Ausgabe 01/2013 - Schwerpunkt Neugier

Wovon wir nichts wissen

- Eine Alarmtrittmatte besteht aus sechs Einzelteilen. Das hat Herr Hein herausgefunden. Nicht, dass der ältere Herr noch die Teile zählen könnte. Dazu ist sein Gehirn bereits zu stark zerstört. Auch reden kann der 84-Jährige nicht mehr. Spricht er jemanden an, klingt es wie "se se se se - ... - se se se ..."

Steht im Haus Schwansen nachts ein Patient auf, wissen die Pflegekräfte, dass sie mal nach ihm schauen sollten, denn dann leuchtet ein Lämpchen in ihrem Zimmer auf. Normalerweise bemerken Bewohner die Alarmtrittmatte nicht. Herr Hein schon. Und er wollte wissen, was sich in dem platten Ding befindet. Also riss er es auf und baute es auseinander. Konzentriert. Akribisch. Stundenlang.

Herr Hein wohnt in keinem gewöhnlichen Pflegeheim: Haus Schwansen, benannt nach dem schleswig-holsteinischen Landstrich zwischen Schlei und Ostsee, ist auf Demenzkranke spezialisiert. Dort weiß man, wie die Krankheit die Menschen verändert - und ist doch immer aufs Neue verblüfft. Als der Pflegedienstleiter die zerlegte Klingelmatte sah, "da fand ich das interessant. Ist doch erstaunlich, wie simpel das Gerät aufgebaut ist", sagt Hannes Brodersen. "Ich hatte das noch nie von innen gesehen."

Was Brodersen ebenfalls immer wieder erstaunt: wie konzentriert Herr Hein arbeitet, wenn er etwas auseinandernimmt. "Er ist komplett versunken darin und wird ärgerlich, wenn wir ihn dabei stören. Beim Essen dagegen kann er sich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Herr Hein hat Forschergeist!"

Doch kann jemand neugierig sein, der an Morbus Alzheimer erkrankt ist?

Demenz und Neugier, das klingt nach größtmöglichem Gegensatz. Schon Alter und Neugier passen schwer zusammen. Es gibt sie zwar, die wissbegierigen Alten, jene, die auch hochbejahrt noch verstehen möchten, wie die Welt sich wandelt, die sich mit Gespräch, Buch, Zeitung und Internet auf dem Laufenden halten, die Sportarten ausprobieren und Studienreisen buchen.

Die meisten allerdings stöhnen kopfschüttelnd über die neue Zeit. Und wenn sie mit Bus, Bahn, Kreuzfahrtschiff und Flugzeug verreisen, beweist das noch nicht, dass sie wissbegierig sind. In der Fremde mäkelt es sich oft besser über Hitze, Handtücher und Hotels. Früher? War ohnehin alles besser. "Sie leben mehr in der Erinnerung als in der Hoffnung. Denn der Rest ihres Lebens ist klein, was aber vorbeigegangen ist, von großem Umfang", heißt es schon bei Aristoteles über die "alten Männer".

Ob Mann, ob Frau: Daran hat sich bis heute bei den meisten wenig geändert. Wenn nur noch ein kleines Ende Lebenszeit bleibt, fängt man besser gar nicht mehr an, es zu erforschen. Und noch mal gierig auf Neues zu werden - das lohnt den Aufwand nicht und die Erwartungen. In diesem Sinne ist Demenz nur eine konsequente Fortentwicklung des Nicht-wissen-Wollens.

Demenz ist vor allem eine Alterskrankheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Krankheit in unseren Kopf und unsere Seele einschleicht, steigt mit den Jahren rapide: Bis 65 trifft es nur jeden Hundertsten, mit 80 Jahren schon jeden Zehnten und über 90 dann jeden Dritten.

"Ich habe mich sozusagen selbst verloren", beschrieb Auguste Deter ihren Zustand, der sie 1901 in die Anstalt für Irre und Epileptische in Frankfurt am Main gebracht hatte. Der Arzt, der sie untersuchte, hieß Alois Alzheimer. Sein Name wurde zum Begriff: Fast zwei von drei Menschen mit Demenz haben Alzheimer. So auch Englands frühere Premierministerin Margaret Thatcher, Niedersachsens Regierungschef Ernst Albrecht, der FC-Schalke-Manager Rudi Assauer, der Rhetorikprofessor Walter Jens oder der "Inspektor Columbo"-Darsteller Peter Falk, der 2011 starb.

