Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Zufallsfunde

Erfolg durch Misserfolg

1. Teflon

Die Firma DuPont hat ein Problem: Sie produziert in den Dreißigerjahren das erste Kältemittel für Kühlschränke, das weder giftig ist noch explodieren kann – darf es aber aus patentrechtlichen Gründen nur an General Motors verkaufen. Um auch mit anderen ins Geschäft zu kommen, beauftragt DuPont den Chemiker Roy Plunkett, ein neues Kältemittel zu entwickeln. Der besorgt sich zu diesem Zweck einen großen Vorrat an Tetrafluorethylen (TFE), das er in kleinen Stahlflaschen bei minus 80 Grad Celsius lagert. In unzähligen Experimenten versucht er, das Gas mit Salzsäure zu verbinden – ohne Erfolg.

Eines Morgens im Jahr 1938 bemerkt ein Mitarbeiter, dass sich in den Stahlflaschen kein TFE mehr befindet, obwohl sie immer noch so schwer sind wie zuvor. Die Forscher sägen die Behälter auf und finden eine weiße Ablagerung an der Innenseite. Die TFE-Moleküle haben sich zu langen Ketten verbunden – sie sind polymerisiert. Plunkett, der dadurch seine Gasvorräte verloren hat, ist verärgert. Aber auch neugierig. Er testet das gewonnene Material und stellt fest, dass es mit keiner anderen Substanz reagiert. Das ist zwar kurios, aber wenig nützlich, und so wendet er sich wieder seiner Suche nach einem neuen Kältemittel zu. Auch bei DuPont weiß niemand etwas mit dem Zufallsfund anzufangen, und die Dokumentation des Experiments verschwindet als Fehlschlag im Firmenarchiv.

Bis zum Jahr 1943, als die US-Regierung mit dem Manhattan-Projekt fieberhaft an der Entwicklung der Atombombe arbeitet. Die Behälter und Leitungen für die Anreicherung von Uran müssen äußerst widerstandsfähig sein, und man erinnert sich bei DuPont an das von Plunkett entdeckte Material. Im Archiv des Konzerns finden sich die Aufzeichnungen, vorschriftsmäßig dokumentiert. Die Forschung wird wieder aufgenommen, und größere Mengen des Materials werden produziert. Neben Uranleitungen werden etliche weitere Produkte beschichtet – von der Bratpfanne bis zum Raumanzug. Plunketts weiße Substanz erhält den Namen Teflon und wird ein kommerzieller Erfolg.

2. Schiefer Turm von Pisa

Pisa ist im Jahr 1173 eine der bedeutendsten Republiken Italiens, die Seeschlacht gegen die Sarazenen ist gerade gewonnen, und die Ältesten der Stadt beschließen, den Sieg mit dem Bau eines gewaltigen Doms zu feiern. Geplant ist ein hundert Meter hoher Glockenturm, der sich durch seinen runden Grundriss von der üblichen rechteckigen Bauweise abheben soll.

Doch schon zwölf Jahre nach Beginn der Bauarbeiten neigen sich die drei bereits fertiggestellten Stockwerke zur Seite, und die Arbeiten werden unterbrochen. Zuerst ist man ratlos, doch dann werden die weiteren Stockwerke einfach leicht schräg auf die unteren aufgesetzt, um die Neigung auszugleichen. Bis zur Fertigstellung vergehen weitere 187 Jahre. Allerdings gelingt es nicht, die Neigung auszugleichen. Der Turm von Pisa bleibt schief und kann deshalb seine geplante Höhe von hundert Metern nicht erreichen. Das Prestigeprojekt droht zur peinlichen Niederlage für die stolze Seefahrerrepublik zu werden.

Doch die Pisaner halten zu ihrem schiefen Turm. Sie sagen, Gott persönlich stütze ihren torre pendente – aus Liebe zur Stadt. Bis heute ist der Makel des Baus, seine Neigung, die eigentliche Touristenattraktion, die Gäste aus aller Welt nach Pisa lockt. Die Sorge, der Turm könne sich weiter neigen und eines Tages umstürzen, ist vorerst unbegründet. Seit 2003 bewegt er sich nicht mehr. Fotos, auf denen Menschen so tun, als müssten sie den Turm stützen, sind bei den Besuchern trotzdem nach wie vor ein Renner.

