Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Weiter, immer weiter 

Betrachtet den Schutz Sylts als Naturwissenschaftler nüchtern: der Husumer Geophysiker Arfst Hinrichsen

I. Herrn Hinrichsens Gespür für Sand

Das Örtchen Hörnum an der Südspitze von Sylt ist ein idyllisches Fleckchen Erde. Die See, die Dünen, die weißen Strände, nichts deutet darauf hin, dass die Dorfbewohner mit Sorge in die Zukunft schauen. „Die Hörnumer befürchten, dass die Nordsee immer näher kommt“, sagt Arfst Hinrichsen und beobachtet die Wellen von der Düne an der Westseite des Ortes aus.

Der 56-jährige Geophysiker in Diensten des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz in Husum hat keinen Blick für das Idyll. Er sieht an diesem Nachmittag die Wellen in schrägem Winkel auf die Küste zulaufen und erst kurz vor dem Strand brechen. Er sieht: das Problem. „Die Wellen tragen den Sand ab, transportieren ihn nach Süden und schleifen die Küste ab wie Schmirgelpapier. Im Jahr verliert Sylt an diesem Küstenabschnitt vier Meter Land an die Nordsee. Die Südspitze ist für uns Küstenschützer ein Sorgenkind.“ Er macht ein ernstes Gesicht.

Die Angst vor der Nordsee und der Kampf gegen Wellen und Wind beherrschen Sylt seit 800 nach Christus, als die friesischen Kolonisten die Insel besiedelten. Das Meer hat sich über die Jahrhunderte Stück für Stück der Insel genommen und die Westküste Hunderte von Metern nach Osten verschoben. Keine deutsche Insel ist so sehr der Gewalt des Meeres ausgesetzt wie diese, auf deren Westküste die See mit ungeheurer Gewalt ungebremst prallt, weil es dort kein seichtes Gewässer gibt, keine Kliffs oder Sandbänke, die die Wellen in einigem Abstand vor der Küste brechen.

„Die Menschen haben erst gegen den Sandflug und dann gegen das Meer gekämpft“, sagt Hinrichsen. Die verschiedensten Techniken seien so über die Jahrhunderte zur Anwendung gekommen, stoppen konnte die Nordsee keine so richtig. „Erst als 1972 das erste Mal Sand vor die Küste von Westerland aufgespült wurde, hatte man ein Verfahren gefunden, das seit 1983 jedes Jahr durchgeführt wird, und den Status quo der Insel sichert.“

Seitdem spielen die Küstenschützer ein Spiel mit der See, das die Insel davor bewahrt, weiter zu schrumpfen. „Das Meer holt sich an der Westküste jedes Jahr eine Million Kubikmeter Sand, den wir durch Sandaufspülungen wieder ersetzen.“ Im Jahr darauf geht es von vorn los: Das Meer nimmt, der Mensch gibt. Hinrichsens Aufgabe beim Kampf gegen die Natur auf Sylt ist es, unter anderem, herauszufinden, an welchen Küstenabschnitten genau der Sand ausgebracht werden muss.

Um diese zu bestimmen, wertet Hinrichsen die Daten über die Tiefe des Sandes der gesamten Küste von Nord nach Süd aus. Sie stammen von Messungen per Laser, die jeden Herbst aus einem Flugzeug gemacht werden, das die Küste von List im Norden bis Hörnum im Süden abfliegt. „Der Sand soll auf einer Fläche von einem Quadratmeter rund drei Meter tief sein“, sagt Hinrichsen. An den Stellen, an denen das Meer im Laufe eines Jahres die Sanddicke unter diese Marke abgetragen hat, muss Sand aufgespült werden.

