Ausgabe 12/2015 - Gute Frage

Geht dem Nobelpreis das Geld aus?

• Es gibt nicht viele Preise, die ihren Trägern sowohl maximale Ehre einbringen als auch viel Geld. Die prallsten Füllhörner entleeren zwar die Stifter des Breakthrough Prize für Grundlagenforscher aus Physik, Biologie und Mathematik: Drei Millionen Dollar lassen der russische ­Unternehmer Juri Borissowitsch Milner, der Facebook-Boss Mark Zuckerberg, der Google-Gründer Sergey Brin und seine Ex-Gemahlin Anne Wojcicki sowie der chinesische Internetmogul Jack Ma je Preisträger springen. Diese Generosität dürfte aber nicht so sehr einer noblen Gesinnung geschuldet sein, sondern dem nüchternen Kalkül, dass ein neuer Preis für bahnbrechende Forschung nur dann auf breite Resonanz stößt, wenn sich damit der Nobelpreis übertrumpfen lässt. Am einfachsten geht das mit Geld. Indem sie viel geben, können die Geldgeber ein Gefühl auskosten, das Alfred Nobel fremd war, und sich ungeniert im Glanz der Gekürten sonnen.

In Stockholm und Oslo, wo am 10. Dezember zum 115. Mal die Auserwählten des Jahres geehrt werden, geht es deutlich bescheidener zu. Als Millionäre kehren die Nobelpreisträger selbst dann nicht zurück, wenn sie das Preisgeld allein erhalten. Besser gesagt: nicht mehr. 2012 sah sich die Nobel-Stiftung gezwungen, nach elf Jahren finanzieller Talfahrt das Preisgeld je Disziplin von zehn auf acht Millionen Kronen zu senken; das sind nur noch 932 000 Euro. Man musste sparen. Der Wert des Stiftungsvermögens war 2011 unter die Marke von drei Milliarden Kronen (rund 333 Millionen Euro) gesunken – nominal ein Viertel weniger als auf dem Gipfel 1999. Er hat sich zwar erholt, aber nicht so sehr, dass in absehbarer Zukunft wieder mit steigenden Ausschüttungen zu rechnen wäre. „Ich glaube, dass wir die acht Millionen halten können“, sagt Lars Heikensten, 65, seit 2010 Exekutivdirektor der Stiftung. Das Niveau nicht nur nominal, sondern auch inflationsbereinigt aufrechtzuerhalten sei allerdings „eine Herausforderung für die Zukunft“.

Der Ökonom, bis 2005 Chef der Schwedischen Reichsbank und anschließend Repräsentant seines Landes beim Europäischen Rechnungshof, sagt nicht von ungefähr „wir“. Er kann in seiner jetzigen Position nicht schalten und walten, wie es ihm beliebt. Über die Anlagestrategie der Stiftung entscheidet der Verwaltungsrat, über ihre Umsetzung berät ein Investment-Komitee. Der Direktor und die Gremien müssen dabei Statuten beachten, die auf Alfred Nobels letzten Willen zurückgehen. Ein Balanceakt. Der herzkranke Erfinder und Unternehmer hatte 1895, ein Jahr vor seinem Tod, testamentarisch verfügt, sein Vermögen sei sicher anzulegen. Die Zinsen sollten zu gleichen Teilen fünf Persönlichkeiten zugutekommen, die „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Dienst erwiesen haben“ – sei es als Chemiker, Physiker, Mediziner, Schriftsteller oder als Förderer der „Verbrüderung der Völker“.

Leichter gesagt als getan. Die gesamten Zinsen zu verteilen – oder auch nur den Betrag, der nach Abzug der Verwaltungs- und Veranstaltungskosten übrig ist – hätte bedeutet, das Kapital nur dem Nennwert nach zu erhalten, sein Realwert sänke inflationsbedingt. Will die Stiftung das verhindern, muss sie das Geld so anlegen, dass die effektive Verzinsung deutlich oberhalb der Inflationsrate liegt. Die Laureaten müssen sich wohl oder übel mit dem Netto-Überschuss begnügen, sonst ist der Topf eines Tages leer. Nur: Wie erzielt man Überschüsse, wenn der Stifter einen zu Vorsicht verdonnerte?