1,4 Millionen Menschen sind hierzulande an Demenz erkrankt. Weil wir alle immer älter werden, wird es dabei nicht bleiben: 2050 werden es wohl drei Millionen sein, schätzt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Sollte bis dahin kein Medikament gegen die Plaques im Hirn, die Nervenzellen absterben lassen, entwickelt worden sein, wäre dann jeder Fünfundzwanzigste in Deutschland dement. Spezialheime wie Haus Schwansen, von denen es bundesweit bislang nur zwei Dutzend gibt, werden zu Hunderten nötig sein.

Wir haben noch keine Idee, wie das Problem zu lösen ist, dass wir alle älter werden wollen, aber niemand alt sein mag - zumindest nicht leidend. Boehringer Ingelheim, Abbott, Merz, Roche, Evotec, Probiodrug: Mindestens ein halbes Dutzend Pharmafirmen tüftelt an Pillen gegen das Vergessen, so der Verband Forschender Arzneimittelhersteller. Man müsste Aktien des Konzerns besitzen, der als Erster die Formel findet. Experten schätzen, dass im Jahr 2030 weltweit 65 Millionen Menschen mit Demenz leben werden. Es wäre die Glücksformel der Zukunft. Viele würden eine Menge dafür bezahlen, sich nicht zu verlieren.

Aber muss es unbedingt ein Medikament sein? Oder kann man schon vorher etwas tun? Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass bereits 25 Jahre, bevor der Arzt die Diagnose Alzheimer stellt, im Nervenwasser der Erkrankten die Konzentration von Beta-Amyloid sinkt - womöglich, weil sich das Eiweiß bereits zu diesem frühen Zeitpunkt im Gehirn abzulagern beginnt, statt ausgeschieden zu werden wie bei Gesunden. Doch selbst wenn das Hirn schon voll ist mit Plaques, erlebt sein Besitzer noch zehn gesunde Jahre. Das lässt sich mittlerweile recht genau vorhersagen.

Im Haus Schwansen hängt in der Wohngruppe von Herrn Hein der "Einsame Baum", ein Bild von Caspar David Friedrich: eine alte, in der Krone verdorrte Eiche. Kann man das Ausdorren nicht hinauszögern, solange man in voller Blüte steht?

Einer, der die Antwort kennen sollte, ist Konrad Beyreuther. Der Heidelberger Molekularbiologe gehört zu den führenden Alzheimer-Forschern Deutschlands und ist Gründungsdirektor des Netzwerks Alternsforschung. Seine Telefonstimme klingt wach, energiegeladen und ausgesprochen jung für einen 71-Jährigen. "Ich bin ein Greis", sagt er dennoch zur Begrüßung. Doch eher wohl ein weiser Mann? "Nein, nein", wehrt Beyreuther ab. "Ich versuche, meine Weisheit zu bekämpfen - weil ich der festen Überzeugung bin, dass Weisheit und Neugier nicht gut zusammenpassen. Diese Haltung: ,Kennen wir schon! Wissen wir schon!', die halte ich für ganz gefährlich."

Beyreuther kennt die Zahlen. Das Risiko, dement zu werden, steigt mit jedem Lebensjahr - und irgendwann ist das Vergessen das, was den meisten Klassenkameraden zustößt, die noch am Leben sind. Zwangsläufig ist der geistige Abbau aber nicht. Der deutsche Psychologe Paul Baltes hat gezeigt, dass die Merkfähigkeit bei einem gesunden alten Menschen so groß ist wie bei einem Studenten. "Wir Alten brauchen nur ein wenig länger", sagt Beyreuther und lacht.

Was tut ein Alzheimer-Forscher für seinen eigenen Kopf? "Ich treffe mich mit meinen beiden Enkeln. Es gibt nichts Gesünderes fürs Gehirn, als sich ein Loch in den Bauch fragen zu lassen. Die Fragen sind häufig so verblüffend - und dann werden Sie selber neugierig." Neugier als die beste Pille.