3. Porzellan

Während seiner Ausbildung zum Apothekergehilfen im Berlin des frühen 18. Jahrhunderts hat Johann Friedrich Böttger nur eines im Sinn: den Stein der Weisen finden, um Blei in Gold zu verwandeln. Er lernt von reisenden Alchemisten und experimentiert unablässig. Als er beginnt, seine Versuche öffentlich aufzuführen, ist er so überzeugend, dass sich bald die Kunde verbreitet, Böttger könne wirklich Gold herstellen. Das weckt das Interesse des Adels, und Böttger flieht aus Angst, aufzufliegen. Doch August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, lässt ihn verhaften und befiehlt ihm, in Dresden Gold herzustellen. Sollte er versagen, drohe ihm der Tod am Galgen.

Ein Wissenschaftler am Dresdner Hof glaubt zwar nicht an das Goldprojekt, aber an die Fähigkeiten Böttgers. Er rettet den glücklosen Alchemisten, indem er ihm einen neuen Auftrag erteilt: Der Gefangene soll Porzellan herstellen, das bislang nur sehr teuer aus China importiert werden kann. Böttger experimentiert und testet neue Verfahren. Weil der Alchemist noch immer überzeugt ist, dass sich ein Stoff in einen anderen verwandeln lässt, wählt er Gestein als Grundstoff und nicht, wie üblich, Glas. Durch diesen Unterschied in der Herangehensweise und einen glücklichen Zufall, bei dem in der Nähe von Dresden weiße Tonerde gefunden wird, gelingt es Böttger im Jahr 1709 tatsächlich, eine Porzellanschale zu fertigen. Der König verdient damit Millionen. Doch Böttger bleibt unzufrieden und schreibt: „Es machte Gott, der große Schöpfer, aus einem Goldmacher einen Töpfer.“

4. Amerika

Im 15. Jahrhundert ist Indien ein Sehnsuchtsort, reich an kostbaren Bodenschätzen und exotischen Gewürzen. Christoph Kolumbus, der Sohn eines Wollwebers, träumt davon, Vizekönig einer reichen indischen Kolonie zu werden – so wird es auch später in seinem Vertrag mit dem spanischen Königspaar stehen. Er liest alte Reiseberichte, studiert Karten und unternimmt mehrere Testfahrten auf dem Mittelmeer. Er kommt zu dem Schluss, dass die Überfahrt nach Ostasien möglich sein müsse. Seinen Berechnungen zufolge beträgt die Strecke nur knapp 5000 Meilen – machbar für die Schiffe der damaligen Zeit.

Kolumbus stellt sein Unterfangen bei den großen Königshäusern vor, doch niemand will die Expedition finanzieren. Nach langen Verhandlungen erklärt sich das spanische Königspaar bereit, in den Plan des Abenteurers zu investieren – und am 3. August 1492 setzen drei Schiffe die Segel. Am 12. Oktober ist Land in Sicht. Die Freude ist groß, doch was Kolumbus nicht weiß: Er ist noch mehr als 13 000 Kilometer von seinem eigentlichen Ziel, der Küste Ostasiens, entfernt. Seine Annahmen sind falsch, die errechnete Distanz viel zu kurz. Auch der erhoffte große Goldfund bleibt aus, das Vorhaben misslingt.

Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass schon andere vor ihm nach Amerika gesegelt sind, gilt Kolumbus als großer Seefahrer, der mit seiner Expedition den bis dahin bei Europäern unbekannten Kontinent Amerika neu entdeckt hat.

5. Luftpolsterfolie

Alfred Fielding und sein Kollege Marc Chavannes tüfteln im Jahr 1957 in ihrer Garage in New Jersey. Die beiden Erfinder haben eine skurrile Idee: Mit Plastiktapeten in Weltraumoptik wollen sie den Markt erobern. Dafür kleben sie zwei Duschvorhänge zusammen, zwischen denen sich kleine Luftblasen sammeln, tragen noch eine Schicht aus Papier auf die Rückseite auf und fertig ist die Trendtapete. Doch die Wandverkleidung kommt bei den Kunden nicht gut an. Aus Verzweiflung versuchen Fielding und Chavannes, die Tapete als Isoliermaterial für Gewächshäuser zu verkaufen. Obwohl sie ihren Zweck einigermaßen erfüllt, floppt auch dieser Plan.

Schließlich kommt ihnen der Gedanke, ihre Erfindung als Transportschutz zu verwenden. Sie gründen die Firma Sealed Air, melden ein Patent an und verkaufen die Luftpolsterfolie von nun an als Verpackungsmaterial. Vor allem die beginnende Computerisierung gibt dem Geschäft Auftrieb. Immer häufiger werden hochsensible Transistoren verschickt, die beim Transport besonders geschützt werden müssen. Das Polstern mit Papier, wie bislang üblich, ist für schwere oder zerbrechliche Gegenstände nicht geeignet. Die Luftpolster hingegen sind ideal.

Heute erzielt die Firma Sealed Air weltweit Umsätze in Milliardenhöhe. ---

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