Ausgabe 12/2014 - Schwerpunkt Genuss

Andreas Wojta Minoritenstüberl

Statt Hummer Schinkenfleckerl

So sieht Glück aus: Andreas Wojta in seinem Reich

• Die Karriere des kulinarischen Wunderkinds Andreas Wojta endete mit 24. Da war er Lieblingsschüler und rechte Hand von Eckart Witzigmann in dessen legendärem Münchner Restaurant „Aubergine“. Kaviar und Koks, Promis und Pommery. Glamouröse Zeiten, nur nicht für die Küchenbrigade. Wojta arbeitete 18 Stunden am Tag, sechsmal die Woche, für 1000 Mark brutto. Während oben die betuchten Gäste auf blütenweißen Tischdecken dinierten, konnte sich das erschöpfte Personal im Keller auf dreckigen Jutesäcken ausruhen.

Als der Boss den Jungspund zum Souschef ernannte, war es vorbei mit der Kameraderie. Wojta: „Ich wurde von Stund an gemobbt. Die Kollegen sprachen nicht mehr mit mir.“ Sie warteten auf den geringsten Fehler des Günstlings, um ihn zu denunzieren: „Ich habe oft mehrmals am Tag Rotz und Wasser geheult.“

So sah es also aus im Sternenhimmel: keine Freizeit, keine Freundin, dafür Schikanen und Handgreiflichkeiten des Patrons, eines „grenzgenialen Menschen und Kochs“, so Wojta über Witzigmann: „Dabei habe ich jede Sekunde mit ihm geliebt.“

Wojta lernte schnell, sah auch die zerstörerischen Kräfte der Spitzenkocherei. Wie am irrwitzigen Arbeitsstress die Familie Witzigmanns zerbrach. Wie der gefeierte Chef immer mehr Geld für seinen Kokainkonsum brauchte und trotz des auf Monate ausgebuchten Restaurants die Lieferanten nicht mehr pünktlich bezahlen konnte. Wie schließlich kein Geld mehr da war für Töpfe oder die Reparatur eines Herdes. Wojta hatte begriffen: „Mit Sterneküche kann man kein Geld verdienen, aber sein Leben ruinieren.“

So wuchsen die Zweifel des jungen Kochs, ob der eingeschlagene Weg der richtige für ihn sei: „Natürlich wollte ich weiterhin kochen, aber dafür nicht meine Seele verkaufen. Drogen interessierten mich nie. Aber eine Frau und Kinder, Zeit für sie, ein schönes Häuserl und ein bisserl Geld auf der Bank. Ein glückliches Leben halt“, sagt Wojta. Nur: Er war gefangen in seinem ehrgeizigen Traum, der beste aller Köche zu werden. „Und dabei ging es mir beschissen.“

Da kam 1995 ein Anruf seiner Mutter. Sie habe Krebs. Ob er ihr helfen könne in ihrem Geschäft, einer gepachteten Kantine in der Wiener Innenstadt? Wenigstens eine Zeit lang. Vielleicht hatte „damals der Herrgott ein bisserl mitgeholfen“, sagt der gläubige Katholik. Seine Antwort: „Mama, i kumm.“ Und er fuhr zurück nach Wien.

Das „Minoritenstüberl“ liegt im Souterrain des Palais Starhemberg, eines der ältesten Barockpaläste mitten im Regierungsviertel um die Wiener Hofburg. Der Bau ist Sitz des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur. Gleich neben der Pförtnerloge gehen Treppen hinunter ins Stüberl.

Das Lokal ist werktags von 7 bis 16 Uhr geöffnet und hat 30 Tische mit gebügelten Tischdecken und Wiener Beisl-Flair. Die Gäste stehen am Tresen vor der offenen Küche an und werden vom Chef bedient. Er kocht täglich frisch, bis zu 16 Gerichte. Er kann wegen der verlässlichen Stammkundschaft – Hofräte, Sektionschefs und deren Subalterne aus der Behörde – ziemlich exakt kalkulieren, wie viele Gerichte er täglich mindestens verkauft. Für Ministeriums-Bedienstete mit Hausausweis gibt es das Menü für 3,70 Euro, dafür ist die Pacht schön günstig.

