Ausgabe 01/2013 - Schwerpunkt Neugier

Die großen Fragen

Prolog

Seit jeher versuchten wir, die Grenzen des Wissens zu verschieben. Entdecker erkundeten fremdes Terrain, Philosophen suchten neue Gedanken, Himmelskundige deuteten die Lichter am Firmament. Die Neugier des Menschen scheint keine Grenzen zu kennen, unerschöpflich wirkt seine Sehnsucht, das Unbekannte zu begreifen. In den vergangenen Jahrhunderten hat die Menschheit ein besonderes Instrument erschaffen, um diesen Drang nach Erkenntnis zu lenken: die Wissenschaft.

Heute arbeiten Millionen von Forschern rund um den Globus – vom Professor bis zum Doktoranden. Allein in Deutschland gibt es rund 500.000. Ihr Aufgabe ist es, Fragen zu stellen. Die Vielfalt der Forschung ist so groß, dass man den Eindruck gewinnen kann, der akademische Wissensdurst sei beliebig. „Aber zu jeder Zeit gab es Fragen, die Wissenschaftlern drängender erschienen als andere“, sagt Helga Nowotny. Die Österreicherin gilt als mächtigste Frau auf ihrem Gebiet in Europa. Als Präsidentin des Europäischen Forschungsrats leitet sie die wichtigste Organisation zur Förderung von Forschung auf dem Kontinent. Nowotny ist eine Königin der Fragensteller.

Die 75-jährige emeritierte Professorin für Wissenschaftsforschung weiß, welche Rätsel Wissenschaftler besonders reizen. „Diese Fragen sind so groß, dass sie vielleicht nie vollends beantwortet werden können“, sagt Nowotny. Manche gelten dem Dasein selbst: Was hält die Welt im Innersten zusammen? Was ist Bewusstsein? Wie funktioniert das Leben? Allein die Vorstellung, dass es darauf eine umfassende Antwort geben könnte, erscheint vermessen. Andere Fragen dagegen können den Alltag jedes Einzelnen unmittelbar beeinflussen: etwa die Suche nach Krebsheilmitteln oder neuen Rohstoffen.

Das ist nur eine Auswahl, es gibt andere, ebenso interessante Fragen. Doch es ist schlicht unmöglich, alle gleichermaßen zu benennen. „Die wissenschaftliche Neugier ist einfach unersättlich“, sagt Nowotny. „Sie überwindet immer wieder Grenzen, die errichtet wurden, um sie einzuzäunen oder um sie in bestimmte Richtungen zu lenken. Vielleicht wettet die Gesellschaft gerade deshalb darauf, dass die Wissenschaft ihr helfen kann.“

1. Was hält die Welt im Innersten zusammen?

Die ewige Frage nach dem Wesen der Materie könnte bald in Darmstadt-Wixhausen beantwortet werden. Provisorische Pfeile weisen den Weg zur größten Baustelle der deutschen Wissenschaft, tief hinein in das undurchdringliche Grau. Noch liegt dort nur ein Feld. Doch schon im Jahr 2018 sollen unter dem sandigen Boden Ionen in einer Beschleunigeranlage auf nahezu Lichtgeschwindigkeit gebracht werden.

Direkt neben den Laboren des GSI Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung entsteht für etwa 1,6 Milliarden Euro der Teilchenbeschleuniger Fair (Facility for Antiproton and Ion Research). Die Anlage wird sechsmal so groß sein wie das bisherige Forschungszentrum. Ein ungewöhnliches Trio aus Deutschland, Russland und Indien trägt den Großteil der Kosten, die deutsche Forschungsförderung steuert etwa zwei Drittel bei. Nie war ein einzelnes deutsches Forschungsprojekt teurer, nie die Hoffnung größer, bald zum Kern aller Dinge vorzudringen.

Der Physiker Günther Rosner ist Forschungsdirektor dieses gigantischen Projektes. Er residiert in einem frisch eingerichteten Büro und schwelgt in Superlativen: „Ich bin überzeugt, dass wir einige der großen Rätsel mit Fair knacken können.“ Rosner muss die Wünsche von neun Partnerländern und 2500 Wissenschaftlern beachten, Hunderte Forschungsvorhaben miteinander vereinbaren. Längst ist er mehr Diplomat als Forscher. „Die europäischen Wissenschaftler messen Fair inzwischen die höchste Priorität zu“, sagt er. Und klingt dabei stolz, aber auch ein wenig müde. Er müsse viel Überzeugungsarbeit leisten.