Würde man eine Million Kubikmeter Sand an einem Stück auslegen, entspräche das einem Strand mit einer Fläche von rund zehn Kilometern Länge, 33 Metern Breite und drei Metern Tiefe. Hinrichsen schaut auf den Strand, lässt seinen Blick über die Dünen gleiten und sagt: „Das ist letztlich alles künstlich, Sylt wäre nicht grün, hätten Menschen nicht angefangen, die Dünen zu bepflanzen, um den Sand festzuhalten, der nach Osten wehen will. Und auch die ganzen Strände sind alle künstlich. Alle von Menschenhand gemacht.“

Er zeigt auf das Spülschiff, das gerade draußen vor Hörnum liegt. Es pumpt eine Mischung aus Wasser und Sand mit hohem Druck mit einem riesigen Schlauch zu einer Pipeline, an deren Ende das schwere Sandwasser auf den Strand geschwemmt und teilweise mit einem Bagger verteilt wird. „Den Rest erledigt die Natur von selbst“, sagt Hinrichsen. „Die Wellen transportieren den Sand nördlich und südlich und verteilen ihn gleichmäßig.“

Die Spülschiffe müssen von April bis Oktober Sand heranschleppen. Er wird rund sieben Kilometer vor der Westküste aus 15 Metern Tiefe in den Laderaum des Spülschiffes gesaugt. „Da draußen liegen mehrere Hundertmillionen Kubikmeter Sand“, sagt Hinrichsen, „sodass für die nächsten Jahrhunderte ein möglicher Vorrat vorhanden ist.“

Auf diese Weise haben Hinrichsen und seine Kollegen eigentlich auch alles getan, damit die Hörnumer beruhigter auf die See schauen könnten. Doch im Dorf sehen das nicht alle so. Südlich von Hörnum liegt die Odde, ein unbewohntes Naturschutzgebiet, die äußerste Südspitze von Sylt. Sie wird nach und nach von der Nordsee geholt, und niemand hindert das Meer daran. Wenn die Odde einmal verschwunden sein wird, wird Hörnum von Süden her direkt am Meer liegen.

Doch warum lässt man das zu? Könnte man die Odde nicht auch vor dem Meer retten? „Natürlich könnte man, technisch ist das mit sehr viel Aufwand machbar“, sagt Arfst Hinrichsen. „Der Küstenschutz konzentriert sich auf den Schutz der Menschen und ihrer Siedlungen.“ Die Odde hingegen wird sich selbst überlassen. Nach und nach wird sie kleiner werden und irgendwann abbrechen.

Der Ortskern von Hörnum hat Vorrang. Ebenso die rund 50 zumeist nur in der Ferienzeit und an Wochenenden genutzten Häuser der Hörnumer Kersig-Siedlung auf den Dünen der Westküste, die als Ferienhäuser ab Ende der Fünfzigerjahre vom gleichnamigen Kieler Bauunternehmer in den Sand gesetzt wurden. „Das war eigentlich in dieser Lage eine ziemlich unglückliche Entscheidung“, sagt Hinrichsen, „sie stehen an einer Stelle, die das Meer schneller holen würde als andere Stellen der Insel.“

Er nimmt eine Aufstellung aus seinem Rucksack, über der „Wirtschaftlichkeit: Steuereinnahmen“ steht. Unten rechts ist die Summe von 111 Millionen Euro vermerkt. „Das ist sehr konservativ gerechnet“, sagt Hinrichsen, Sylt bringe an Steuereinnahmen jährlich eher 300 Millionen Euro. Wenn man es wirtschaftlich betrachte, stecke das Land pro Jahr um die zehn Millionen Euro in den Erhalt der Insel und erhalte dafür einiges mehr zurück. Natürlich sei es ohne Weiteres möglich, mehr als die eine Million Kubikmeter Sand aufzuspülen, sagt er. Viele Sylter wünschen sich genau das, um auch die Odde zu erhalten.

Hinrichsen sieht seine Aufgabe nüchtern aus der Perspektive eines Naturwissenschaftlers. „Solange der Meeresspiegel mit 30 bis 40 Zentimetern so moderat ansteigt wie in den vergangenen hundert Jahren, können wir die Insel im Bestand sichern.“ Alles andere sei nicht vorhersehbar. Ab und zu wenden sich Bewohner aus dem Dorf oder auswärtige Besitzer von Immobilien an ihn und fragen ihn, ob ihr Haus sicher sei. Mit einer Frage wie dieser kann Hinrichsen wenig anfangen. „Sicher, was ist schon sicher?“, fragt er. „Es gibt Leute, die Angst haben, morgens aus dem Bett aufzustehen. Und obwohl die meisten Leute im Bett sterben, geht jeder abends ins Bett.“

