Ausgabe 01/2013 - Schwerpunkt Neugier

Mehr bunte Fische

- Ein abgebrochener Schilfstängel, die Jackentaschen von Kastanien ausgebeult, eine winzige qietschgelbe Plastikkugel, Herbstlaub - so weit das Resultat eines viertelstündigen Fußmarsches in Richtung Sonntagsbrötchen. Beim Bäcker angekommen, hat meine Tochter keine Hand mehr frei, um die Tür zu öffnen. Steht da, Stängel, Laub, Zeugs in den Händen.

Schmeiß das doch mal weg, sage ich.
Nein, ich brauche das, sagt sie.
Wozu?
Für das Haus, das ich baue.

Die kleinen Mädchenhände streichen über eine der Kastanien.

Warum sind die so glatt?
Ähm, weil ...
Geht die Farbe auch ab?
Na, ...
Wie könnte man Kastanienhaut wohl malen?

Der Drang, das Unerwartete zu erklären - so beschrieb der Entwicklungspsychologe Jerome Kagan von der Harvard University die Neugier von Kindern. Das war vor vier Jahrzehnten. Heute weiß man, dass die Neugier von Kindern nicht nur besonders groß, sondern auch ziemlich paradox ist: Einerseits sind sie gebannt von allem Unbekannten, aber der Reiz des Neuen ist nicht alles. Für einige Kinder ist es auch spannend, etwas über vertraute Dinge zu lernen. Auch das fünfte Buch über Dinosaurier kann für Kinder noch immer ein Mysterium umwehen. Susan Engel, Dozentin für Psychologie am Williams College in den USA bringt es daher auf die einfache Formel: "Kindliche Neugier ist der Drang, immer mehr zu wissen."

Was könnte sich ein Lehrer mehr von seinen Schülern wünschen?

Die Psychologin Sophie von Stumm, Dozentin an der Goldsmith University in London, untersuchte im Jahr 2011 die Prüfungsleistungen von 50000 Studenten in Abhängigkeit von deren Neugier und Intelligenz. Ergebnis: Je größer die Neugier, desto besser die Abschlüsse - und das völlig unabhängig vom IQ. Der Drang, mehr zu wissen, sagt die Wissenschaftlerin, sei für Kinder und Jugendliche die effizienteste Lehr- und Lernhilfe.

Neugier ist der universale Lösungsansatz, der Antrieb für Lernen schlechthin. Das Beste aber ist: Es gibt sie frei Haus. Die Kinder bringen sie einfach mit.

Susan Engel jedenfalls zählte bei Studien an Erstklässlern staatlicher Grundschulen in den USA durchschnittlich mehr als 20 Zwischenfragen pro Unterrichtsstunde. In der fünften Klasse aber waren es nur noch eine oder zwei. Oft auch gar keine mehr. Was ist da passiert?

Raubt ausgerechnet die Institution Schule den Kindern das, wovon sie am meisten profitieren könnte? Wenn Neugier so wichtig ist, wie kann man dann vermeiden, dass die Kinder in der Schule eines Tages keine Fragen mehr stellen?

Fragen? Wenn Zeit ist

Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Schließlich sind sich doch auch die Pädagogen in diesem Fall ungewöhnlich einig: Neugier wollen alle fördern.

Doch zunächst müsse man sich auf den Lehrplan konzentrieren. Was dabei stört, sind zu viele Fragen.

Dieses Phänomen beobachtet Susan Engel seit vielen Jahren. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass sie ihre Vorlesungen vor den künftigen Eliten der USA hält. Seit Jahrzehnten zählen die Studenten des renommierten Williams College in Massachusetts zu den landesweit besten Absolventen.

Ihre Forschungsprojekte führen sie vor allem in die staatlichen Grundschulen. Sie erzählt von einer Hospitation in einer Schulstunde, in der für Fünftklässler das alte Ägypten auf dem Lehrplan stand. Die Lehrerin hatte Gruppen bilden lassen, einige Utensilien aus Holz verteilt. Die Kinder sollten nun, wie ehemals die alten Ägypter, ein Transportmittel erfinden, dann experimentell verschiedene Möglichkeiten ausprobieren und davon die für schwere Lasten am besten geeignete bestimmen. Ein Fragenzettel wurde ausgeteilt, dazu eine genaue Versuchsanordnung. Klingt ganz spannend, oder?

