Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Der sanfte Kämpfer

• Joachim Körkel erinnert sich noch gut an das Schlüsselerlebnis, das ihn zum Abweichler machte und ihm sein Lebensthema bescherte. Er erzählt die Geschichte in seinem Büro an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, wo er Psychologie-Professor ist. Ein schlanker 60-Jähriger, dem man sein Alter nicht ansieht und der in der weichen Mundart seiner Heimatstadt Heidelberg spricht.

1984, nach der Promotion an der dortigen Universität, fängt Körkel als leitender Psychologe in einer Suchtklinik für Alkohol- und Medikamentenabhängige in der hessischen Provinz an. Die Patienten sollen dort bei ihrem sechsmonatigen Aufenthalt lernen, ohne den Stoff auszukommen. Alkoholismus gilt als Krankheit; das ist ein Fortschritt im Vergleich zu früheren Zeiten, in denen Trinker als haltlos galten. Doch die Behandlung ist immer noch geprägt von der Vorstellung, dass Süchtige eine starke Führung brauchen, weil sie nicht mehr Herr ihrer selbst sind. Daher gilt: Wer gegen das Gebot der Abstinenz verstößt, fliegt.

Bei seiner Arbeit lernt Körkel einen Patienten kennen, der ihn ins Grübeln bringt. Der Mann aus dem Sauerland ist als Waise in Heimen aufgewachsen und hat sich eine bürgerliche Existenz erarbeitet mit Frau und zwei Kindern. „Ein Schaffer vor dem Herrn“, erinnert sich Körkel. „Der hat geschuftet wie verrückt und den Druck und die familiären Konflikte mit Schnaps ausgeglichen.“ Als Firma und Familie das nicht mehr tolerieren, landet er in der Klinik, anfänglich sehr unwillig: „Andere haben es nötiger als ich.“ Nach einiger Zeit bekommt Körkel einen Draht zu dem Mann. Dann, bei einem Gespräch, bei dem auch die Frau des Patienten anwesend ist, sagt diese, dass sie sich von ihm trennen wird. Der Mann geht ein paar Tage später in den nächsten Ort und betrinkt sich.

„Für den ist eine Welt zusammengestürzt, der hatte einen Grund zu trinken“, sagt Körkel. „So jemand galt damals als gescheitert, die Behandlung wurde abgebrochen.“ Er findet das nicht richtig und beginnt, anders mit Rückfälligen umzugehen. Sein liberaler Chefarzt toleriert das. „Der Rückfall ist der wahrscheinlichste Fall“, sagt Körkel und hat gleich die entsprechende Zahl parat: Mehr als die Hälfte der Patienten werden innerhalb eines Jahres nach einer stationären Behandlung mit dem Ziel der Abstinenz rückfällig. „Daher ist es unsinnig, das Thema zu tabuisieren.“ Körkel stellt sein Alternativkonzept der Fachöffentlichkeit vor. Die Nachricht spricht sich herum, und die „Säuferklinik“ hat ihren Ruf weg – als eine, in der gepichelt werden dürfe.

Das ist natürlich nicht der Fall, und Körkel und sein Team gehen auch nicht leichtfertig mit dem Problem um. Sie reden lediglich mit den Patienten über deren Gründe, wieder zur Flasche gegriffen zu haben: jeweils in einem Einzelgespräch, in der Gruppe, mit dem therapeutischen Team – und schließlich muss der Betreffende vor allen anderen Patienten über seinen Rückfall berichten. Das Ziel des Marathons ist es, solche Rückschläge zu entdämonisieren. Niemand soll denken: Jetzt ist alles zu spät, jetzt kannst du auch gleich weitersaufen. Körkel wirbt für diese neue Haltung und schreibt mit einem Kollegen ein Buch darüber („Rückfallprävention mit Alkoholabhängigen“). Heute orientiert man sich in vielen Suchtkliniken daran. Mehr als die Hälfte der Rückfälle geht übrigens glimpflich aus, es bleibt bei kurzzeitigen Ausrutschern. Auch das kann der Psychologe mit Zahlen belegen. Er hat gelernt, sich mit Daten und Fakten zu wappnen – und dass das bessere Argumente nicht unbedingt gewinnt.

