Ausgabe 01/2013 - Schwerpunkt Neugier

Feuer machen

01.

DIE FEUERMACHER

Alle fragen immer, was uns heiß macht. Dabei ist viel spannender, wer das tut. Die wahren Helden der Menschheitsgeschichte sind die, die das Grillen erfunden haben. Die, die mit dem Feuer spielten. Um das zu verstehen, muss man zurück zu den Anfängen. Menschliche Intelligenz und Kulturgeschichte, da sind sich Experten sicher, sind eine Folge des exzessiven Verzehrs von Koteletts und Haxen. Das tierische Eiweiß der sogenannten karnivoren Diät ließ die Gehirne unserer Vorfahren wachsen. Vor etwa zwei Millionen Jahren begann damit der rapide Aufstieg der Menschheit.

Der Fortschritt ist eine Schnitzeljagd.

Doch schon damals galt, dass das Fleisch an sich zu schwach ist. Erst durch Brutzeln, Grillen und Schmoren wurde es keimfrei, bekömmlich und erfüllte so seinen Zweck. Das Lob gebührt also den Köchen und nicht dem Steak.

Vor dem ersten Barbecue muss es einen Menschen gegeben haben, der, nachdem ein Blitz mit lautem Getöse in seiner Nähe einschlug, nicht wie alle anderen aus der Gruppe ängstlich Reißaus genommen hat. Einer muss geblieben sein, überrascht, staunend, neugierig. Wahrscheinlich brannte ein Baumstamm, und vielleicht brutzelte daneben ein Wildschwein, das vom Blitz getroffen worden war. Unsicher muss sich unser Held dem Braten genähert, ihn probiert - und für gut befunden haben. Neugier lohnt sich.

Der griechische Philosoph Platon mag an solche prähistorischen Szenen gedacht haben, als er sich, vier Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung, die Sternstunden der Menschheit ausmalte. Das, was er thaumazein nannte - zu Deutsch: das Staunen -, schien ihm der Anfang von allem, die Voraussetzung dafür, etwas Neues zu entdecken. Nicht erwartbare, herkömmliche Lösungen kommen dabei heraus, sondern etwas Neues. Die ganze Weisheit, alles Wissen entsteht, weil es Leute gibt, die sich in Staunen versetzen lassen. Das ist der Zustand, in dem man es wissen will, der Rohstoff der Neugier. Am Ende steht eine neue Erkenntnis, ab hier wird mit Feuer gekocht. Wer hingegen auf nichts neugierig ist, der schmort im eigenen Saft.

02.

WASSERKOCHER

Aber wer macht heute noch Feuer? Tatsächlich sieht es so aus, als kochten wir längst alle nur noch mit Wasser und rührten in einer langweiligen, alternativlosen Brühe, lustlos gebraut von Leuten, die vor Experimenten aller Art warnen und zur Lösung von Problemen auf Reduktionsdiät setzen. Die wenigen Zutaten sind altbekannt: Wir rühren zusammen, was uns erst in den Schlamassel geführt hat. Und wir nennen die, die sich nicht die Finger verbrennen wollen, Pragmatiker - nicht Langweiler. Wasserkocher. Vielleicht, weil es so viele sind.

Vielleicht aber auch, weil die Langeweile im Neobiedermeier von heute gar nicht so langweilig aussieht, sondern einen bunten, ja munteren Eindruck macht. Die Dienstleistungen und Produkte der Aufmerksamkeitsindustrie sind hohl, aber bestens ausgeleuchtet und sorgfältig lackiert. Die verdeckte Langeweile funktioniert wie eine Dorfdisco - viel Licht, riesige Boxen, alles laut, aber eigentlich ist nix los. Trotzdem gehen am Freitag und Samstag alle dort hin.

Was sonst?