Die Gruppen machten sich an die Arbeit, die Lehrerin motivierte und gab Hilfestellungen. Die Kinder in einer der Gruppen gingen bald völlig im Experimentieren auf, vergaßen den Fragenkatalog und tüftelten - nur dem eigenen Forscherdrang folgend -, was sich wohl alles mit den verfügbaren Bauteilen anstellen ließe. Das alte Ägypten, der Transport-Versuch und auch die Lehrerin schienen bei diesen Kindern schnell vergessen, bis diese das Treiben bemerkte und über die Köpfe der anderen Mitschüler hinweg rief: "Okay Kinder, genug jetzt. Wenn am Schluss noch Zeit ist, könnt ihr experimentieren. Jetzt aber kümmern wir uns um die Wissenschaft und die Fragebögen!"

Just in dem Moment, als die Kinder begannen, selbst eigene Fragen zu formulieren und nach Antworten zu suchen, schritt die Lehrerin mit dem Verweis auf das vorgefertigte Arbeitsblatt ein.

Susan Engel erlebt solche Situationen häufig, in denen Lehrer die Neugier der Schüler erst wecken, um sie dann eilig wieder abzuwürgen. "Kennen Sie den Film 'Wall-E'?", fragt sie plötzlich. "Erinnern Sie sich, dass die Menschen da nur noch paralysiert umherschwirren, unfähig, irgendetwas selbst zu machen? Die Schulen kreieren oft ähnliche Wesen." Statt der Körper werde laut Engel bei vielen Kindern der Intellekt entsprechend paralysiert, sodass sie nur noch in der Lage seien, kurze Fragen zu beantworten, Arbeitsblätter auszufüllen - aber nicht mehr selbstständig Fragen stellten und nach Antworten suchten.

Hätten die alten Ägypter auf diese Weise das Rad erfunden? Wohl kaum. Entwicklung basiert auf Ausprobieren, auf dem genialen Spiel - warum also versuchen wir unseren Kindern das immer häufiger auszutreiben?

Dass irgendetwas nicht stimmt, spüren auch die Lehrer. Susan Engel, die auch Lehrerfortbildungen leitet, wurde vor mehr als zehn Jahren von Pädagogen angesprochen, die um Unterstützung für die Förderung von Neugier in der Schule baten.

Wie lässt sich die kindliche Neugier an Schulen besser nutzen? Dieses Thema ließ Engel nicht mehr los, vor allem deshalb, weil sie glaubte, zuerst eine ganz andere Frage lösen zu müssen. Wissenschaftlich arbeiten könne man schließlich nur mit Dingen, die sich messen lassen. Wie aber misst man Neugier?

Seit mehr als einem Jahrzehnt entwickelt die Psychologin nun entsprechende Methoden. Das wird uns noch zu U-Booten und bunten Fischen führen - zunächst aber nach Berlin. Nach Mitte, in einen grauen Plattenbau an der Wallstraße. Die Direktorin Margret Rasfeld sei irgendwo im Schulgebäude unterwegs, heißt es dort. "Die mit der pinken Hose", ruft die Lehrerin noch hinterher.

Experimentieren? Doch nicht in Lernkasernen

Rasfeld arbeitet in vielen Gremien des Bildungssystems, war lange Jahre an Gesamtschulen und Gymnasien im Ruhrgebiet als Lehrerin tätig und leitet heute die Evangelische Gesamtschule in Berlin (siehe brand eins 08/2012: b1-link.de/unternehmen_lassen). Zudem fungiert sie als sogenannte Kernexpertin für Bildung im Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin. Sie steht gerade auf dem Schulflur, als sie zwei Studenten, die in ihrer Schule eine Konferenz abhalten wollen, die Funktion der Alarmanlage erläutert. Sie trägt eine dunkelgrüne Fellweste, violette Stiefel und besagte pinke Jeans.

