Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Das Telephotophon

• Es war die größte, die glamouröseste Markteinführung des Jahres. Snoop Dogg war da, Jimmy Fallon, Alicia Keys, Martha Stewart und Julia Louis-Dreyfus – die in der Sitcom „Seinfeld“ Jerrys Freundin Elaine spielt –, als am 5. Juni 2012 mit einem Event in den Milk Studios im New Yorker Meatpacking District Airtime an den Start ging. Die beiden Gründer der Musiktauschbörse Napster, Sean Parker und Shawn Fanning, hatten 33 Millionen Dollar Risikokapital im Silicon Valley eingesammelt, um der Welt diesen neuen Service zu schenken: Videochat auf Facebook. „Airtime“, prahlte Parker, „wird die sozialen Beziehungen im Internet neu verdrahten.“ Das Bildtelefonieren war wieder einmal ganz weit vorn.

Die Spielarten der Bildtelefonie

Ein Bildtelefon ist herkömmlich ein Telefon mit einem zusätzlichen Video-Bildschirm. Heute ist das Bildtelefonieren ein Feature, das selbstverständlich auf Laptops, Tablets oder Smartphones verfügbar ist. Dafür stehen unter anderem Dienste wie Hangout in Googles sozialem Netzwerk Google+ oder Programme wie Skype oder Apples Facetime zur Verfügung. Skype ist mit etwa 300 Millionen Nutzern, von denen etwa 40 Prozent gelegentlich bildtelefonieren, die populärste Anwendung.

Dass die Bildtelefonie kein Selbstgänger ist, belegt Apple: Mit Facetime Audio wurde drei Jahre nach dem Start von Facetime die Möglichkeit geschaffen, ohne Bildverbindung zu telefonieren. Umfragen zeigen, dass die Bildtelefonie besonders in Deutschland zwar als Zukunftstechnik begrüßt, zugleich aber auch als solche empfunden wird, die in besonderer Weise in die Privatsphäre eindringt.

Unter dem Begriff Telepräsenz wird das am weitesten entwickelte Verfahren der Bildtelefonie zusammengefasst. Es erlaubt beispielsweise, dass Studenten Vorlesungen nicht mehr nur im Netz mitverfolgen, sondern online aktiv daran teilnehmen können. In der Telemedizin experimentiert man mit den noch aufwendigen Systemen zur besseren medizinischen Versorgung etwa durch Ferndiagnosen. Mittlerweile gibt es auch fernsteuerbare Roboter mit Lautsprecher, Mikrofon und Bildschirm in Augenhöhe.

Dann der Flop. Airtime kam auch nicht annähernd an den Hype heran, der zuvor entfacht worden war. In einer Seinfeld-Folge sagt Elaine zu Jerry (der sie beim Singen belauscht hat): „Ich dachte, ich bin allein.“ Airtime fühlte sich ähnlich an. Im Oktober 2013 beschrieb ein Reporter des Onlinemagazins »Daily Dot«, wie er zwei Stunden lang vergeblich versucht hatte, auf Airtime jemanden für einen Videochat zu finden. „Es war“, beschreibt Sean Parker die Erfahrung des Scheiterns, „wie wenn man Glas isst“. Die Napster-Gründer sind nicht die Einzigen, die sich am Bildtelefonieren die Zähne ausgebissen haben.

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1928 erschien in der »Berliner Illustrirten Zeitung« unter dem Titel „Wunder, die unsere Kinder vielleicht noch erleben werden“ ein Bericht, der auch heute noch nichts von seiner Frische verloren hat: „Seit einigen Monaten hat es den Anschein, dass die Radio-Television, das heißt die Übertragung eines lebenden Bildes von einem Sender aus, im Laboratorium verwirklicht worden ist. In wenigen Jahren wird man bestimmt mithilfe eines Apparates, der drahtlos funktioniert und vielleicht Telephotophon heißen wird, seinen Partner zur gleichen Zeit sehen und sprechen hören. Und ,Taschenmodelle‘ werden die Fortsetzung einer angefangenen Unterhaltung mit einen Freund auch auf einer Reise oder einem Spaziergang ermöglichen.“

