Ausgabe 12/2015 - Schwerpunkt Geschwindigkeit

Slow TV

Mut zur Ruhe

• Die ungewöhnlichsten Ideen entstehen, wenn sich im Terminkalender eine Lücke auftut. So wie Anfang 2009, als Mitarbeiter des norwegischen Staatsfunks die Kantine des Lokalsenders NRK Hordaland in Bergen betraten. Sie aßen gemeinsam ihren Lunch und redeten über die anstehenden Jubiläen: den Jahrestag des deutschen Überfalls auf Norwegen von 1940 und das Hundertjahrfest der Eisenbahn, die Bergen mit der etwa 500 Kilometer entfernten Hauptstadt verbindet.

Und plötzlich war da die Idee zu „Slow TV“, einem Fernsehformat, das ziemlich langweilig klingt. Aus dem Vorschlag, die Invasion der deutschen Wehrmacht als lange Radionacht in Echtzeit zu rekonstruieren, wurde kurzerhand die kühne Idee einer siebenstündigen Fernsehsendung, die nichts weiter zeigen sollte als den langen, einsamen Weg der Eisenbahn über die Hardangervidda – in Gänze.

Ein zweiter Film, der in einer Bildschirmecke zu sehen war, zeigte mit Archiv-Material die Geschichte des Eisenbahnbaus. Das Hauptprogramm war eine einzige, vom Wechsel der Landschaften, dem Rhythmus der Stationsdurchsagen, dem Gemurmel der Fahrgäste und thematisch zusammengestellter Musik geprägte Elegie. „Mehr als eine Million Norweger wollten das sehen“, sagt der Projektleiter und Dokumentarfilmer Thomas Hellum. Dabei hat Norwegen nur fünf Millionen Einwohner. „Zwei Jahre später, als wir mit Kameras einer Hurtigruten-Fähre von Bergen nach Kirkenes folgten, schauten sogar mehr als drei Millionen Norweger rein.“ Damals sendeten sie 134 Stunden, 42 Minuten und 45 Sekunden lang. Weil es Juni war und der Mitternachtssonne entgegenging, zeigten die elf Live-Kameras an Bord selbst nachts, wie sich das Schiff entlang der Küste von einem Hafen zum anderen bewegte.

Andere Ausgaben wie die 18-stündige, von fachsimpelnden Interviews begleitete Übertragung des ersten Lachsfangs der Saison, wie die „nationale Feuerholznacht“, die „nationale Stricknacht“ und die erschöpfenden Geschichtsvorlesungen zum Verfassungsjubiläum 2014 (Rauchpause des Dozenten inklusive) erreichten ebenfalls beachtliche Einschaltquoten. Und auch die „Piip Show“, die Blaumeisen im „schönsten Vogelhaus der Welt“ beim Brüten, Schlüpfen und Futtern zeigte, fand ihr Publikum.

„Als Nachrichten- und Kultursender erreichen wir auf NRK2 normalerweise um die 6 Prozent Marktanteil“, sagt Thomas Hellum. „Bei den Slow-TV-Programmen kommen wir oft auf 15.“ Den Filmemacher hat der Erfolg zum gefragten Gast internationaler Fernseh-Konferenzen gemacht. Hinter vorgehaltener Hand gilt er dort als Spätzünder: Denn in Deutschland etwa wurde das Nachtprogramm der ARD jahrelang mit den „schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ gefüllt, und auf Youtube gibt es Filme von Führerstands-Mitfahrten und Aquarien bis hin zur Aussicht aufs tosende Meer.

Allerdings gebe es da einen entscheidenden Unterschied, sagt Hellum: „Wir stellen nicht einfach irgendwo eine Kamera auf, die schöne Bilder aufnimmt. Wir erzählen Geschichten.“ Schließlich bereite man die Sendungen inhaltlich akribisch vor, und auf Zuschauerfragen während der Sendung werde ebenfalls reagiert. „Das Entscheidende ist, dass kein Produzent etwas herausgeschnitten hat. Alles ist da.“

Was interessant ist, darf der Zuschauer zur Prime Time selbst herausfinden. „Slow TV“, sagt Hellum, dürfe niemals als Entschuldigung dienen, „wirklich langweiliges“ Fernsehen zu produzieren. Der Grat ist allerdings schmal. Die Kunst, sagt Hellum, dessen Mitarbeiter ein bis zwei Slow-TV-Projekte im Jahr produzieren, bestehe im richtigen Rhythmus und der richtigen Dosierung der eingeblendeten Information. Und in der richtigen Themenauswahl natürlich: „Wir haben uns bisher auf Themen beschränkt, die wenig brisant sind und ein hohes Identifikationspotenzial haben. Slow TV ist eben ein Manifest, das an die Kraft des Fernsehens erinnert, Gemeinsamkeit zu stiften und Menschen zu verbinden.“

Theoretisch könne Slow-TV aber auch brisantere Storys erzählen – und etwa analog zur „nationalen Stricknacht“, die den Weg vom Schaf zum Norwegerpullover nachzeichnete – einem Tier mit der Kamera ins Schlachthaus folgen.

Er glaubt, dass das normale Fernsehprogramm Norwegens durch Slow TV bereits deutlich beeinflusst worden sei. So zeigten neue Reportagen mehr Mut zur Ruhe, und die 24-stündige Debatte, wie neulich bei den Kommunalwahlen, wäre ohne die Entdeckung der Langsamkeit wohl nicht gesendet worden.

Das Zögern im Ausland erstaunt Hellum indes. Zwar sei das internationale Echo auch sechs Jahre nach der Erstausstrahlung gewaltig, selbst die arabische Welt habe Interesse. „Trotzdem höre ich immer wieder den Satz, dass ein solches Format in anderen Ländern so nicht möglich sei.“ Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die öffentlich-rechtlichen Sender in anderen Ländern stärker um ihre Quote fürchten. Von Privatsendern ganz zu schweigen, bei denen solche Ideen an den Werbeblöcken scheitern dürften.

Doch nichts ist unmöglich. Angaben des Blogs „Slow TV“ zufolge hat das finnische Fernsehen schon einen Sauna-Abend gebracht. Ein französischer Sender ließ seine Zuschauer neun Stunden lang (rückwärts) durch Tokio spazieren. Ein US-Reisesender bereitet ein Highway-Projekt vor, Kabel eins experimentierte mit der „Langen Nacht des Schwertransports“, und die BBC stellte eine Woche unter das Motto „BBC four goes slow“.

Auch der Bayerische Rundfunk zeigte in der Sendung „Mora“ eine Cellobauerin, einen Trockenmaurer und einen Uhrmacher bei der Arbeit – weitere Folgen sind geplant. „Mora“ lief zur besten Sendezeit. Nur eben abseits auf ARD-alpha, außerdem war die Dauer jeder Folge auf 60 Minuten begrenzt.

Vielleicht ist das Leben in Deutschland einfach hektischer als in Norwegen? Aber nein, entgegnet Hellum: „Mit dem richtigen Thema ist das kein Problem.“ Er arbeitet derzeit an den Vorbereitungen zweier technisch anspruchsvoller Sendungen: eine über den Rentier-Abtrieb im Frühjahr und eine über den Wechsel der Gezeiten. ---

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