Ausgabe 12/2014 - Korrespondentenbericht aus den USA

Genuss in den USA

Immer sauber bleiben

• Um zwei Uhr morgens ist in Kaliforniens Nachtleben Schluss mit lustig. Gediegene Bars beschränken sich zur Sperrstunde darauf, den Ausschank einzustellen und die Flaschen wegzuschließen. In Clubs setzen sich ab halb zwei kleine Grüppchen von Aufpassern in Bewegung, die die Gäste mit riesigen Stabtaschenlampen anleuchten, um nach immer noch nicht geleerten Getränken zu fahnden.

Wer ein Glas oder eine Flasche in der Hand hält, wird mit einem scharfen „Kill it!“ oder ähnlichem Kommando angeraunzt. Eine unmissverständliche Aufforderung, das in einem Zug zu leeren, was man sich oft gerade erst bei einer freundlichen Barfrau geholt hat – die natürlich wusste, was dem Cocktail droht. Weil sich außer mit Wasserflaschen und Energiegetränken für Tanzwütige einfach kein Umsatz machen lässt, haben nur wenige Bars bis in die Morgenstunden geöffnet. Und so beginnt zwischen Donnerstag und Sonntag immer pünktlich um zwei der nächtliche Exodus, der zu Menschenpulks auf Bürgersteigen und Straßen, plötzlichen, aber immer vorhersehbaren Taxi-Engpässen und genervten Anwohnern führt.

Diese fürsorgliche Bevormundung passt zum Selbstbild und Image Kaliforniens als Wiege von Fitness und Wellness. Bei der um sich greifenden Fettleibigkeit hat der bevölkerungsreichste Bundesstaat der USA die fünftniedrigste Quote und die vierthöchste Lebenserwartung. Außer im Mormonenstaat Utah wird nirgendwo in Amerika weniger geraucht als im Golden State, was auch mit drakonischen Nichtrauchergesetzen zu tun hat.

Hier wird stattdessen gejoggt, Weizengras- und Açai-Saft geschlürft, hier wurden die Smoothies als autofreundliche, tragbare Flüssigmahlzeit erfunden, hier gehen Geschäftsleute morgens schnell eine Runde surfen, bevor sie ins Büro fahren. Die Teenie-Modemarke Hollister ist eine von vielen Firmen, die ganz woanders sitzt, nämlich im eher reizarmen Mittleren Westen, aber mit Kaliforniens vermeintlich sorglosem und freizügigem Strandleben wirbt. „Muscle Beach“ in Venice südlich von Los Angeles brachte nicht nur „Gold’s Gym“, sondern auch einen Bodybuilder namens Arnold Schwarzenegger hervor. Aus der ehemaligen Hippie-Hochburg Berkeley schließlich schwappte vor knapp zehn Jahren die Welle der Locavores, die sich nur aus örtlich erzeugten, saisonalen Lebensmitteln ernähren, um die Welt. Hedonismus an der Westküste muss sauber und fettarm sein.

Wem die gesunde Lebensweise allein nicht reicht, der kann sich mit Diätfimmeln und Schönheitsoperationen behelfen, die sich beide von Los Angeles – oder genauer gesagt Hollywood – wie Epidemien ausbreiten und in zahllosen Filmen und Fernsehserien aufs Korn genommen werden (wobei fairerweise Miami als Mekka der Selbstverliebten auch sein Fett abkriegt). So gibt es die L. A. Diet, die Californian Diet, die Californian Mediterranean Diet und jede Menge Varianten, die Genuss ohne Reue propagieren. Gesundung anderer, wenn auch ebenso zweifelhafter Art verspricht die Church of Scientology, die unter Hollywood-Stars großen Zulauf genießt und in Los Angeles sogar ein eigenes, schlossgroßes Celebrity Centre unterhält. An Auswahl, sein Leben zu bereichern, herrscht also kein Mangel – solange man nicht in einem Stadtpark eine Zigarette anzündet oder mit einem Bier spazieren geht.

Dieses Labor bringt immer wieder Absurditäten hervor. Jüngstes Beispiel ist ein widerlich schmeckendes Pulver namens Soylent, das ein Programmierer aus dem Silicon Valley mit mehreren Millionen Dollar Wagniskapital entwickelt hat und seit Mai an Neugierige ausliefert, die sich „nie wieder ums Essen Gedanken machen“ wollen.

Den Sinn für Humor kann man ihm nicht absprechen, denn die Nahrung, die den Körper mit allem Lebensnotwendigen versorgen und ihn so „befreien“ soll, ist nach einem Science-Fiction-Film benannt, in dem Menschen zu synthetischer Nahrung für ihre ahnungslosen Mitmenschen verarbeitet werden. Ein kurzer Selbstversuch und Gespräche mit anderen Testern belegen: Das Zeug schmeckt ebenso schlimm, wie es aussieht und heißt. Man muss schon sehr gestresst oder jedem Genuss abgeneigt sein, um es hinunterzubekommen.

In Kalifornien neigt man in jeder Beziehung zur Übertreibung, besonders bei Nahrungsergänzungsmitteln. Die Dosen und Flaschen nehmen in einem ordentlichen Health-Food-Laden mehrere Regalmeter bis auf Augenhöhe ein. Und wenn in San Francisco altes Wissen rund ums Backen, Brauen, Brennen oder gar Wurstwaren neu entdeckt wird, treiben es die jungen Handwerker auf die Spitze – vor allem bei den Preisen.

So stehen betuchte Kunden eine halbe Stunde ohne Murren Schlange, wenn die angesagte Bäckerei ihr sündhaft teures, aber gar nicht so außergewöhnliches Landbrot aus dem Ofen holt. Es mag manchmal nicht ganz durch sein, aber dafür hat man sich eines ergattert und kann mitreden. Für einen simplen Milchkaffee im In-Café sind 20 Minuten Wartezeit ebenfalls nichts Besonderes. Genuss muss man sich im doppelten Sinne – mit Zeit wie Geld – verdienen.

Oder man macht es wie meine guten, aber aus gutem Grund hier anonym bleibenden Bekannten, die entweder stets mit einem Flachmann bewaffnet ausgehen oder sich von den Eltern kiloweise Kaminwurzen – also geräucherte Würstchen – aus Deutschland einschmuggeln lassen. Hochgradig illegal und hochgradig lecker. Wenn sie die Leckereien beim Picknick aus der Tasche ziehen, runzeln viele Einheimische die Stirn. Aber wer einmal in die karzinogenen Stangen hineingebissen hat, fragt gleich, wo er sich anstellen muss. ---

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