Aber auch ohne die Enkel verfolgt Beyreuther ein besonderes Trainingsprogramm. Jeden Tag beginnt er mit 100 Kniewippen auf je einem Bein, also angedeuteten Kniebeugen. Dabei erledigt er Aufgaben im Kopfrechnen: von 700 in Siebener-Schritten runterzählen, von 800 in Achter-Schritten. Gymnastik für Kopf und Körper zugleich. "Das ist relativ mühsam, aber man trainiert damit die sogenannten Doppelfunktionen. Aus vielen Untersuchungen wissen wir, dass dieses Dual-task-Training besonders viel bringt. Es fördert die Nervenwachstumsfaktoren im Gehirn." Bewegung, Neugier, gesunde Ernährung ("Obst, Müsli, Rotwein, Fisch, Leinöl, wenig Fleisch"), so lauten die Zutaten in Beyreuthers Rezept für eine gelungene Demenz-Prävention. Auch im Haus Schwansen holen die Pflegekräfte morgens alle 61 Bewohner aus den Federn - bettlägerig wird hier niemand.

Demenz kann alle treffen, und alle treffen im Haus Schwansen aufeinander. Einige rufen, kämpfen, schimpfen. Andere blenden sich langsam aus, werden kleiner, feiner, blasser. "Es ist, als würde ich ihm in Zeitlupe beim Verbluten zusehen", schreibt der Schriftsteller Arno Geiger über seinen dementen Vater. "Die Persönlichkeit sickert Tropfen für Tropfen aus der Person heraus."

Kann man einem Menschen Neugier attestieren, weil er eine Klingelmatte säuberlich zerlegt? Um so etwas einzuordnen, hilft es, etwas über die Biografien von Demenzkranken zu wissen. Und so werden alle Mitarbeiter im Haus Schwansen, ob sie pflegen, betreuen, kochen oder putzen, nicht nur in Sachen Demenz geschult; sie kennen auch die Lebensläufe aller 61 Bewohner. Der freundliche Herr Hein etwa war Polsterer, und das Geschick seiner Hände ist immer noch recht groß. Wenn Herr Hein etwas macht, dann richtig, und so lag die Klingelmatte säuberlich zerlegt auf dem Boden.

Natürlich sind es nicht unbedingt die Lebensgewohnheiten, die einen Menschen in die Demenz treiben. Und doch haben die Forscher Faktoren ausgemacht, die uns offenbar vor dem Vergessen schützen oder den Ausbruch der Krankheit eine Weile hinauszögern können.

Unter den geistig gesunden Alten fanden die Wissenschaftler auffallend viele, die regelmäßig Skat, Schach oder Mensch ärgere dich nicht spielten. Auch Zeitungsleser bleiben überdurchschnittlich häufig von einer Demenz verschont. Und es gibt noch eine dritte Gruppe, die besonders geschützt ist: "Menschen, die täglich einen Computer benutzen, und zwar nicht bloß zum Daddeln", sagt Beyreuther. "Am Rechner sind Sie zugleich Maschinist, Kreativer. Sie drucken zum Beispiel Fotos. Und Sie müssen ständig Troubleshooting betreiben, weil mal wieder irgendetwas nicht funktioniert. Deshalb glaube ich, dass die Computergesellschaft den Menschen fürs Altern fitter macht."

Im Wintergarten von Haus Schwansen. Das Frühstück ist vorüber, Zeit für den Arbeitstisch. Frau Mantwill malt. Um sie herum ein Dutzend weiterer Damen. Durch große Fenster scheint die Sonne schräg auf Filzkugeln, Webrahmen und Hände, die ein Leben lang gearbeitet haben.

Frau Lewien strickt, Frau Schink filzt, Frau Hausotter webt. Wer die alten Damen so sieht, dem mag an ihnen zuerst nichts Ungewöhnliches auffallen: Sie sind zwischen 1910 und 1940 geboren, haben graues Haar, Broschen an Blusen, Strickjacken. Keine von ihnen ist de mens, also ohne Geist. Doch wer länger mit am Tisch sitzt, erkennt bei allen die Zeichen der Krankheit. Frau Schink filzt ihre Kugel eine Stunde lang, rund und rund und rund. Frau Lewien bestrickt ihre Maschine auch mal verkehrt herum. Und die Art, wie Frau Mantwill malt, ist auch besonders.