Am 1. März 1936 wurde anlässlich der Eröffnung der Leipzi-ger Frühjahrsmesse der erste „Fernseh-Sprechdienst“ der Welt zwischen Berlin und Leipzig freigeschaltet. „Die Fernseh-Unterhaltung über beliebige Entfernungen“, hielt Reichspostminister Freiherr von Eltz-Rübenach bewegt fest, „erfüllt einen weiteren Traum der Menschheit: Wir können mit einer Person an weit entferntem Ort sprechen und sie dabei sehen, als stünde sie vor uns.“ Bald werde Deutschland von einem dichten Fernseh-Kabelnetz durchzogen und alle wichtigen Orte angeschlossen sein, „und es wird eine Selbstverständlichkeit sein, dass man kein gewöhnliches Telephongespräch führt, sondern die Fernseh-Sprechverbindung benutzt“. Bereits im selben Jahr konnte man aus öffentlichen „Gegenseh-Fernsehsprechstellen“ in mehreren deutschen Großstädten miteinander bildtelefonieren, das Ortsfernsehgespräch zu 50 Pfennig. 1940 gab die Reichspost den Fernseh-Sprechdienst allerdings aus technischen Gründen wieder auf. Die Bildsignale störten die immer dichter gebündelten Sprachtelefonverbindungen.

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Im August 1952 wurde auf der Londoner Radio-Ausstellung ein neues Fernseh-Telefon mit Handapparat vorgestellt. 1964 präsentierte AT&T auf der Weltausstellung in New York das Picturephone, dessen fünf mal fünf Zentimeter kleines Monitörchen die ersten Nutzer der Zukunftstechnik aber rasch in die Gegenwart zurückholte. In Washington, New York und Chicago installierte Bildtelefonzellen wurden schon vier Jahre später wieder abgebaut. Fünf Dollar pro Gesprächsminute waren den meisten Leuten schlichtweg zu teuer für eine Kommunikationsform, die keinen besonderen Nutzen aufwies. Noch Anfang der Siebzigerjahre hoffte man bei AT&T vergeblich darauf, „dass Ende des Jahrzehntes 85 Prozent aller Meetings elektronisch mittels Bildtelefon oder Videokonferenzen stattfinden“ würden. Die Geräte verkauften sich nicht.

Auch die Mächtigen blieben dem visuellen Medium gegenüber reserviert. Der heiße Draht zwischen Washington und Moskau wurde in der Zeit des Kalten Krieges absichtlich nicht zu einer Bildtelefonverbindung aufgerüstet. Man befürchtete, dass die Staatschefs im Ernstfall durch unerwartete Emotionen, die ein Bild des Gegenübers auslösen könnte, zu Fehlhandlungen verleitet würden.

In Krisenzeiten wie nach den Anschlägen im September 2001, in denen Führungskräfte ungern in Flugzeuge steigen, boomte das Videokonferenz-Business. Aber die Bildtelefonie hat ein ähnliches Problem wie CNN: ohne Krise kein Geschäft. Bei dem amerikanischen Beratungsunternehmen Accenture hat man deshalb überlegt, welches große Problem der Menschheit man mit der Technik langfristig lösen kann: Es ist die Einsamkeit. Sie soll mit einem „Virtual Family Dinner“ behoben werden – einer Mischung aus Videokonferenzsystem und Küchentisch. Wenn die Großmutter sich in New York an den Tisch setzt, werden die Verwandten in Kalifornien über einen Sensor automatisch benachrichtigt und können sich bedarfsweise einfach dazusetzen.

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Aus der Science-Fiction ist das Gerät – ob als Televisor, Visio-phon oder Hypercom – gar nicht mehr wegzudenken. Geradezu hyperrealistisch wirkt in Stanley Kubricks Filmklassiker „2001 – A Space Odyssee“ das Bildtelefon, von dem aus ein Mann auf Dienstreise zum Mond beim Zwischenhalt in einer Raumstation mit seiner Frau auf der Erde spricht.

Anscheinend aber ist es das Schicksal des Bildtelefons, futuris-tisch zu sein und das auch zu bleiben, obwohl in jedem Jahrzehnt aufs Neue verkündet wird, der Durchbruch stehe unmittelbar bevor.