Neugier sei ein wichtiges Thema, hatte Rasfeld am Telefon gesagt. Darüber müsse man reden. Nun sitzt sie in ihrem Büro und überlegt. "Neugier - ja, wie soll das denn funktionieren?", fragt sie. "Die langen Flure, die stereotypen Klassenräume - wir schicken unsere Kinder ja jeden Tag in Lernkasernen."

Das eigentliche Problem aber beginnt für die Direktorin nicht in den langen Korridoren der Schulen. Die Neugier verschwindet aus den Klassenräumen wie durchs Ofenrohr, wird von oben förmlich abgesaugt. Oben, damit meint Rasfeld die Universitäten. Dort werde ein fataler Sog in Gang gesetzt, der bis nach unten in den Grundschulen zu spüren sei.

Da die Erwachsenen wiederum sich diesem Sog, ganz im Sinne der allgegenwärtigen - wie sie es nennt - "Machbarkeitsgesellschaft" nicht entziehen könnten, laste auf Kindern oft ein doppelter Druck: der des Bildungssystems und der der Eltern.

"Nur wer ein gutes Studium abschließt, kann auch einen guten Job kriegen", sagt Rasfeld. "Wer aber sein Wunschfach studieren möchte, braucht ein sehr gutes Abitur. Dafür müssen es die Kinder wiederum erst einmal auf das Gymnasium schaffen. Was letztendlich heißt, dass die Schüler spätestens ab Klasse vier unter Druck stehen, gute Noten abzuliefern." Wo da noch Platz für Neugier sein soll, das würde sich die Expertin auch gern einmal erklären lassen. "Freies Lernen, sich ausprobieren, den eigenen Neigungen folgen - dazu bleibt gar keine Zeit, man lernt ja nur noch für die nächste Klausur."

Was hilft? Lächeln. Und Kinder machen lassen

Wie viel Wissensdurst unter diesen Bedingungen bei den Schülern noch übrig bleibt, das versucht die Psychologin Susan Engel zu ermitteln. Wir sind beim Thema Messen von Neugier, und dafür nehme man: eine geheimnisvolle Kiste, ein U-Boot und viele bunte Fische.

Engel begann die Suche nach geeigneten Messinstrumenten mit ausgiebigen Hospitationen an staatlichen Schulen, zählte die Zwischenfragen in den jeweiligen Klassenstufen, baute kleine Kisten und stoppte die Zeit, die Kinder damit zubrachten, herauszufinden, was sich da drinnen wohl verbirgt.

Aus diesen Versuchen folgten schon bald die ersten Resultate: Um Neugier zu fördern, reicht mitunter schon ein Lächeln. Zumindest stellen Kinder umso mehr Zwischenfragen, je häufiger die Lehrer lächeln. Die kleinen Kisten wiederum weckten vor allem dann Interesse, wenn die Lehrer die Kinder allein arbeiten ließen und sie vorher ausdrücklich dazu ermunterten, die doch mal in Augenschein zu nehmen.

Viele andere Versuche, etwa die Untersuchung, wie sich die Einrichtung der Klassenräume auf die Neugier der Kinder auswirkt, musste die Wissenschaftlerin dagegen wieder abbrechen. "Die Neugier war in vielen Klassen auf so unglaublich niedrigem, kaum messbarem Niveau, dass sich daraus keinerlei Aussagen mehr ableiten ließen."

Was vielleicht auch mit Anekdoten wie dieser zusammenhängen mag. An einer Schule wurde Engel Zeugin dieses Dialogs:

Schüler: "Was steht da an der Tafel? Ich verstehe das nicht." Er deutet dabei auf einige an die Tafel geschriebene Wörter.

Lehrer: "Hmm, das ist noch von einer anderen Klasse." Er widmet sich wieder dem Unterricht.