Vor ihr liegt aufgeschlagen ein Märchenbuch, ganzseitig ist der Grimm'sche "Bärenhäuter" illustriert: ein Mann, der in ein Bärenfell gewandet ist und sich sieben Jahre lang nicht waschen, kämmen und pflegen darf, sonst erhält der Teufel seine Seele. Auf dem Bild spricht er gerade mit einem Mädchen. Noch drei Jahre dauert die Prüfung an, dann wird er ohne das Bärenfell wiederkehren und sie zur Frau nehmen.

Noch drei Jahre. Man weiß nicht, wie es Frau Mantwill in drei Jahren geht. Der Verlauf von Demenz ist unterschiedlich.

Frau Mantwill malt immer am Arbeitstisch und immer Märchenbilder. Sie schaut sich die Zeichnung genau an und arbeitet sich sorgfältig daran entlang. Sie ist gut darin. Und sie kann noch sprechen. Doch häufig hat sie keine Lust dazu - vor allem, wenn sie arbeitet. Unter ihrer Hand entsteht der Mann im Bärenfell.

Wer Frau Mantwill beim Malen beobachtet, sieht einen Menschen in einem beneidenswerten Zustand. Eine Frau, die völlig aufgeht in einer Tätigkeit und die Welt umher vergisst, eine Frau im "Flow", wie die Bildhauerin vor ihrem Stein, der Schriftsteller über seinem Manuskript, die Läuferin beim Marathon. "Wir können Flow als eine extreme Variante davon sehen, neugierig zu sein", schreibt der US-Amerikaner Todd Kashdan, Sozialpsychologe an der George Mason University in Virginia und Autor des Buches "Curious?". Doch ist die Versunkenheit von Frau Mantwill tatsächlich ein Flow? Können Alzheimer-Patienten neugierig sein?

Wohl kaum, sagt Professor Konrad Beyreuther. Es sind zwei Säfte, die unser Gehirn auf Neugier programmieren: Dopamin sorgt für die Euphorie, Acetylcholin für die nötige Aufmerksamkeit. Vor allem der Botenstoff Acetylcholin bereitet den Forschern Sorgen. "Das sogenannte cholinerge System ist bei den Patienten besonders stark und besonders früh betroffen", sagt Beyreuther. "Neugier benötigt eben einige physiologische Voraussetzungen - und die gehen schon sehr zeitig im Krankheitsverlauf verloren."

In den Neunzigerjahren konnten Forscher aus Chicago zeigen, wie die Neugier langsam aus dem Gehirn von Demenz- Patienten weicht. Sie präsentierten ihren Probanden jeweils Paare von Bildern: links einen Elefanten, rechts einen Dackel mit Elefantenrüssel. Der Blick gesunder, neugieriger Menschen blieb länger an dem Dackel mit Rüssel hängen. Die Alzheimer-Patienten dagegen wanderten mit den Augen hin und her und erkannten nicht, dass ein Dackel eigentlich keinen Rüssel haben sollte. "So misst man Neugierde. Das ist eine der wenigen Techniken, mit der wir dazu in der Lage sind", sagt Konrad Beyreuther.

Was Trost bietet, passt in die Jackentasche

Manche Bilder scheinen für die Bewohner im Haus Schwansen gleichwohl eine besondere Bedeutung zu haben. Bei den meisten ist es ein Fotoalbum. "Irgendwann aber kommt der Punkt, wo viele die Alben aus dem Regal ziehen und auseinandernehmen", sagt Hannes Brodersen. "Sie reißen die Bilder raus, stecken sie in die Hosentasche und wandeln damit im Haus herum. Wir verhindern das auch nicht, wir kleben die herausgerissenen Fotos auch nicht wieder ein. Die Bewohner arbeiten halt ihr Leben ab."

Konrad Beyreuther hat dafür eine Erklärung: Je weiter die Krankheit voranschreitet, desto mehr befürchten die Patienten, jene Dinge nicht mehr wiederzufinden, die ihnen etwas bedeuten. "Ein Alzheimer-Patient hat alles in seiner Handtasche und in seiner Jackentasche, was er dringend braucht. Sie wollen das Foto immer bei sich haben, bevor es für immer weg ist. Deshalb muss es aus dem Album heraus."