Liebt seinen Beruf sehr: der Hamburger Kinderarzt Karl Robert Schirmer

II. Herr Schirmer bleibt 

Am Abend des 22. Septembers 2014 gäbe es für den Hamburger Kinderarzt Karl Robert Schirmer mit eigener Praxis im Stadtteil Horn zwei Möglichkeiten, den hinter ihm liegenden Arbeitstag zu betrachten. Er wählt die folgende: „Ein normaler Montag, also sehr voll, immerhin keine Grippewelle. Ich schließe um acht auf und um acht ab. Normale Wartezeiten, zwei Stunden. Keine Mittagspause. Um sechs geht der letzte Patient, danach zwei Stunden am Schreibtisch, einen Stapel Rezepte für chronisch Kranke ausfüllen, danach Anfragen von Krankenkassen und Anträge auf Schwerbehindertenausweise bearbeiten und so weiter. Um neun bin ich zu Hause und hatte einen erfüllenden Arbeitstag.“ Er beißt in den Streuselkuchen, der seit Stunden unangerührt auf einem Teller neben der Tastatur seines Computers lag.

Man muss wissen: Karl Robert Schirmer ist der einzige Kinderarzt in Horn. Genauer: der letzte. Als er vor 15 Jahren seine Praxis eröffnete, gab es noch drei weitere, einer ging in den Ruhestand und verkaufte seinen Arztsitz an einen Kollegen, der es vorzog, sich mit der Praxis im Hamburger Westen niederzulassen. Ein zweiter ging in einen anderen Stadtteil, nachdem sein Mietvertrag gekündigt worden war. Der dritte verkaufte seinen Sitz an einen Klinikkonzern, der ihn in ein medizinisches Versorgungszentrum außerhalb Horns integrierte.

Man muss auch wissen: Horn hat mit der „schönsten Stadt der Welt“, für die die Hamburger ihre Stadt halten, nichts zu tun. Die liegt weiter westlich, die Alster, der Elbstrand, der Reichtum der Hanseaten, all das wird man hier auf den Straßen nicht wiederfinden, die von nüchternen Rotklinkerbauten beherrscht werden. Geschäfte gibt es wenige, eher sieht man alle möglichen Imbisse, kleine Kioske, die mehr Bier als Zeitungen verkaufen, Änderungsschneidereien. Das Bekannteste an Horn ist ein Bauwerk, das einen aus dem Stadtteil herausführt: der Autobahnzubringer Horner Kreisel Richtung Berlin.

In Horn leben 38 000 Menschen. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 8,4 Prozent rund drei Prozentpunkte über der Quote der Stadt. Knapp 45 Prozent der Horner haben ausländische Wurzeln, bei den rund 5600 unter 18-Jährigen, die Schirmers Patienten sind, sind es fast 70 Prozent. In Horn leben eher keine Privatpatienten. Die bevorzugen Stadtteile wie etwa Eimsbüttel, wo mehr als 55 000 Menschen leben, dafür aber nur 1000 Kinder mehr als in Horn. Im Eimsbüttel gibt es fünf Kinderärzte.

Am Abend des 22. Septembers 2014 gäbe es für den Kinderarzt Karl Robert Schirmer also auch noch eine zweite Möglichkeit, den hinter ihm liegenden Arbeitstag zu betrachten. „Ich könnte natürlich auch auf die Zahlen gucken“, sagt er. Er legt den Streuselkuchen beiseite, schaut auf den Bildschirm seines Rechners. „Heute waren 138 Kinder hier.“ Bei zehn Stunden Sprechzeit kamen auf jedes Kind knapp viereinhalb Minuten. Er sucht weiter in seinem Rechner herum. „2231 Patienten waren es bis heute in diesem Quartal.“ Er meint damit Einzelpatienten, nicht die Summe ihrer Besuche. Wenn ein Kind, das nicht privat versichert ist, mehrmals im Quartal zu ihm kommt, kann Schirmer trotzdem nur einmal abrechnen, „einen Schein machen“.

Wie viele Scheine waren es bislang in diesem Jahr? Er klickt sich weiter durch die Software: „Zu den 2231 Patienten des dritten Quartals, das Ende September, also in einer Woche endet, kommen circa 2500 aus dem ersten und circa 2300 aus dem zweiten Quartal.“ Er rechnet kurz, „macht 7031“. Für Schirmer ist das keine gute Zahl. Er ist schon jetzt mit mehr als 1000 Patienten über dem Limit.