Seinem Thema bleibt er auch nach dem Wechsel als Professor an die Evangelische Hochschule Nürnberg treu. Er stellt in seiner freundlichen Art die Dogmen der Suchtbehandlung infrage, die von Kollegen und vor allem Selbsthilfegruppen wie den Anonymen Alkoholikern (AA) propagiert werden. Diese Initiativen haben große Verdienste, neigen allerdings dazu, ihre Methoden zu verabsolutieren. Der Glaube soll Halt geben. Das Credo lautet: Alkoholismus ist eine unheilbare Krankheit, die nur durch totalen Verzicht auf den Stoff in Schach gehalten werden kann. Jeder Verstoß führe unweigerlich wieder ins Elend. Im sogenannten Blauen Buch der AA heißt es: „Wir wissen, dass kein Alkoholiker jemals wieder kontrolliert trinken kann.“

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Das ist wissenschaftlich nicht haltbar. Der biochemische Automatismus, der Mythos von der Schnapspraline, die Ex-Trinker unweigerlich wieder auf die schiefe Bahn bringe, wurde bereits in den Sechzigerjahren durch – ethisch nicht korrekte Experimente – widerlegt. Man gab trockenen Alkoholikern als Vitaminpräparate getarnte Alkoholika. Die Probanden entwickelten keinen unbändigen Drang nach mehr. Untersuchungen zeigen zudem, dass eine gewisse Zahl auch schwerer Trinker es schafft – mit oder ohne Therapie –, den Konsum auf ein verträgliches Maß zu reduzieren. Hinzu kommt: Mit klassischen Suchttherapien werden nicht einmal zehn Prozent der rund zwei Millionen Alkoholkranken hierzulande erreicht. Für die allermeisten ist die Hürde zu hoch. Und der völlige Verzicht auf Bier, Wein und Schnaps erscheint ihnen zumindest zunächst nicht als erstrebenswert.

Aus diesen Gründen geht Körkel einen Schritt weiter. Ende der Neunzigerjahre entwickelt er ein „Ambulantes Programm zum kontrollierten Trinken“, das zunächst bei der Caritas in Nürnberg angeboten wird. Das Prinzip ist Eigenverantwortung, die Methode einfach: Die Teilnehmer protokollieren mithilfe des Therapeuten in einem Trinktagebuch, wann sie wie viel konsumieren. Und legen dann ihr persönliches Ziel fest, idealerweise inklusive einiger „trockener“ Tage. Dann dokumentieren sie ihr Trinkverhalten in ihrem Büchlein. Einmal in der Woche treffen sie sich in der Gruppe und besprechen Erfolge und Misserfolge.

Das Echo ist gewaltig. Suchttherapeuten und Selbsthilfegruppen lehnen das neue Angebot als „abenteuerlich“, „lächerlich“ und „lebensgefährlich“ ab. Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker – das ist die gängige Meinung, auch in der Wissenschaft. So sagt der Mannheimer Professor Karl Mann, der als führender Suchtexperte gilt: „Es ist frappierend, wie schnell ein schon seit Jahren trockener Alkoholiker wieder in den Suff abgleiten kann.“ Die Wellen gehen hoch, Körkel bekommt eine anonyme Morddrohung. Der Psychologe hat an einem Tabu gekratzt. Trockene Alkoholiker sehen ihren Weg aus der Sucht diskreditiert und halten ihm vor, labile Menschen zum Trinken zu verleiten.

Über die Anwürfe von früher kann er noch heute den Kopf schütteln. „Ich finde, es ist sehr zu würdigen, wenn Menschen abstinent leben.“ Aber für viele sei das Ziel unrealistisch. Für sie müsse es andere Wege aus der Sucht geben. Er verfolgt seine Sache hartnäckig. Das Programm hat er inzwischen auf Drogen aller Art ausgeweitet und in Kiss umbenannt – „Kontrolle im selbstbestimmten Substanzenkonsum“. Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum rund 1300 Trainer, die in der Technik unterwiesen sind. Das zwölf Sitzungen umfassende Programm ist mindestens so erfolgreich wie auf Abstinenz ausgerichtete Therapien. Und manche Teilnehmer entscheiden danach von sich aus, ganz auf die jeweilige Droge zu verzichten (siehe auch Erfahrungsberichte).