Das Gut scheint also knapp, die Methoden zur Messung von Neugier werden derweil immer ausgereifter. Jamie Jirout, Forscherin an der Temple University von Philadelphia, lädt Kinder zu computeranimierten U-Boot-Fahrten ein. Unter Wasser können sie am Bildschirm durch verschiedene U-Boot-Fenster schauen. Sie sehen dann immer einen Fisch. Welcher Fisch das aber ist, bleibt eine Überraschung. Zumindest können sich die Kinder aussuchen, ob sie vorher wissen wollen, welcher Fisch erscheint; oder aber, ob sie sich von drei, fünf oder sieben Möglichkeiten überraschen lassen wollen. Die Auswahl möglichst vieler Fische setzt Jirout mit einem hohen Grad an Neugier gleich.

In ihren Arbeiten wies sie nach, dass schon Vorschulkinder durch ihre Neugier eine Vorstufe wissenschaftlichen Denkens erreichen. "So gesehen ist es bedenklich, wie viele Kinder später die Schule verlassen, ohne dann wirklich etwas über Wissenschaft gelernt zu haben", sagt Jirout.

Nur ein Phänomen entzieht sich bislang noch allen Messungen. Susan Engel hat dafür auch nach zehn Jahren noch keine schlüssige Lösung. Sie spricht von "den scheuen Kindern, den Außenseitern, jenen, die vor Neugier platzen, sich aber nicht trauen, ein Wort zu sagen". Oder einen Fisch auszuwählen.

Eigeninitiative? Wird abtrainiert

Ausgerechnet diese Kinder aber könnten von ihrer Neugier am meisten profitieren. Sie ist oft sogar ihre einzige Chance. "Nur wird ihnen dieses wichtige Hilfsmittel in den Schulen einfach weggenommen", klagt Sophie von Stumm.

"Seit es Instrumente gibt, um Neugier zu messen, stoßen wir auf immer interessantere Zusammenhänge", sagt sie. Von Stumm arbeitet zum Beispiel mit Umfragedaten. Wie oft lesen Sie Zeitung? Welche Rubriken interessieren Sie? Lesen Sie auch Artikel außerhalb Ihres eigentlichen Interesses? Vom Zeitunglesen kann man bei Studenten genauso viel ablesen wie bei Kindern von bunten Fischen.

Dass das Thema in der Vergangenheit wenig interessierte, erklärt sie damit, dass es sich in der Psychologie um "so ein blödes Mittelding zwischen Intelligenz und Persönlichkeit" handele. Wer aber heute zu Intelligenz forsche, der lande zwangsläufig bei der Neugier. Ohne sie funktioniere Lernen nicht. Gerade in Grundschulen könnte Neugier daher als geradezu grunddemokratisches Bildungsinstrument dienen.

Um dies zu verstehen, bedarf es wiederum eines Blickes über das eigentliche Thema hinaus. Wir schweifen ab - in die Genetik.

Der Schulerfolg bei Kindern basiert im Alter von bis zu 12 Jahren vor allem auf beeinflussbaren äußeren Faktoren. Die Umwelt prägt das jüngere Schulkind. Die Variable Intelligenz - genauer gesagt, die genetische Disposition für die Ausprägung der eigenen Intelligenz - schlägt aufgrund der neurologischen Entwicklung erst mit der Pubertät durch. Vom 16. Lebensjahr an schätzen die Forscher den genetischen Anteil der Intelligenz auf bis zu 80 Prozent. Bis zum 12. Lebensjahr überwiegen in ähnlicher Größenordnung die Umwelteinflüsse. "Neugier ist im frühen Kindesalter besonders wichtig für die Entwicklung von Intelligenz", sagt von Stumm. "Wollen und Können sind hier schwierig zu differenzieren. Es geht eher um die Größe des Raumes, in dem Kinder sich ausprobieren können."

Leider seien vor allem Grundschulen sehr erfolgreich darin, den Schülern die kindliche Neugier abzutrainieren. "Sie werden in den starren Rhythmus des Unterrichtsplans gepresst, lernen, nicht dazwischenzufragen, Arbeitsblätter auszufüllen, Versuchsanordnungen zu befolgen." Statt Unterschiede zwischen den Kindern auszugleichen, verstärke die Schule durch das Abtöten der Neugier die Selektion und vergebe damit eine unglaubliche Chance. "Die Schule ist die größte staatliche Intervention in das Privatleben", sagt von Stumm. Das böte auch die einmalige Möglichkeit, Ungleichheiten auszubügeln, die Kinder aufgrund unterschiedlicher Förderung von zu Hause mitbringen.