Das Staunen und die Neugier aber brauchen Perspektive. Wenn man keine Vorstellung hat, wo es hingeht, kann man auch gleich bleiben, wo man ist. Neugier soll ja zu etwas führen. Genau das ist die Aufgabe von Feuermachern in der Moderne: zu zeigen, dass Neugier zu praktischem Nutzen und nützlicher Erkenntnis führen kann, auch gegen den Widerstand von Konservativen, die damals (wie heute) jede Veränderung als Bedrohung ihres Status quo betrachteten. Das Feuermachen setzte sich durch, weil sich täglich zeigte, dass es einen weiterbringt. Wer Unternehmer wurde oder Wissenschaftler, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und wurde hauptberuflich neugierig, also höchst interessiert an allem Neuen. Die Feuermacher steckten ihre Nase in alle möglichen Angelegenheiten, insbesondere fremde, und machten sich damit nicht nur Freunde. Aber das war egal: Damals waren die Neugierigen die Pragmatiker. Die Ängstlichen und die Langweiler durften mitessen, ihre Dorfdiscos errichten und gelegentlich mit Wasser kochen.

Heute ist man abgebrüht - die etablierte Gesellschaft staunt nicht mehr. Neugier gilt wieder als Hochmut vor dem Fall. Der Kirchenvater Augustinus von Hippo, der einflussreiche Theoretiker des Christentums, hat die curiosita, die Neugier, auf eine Stufe mit der Erbsünde gestellt. Sie ist grundschlecht und seit Adams Interesse am Obst seiner Gattin der Grund, warum wir im Paradies nichts mehr verloren haben. Alle Leiden der Menschheit hätten verhindert werden können, wenn der Kerl nicht so neugierig gewesen wäre. Mit solchen Thesen macht Augustinus die Menschheit fit fürs Mittelalter. Tausend Jahre finsterste Dorfdisco.

03.

DAS REIZKLIMA

Die Lehre: Wer sich ans Feuer begibt, kommt darin um. Und Neugier wird gern gleichgesetzt mit jener berüchtigten Paparazzi-Kultur, die längst ihre Kinderstube in den Boulevard-Massenmedien verlassen und es sich in Alltag und Internet gemütlich gemacht hat. Doch bei solcher Übergriffigkeit in private und persönliche Angelegenheiten, die heute gern als Transparenz ummäntelt wird, geht es nicht ums Feuermachen, sondern um das Rösten anderer Leute.

Und dann gibt es noch das Klischee, das gern in Tateinheit mit bildungsbürgerlichen Phrasen daherkommt. Dabei wird die echte Neugier, die etwas unternimmt, durch einen besonders perfiden Trick gekillt - nämlich durch die penetrante Behauptung, Neugier sei sowieso das Allerwichtigste auf der Welt. Ohne Innovation und permanente Veränderung wäre alles andere für die Katz. Das wiederholt man so oft, bis es allen zum Hals raushängt.

All das hat, zumindest nach den Erkenntnissen der Verhaltenspsychologie, seine Ordnung. Spätestens mit dem Aufkommen der Massenmedien beschäftigen sich Forscher mit den zwei extremen Polen: Reizüberflutung und Langeweile. Daniel Berlyne, Psychologieprofessor an der Universität Toronto, veröffentlichte 1960 die sogenannte Aktivationstheorie. Demnach liegt auch bei der Neugier die Wahrheit ungefähr in der Mitte. Sie braucht ein ausgeglichenes Reizklima.

Werden wir vielen Reizen ausgesetzt, macht uns alles neugierig, was einer Konzentration auf einige wenige Objekte dient. Das klingt nur seltsam, weil wir eigentlich gelernt haben, dass die Neugier stets zu etwas Neuem im Sinne einer Innovation oder Erfindung führen muss - und nicht etwa zu einer besseren oder neuen Wahrnehmung von Vorhandenem. Für Problemlösungen ist es aber unerheblich, ob wir das Rad neu erfinden oder eben erst bemerken, wo eines ab ist und eines hingehört. Neugier kann Neuland betreten oder sich um die Erfassung des Inventars kümmern. In Zeiten des Überflusses kommt Letzterem automatisch eine bedeutende Rolle zu.

Aber natürlich richtet sich die Neugier auch auf das wirklich Neue, die Innovation. In einer reizarmen Umgebung suchen Lebewesen nach Abwechslung, sie wollen erstaunt werden, sich neuen Herausforderungen stellen. Langeweile ist keineswegs ein menschlicher Makel. Die Forschungen und die einfachen Alltagswahrnehmungen zeigen, dass sich auch Tiere, etwa junge Hunde oder Katzen, langweilen können. Die Neugier gehört zur evolutionären Basisausstattung.

04.