Körkel hat viel erreicht. Er fürchtet nicht mehr um sein Leben, das Verhältnis zu organisierten Abstinenzlern ist entspannter. 2009 wird er von Ashoka, einer Organisation zur Förderung sozialer Unternehmer ausgezeichnet und als Fellow gefördert. Felix Oldenburg, Hauptgeschäftsführer der Initiative in Deutschland, begründet das so: „Drogensucht ist ein Problem mit gesellschaftlichen Folgekosten von etwa 6,7 Milliarden Euro jährlich. Das Kiss-Programm hat das Potenzial, einen großen Teil der Abhängigen aus der Sucht zu führen.“

Als Fellow kann sich Körkel drei Jahre lang von seinen Lehrverpflichtungen freistellen lassen, um sein Projekt voranzutreiben. Sein Ziel ist es, dass Hilfen zur Verringerung des Konsums Süchtigen so selbstverständlich angeboten werden wie klassische Abstinenztherapien. In Großbritannien, Skandinavien und in den Niederlanden ist das bereits so. In Deutschland aber verhindert das unter anderem die Rentenversicherung als Kostenträger für Rehabilitationseinrichtungen von Suchtkranken – genehmigt werden nur Therapien mit dem Ziel Abstinenz.

Etwas aufgeschlossener sind Krankenkassen, die als Akutmaßnahme die Entgiftung von Süchtigen finanzieren. Körkel schlägt ihnen einen Deal vor: Patienten sollten nach dem Entzug, der meist sieben bis zehn Tage dauert, die Möglichkeit bekommen, am Kiss-Programm teilzunehmen. Die Kosten beziffert er auf rund 1000 Euro pro Patient. Unter dem Strich aber würden die Kassen sparen, „denn bislang passiert mit den allermeisten Patienten nach dem Entzug gar nichts. Sie werden entlassen, trinken weiter und landen wieder im Entzug. Der kostet pro Tag mindestens 300 Euro, von anderen alkoholbedingten Krankheiten ganz abgesehen.“ Ein Pilotprojekt mit einer Kasse sei vereinbart.

Neuerdings bekommt Körkel auch Unterstützung von unerwarteter Seite: der Pharmaindustrie. Die dänische Firma Lundbeck hat ein Medikament namens Nalmefene entwickelt, das Trinkern die Lust am Alkohol verleiden und so ihren Konsum reduzieren soll. Die Hürde für die Genehmigung durch die europäische Zulassungsbehörde und vor allem dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der hierzulande darüber entscheidet, ob Medikamente von den Kassen bezahlt werden, war hoch. In der ersten Runde scheiterte Lundbeck vor dem G-BA. Begründung: Nur „Alkoholentwöhnungsmittel“ seien erstattungsfähig.

Daraufhin legte die Firma mit all ihren finanziellen Möglichkeiten nach und gab Studien in Auftrag. Ergebnis: Mithilfe des Medikaments und Beratung gelang es den Teilnehmern, ihren Alkoholkonsum um bis zu 60 Prozent zu senken. Bemerkenswert: In der Kontrollgruppe, die nur einen Placebo und Beratung bekam, gelang eine Reduktion um 40 Prozent. Ein weiterer Beleg dafür, dass solche Programme funktionieren.

Der G-BA ließ sich in der zweiten Runde überzeugen, das Medikament ist seit September auf dem Markt. Joachim Körkel, der zum Beraterkreis von Lundbeck zählte, traf dort einen Bekannten wieder: den Mannheimer Professor Karl Mann, einst ein vehementer Gegner des kontrollierten Trinkens. Nun sagte er dem Onlinedienst Medscape: „Auch ich habe damals geglaubt, vertreten und publiziert: Das Ziel muss Alkoholabstinenz sein! – Zumindest so lange, bis wir Daten haben, die uns zeigen, dass auch Reduktion funktioniert.“