"Neugier ist nicht das Problem der Kinder, die in guten, bildungsfreundlichen Familien aufwachsen", sagt von Stumm. Diese Kinder werden ihren Weg gehen, mit Neugier - zur Not aber auch ohne. Die vertane Chance seien diejenigen Kinder, die nicht so behütet aufwachsen. Eine Neugier fördernde Bildung könnte diese Gräben überbrücken, stattdessen werden sie aber vertieft. Statt spielerisches Lernen zu fördern, wird ständig bewertet, wie gut man in der Lage ist, sich anzupassen.

Auch mal Blasen machen lassen

Fassen wir zusammen: Neugier ist wichtig. Man könnte sagen: entscheidend für den Lernerfolg von Kindern. Und wer in der Schule viele bunte Fische mag, macht sehr wahrscheinlich später in der Universität auch viele gute Examen. Neugier ist messbar, und es gibt vielerlei Gründe, warum sie in den Schulen oft dennoch keine Chance hat. Bleibt die Frage, was man machen müsste, damit sie die Rolle spielen kann, die ihr zukommt?

Diese Antwort liefert zum Beispiel Sprudelwasser. Bereits im Jahr 1980 führten die Psychologinnen Deanna Kuhn und Viktoria Hu ein berühmtes Experiment durch: Sie gaben Schulkindern diverse Flüssigkeiten und forderten sie auf, herauszufinden, wie man diese zusammenmixen müsste, damit sich Blasen bilden.

Das war zunächst ein großer Spaß - zeigte aber, dass Kinder diese Aufgabe umso interessierter und motivierter lösen, je mehr sie sich von ihrer Neugier leiten lassen können. Ausprobieren, Fehler machen, die Dinge auf ihre Weise verstehen - so entwickeln Kinder am Ende sogar ein Verständnis für wissenschaftliche Methoden. Versuche dieser Art wurden bis heute vielfach wiederholt, die Ergebnisse waren stets die gleichen. Neugier braucht kein Skript - und die eigentliche Botschaft dieser Versuche liegt darin, dass es keine neuen Schulen für neugierigere Schüler braucht. Viel würde erreicht mit mehr Lächeln - und neugierigen Lehrern.

Zu denen kommen wir gleich. Vorher noch einmal zurück nach Berlin: Margret Rasfeld versucht Freiräume zu kreieren. Etwa, indem sie den Druck der Bewertung aus dem laufenden Unterricht nimmt. Zensuren gibt es gleichwohl, nur können die Schüler selbst entscheiden, wann sie ihre Tests absolvieren wollen. Auch der Lehrplan wird regelmäßig ausgeblendet. Für das Projekt "Herausforderung" - für ganze drei Wochen. Zeit, in der sich die Schüler selber eine Aufgabe suchen. Etwas wagen, was sie immer schon mal machen wollten. Hat es alles schon gegeben. Neugier braucht auch Mut. Und umgekehrt stimmt die Aussage auch.

In diesen drei Wochen entstanden schon 300-seitige Romane, eine Vielzahl spannender Projekte, die für Rasfeld nur Bestätigung ihrer These sind, dass von mehr Neugier bei Kindern auch die Erwachsenen profitieren könnten. "Warum beziehen wir zumindest Jugendliche nicht viel stärker in die Lösung der großen Menschheitsprobleme mit ein?", fragt sie. Ein Gymnasiast verfüge schließlich mitunter über mehr Wissen als manch ein Angestellter, einsetzen soll er es aber nur für die nächste Klausur. "Kinder haben eine Sicht auf die Dinge, die uns Erwachsenen einfach fehlt. Und ich glaube, wir brauchen deren Art zu Denken heute mehr denn je", ist Rasfeld überzeugt.