Wojta verdient sich ein Zubrot, weil die Kantine auch ministeriumsfremden Gästen offensteht. Längst haben auch pfiffige Einheimische und Touristen das Lokal entdeckt. Darunter immer mehr Gourmets, in Wien Feinspitze genannt. Es gilt neuerdings als schick, beim Wojta zwischen Beamten mit dem Tablett am Tresen zu warten. Es ist fast unmöglich, für rund zehn Euro pro Hauptspeise in der City günstiger und besser zu Mittag zu essen. Wojta mag den Kundenmix, nicht nur wegen des zusätzlichen Umsatzes: „Immer nur für die Beamten kochen wird auch fad.“

Er serviert klassische österreichische Hausmannskost, „statt Hummer eben Schinkenfleckerl“. Na ja, am Anfang gab es schon gelegentlich edle Krustentiere auf der Speisenkarte, wenn er ein besonders schönes Exemplar auf dem Großmarkt entdeckte. Oder einen Loup de mer. Manchmal sogar Trüffel-Gnocchi. Rein kaufmännisch war das „natürlich die totale Idiotie, einfach nur deppert und angeberisch. Ich wollte zeigen, was ich noch kann.“

Dies war die Lebensphase, in der er die Rückkehr in seine Heimatstadt Wien als Scheitern und das Stüberl als rufschädigenden Makel empfand. „Ich hab’ mich damals wirklich geniert, eine Kantine zu betreiben und hab’ den Leuten lieber gesagt, ich koche in einem Restaurant.“ Was ja nicht falsch war.

Alle seine Träume wurden wahr

Wenn er nachmittags um vier Uhr das Stüberl schloss, eilte er schnurstracks vorbei an Lippizaner-Stallungen, Albertina und Staatsoper den kurzen Weg zum Sternelokal „Korso“, wo er einst seine Laufbahn bei Reinhard Gerer begonnen hatte, fast ein so großer Künstler wie Witzigmann. Schon als 14-Jähriger und noch in der Ausbildung hatte er im Lokal an Samstagnachmittagen mitgeholfen, beim Abwasch und beim Anrichten. Natürlich umsonst. Bei Starkoch Gerer kochte er nun wieder abends, jeden Abend. Das war wichtig für sein Ego, aber es ging nicht lange gut: „Ich habe monatelang gearbeitet wie ein Viech und schnell gemerkt, dass ich schon wieder in der gleichen Tretmühle war wie im „Aubergine“. Ich hörte die Falle schon zuschnappen.“

Also sagte er „Leck mich am Popsch“ und gab den Knochenjob im Korso auf. Adieu Haute Cuisine. Servus Reisfleisch und Schweinsbraten. Jetzt war ihm klar, „dass mein Glück im Keller in der Kantine liegt“. Dort gehöre er hin. Schon seine Großeltern hatten eine Kantine im Arbeiterstrandbad an der Alten Donau geführt. Wojta war nun erleichtert: „Es hat mich ruhiger und ausgeglichener gemacht.“

19 Jahre und eine gescheiterte Ehe später weiß er, dass es die beste Entscheidung seines Lebens war. Den Verzicht auf eine glänzende Küchenchef-Karriere hat Wojta, heute 43, nicht bereut. Wovon er als verzweifelter Jungstar in München träumte – Frau, Familie, Eigenheim –, alles hat sich erfüllt. 2004 heiratete er Gabi, heute 49, Beamtin im Wiener Bundeskanzleramt. Er hatte sie bei einer Firmenfeier im „Minoritenstüberl“ kennengelernt. Sie brachte zwei Kinder in die Ehe mit. Dann kam der gemeinsame Sohn Sebastian, jetzt elf. Sie haben sich in Oberrohrbach nördlich der Hauptstadt ein Bauernhaus gekauft und es umgebaut. Alles genau so, wie er es immer wollte. Nur das mit dem „bisserl“ Geld hat nicht ganz geklappt. Davon hat der Kantinenpächter Wojta jetzt nämlich ordentlich.