NEUGIER WECKEN

Wie macht man andere neugierig? Und worauf? Wie entfacht man ein Feuer?

Drogen sind eine Lösung. Zumindest die, die man selbst produziert, wenn man etwas Neues im Auge hat - im wahrsten Sinn des Wortes. Der kalifornische Neurowissenschaftler Irving Biederman hat das 2006 in dem Wissenschaftsmagazin "American Scientist" erklärt. Jene Nervenzellen im Auge, die für besonders neuartige und komplexe Informationen zuständig sind, produzieren körpereigene Opiate, die wiederum die Regionen des Gehirns anregen, mit denen wir lernen. Das sorgt dafür, dass neue Eindrücke bevorzugt verarbeitet werden. Bei bekannten Eindrücken, so Biedermans Forschungsergebnisse, sinkt die Opiatproduktion wieder. Neues macht neugierig, Vorhandenes törnt nicht so an. Die dazugehörigen Stoffe lassen sich nicht synthetisieren. Schade eigentlich.

Denn in Zeiten hoher Komplexität käme es darauf an, den Blick auf das zu lenken, was schon da ist - und zwar nicht auf das Offensichtliche, sondern auf das Unentdeckte, Unverstandene, Brachliegende. Dirk Maxeiner ist einer von denen, die genau das suchen.

Der 59-jährige Autor und Journalist arbeitete beim "Stern", dann beim Umweltmagazin "Natur" und schrieb einige Bestseller zum Thema Ökologie, Ernährung und Gesellschaft, alle voll mit Kuriositäten unserer Zeit. 2010 erschien die erste Ausgabe einer Zeitschrift, die Maxeiner gemeinsam mit dem Grafiker und Designer Fabian Nicolay ediert und die schlicht nach ihrer erwünschten Wirkung benannt ist: "Neugier". Nummer eins widmete sich monothematisch Indien. Nummer zwei beschäftigte sich im Jahr 2011 mit Island. Demnächst folgt eine Ausgabe zu Japan oder Israel. Das ist noch offen, man lässt sich Zeit, mit den Echtzeit-Wahrheiten von heute hat das Projekt nichts am Hut.

Der Titel der Zeitschrift, darauf legt Maxeiner Wert, ist keineswegs eine Verlegenheitslösung, sondern als programmatisch, ja politisch zu verstehen: "Denn Neugier ist eine politische Angelegenheit. Neugier verändert immer etwas. Es ist die Vorstufe zum Lernen. Wer neugierig ist, stellt das Vorhandene infrage, auch sich selber - denn Neugier, echte Neugier, zwingt auch zur Selbstkritik. Das schützt gegen Vorurteile und gegen Dummheit", sagt Maxeiner. Das wiederum mache die Neugier zum natürlichen Feind der Moralisten und Ideologen.

Allerdings verstehen die meisten unter Neugier heute nicht mehr den Feind des Starrsinns und des Konservativen, sie benutzen den Begriff schlicht im alltäglichen Krieg um Aufmerksamkeit: "Wer jemanden neugierig machen will, meint heute nicht mehr, dass man einen anderen Menschen dazu bringt, selbstständig nachzudenken. Im Gegenteil, er will ihm meistens die Meinung verkaufen, die er selbst gerade im Angebot hat. Der Begriff wird regelrecht vergewaltigt. Denn tatsächlich geht es nicht darum, kritische Zweifel zu nähren, sondern den Leuten etwas aufs Auge zu drücken, was einem selber nützt." Die echte Neugier hingegen sei schwer verdaulich, sagt Maxeiner, weil sie stets auch die erwartbare Welt lädiere, samt ihren Sicherheiten.

05.

NEUGIER SCHAFFT ORIGINALE

Für diese Erkenntnis, das gibt der Magazinmacher zu, muss man nicht nach Indien oder Island fahren. Aber das ist nützlich, wenn man eine andere, eher unterbelichtete Seite der Neugier in den Vordergrund schieben will: den Standpunkt der anderen. "Wollen wir wissen, wie man anderswo denkt? Wie man anderswo lebt? Was anderen Leuten wichtig ist? Die Deutschen halten sich für den Nabel der Welt - und sie bewerten alles nach deutschen Kriterien. Sauber ist, was in Deutschland sauber ist, gerecht das, was man hier für gerecht hält. Aber schon in Island", sagt Dirk Maxeiner, "sieht das deutlich anders aus. In Indien erst recht. Und wir wollen zeigen, dass das nicht daran liegt, dass die anderen doofer sind als wir, sondern weil sie nach ihren eigenen Vorstellungen leben."

