Ausgabe 11/2014 - Wirtschaftsgeschichte

Auf dem Trockenen

• Was Marktwirtschaft für ihn bedeutete, formulierte Al Capone in seinen eigenen Worten: „Ich befriedige nur die Nachfrage. Jemand muss den Durstigen Getränke geben. Warum nicht ich?“

In der Nacht zum 17. Januar 1920 trat in den USA der 18. Zusatzartikel zur Verfassung in Kraft. Er stellte die Herstellung, Verbreitung und den Konsum von Alkohol unter Strafe – und machte aus Al Capone einen schwerreichen Mann.

Als in Restaurants, Bars und Theatern nur noch Sirup und Saft ausgeschenkt wurden, übernahmen die Gangs den Getränkevertrieb, zumindest was Alkoholika betraf. Al „Scarface“ Capone, Arnold Rothstein, George „Bugs“ Moran trugen dafür Sorge, dass es den Trinkern an nichts fehlte.

Das war vergleichsweise einfach. Denn die republikanischen Präsidenten Warren Harding (1921–1923) und Calvin Coolidge (1923–1929) waren keine Freunde großer Verwaltungsapparate. Sie sparten am Personal in den Behörden und kürzten die Ausgaben der Regierung.

Das hatte zur Folge, dass nur 1500 Polizeibeamte bereitstanden, um die Prohibition durchzusetzen – das waren 30 Agenten in jedem Bundesstaat.

Als der Berliner Bürgermeister Gustav Böß 1929 New York besuchte, fragte er seinen Amtskollegen James J. Walker, wann das Alkoholverbot in Kraft treten würde. Es schien dem Besucher so, als könne man an jeder Ecke einen Drink bekommen.

Und trotzdem hatte die Prohibition Folgen – für die Wirtschaft. Die Theater blieben leer, weil eine Vorstellung ohne ein Bier nur noch halb so lustig war. Den Restaurants blieben die Gäste fern, weil ein Abendessen ohne Wein doch nicht so fein war. Brauereien, Destillerien und Kneipen mussten schließen. Tausende Menschen wurden arbeitslos, darunter Kraftfahrer, Handelsvertreter, Buchhalter, Fassmacher, Kellner.

Auch den Staat traf es. Der Haushalt von New York wurde zu einem großen Teil durch Alkoholsteuern finanziert – und die blieben von einem auf den anderen Tag aus. Der Zentralregierung in Washington erging es kaum besser. Ihr fehlten plötzlich elf Milliarden Dollar an Steuereinnahmen, während 300 Millionen Dollar ausgegeben werden mussten, um die Prohibition durchzusetzen.

Das Geschäft mit dem Rausch machten jetzt andere. Um 1925 gab es allein in New York 100 000 illegale Bars. Detroit wurde von Kanada aus mit Alkoholika versorgt. Die Schmuggler nutzten doppelte Benzintanks in Autos, doppelte Böden im Kofferraum und sogar in Einkaufskörben.

In Chicago begann zu jener Zeit der Aufstieg von Al Capone. Er hatte die gefürchtete Gang des Mafioso Johnny Torrio übernommen. Damit verfügte er über eine schlagkräftige Truppe und die nötige Logistik, um groß ins Spirituosengeschäft einzusteigen.

Er ließ Alkohol produzieren, vertreiben und an Endkunden liefern. Er importierte den Stoff aus anderen Bundesstaaten und Kanada, und er kontrollierte Hunderte von Brauereien und Destillerien, viele davon in Chicago. Um die Waren zu verkaufen, hatte Al Capone Handelsvertreter, Lieferwagen und Mondscheinkneipen, in denen Getränke jeder Art ausgeschenkt wurden. Im Prinzip steuerte er einen Konzern, nur dass der illegal war.

Der Aufstieg der Gangs war fatal für die amerikanischen Großstädte. 1926 zählte das FBI 12 000 Morde im ganzen Land. Aber der Drahtzieher Al Capone kam immer wieder davon.

Er bestach Polizisten und Politiker, bisweilen zahlte er bis zu 250 000 Dollar. Solche Summen konnte er verschmerzen, schließlich soll er bis zu 100 Millionen Dollar jährlich verdient haben. Dadurch war es ihm ein Leichtes, sich Einfluss zu erkaufen. Als er in Chicago ins Glücksspiel einstieg, übersahen Polizisten regelmäßig seine Spielautomaten, die in illegalen Bars hingen.

Doch ewig hielt sein Glück nicht an. Der FBI-Agent Eliot Ness hatte sich an Capone festgebissen. Er ließ ihn beobachten, er untersuchte sein Imperium und konnte ihn schließlich verhaften. Im Oktober 1931 wurde Al Capone von einer Jury zu elf Jahren Haft verurteilt – wegen Steuerhinterziehung. Er starb im Jahr 1947 auf seinem Familiensitz in Florida an Syphilis.

Zu dieser Zeit war die Prohibition schon wieder Geschichte. Das Ende kam 1933, als die Zeitungen berichteten, dass acht von zehn Kongressabgeordnete heimlich zur Flasche griffen.

Vielen war ohnehin längst klar, dass das Verbot von Alkohol fehlgeschlagen war. Vor der Prohibition wurden in den Vereinigten Staaten von Amerika 530 Millionen Liter Alkohol getrunken. Während der Prohibition 757 Millionen Liter, berichtete damals das Wirtschaftsmagazin »Fortune«.

Im März 1933 zog der gerade ins Amt gekommene Präsident Franklin D. Roosevelt daraus die Konsequenzen. Er erlaubte zunächst den Verkauf und den Konsum von Bier mit einem geringen Alkoholgrad – und beendete damit die Prohibition.

Nachdem das geschafft war, lehnte sich Roosevelt zurück und sagte: „Ich denke, wir könnten jetzt alle ein Bier vertragen.“

Das Magazin »Fortune« dagegen machte sich Sorgen um den Zustand der Spirituosenbranche, die so lange zum Nichtstun gezwungen worden war, und fragte: „Was werden die USA nächstes Jahr trinken?“ Und lieferte selbst die Antwort: „Alles.“ ---

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