Denn 2003 kam der erste Fernsehauftritt und damit Ruhm und Geld. Erst half er als stummer Adlatus dem Korso-Chef Gerer bei dessen TV-Gastspielen. Dann wurde Gerer krank, und der Hiwi sprang ein. Andreas Wojta machte seine Sache gleich so gut, dass er heute in Österreich eine Berühmtheit ist. Das verdankt er der täglichen Show „Frisch gekocht mit Andi und Alex“ auf ORF 2. Die Marktanteile werktags um 14 Uhr liegen regelmäßig bei mehr als 30 Prozent und sind ein Glücksfall für den siechenden Sender. Allein die Rezepte auf der Website werden täglich Zehntausende Male angeklickt. Wojtas Partner ist sein alter Kumpel Alexander Fankhauser, 40, der in Hochfügen im Zillertal ein Hotel mit Gourmet-Restaurant betreibt.

Das Format wirkt für Nichtösterreicher eigen. Denn in den Sendungen schnibbeln und brutzeln nicht nur zwei Meister ihres Faches. Andi und Alex inszenieren sich zudem als Entertainer und liefern zum Essen eine Mischung aus alpiner Stand-up-Comedy und Musikantenstadl ohne Instrumente.

Andi, schwarze, stramm nach hinten gegelte Haare, gibt den wortschwallenden Wiener, ein harmloser Hallodri, der sich selber auf die Schippe nehmen kann und damit eigentlich gar nicht wienerisch ist. Alex, haargenau die gleiche Frisur wie Andi, ist der Paradetiroler mit einem kernigen Dialekt, welchen garantiert Generationen von deutschen Touristinnen von ihren feschen Skilehrern immer noch im Ohr haben.

Gern frotzeln sie zwischen der Zubereitung einer Basilikumrolle mit Lachs und Limettentopfen augenzwinkernd, weil sich ja Wiener und Tiroler eigentlich nicht ausstehen können. Das Publikum liebt diese folkloristische Gaudi. Seit sechs Jahren sind die beiden auf Sendung. Andreas Wojta ist klar, dass das nicht allen gefallen muss: „Ich kann gut verstehen, dass manchem die Gel-Dodeln schwer auf die Nerven gehen.“ Und dass der Hype irgendwann zu Ende geht, weil sich die Leute auch an Kochshows sattsehen. Neben den Sendungen machen sie Kochbücher und treten in den größten Hallen des Landes auf. Wojta wirbt auch für Lebensmittel und sogar für eine Möbelhauskette.

Doch jetzt stehen die beiden an einem trüben Samstagvormittag im Nieselregen in Unterpremstätten bei Graz und lauschen einer aufgeregten Landwirtin, die den beiden die Vorzüge von steirischem Kernöl anpreist. Dieses Öl aus Kürbiskernen ist eine heimische Delikatesse. Nicht alle lieben es.

Längst kein Geheimtipp mehr: Im Minoritenstüberl treffen Beamte auf Gourmets

Bei dem Außendreh für eine künftige Folge folgen Andi und Alex nun den Ausführungen über den pechschwarzen Steirersaft mit einer Wonne, als hätten sie in ihrem ganzen Leben noch nie so etwas Schönes erleben dürfen. Auch wenn sich die Bäuerin verhaspelt und die Szene noch mal wiederholt werden muss. „Die beiden sind geborene Rampensäue“, schwärmt „Frisch gekocht“-Redakteurin Aimée Klein, „zwei wirklich liebe Burschen ohne Allüren.“ Am Andi gefalle ihr besonders, dass „sein Lächeln bis in die Augen reicht“.

Bitte bodenständig bleiben!

Kurz darauf drehen sie noch bei einem Sauerkraut-Produzenten. Dann gibt es am frühen Abend in einem Hotel ein „Get-together mit Andi und Alex“. Es ist die Veranstaltung eines Sponsors. Die beiden schütteln Hunderte Hände, grinsen in Smartphone-Kameras, und zum Schluss signieren sie ihre Kochbücher.