Diese Frage beschäftigt Alfred Nobels Nachlassverwalter nicht erst, seit es Null- und Negativzinsen gibt. Die Stiftung führt eine bis ins Gründungsjahr zurückreichende Statistik, an der sich unschwer ablesen lässt, dass sicherheitsbewusste Anleger auch am Anfang des 20. Jahrhunderts keine Top-Renditen erwarten durften: Kaum war der Nobelpreis in der Welt, begann sein Kapital auch schon dahinzuschmelzen. Konnten sich die Forscher Wilhelm Conrad Röntgen und Emil von Behring 1901 noch über 150 782 Kronen freuen, einen Betrag mit ähnlicher Kaufkraft wie die heutigen acht Millionen Kronen, erhielten die Preisträger des Folgejahres schon sechs Prozent weniger. Die Höhe der stets krummen Beträge schwankte je nach Kassenlage – mit klarer Abwärtstendenz. Bis 1919 sank die Ausschüttung nominal um 12, real um 72 Prozent.

1928 war der Nobelpreis erstmals höher dotiert als im Ursprungsjahr, wobei das Geld freilich nur noch die Hälfte wert war. Selbst diese relative Erholung war nicht von Dauer, denn die Wertentwicklung von Nobels Hinterlassenschaften vermochte die Geldentwertung bei Weitem nicht auszugleichen. Auf dem Papier wuchs der Kapitalstock zwischen 1901 und 1975 zwar von 31 auf 170 Millionen Kronen, inflationsbereinigt halbierte er sich jedoch – in heutige Euro umgerechnet von rund 200 auf 100 Millionen. Jahrzehntelang fiel die monetäre Würdigung der Gelehrten um zwei Drittel dürftiger aus als in den Anfangstagen.

Starke Marke sucht Sponsoren

Die Wende gelang Lars Heikenstens Vorgängern in den Achtzigerjahren. Ab 1987 war das Vermögen der Stiftung (die ihre Erträge bis 1946 sogar hatte versteuern müssen) endlich größer als zur Zeit ihrer Gründung. 1991 überschritt auch das Preisgeld sein ursprüngliches Niveau. Auf dem Höhepunkt 2001 hatte es 144 Prozent der Kaufkraft von 1901. Seit der Kürzung von 2012 hält es sich dank der Preisstabilität in Schweden bei 98 Prozent. Wenn ein Nobelpreis – wie in den Naturwissenschaften längst gang und gäbe – unter drei Forschern aufgeteilt wird, bleibt jedem von ihnen heute also ein ähnliches Sümmchen wie in mageren Jahren einem Einzelsieger.

Das Geld steht bereit, weil die Stiftung unter einer „sicheren“ Anlagestrategie heute etwas anderes versteht als Alfred Nobel. „Nach der ursprünglichen Definition konnten wir nur Anleihen, Schuldverschreibungen und andere festverzinsliche Wertpapiere kaufen“, sagt Heikensten, „in Perioden mit hohen Inflationsraten sind Anleihen aber keineswegs sicher.“ Den Anfang machte eine Satzungsänderung in den Fünfzigerjahren. „Die Stiftung bekam mehr Freiheiten, das Geld auch in andere Anlageformen zu stecken“, so der Direktor. Seine Vorgänger reüssierten zunächst mit Investitionen in den schwedischen Immobilienmarkt, später kamen andere lukrative Beteiligungen hinzu.

Heikenstens Ziel liegt bei 3,5 Prozent Nettokapitalrendite, etwas oberhalb der drei Prozent des angelegten Vermögens, die für Preisgelder und laufende Kosten veranschlagt sind. Nach dem Willen der Gremien soll die Stiftung höchstens 30 Prozent in festverzinslichen Wertpapieren halten; 2014 waren es nur noch zwölf Prozent. Etwa die Hälfte des Portfolios im Wert von etwa 400 Millionen Euro entfällt auf Aktienfonds, rund ein Drittel auf „alternative“ Anlageformen – wie Immobilienfonds und vor allem Hedgefonds (23 Prozent), und zwar solche, die laut Heikensten „extrem sicher“ seien.

Dennoch gibt es Flops. „Die Finanzmärkte waren zuletzt wirklich schwierig“, sagt Heikensten. Daher diskutiere man auch andere Einnahmemöglichkeiten. Nobel sei eine sehr angesehene Marke. „Deshalb gibt es ein Potenzial, Spenden zu akquirieren oder Partnerschaften mit Unternehmen einzugehen.“ Es müssen ja nicht unbedingt die Firmen von Zuckerberg, Page und Milner sein. ---

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