Schirmer kann pro Quartal nur 1500 Patienten bei der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen. „Mein Budget ist bei circa 6000 Patienten im Jahr erschöpft. Für einen Patienten bekomme ich pro Quartal altersabhängig eine Pauschale zwischen 12,36 Euro und 23,91 Euro. Nur bei bestimmten seltenen Erkrankungen kann ich die Pauschale erhöhen. Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen sind nicht budgetiert. Eine Impfung bringt mir 6,75 Euro, die Vorsorgeuntersuchungen 33 Euro. Umsatz ist aber nicht Verdienst.“ Er beißt in seinen Streuselkuchen.

All das macht ihm wenig aus. Es habe, sagt er, noch keinen Tag gegeben, an dem er nicht gern morgens zur Arbeit gefahren sei. Schirmer lebt mit seiner Frau, die ebenfalls Kinderärztin ist, und den eigenen Kindern im wohlhabenden Stadtteil Poppenbüttel. Und doch, sagt er, ärgere es ihn, dass er wenig Zeit für seine Patienten und auch für sich selbst und seine Familie habe. Schirmer arbeitet zwischen 60 und 70 Stunden in der Woche, auch an den Wochenenden fällt Papierkram an. „Das System“, so nennt er es immer wieder, seit „rott, bürokratisch, starr und gehe an der Lebenswirklichkeit der Patienten vorbei“.

Er verstehe zwar, sagt er, dass es sinnvoll sei, die Zahl der Ärzte zu beschränken, und natürlich wäre es völlig übertrieben zu sagen, die ärztliche Versorgung in prekären Stadtteilen sei nicht gesichert. „Ich kann im Prinzip auch nachvollziehen, dass es in vielen Fällen zumutbar ist, dass Patienten mal einen weiteren Weg in ein anderes Viertel in Kauf nehmen.“ Doch für die Patienten sehe das ganz anders aus. „Die wollen mit ihren kranken Kindern nicht durch die Stadt fahren. Und ich will das auch nicht. Ich will für meine Patienten, dass sie wohnortnah versorgt werden. Das System schränkt in ärmeren Stadtteilen, in denen es nur wenige Kinderärzte gibt, letztlich die freie Arztwahl ein, und das finde ich nicht hinnehmbar.“

Er nimmt immer noch Neugeborene als Patienten auf, auch wenn er bereits einen Patientenstamm von 3500 Kindern und Jugendlichen hat. „Auch wenn es vielleicht pathetisch klingt: Ich kann meine Patienten nicht im Stich lassen.“ Schirmer könnte am Abend dieses 22. Septembers in seinem Computer ohne Weiteres den Tag herausfinden, an dem der 6000. Patient zu ihm kam, aber „ich habe eigentlich keine große Lust, das genau herauszufinden, es wird irgendwann vor drei Wochen gewesen sein“, sagt er. „Seitdem arbeite ich bis zum Ende des Jahres umsonst. Aufs Jahr gesehen wird ein Drittel meiner Tätigkeit nicht bezahlt.“ Er könne und wolle aber auf keinen Fall jammern, sagt er, „es wäre ein Jammern auf hohem Niveau. Ich werde nicht reich, aber ich kann mich nicht beklagen.“

Stößt so manches Mal an die Grenzen ihrer Mittel: die Berliner Jugendrichterin Maria Ebert

III. Frau Eberts Erschrecken 

In einer Nacht des Jahres 2009 hatte eine Gruppe von zehn Jugendlichen, zeitweise waren es zwölf, in Berlin-Neukölln zwei junge Männer in deren Wohnung gequält, einer 24, der andere 26, es zog sich über Stunden hin. „Quälen“ ist nicht falsch, aber es sagt zu wenig. Es soll hier um die Berliner Jugendrichterin Maria Ebert * gehen, und sie muss immer genau wissen: Was, Juristendeutsch, ist der Sachverhalt? Auch soll verstanden werden, was sie damit meint, als sie sagt, dieser Fall habe sie so sehr beschäftigt, dass sie sich gefragt habe, ob es eigentlich einen Sinn hat, was sie da als Jugendrichterin bewirken könne. Also muss man genauer hinschauen.