Es ist schon lange nach Mitternacht, als Andreas Wojta zu seiner Familie bei Wien zurückgefahren ist, in „mein richtiges Leben, wo ich der Familienvater und Kantineur Andreas Wojta bin und nicht der herzige Andi“. Am Sonntag geht er mit seinem Sohn zum Fußball. Und am Montagfrüh läutet wie jeden Werktag um vier Uhr der Wecker.

Erst fährt Wojta mit seinem betagten Lieferwagen ins Nachbardorf und lädt auf dem Hof des Biobauern Franz Anzböck Milch, Joghurt und zwei Säcke Kartoffeln. Er könnte natürlich einiges günstiger auf dem Großmarkt kaufen. Aber der Bauer hat schon die Mutter beliefert, und „besondere Qualität ist mir immer noch das Wichtigste“. Um halb sieben parkt er vor dem „Minoritenstüberl“.

Kommendes Jahr feiern sie das 40-jährige Jubiläum, durchgehend von der Familie geführt. Manchmal hilft Mutter Gertrude, 65, sie ist längst wieder gesund. Andreas Wojta erinnert sich, wie er als kleiner Bub der Mama half und für die Beamten Jausensemmel schmierte.

Nur bei manchen Stammgästen im Stüberl kam die neue Prominenz nicht so gut an. Denn wir sind in Wien, Weltmetropole der Missgunst, wo nichts mehr beneidet und verachtet wird als der Erfolg von anderen. Einmal hatte Wojta einen Termin und trug mittags unter der weißen Küchenchef-Jacke eine gute Krawatte aus Seide. Zwei höhere Beamte bemerkten es beim Anstehen und blickten sich an: „Da schau her, der Herr Andi trägt jetzt eine teure Krawatte. Da brauchen wir ja wohl kein Trinkgeld mehr geben.“

Ein TV-Studio im 23. Wiener Gemeindebezirk, gleich neben einer McDonald’s-Filiale. Seit dem späten Nachmittag drehen hier die beiden Koch-Profis fünf Folgen hintereinander weg. Schön für die 20-köpfige Crew, weil es jede Stunde etwas Leckeres zu naschen gibt. Zander in Kernöl confiert auf cremiger Lauch-Polenta. So köstlich, sagt Wojta beim Zubereiten, dass er schon „Aquaplaning auf der Zunge“ spüre.

Seit Jahresbeginn sind die Drehs etwas seltener geworden. Der ORF setzt bei der täglichen Show nun auch andere Köche ein. Andi und Alex haben es aus einer Pressemitteilung erfahren. Nicht schön und nicht vergessen. Jetzt machen sie mehr sogenannte Spezialthemen wie Kernöl. Sie sind immer noch regelmäßig auf dem Schirm, häufig allerdings mit jahrealten Wiederholungen. Die Quoten stimmen nach wie vor. Ist der Ofen bald aus für die beiden Fernsehstars? Ganz so schnell nicht, aber in ein paar Jahren wohl, schätzt Wojta.

Es wird für ihn ein heiterer Abschied. Er hat sich ja nie mit der Wiener Bussi-Bussi-Society eingelassen, die noch provinzieller ist als die in München. Andreas Wojta hat hautnah erlebt, wie vergänglich gerade in seinem Gewerbe Ruhm ist und wie brutal der Fall.

Deshalb wird er auch künftig jeden Wochentag um vier aufstehen und um halb sieben im Keller den Herd anschalten. Das Geschäft ist auskömmlich. Er wird um 16 Uhr zusperren und dann über die Donau nach Hause zu Frau und Kindern fahren. Dort macht er dann, was er am liebsten tut. Er kocht für sie das Abendessen. ---

Mehr aus diesem Heft

Genuss 

„Die Menschen in Bewegung setzen“

Jan Gehl ist der Mann hinter dem Boom seiner Heimatstadt Kopenhagen, dem Umbau Moskaus und der Wiederbelebung Manhattans. Früher wurde er belächelt. Heute gilt er als einer der einflussreichsten Stadtplaner der Welt.

Lesen

Genuss