Neugierig sein auf andere heißt, sie verstehen, nicht, sie belehren zu wollen. Bei seinen Weltreisen habe er aber immer diese "merkwürdige Asynchronizität" festgestellt. "Viele in der Welt schauen interessiert auf das, was wir Deutschen machen. Aber wir wollen es umgekehrt gar nicht so genau wissen. Oberflächliche Einschätzungen über Inder, Amerikaner, Afrikaner, Brasilianer reichen völlig aus." Man schaue zwar über den Tellerrand, sagt Maxeiner, aber dann kneife man schnell die Augen zu. So überwindet Neugier keine Grenzen, oder profan ausgedrückt: Man lernt nichts dazu.

Sich so zu verhalten stecke in allen, sagt Maxeiner, auch in ihm. Bei einer Recherche in Brasilien kam er mit einem Volkswagen-Händler ins Gespräch. "Ich habe ihm von meinem Eindruck über Brasilien erzählt, vor allem über die großen Unterschiede in der Infrastruktur zu Deutschland - und dabei muss ich sehr besorgt ausgesehen haben", erzählt er. "Der Autohändler hat mich ausgelacht und gesagt: Ja, wenn wir so eine schlechte Infrastruktur haben, ist das doch wunderbar, dann können wir nämlich eine neue und sehr gute Infrastruktur aufbauen und dabei all die Fehler vermeiden, die ihr schon gemacht habt."

Solche Art des Denkens wird heute nicht selten mit simpler Nachahmung verwechselt, tatsächlich ist es Neugier - die ja nicht befiehlt, die Welt neu zu erfinden, sondern zu entdecken. Staunend zu sehen, was schon da ist, und etwas daraus zu machen. Dazu passt, was Maxeiner für sein Magazin in Indien entdeckte. Dort traf er auf junge einheimische Designer, die alle in der Fremde, in Ulm, studiert hatten, und er stellte fest, dass sie das in Deutschland Erworbene "nicht stur nachmachten, sondern als Grundlage verwendeten, was dann großzügig an die Bedingungen in ihrer Heimat angepasst wurde. Die Neugier führt nicht zur Kopie, sondern zu vielen neuen Originalen."

06.

WISSEN WOLLEN

Ein Allheilmittel zur Lösung aller Probleme aber ist die Gier nach dem Neuen nicht, das ist sie nie gewesen. Sie eröffnet Möglichkeiten, aber sie garantiert nichts. Das könne man heute gar nicht oft genug sagen, findet Konrad Paul Liessmann. Der Philosophieprofessor aus Wien hat vor sieben Jahren in seinem Bestseller "Die Theorie der Unbildung" das neue Effizienzdenken in Schulen und Hochschulen an den Pranger gestellt (siehe brand eins 05/2008, b1-link.de/stunde_idioten).

Auf der einen Seite findet sich das alte Humboldt'sche Bildungsideal, das auf Möglichkeiten ausgerichtet ist. Dem steht das - unter dem Stichwort Bologna-Prozess - bekannte neue System gegenüber, bei dem Inhalte und Ziele von Bildung genau definiert und planbar sein sollen. Das alte Ideal setzt auf Neugier, das neue auf Effizienz. Ein Denkfehler des Industrialismus, wie Liessmann betont: "Neugierde ist das Streben nach Wissen, das sich nicht rechtfertigen muss. Sie lässt sich nicht regeln, nicht steuern, nicht planen."