„Sie stehen im Kreis um die beiden herum. Dem einen sagen sie: Du hast die Wahl. Du bläst deinem Kumpel einen. Oder lässt dir einen von ihm blasen. Oder du kriegst einen Todesschlag mit der Wodkaflasche. Der junge Mann weigert sich, jammert, bittet, bettelt, na gut, dann eine andere Aufgabe. Leck die Kloschüssel aus. Oder piss deinen Kumpel an. Oder du kämpfst mit einem von uns. Man muss wissen, er war zu diesem Zeitpunkt schon stundenlang immer wieder verprügelt worden. In seiner Verzweiflung hat er seinen Mitbewohner angepinkelt, unter dem Johlen der Meute.“ Ebert legt die Akte beiseite. „Das ist meine Kundschaft.“

Sie sitzt in ihrem Büro im Kriminalgerichtsgebäude Berlin- Moabit, in dem das Amts- und Landgericht untergebracht ist. Die über mehrere Gebäude verteilte Strafrechtsfabrik ist das größte Strafgericht Europas mit 270 Richtern und 350 Staatsanwälten sowie Hunderten weiterer Justizangestellten. Strahlt die Architektur des alten Gebäudes des Kriminalgerichts noch immer den majestätischen, zu Stein gewordenen Machtanspruch der Wilhelminischen Zeit aus, der jeden, der das Gebäude betrat, sich klein fühlen ließ und lassen wollte, ist von der Herrlichkeit auf dem Flur des neueren Nebengebäudes, in dem das Jugendgericht des Amtsgerichts Tiergarten mit seinen 30 Jugendrichtern untergebracht ist, nichts übrig. Fünfter Stock, Gebäude E, dort sitzt Ebert auf wenigen Quadratmetern. Grauer Linoleumfußboden, das Fenster hat breite gitterförmige Streben aus rotem Kunststoff, die einen Gutteil der Scheibe bedecken.

Ebert ist seit zwölf Jahren Jugendrichterin am Amtsgericht Tiergarten, zuvor hat die 46-Jährige zwei Jahre lang Erwachsenenstrafrecht gemacht. Fragt man sie, ob sie ihren Beruf mag, zögert sie keinen Moment, mit Ja zu antworten, bis heute fasziniere sie, was Menschen so alles an Verbotenem tun, sie schaue da durchaus auch voyeuristisch in eine Welt hinein, in die Menschen aus bürgerlichen, geordneten Verhältnissen wie sie selbst sonst keinen Einblick hätten.

Sie kommt jeden Tag gegen acht Uhr in dieses Gebäude, nie weiß sie, welche Fälle sie erwarten, die ihr die Justizangestellten täglich in Form von 20 bis 40 Akten auf den Tisch laden. Die allermeisten Sachen erledigt sie mit professioneller Distanz, aber klar, sagt sie, einiges nehme man mit nach Hause, sie hat ja nicht immer nur das, was sie „Gummibärchen-Klauereien“ nennt. Ausrutscher von 14-, 15-Jährigen, von denen sie weiß, dass sie die nie wiedersehen wird.

„Das ist das Ziel, das ich erreichen will“, sagt Ebert. „Ich will dich nie wiedersehen.“ Diesen Satz sagt sie jedem Jugendlichen, der vor ihr im Gerichtssaal sitzt. Sie muss feststellen, dass sie ihr Ziel nicht erreicht, rund 20 Prozent der Jugendlichen, kämen wieder, „viel zu viele“. Meist, sagt Ebert, würden die Taten schwerer, man könne über die Jahre regelrecht zusehen, wie die Jungs, es seien ja meistens Jungs, härter, verschlossener, kaputter würden. Fragt man Maria Ebert, ob sie das als Niederlage sehe, denkt sie länger nach, dann sagt sie, es zeige ihr, dass sie es mit ihren Mitteln nicht geschafft habe, erzieherisch auf die Jugendlichen einzuwirken. „Und das kann mir nicht gefallen, klar.“

Sie hat viele Raube, gefährliche Körperverletzungen, Drogendelikte, sexuelle Straftaten gegen Kinder. „Diese Sachen kommen auch zu uns, weil der Gesetzgeber der Meinung ist, wir Jugendrichter sind geschulter im Umgang mit Kindern. Die treten in den Verfahren, in denen ich dann Erwachsenenstrafrecht mache, als Zeugen auf.“ Diese Fälle gehen ihr nach.