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Mein erstes eigenes Bildtelefon habe ich Ende der Achtzigerjahre nach ein paar Wochen wieder verschenkt. Um jemandem auf der anderen Seite etwas zu zeigen, brauchte man vier Hände: zwei, um das zu zeigende Objekt festzuhalten, eine, um zu verhindern, dass das kleine, leichte Bildtelefon wegrutscht, und eine, um auf den Knopf für die Übertragung zu drücken. Alle fünf Sekunden konnte man ein Bild durch die Leitung schicken. Einmal nutzte ich das Gerät, um in einer Redaktion, die mit einer entsprechenden Gegenstelle ausgestattet war, den Anschein zu erwecken, ich hätte einen Artikel schon so gut wie fertig geschrieben. Ich hielt einfach einen Fächer aus irgendwelchen beschriebenen Seiten in die Kamera. Die Darstellungsqualität war so schlecht, dass man nicht erkennen konnte, was darauf geschrieben stand. Im Zeitalter von Breitbandverbindungen und hochaufgelösten Bewegtbildern sind einem diese Möglichkeiten aber leider schon wieder genommen. Ohne Bild lässt es sich viel schöner lügen.

Da der Klappfuß meines alten Tischspiegels ausgeleiert war, verwendete ich das Bildtelefon die meiste Zeit als Rasierspiegel. Die Auflösung der integrierten Videokamera reichte zur Ortung einer Bartspur. Hier wird offenbar ein Bedürfnis befriedigt: So verwenden heute beispielsweise 15 Prozent der weiblichen Nutzer ihr Smartphone als eine Art Spiegelersatz, um ihre Haare von der Seite und von hinten zu fotografieren. Zehn Prozent benutzen das Telefon, um ihr Make-up zu kontrollieren, vier Prozent setzen es sogar im Restaurant ein und kontrollieren, ob die Zähne sauber sind.

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An einem Bildtelefon vergewissert man sich am besten erst einmal seiner selbst, ehe man die Verbindung freischaltet, dazu gibt es den „Mirror“-Modus. Man sieht nach, ob die Frisur sitzt oder ob irgendwo im Hintergrund noch ein totes Pferd liegt. Aufräumen muss man, wenn denn die große Stunde des Bildtelefons einmal kommen sollte, vielleicht nur noch ein einziges Mal im Leben. Das saubere Büro oder die glänzende Wohnung wird aufgenommen und fortan als virtuelle Kulisse in den Hintergrund der Bildverbindung eingeblendet.

Akzeptanz findet das Bildtelefon in Nischen. Taubstumme nutzen zum Teil noch alte Bildtelefone der Telekom, um sich in Gebärdensprache miteinander auszutauschen. Und Großeltern nehmen die Macken von Programmen wie Skype hin, um gelegentlich per Videoschalte am Alltag weit entfernt lebender Enkelkinder teilzunehmen.

Die am weitesten entwickelte Form der Bildtelefonie heißt Telepräsenz. Zur Avantgarde gehören Unternehmen wie die kalifornische Firma Willow Garage. Sie stellt Repräsentations-Roboter her. Das Modell Beam etwa sieht aus wie eine fahrbare Parkuhr, nur dass oben am Stiel ein Flachbildschirm angebracht ist. Man kann das Gerät aus der Ferne lenken, dabei von dem Flachbildschirm lächeln oder sprechen und sich über eine Kamera ansehen, wer sich das ansieht. Ein rollendes Bildtelefon; Preis 17 .000 Dollar. ---

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PS:
Zum guten Schluss scheint das Telefonieren mit Bild doch noch gewonnen zu haben: 31 Prozent der Nutzer in Deutschland, so verkündete die Bitcom im Sommer 2013, verwendeten die Onlineservices von Skype, Facebook, Google und Apple, um Videogespräche zu führen. Zwar werden die Zahlen immer wieder bezweifelt, neuere gibt es auch noch nicht – sicher ist jedenfalls, dass die Dienste zumeist kostenlos sind und somit noch immer kein großes Geschäft.

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