Das neue Bildungsregime sei genau das Gegenteil von dem, was die Wissensgesellschaft brauche: "Die Neugierde, die heute wichtig ist, ist die, die sich der Substanz des Wissens zuwendet. Für Studenten heißt das, dass sie neugierig sein sollen auf die Welt, in der sie leben - und das auch später bleiben. Doch die Regulierung sabotiert dieses Verhalten." Es sind zweifellos die Wasserkocher, die Liessmann da im Auge hat: "Neugier braucht einen freien Blick. Aber die Standardisierung von Ausbildungsgängen aller Art zwingt dazu, dass man auf nichts mehr schaut, was links und rechts liegt. Junge Doktoranden fragen sich nicht mehr: Worauf bin ich neugierig?, sondern: Wie komme ich am effizientesten durch? Es geht darum, jede Art von Ablenkung und Störung zu verhindern", sagt Liessmann. Dazu kommt eine spezifische Form des Größenwahns im digitalen Zeitalter, die suggeriert, man könne alles wissen, wenn man nur wolle. Der Google-Effekt also: Man kann ja nachschauen, wenn man etwas nicht weiß. Das nährt die Vorstellung, dass eigentlich schon alles da ist, man es aber nur noch nicht abgerufen hat. Bis man irgendwann merkt, dass es verschiedene Dinge sind, erstens im Netz etwas zu finden und zweitens es auch noch zu kapieren.

Wo man scheinbar alles weiß, steht alles auch schon fest: "Wenn man heute ein Forschungsprojekt beantragt", sagt der Wissenschaftler Liessmann, "dann soll man schon beim Ausfüllen des Förderungsformulars sagen, wohin das führt - verbindlich, versteht sich. Die Suche ist nicht mehr offen, sie muss zielorientiert sein, und sie darf nicht scheitern. Aber das ist alles Unsinn." Zur Forschung gehöre das Scheitern. Und gerade in der Wissensgesellschaft gelte mehr als je zuvor Georg Wilhelm Friedrich Hegels Einsicht: "Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt." Man kann jahrzehntelang Atomstrom beziehen und hat trotzdem noch nicht verstanden, was Atomenergie ist.

Die echte Neugier will wissen, wie eine Welt, von der behauptet wird, sie habe keine Geheimnisse mehr, beschaffen ist. Sie fragt: Wie ist es wirklich? Sind die Dinge so, wie sie scheinen? Eine komplexe Welt setzt diese Art Neugier voraus.

Nur wer wissen will, wie es ist, kommt zu dem, was sein könnte.

07.

EXPERIMENTELLER REALISMUS

Die Moderne und ganz besonders das Industriezeitalter pflegten einen pathetischen Umgang mit der Neugier. Wer Neues schuf, war ein Held. Es war die Zeit, in der jeder froh war, wenn zu dem wenigen, das man hatte, etwas hinzukam. Heute hat sich das geändert. In der frühen Wissensgesellschaft, in der wir leben, haben wir andere Sorgen. Wir müssen erst einmal mit dem zurechtkommen, was da ist. Komplexität ist eine große, globale und höchst lebendige Fremdsprache, für die es kein Wörterbuch gibt. Aber jeder muss mit ihr umgehen. Höchste Zeit, sich mit einer Tätigkeit zu beschäftigen, die untrennbar zur Neugier gehört, wenngleich sie in allen Zeiten und unter allen Umständen und bis zum heutigen Tag die Ausnahme vom Tagesgeschäft geblieben ist: das Experiment.

Man kann das Wort mit Versuch übersetzen. Das stimmt auch weiterhin. Allerdings dient dieser Versuch immer öfter dem Verstehen des Vorhandenen, der Entschlüsselung bestehender Komplexität. Diese Form der Neugier richtet sich auf die Welt, wie sie ist: Was steckt drin? Was kann man daraus machen? Das ist für saturierte Gesellschaften, die aus dem Vollen schöpfen, eine sehr gute Idee. Der Zweck ist die Bestandsaufnahme. Das ist nicht spektakulär, dafür sehr wichtig.

Wie muss man sich das vorstellen?

Etwa so: Acht Menschen auf einer Tribüne, über ihnen steht "Bye Bye Utopia" Zum Foto gibt es einen bemerkenswerten Text: "Natürlich lieben wir die großen Ideen der Sechziger- und Siebzigerjahre und die Zuversicht, dass man mit einem Federstrich die Welt besser machen kann - aber wir glauben, dass Komplexität real und gut ist und unsere Gesellschaft heute umfassendere Zugänge braucht. Deshalb sind unsere Raumkonzepte im kleineren Maßstab gedacht und tief in den lokalen Bedingungen verwurzelt."

