen dient dann der intellektuellen Demokratie.

Ein Beispiel?

Abtreibung, Euthanasie – das sind sehr große Themen, die auch deshalb schwierig sind, weil in ihnen die Frage nach dem Anfang und dem Ende des Lebens enthalten ist. Niemand hat darauf eine eindeutige Antwort, aber immer wieder nehmen sich vermeintliche Fachleute das Recht heraus zu sagen: „Ich weiß, wann das Leben anfängt und wann es endet, und deshalb bin ich der Einzige, der eine Antwort auf diese Fragen geben kann.“ Richtig wäre, das Problem klar zu benennen – wir wissen nicht, wann das Leben anfängt und endet – und abzuwägen, wie eine Lösung aussehen könnte: Sollte man eine Konvention definieren – wir entscheiden –, oder sollte man die Antwort einem Experten überlassen, sei er Biologe, Theologe oder Metaphysiker?

Vereinfachung ist allerdings auch ein Instrument der Populisten.

Ich bin überzeugt, dass dagegen die Philosophie, insbesondere die Logik hilft: Sie ist das einzige Instrument gegen die Macht der Rhetorik, die uns wie dumme Personen behandelt und durch Tricks von der Wahrheit einer These überzeugen will. Dagegen geht die Logik von jenen Thesen aus, mit denen wir einverstanden sind, und zeigt deren Folgen; sie beruht auf einer rationalen Argumentation, nicht auf Manipulation. Nehmen Sie die Rechtfertigung eines Militäreingriffs im Ausland, zum Schutz von Frieden und Freiheit – das ist nichts als Rhetorik. Wir alle lieben Frieden und Freiheit. Doch Freiheit in welchem Sinn? Wessen Freiheit? Freiheit wovon? Freiheit wofür? Darauf sollte man klare Antworten geben. Und wenn es sich um gute Gründe handelt, kann man sie klar und ehrlich präsentieren, ohne sie mit Rhetorik zu verschleiern.

Welche Fähigkeiten sind dazu notwendig?

Sicher sprachliche Kompetenzen. Wir müssen uns des Reichtums und der außerordentlichen Macht der Sprache bewusst werden. Der Philosoph John Austin hat das Buch „How to Do Things With Words“ geschrieben. Mit Worten schafft man Fakten, etwa, wenn man eine Person für schuldig an etwas erklärt. Zweitens, die Logik: Man sollte sie in der Schule unterrichten oder eben auch im Gefängnis. Das Dritte ist nicht so leicht zu klassifizieren: Vorstellungskraft und einen Sinn für Möglichkeiten. Hier hilft die Literatur, weil sie Geschichten von möglichen Welten erzählt. So bin ich selbst zur Philosophie gekommen. Ich war fasziniert von dem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil und von seinem Protagonisten, Ulrich, der nichts tut, um sich alle Möglichkeiten offenzuhalten.

Gibt es irgendetwas, das man besser nicht vereinfachen sollte?

Es gibt Probleme, die nur von Experten begriffen werden können, etwa wenn ein Ingenieur die Dimension einer Brückensäule berechnen soll. Aber mit der Vereinfachung ist es wie mit dem Wald: So schwer es auch sein mag, den einzelnen Baum zu begreifen – der Wald kann immer vereinfacht beschrieben werden, und zwar so, dass es alle verstehen können. ---

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