Solche Daten hat Körkel bereits vor mehr als zehn Jahren vorgelegt. Aber der Fortschritt, das hat er erfahren, macht mitunter große Umwege. ---

Zwei Erfahrungsberichte

„ Mein vollbreites Verhalten runterfahren “ 

Uwe H.* hat eine lange Drogenkarriere hinter sich. Der heute 51-jährige gelernte Konditor fing Anfang der Achtziger in der Trabantensiedlung einer westdeutschen Großstadt, wo er noch heute lebt, mit Haschisch an. „Dann kamen ziemlich schnell Heroin und LSD.“ 1994, nach der Geburt seines ersten Sohnes, hörte er damit auf und stieg auf Amphetamine um. Fünf Jahre später verlegte er sich auf Haschisch und Bier. „Zu saufen habe ich erst mittags angefangen, aber gekifft schon morgens. Den ersten Dübel (Joint) hatte ich schon vor dem Zähneputzen.“ Im vergangenen Jahr nahm er am Kiss-Programm teil. „Ich wollte mein vollbreites Verhalten runterfahren.“ Zu Beginn belief sich sein Pensum laut seinem „Konsumtagebuch“ auf sieben Einheiten Cannabis (je 0,5 Gramm) und sechs bis sieben Einheiten Alkohol (je 0,5 Liter Bier). Es gelang ihm schon in der ersten Woche, die Mengen zu reduzieren. „Man hat das Büchlein vor sich liegen und immer die Kurve im Kopf – so einfach, wie es ist, so genial ist es.“ Zunächst verschob er seinen Haschischkonsum auf nachmittags und stellte erfreut fest: „Wenn man morgens nüchtern irgendwo hingeht, stehen einem Tür und Tor auf. Die Leute unterhalten sich mit einem.“ Es gab auch einen Rückschlag, H. fiel in sein altes Verhalten zurück, eine Woche im Tagebuch ist nicht ausgefüllt. Aber schließlich konnte er seinen Konsum um zwei Drittel reduzieren. Mittlerweile hat er eine stationäre Therapie begonnen, „um ganz wegzukommen vom Hasch“. Ein Bier zum Feierabend will er sich aber weiterhin erlauben. „Die Therapeuten hören das nicht gern, aber Alkohol ist nicht mein Problem.“

„War interessant zu sehen, wie hoch der Konsum war “

Thorsten W.* hat schon zwei stationäre Therapien hinter sich – einmal vier, einmal zehn Monate. Allerdings nicht ganz freiwillig. Die Alternative lautete: Knast oder Klinik. Nach der Entlassung machte er weiter wie zuvor: „Wenn einer sagt: ,Du darfst nicht‘, dann schaltet man ab und denkt: Leck mich am Arsch!“ Der 39-Jährige mit dem Punker-Look kommt aus einem kleinen Ort in Niedersachsen, hat dort vor 25 Jahren mit der Sauferei angefangen und „viel Scheiße gebaut“, wie er sagt. Sein Lebenswandel hatte einen Preis, er bekam Diabetes, die Bauchspeicheldrüse ist angegriffen. „Ich war schon zigmal wegen Entzündungen im Krankenhaus.“ Das war ein Grund für ihn, im vergangenen Jahr mit einem Kumpel beim Kiss-Programm mitzumachen. „Es war interessant zu sehen, wie hoch der Konsum war“, erinnert er sich. W. brachte es auf sieben, acht Bier plus drei, vier Päckchen Kräuterlikör à vier Fläschchen – täglich. Es dauerte ein paar Wochen, bis er das erste Mal nüchtern bei der morgendlichen Gruppensitzung auftauchte. Seine Erfahrung fasst er so zusammen: „Man hat es runtergekriegt.“ Am Ende des Programms hat er an zwei, drei Tagen die Woche gar nichts mehr getrunken und an den anderen um bis zu zwei Drittel weniger als früher. Als wir miteinander sprechen, hat er schon seit zehn Tagen nichts mehr getrunken, will aber gern noch einmal am Programm teilnehmen. „Zur Auffrischung, und weil es mir mit anderen in der Gruppe leichter fällt.“

* Namen geändert

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