Ausgabe 11/2014 - Markenkolumne

Sør Herrenausstatter

„Vor dem Spiegel stehen und sagen: wow!“

• Thomas Rusche empfängt in seiner opulent mit Kunst ausgestatteten Berliner Wohnung in der Nähe des Savignyplatzes, wo er einen Teil seiner Sammlung präsentiert. Der Inhaber des Herrenausstatters Sør mit Hauptsitz im münsterländischen Oelde trägt zur senfgelben Hose ein kariertes Hemd mit Manschettenknöpfen, eine rote Weste mit Taschenuhr, ein gedecktes Sakko mit Einstecktuch, aber keine Krawatte. Die Botschaft: Man kann gut angezogen, aber trotzdem locker und farbenfroh daherkommen.

Modische Entwicklungshilfe für den besser verdienenden deutschen Mann ist seit je das Geschäft von Sør. Die Kette mit bundesweit 60 Filialen funktioniert nach dem Fachhandelsprinzip mit großem Sortiment: Die Kunden finden dort für jeden Anlass klassische, haltbare Mode. Letzteres betont der Chef besonders: „Alles, was ich heute trage, ist mindestens zehn Jahre alt.“ Männer mögen das, und die Rusches haben ein gutes Gespür für ihre Klientel.

Nur als im Gefolge der 68er alle Welt nur noch Jeans, Rolli und Parka trug, fürchteten sie um ihre Existenz. Doch diese Durststrecke ging vorbei, Anzüge sind wieder in, und Männer werden immer eitler. Rusche, der mit einer Italienerin verheiratet ist, versucht seiner Kundschaft zusätzlich noch etwas mediterrane Leichtigkeit und Freude an der Mode nahezubringen: „Sich schön anziehen, vor dem Spiegel stehen und sagen: wow!“

Der 52-Jährige ist vielseitig interessiert, sowohl in Ökonomie als auch in Philosophie promoviert und habilitiert sich gerade mit einem wirtschaftsethischen Thema. Solche Kenntnisse nützten, sagt er, auch seinem Unternehmen. Dort komme es auf fachkundiges Personal an, das über Tarif bezahlt werde und große Freiheiten genieße. Der bekennende Katholik Rusche bezeichnet sein Geschäft als „solide, langfristig angelegt und ohne große Ausschläge nach oben oder unten“.

Laut der Boston Consulting Group ist Sør Marktführer in der – allerdings sehr zersplitterten – Branche. Die Eintrittshürde für potenzielle Konkurrenten ist hoch. Rusche beziffert den Kapitalbedarf für die Erstausstattung einer 250 Quadratmeter große Filiale, die unter anderem mit antiken englischen Möbeln ausgestattet ist – „wir haben die größte Sammlung in Kontinentaleuropa“ – auf rund eine Million Euro.

Der Familienbetrieb trotzt dem Fachhandelssterben, und den unter anderem durch Flagshipstores internationaler Marken exorbitant gestiegenen Mieten in den städtischen 1a-Lagen und der Konkurrenz im Netz. Im Onlinegeschäft sei allerdings noch Luft nach oben, räumt der Inhaber ein; derzeit ist er froh, damit kein Geld zu verlieren. Für die Zukunft sieht Thomas Rusche aber durchaus noch Potenzial: „Die Marke eignet sich sehr gut für ein Multichannel-Geschäft: Man schaut sich die Sachen in aller Ruhe im Internet an und probiert sie in der nächstgelegenen Filiale aus.“ ---

Die Geschichte des Textilunternehmens beginnt Ende des 19. Jahrhunderts mit Thomas Rusches Urgroßvater, der im Westfälischen Tauschhandel unter anderem mit Stoffen, Möbeln und Bildern betreibt – und den Grundstein für die Kunstsammlung der Familie legt. Thomas‘ Vater Egon gründet 1956 mit seiner Frau Doris einen Herrenausstatter namens Sir in Bielefeld. Firmenmotto: „Chic ohne Chichi“. Weil das Warenzeichen Sir allerdings bereits vom Kölner Parfümhersteller 4711 geschützt ist, muss sich der Unternehmer rasch etwas Neues ausdenken. Angeblich lässt er sich dabei vom morgendlichen Knäckebrot beziehungsweise Smørrebrød zum dänisch anmutenden Sør (ausgesprochen: Sör) inspirieren. Thomas Rusche übernimmt 1988 die Firma. Er baut das Geschäft mit Freizeitmode aus, führt eine kleine Damenkollektion ein und stärkt die Eigenmarke. Sie sorgt mittlerweile für ein Drittel des Umsatzes. Aus ihr ließe sich, sagt Thomas Rusche, auch noch mehr machen: „Brillen, Düfte – da ist vieles vorstellbar.“

Sør Rusche GmbH
Mitarbeiter: rund 250
Umsatz 2013: etwa 60 Mio. Euro
Bestseller: blauer Blazer

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