Auch die Selbstwahrnehmung ändert sich: Je weiter Demenz voranschreitet, desto jünger fühlen sich die Erkrankten. Beim allwöchentlichen Tanz im Wintergarten kann es passieren, dass ein 80-Jähriger ihr mit den Worten "Viel zu alt!" einen Korb gibt, sagt die Ergotherapeutin Karola Wohld, 55. "Und dann sucht er sich meine Praktikantin aus." Auch das wirkt auf den ersten Blick wie Neugier - noch einmal jung zu sein, tanzen, flirten.

Fast alle Menschen mit Demenz wünschen sich irgendwann "nach Hause" - selbst wenn sie sich genau dort befinden. Vielleicht läuft es so ab in ihnen: Die Gedanken wirbeln in ihrem Kopf herum wie die Federn eines aufgeplatzten Daunenkissens, jeder Klang erschreckt sie und jedes Bild. Sie werden unruhig, und dann möchten sie an den einzigen Ort, an dem sie sich geborgen fühlen. "Diesen Ort des Trostes nannte der Vater Zuhause. Der Gläubige nennt ihn Himmelreich", schreibt Arno Geiger.

"Das Arbeitsgedächtnis der Patienten funktioniert nicht mehr", sagt der Forscher Beyreuther. Natürlich bekommen Bewohner mit einer mittleren Demenz noch einiges geregelt: Herr Hein, der die Klingelmatte zerlegt. Frau Mantwill, die schöne Bilder malt. "Das sind aber Dinge, die ihnen durch jahrelange Übung vertraut sind", sagt Beyreuther. Eben deshalb sei ein Umzug für einen Alzheimer-Patienten auch äußerst strapaziös, weil nichts mehr am gewohnten Ort ist. Nach Hause gehen sei häufig nur noch mental möglich: über Lieblingsgedanken oder -beschäftigungen. "Wenn er das bekommt, ist er auch wieder zu Hause. Man kann für jeden Patienten herausfinden, was ihm guttut und Freude macht." Also nichts Neues mehr, wenn die Erinnerung sich langsam verdunkelt wie ein Zimmer, in dem jemand den Dimmer herunterdreht.

Dass Neugier diesen Prozess hinauszögert, scheint sicher. Zudem muss man aufpassen, sie nicht schon früh zu verlieren. Denn bereits vor dem 30. Lebensjahr lässt sie allmählich nach, schreibt Todd Kashdan. Je mehr Erfahrungen wir sammeln, desto stärker verlassen wir uns auf das, was irgendwie immer funktioniert hat. Wir schätzen das gute Alte - und scheuen das Neue.

Was kann man dagegen tun? Gibt es so etwas wie eine "Gymnastik der Neugier"? Tatsächlich beschreibt Kashdan eine ebenso einfache wie wirksame Methode. Sie besteht aus lediglich drei Anweisungen:

1. Wähle eine Tätigkeit, die dir vollkommen langweilig und uninteressant erscheint. Wenn du noch nie gern Sport getrieben hast, geh in einen Pilates-Kurs. Wenn du nie etwas Handwerkliches gemacht hast, bau ein Baumhaus für deine Kinder.

2. Lass dich, nur so zum Spaß, auf diese neue Tätigkeit ein und achte darauf, welche drei Dinge dir dabei besonders neu und interessant vorkommen.

3. Schreibe diese drei Erfahrungen auf und rede mit Freunden darüber.

Als sie die Übungen mit Probanden erarbeiteten, machten Forscher ganz neue Erfahrungen. So steckten sie einen Bodybuilder in einen Häkelkurs. Der Muskelmann übte wochenlang und notierte dann in seinem Tagebuch: "1. Häkeln ist total anstrengend für die Finger. 2. Die Zeit vergeht dabei wie im Flug. Häkeln fühlt sich an wie Meditation. 3. Wenn man die Maschen eng genug setzt, kann man sich damit sogar Hausschuhe häkeln."

Noch Wochen später, so Todd Kashdan, habe der große, starke Mann mit Häkelnadeln zu Hause gesessen und an seinen neuen Pantoffeln gearbeitet. -

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