Hier schließt sich der Kreis. Wir sind wieder da, wo wir zu Beginn des Textes schon waren: Kein Lehrer wird gegen Sprudelwasser-Experimente und dreiwöchige Projekte mosern. Wäre da nicht: der Lehrplan. Wem nutzen dreiwöchige Projekte, 20 Zwischenfragen oder feinstes Sprudelwasser, wenn am Ende das ABC nicht sitzt? Vor lauter Fragerei also eines vergessen wird: das Lernen?

Susan Engel kennt diese Bedenken. Ursache sei ein Missverständnis. "Neugier bedeutet doch nicht endloses Fragen und Spielen", sagt sie. Sondern "die Suche nach Antworten". Und die verlange nach keinem neuen Konzept für Schulen, sondern vor allem nach mehr Kompetenz bei Lehrern. "Lehrer müssen befähigt werden, mit den Schülern gemeinsam nach Antworten zu suchen", sagt Engel. Es brauche heute keine reinen Wissenslieferanten mehr. Das kriegen die Kinder schließlich auch im Internet.

Wie klein die Schritte zu einem neuen Lehrerverständnis mitunter sind, erfuhr die Amerikanerin vor einigen Jahren in einem Laborversuch. Dorthin hatte sie eine Gruppe von Lehrern eingeladen. Im Labor saß jeweils ein Kind mit einem Experimentierbaukasten.

Ein Teil der Pädagogen erhielt die Aufgabe, mit dem Kind "etwas über Wissenschaft" herauszufinden, die anderen sollten helfen, ein Arbeitsblatt sorgfältig auszufüllen. Auch wenn das Ergebnis naheliegend scheint, so war Engel am Ende doch sehr überrascht, wie korrekt einerseits die Arbeitsblätter abgearbeitet - und andererseits gemeinsame Experimente in fast spielerischer Manier durchgeführt wurden.

Ein moderner Lehrer muss nach Meinung von Engel vor allem ein Vorbild für Neugier sein. "Warum forschen die Lehrer an den Schulen eigentlich nicht?" Von Professoren an den Universitäten erwarte man das schließlich auch. Aber Lehrer - sollen, wollen oder können die nicht? Warum gesteht man ihnen nicht die nötigen Freiräume zu, selbst neugierig zu sein, mehr wissen zu wollen? Auf die Schüler würde das ansteckend wirken.

Apropos Ansteckung: Die Psychologie-Dozentin an einem Elite-College legt großen Wert auf die Tatsache, dass ihre Kinder ein ganz normales staatliches College besuchen. Zuvor waren sie schon auf staatlichen Schulen. Wenn Kollegen sie darauf ansprechen, sagt sie nur, dass Schule oder Universität nie kaputt machen, was Kinder von zu Hause aus mitbekommen. Der sicherste Weg, um Kinder neugierig und damit erfolgreich lernen zu lassen, sei demnach immer noch, den Nachwuchs in den eigenen vier Wänden wachzuhalten.

Dort gelten dann im Übrigen die gleichen Regeln wie in der Schule. Vielleicht fangen Sie einfach mal mit der Herstellung von Sprudelwasser an.

Epilog

Probieren geht über Studieren. Beim nächsten Gang zum Bäcker stapfe ich mit meiner Tochter nicht nur durch das Herbstlaub - wir schauen auch mal drunter. Kleine weiße Tierchen treten zutage, die krabbeln nicht. Die springen!

Iih, was ist das?, fragt sie.
Weiß nicht, Springschwänze vielleicht?
Was machen die?
Keine Ahnung.
Meinst du, die Vögel suchen die auch?
Ich dachte, die interessieren sich eher für Würmer.
Aber wo sind die?

Im nächsten Moment wühlen wir mit einem Stock im Boden, entdecken weitere obskure Wesen. Aber keine Würmer.

Wo sind nur die Würmer, Papa?
Vielleicht noch tiefer im Boden.
Glaube ich nicht, dann finden die Vögel die doch nicht, mit ihrem kurzen Schnabel.
Vielleicht suchen die ja doch etwas anderes?
Oder sie haben alle aufgefressen.

Wir waren dann pünktlich zum Mittag wieder zu Hause. -

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