Und es geht reichlich unsentimental weiter: "Es gab mal eine Gesellschaft, die mehrheitlich glaubte, das Leben in Zukunft werde für alle besser sein (...), heute bleibt davon eher ein Gefühl, halb Wunsch, halb Melancholie (...), diese Ära ist vorbei." Ab hier beginne die Arbeit, die heute zu tun sei.

Das klingt, als ob jemand das Fenster aufgemacht hat und endlich mal durchlüftet. Die alte Wirtschaft, die alte Politik, die alte Kultur - sie alle hadern noch immer mit ihren großen Utopien, Entwürfen und Gesellschaftsverträgen, statt sich auf die Realität einer komplexen Gemeinschaft einzulassen. In der geht es nicht darum, dass die Menschen dem großen Plan folgen, egal ob Staat oder Methode, sondern ihren Platz finden, und das nicht nur einmal im Leben. Das ist das Zeitalter der Neugier, die alltäglich wird. Versuch macht klug, alles andere nicht. Aus diesem Manifest spricht der experimentelle Realismus, eine Neugier, die nicht abhebt, sondern am Boden bleibt. Echte Neugier, die hält, was sie verspricht.

Christof Mayer ist einer der jungen Berliner Architekten, die sich unter der Bezeichnung Raumlabor zusammengefunden haben. Im Stadtteil Wedding hat er ein Einfamilienhaus auf das Dach eines alten Gründerzeitgebäudes gestellt. Das neue Haus ist hell und energieeffizient und kostet weniger als ein normales Fertighaus. Stilbruch, hätte man früher gesagt. Egal, sagen der Architekt und der Bewohner. Es ist praktisch, günstig und sieht gut aus. Architektur ist, zitiert Mayer einen der Leitsätze seiner Gruppe, "experimentelle Praxis. Mich macht neugierig, was man aus vorhandenen Materialien und Methoden machen kann. Mich interessiert, was praktisch geht." In einer komplexen Welt, so der Architekt, müsse man sehr vorsichtig sein: "Alle beginnen mit Enthusiasmus und haben ein großes Ziel vor Augen. Und dann wachen sie als Technokraten auf, die längst abseits der wahren Bedürfnisse ihrer Mitmenschen dahinwerkeln." Schnell käme man zu der ironischen Einsicht des englischen Architekten Cedric Price, der nicht nur seinen Standeskollegen den berühmten Satz hinterließ: "Technology is the answer - but what was the question?"

Neugierig fragen sich Mayer und seine Kollegen, was die Leute in Häusern, Wohnungen und Büros wirklich wollen. Und was sie brauchen. In Berlin, man weiß es, steigen seit Jahren die Mieten. Das ist für Gründer, Kleinunternehmer und Selbstständige ein Problem, die hohe Mieten nicht bezahlen können. Der Altbestand reicht nicht aus, Neubauten nach traditioneller Art sind teuer. Deshalb guckt sich Mayer, wie er sagt, "in der zweiten Reihe um", also abseits üblicher Bürobauten, dort, wo experimentelle Architekten bisher kaum gesichtet wurden: Er schaut sich Supermärkte, Werkstätten, einfache Hinterhofgewerbeeinheiten an, all das also, was man in der Stadt kennt, aber eigentlich nicht als Architektur versteht. "Hier kann man lernen, wie man preiswert bauen kann und es besser macht", sagt er. "Forschungsbasiertes Gestalten" heißt das bei den Leuten von Raumlabor. "Das läuft darauf hinaus, neugierig zu bleiben und nicht alles Interesse in ein abgeschlossenes Projekt zu stecken", sagt Mayer. Die Zeiten, in denen etwas "zu Ende definiert worden ist, sind vorbei". Erfolgreiche Experimente sind die, die kein Ende haben. Und dabei geht es nicht nur darum, die eigene Neugier wachzuhalten, sondern auch die der anderen zu entfachen. Das ist Entwicklung. "Wir lösen keine Probleme, wir initiieren Prozesse", nennt man das bei Raumlabor. Man wolle, schreiben die Architekten, den "Akteuren die Möglichkeit geben, mit den Umständen mitzugehen (...) und Möglichkeiten zu erkennen, zu begreifen und zu nutzen".

Das ist eine Neugier, die hilft, das Feuer zu entfachen.

Kochen kann dann jeder selbst. -

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