So auch der aus der Nacht im Jahr 2009. „Die Jugendlichen haben die beiden Geschädigten“ – sie verwendet das Wort „Opfer“ nie, sie findet es abfällig – „stundenlang geradezu gefoltert. Sie wurden mit einer Gitarre geschlagen. Die beiden mussten in einem Art Boxring gegen jeden aus der Gruppe antreten und sind immer wieder übel zusammengeschlagen worden. Sie wurden gezwungen, auf allen Vieren durch die Wohnung zu kriechen und Hunde- und Affenlaute zu machen. Sie mussten sich aufs Bett legen unter eine Decke, und die ganze Gruppe hat unter großem Gelächter auf sie draufgepinkelt.“

Nachdem die Jugendlichen gefasst worden waren, kam der Fall zu Ebert. „Der Anführer der Gruppe war eiskalt, hat kein Wort gesagt, war nicht zu beeindrucken. Der war 16.“ Hört man ihr zu, wird deutlich, dass sie an eine Grenze gekommen ist. „Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass ein 16-Jähriger so verroht ist, sadistisch, gewalttätig.“ Sie hat ihn zu jahrelanger Haft verurteilt.

Ebert gilt in Berlin als strenge Jugendrichterin, sie nennt es konsequent. „Ich habe mich damals schon gefragt, was für einen Sinn es hat, zu glauben, man könne als Jugendrichter erzieherisch einwirken.“ Das Jugendstrafrecht soll nicht nur sanktionieren, es soll die Jugendlichen begreifen als Menschen, die noch beeinflussbar sind, noch nicht ausgereift in ihrer Entwicklung und von daher „noch erwischt werden können von mir“, sagt sie. „Doch es gibt einfach Fälle, die sind gruselig. Der Gedanke, mit den Mitteln des Jugendstrafrechts nichts ausrichten zu können, die Jugendlichen nicht mehr erreichen zu können, das beschäftigt mich.“

Sie spürt durchaus auch an sich, dass der Beruf ihr gefährlich werden, sie zur Zynikerin machen kann, sie abstumpft. Vor ein paar Wochen ging sie mit ihrem Mann spazieren, als ihnen drei Jugendliche entgegenkamen. Ausländische Herkunft, aggressiver Gestus. „Ich sagte meinem Mann: Das ist Kundschaft. Ich bilde mir ein, durch meinen Beruf inzwischen einen Blick dafür zu haben.“ Ihr sei bewusst, dass sie aufpassen müsse, keine Vorurteile aufzubauen. Doch manchmal, sagt sie, könne sie es einfach nicht mehr hören, immer derselbe, nur in Varianten abgewandelte stereotype Lebenslauf, Eltern geschieden oder Mutter alleinerziehend, Alkoholiker, Gewalt in der Familie, der Jugendliche geht kaum zur Schule. „Es sind immer dieselben Lebenssituationen, und es kann passieren, dass man selbst verroht, wenn man tagtäglich mit verrohten Jugendlichen zu tun hat und irgendwann was anderes machen sollte.“

Woran sie diesen Moment erkenne? „Wenn ich keine Lust mehr habe, morgens durch meine Tür hier in mein Büro zu gehen. Dann war’s das mit Jugendstrafrecht für mich.“ ---

* Name geändert

Mehr aus diesem Heft

Scheitern 

Der sanfte Kämpfer

Kein Tropfen mehr – das galt für Alkoholiker lange als einzige Rettung. Heute werden auch andere Wege aus der Sucht akzeptiert. Das ist wesentlich dem Psychologen Joachim Körkel zu verdanken, der hartnäckig gegen das Abstinenz-Dogma anarbeitet.

Lesen

Scheitern 

Der Tod des Punks in der Popper-Disco

Im Sommer 2013 ging der Baumarktkonzern Praktiker pleite. Wie konnte es dazu kommen?

Lesen