Es sind gute Zeiten für die Teilchenphysik angebrochen, die das Wesen der Materie untersucht. Jahrzehntelang sah das ganz anders aus. Da fahndeten Physiker etwa vergeblich nach dem Higgs-Teilchen, das den Beinamen Gottesteilchen bekam. Fast schien es, als spotte das Teilchen über den großen Aufwand. Die Forscher am internationalen Forschungszentrum Cern nahe Genf erfanden zwar das World Wide Web, aber das Higgs-Teilchen fanden sie nicht. Bis die Wissenschaftler Anfang Juli endlich von Messungen berichteten, die die Existenz des Higgs-Teilchens bestätigen könnten. Eine Aussicht, die Tausende Physiker beflügelt. Denn die Entdeckung soll eine vor 50 Jahren entwickelte Theorie beweisen, mit der sich erklären lässt, warum die Materie überhaupt Masse besitzt – zumindest erklärt sie ein Prozent dieser Masse.

„99 Prozent der Masse sind nicht erklärt durch den Higgs-Mechanismus. Wie diese 99 Prozent zustande kommen, wollen wir mit Fair verstehen“, sagt Rosner. Das Gros der Masse, so die Theorie, entsteht im leeren Raum, gewissermaßen aus dem Nichts. „Das Nichts nichtet“, sagt er und lacht. Man muss wohl Physiker sein, um das lustig zu finden. Denn was genau geschieht, erscheint dem Laien völlig unerklärlich, ja geradezu magisch. Vermutlich wird deshalb kaum über Fair berichtet.

Wie weit die Physik von der Antwort auf die großen Fragen entfernt ist, das vermag auch Rosner nicht zu sagen. In der nebligen Welt der Quantenphysik sind Wegweiser rar. Besondere Hoffnung setzt Rosner auf den geplanten Laser-Driven-Plasma-Wave-Electron-Accelerator. In diesem Meisterwerk der Ingenieurskunst werden Elektronen, winzige negativ geladene Elementarteilchen, in einer wenige Mikrometer großen Blase auf ein irrwitziges Tempo nah der Lichtgeschwindigkeit von rund 300.000 Kilometern pro Sekunde beschleunigt. Dann werden sie auf Kerne von Atomen gefeuert. Dabei kommt es vor allem auf die Wucht an, mit der die Bausteine mit der Materie kollidieren. Durch den neuen Beschleuniger hoffen die Forscher, 10.000-fach höhere Intensitäten zu erreichen als bisher. „Doch auch in der Physik gilt nicht unbedingt: Viel hilft viel“, sagt Rosner. „Zum Erfolg bei unseren Experimenten gehört auch eine Portion Glück.“

Gerade haben Bauarbeiter begonnen, 1500 Stützpfähle in den sandigen Boden einzulassen. Sie sollen das Fundament bilden, in das die acht Meter dicken Mauern des Beschleunigers gegossen werden.

Rosner kann sich noch gut erinnern, wie er an den ersten Planungen teilgenommen hat. Sein ganzes Forscherleben lang hat er von einem Beschleuniger wie Fair geträumt. Selbst wenn alles nach Plan läuft, wird der 64-Jährige nicht mehr selbst daran forschen können. Er sagt: „Ich will das Projekt eröffnen. Aber nutzen wird es mein Sohn, der gerade sein Diplom in Physik gemacht hat.“

2. Woher wissen wir, dass wir sind?

Auf dem Weg zur Arbeit läuft Simone Schütz-Bosbach an einem stattlichen Ahorn vorbei, bevor sie durch den Eingang in der geschwungenen Fassade des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig tritt. Genau wie ihre Kollegen. Doch keiner nimmt den Baum so wahr wie die Psychologin, kein Passant erlebt ihn so wie ein anderer.

Denn was ein jeder sieht und empfindet, ist nur ihm allein zugänglich. Keiner wird jemals zweifelsfrei nachempfinden, wie etwa Schütz-Bosbach die Farben der Blätter wahrnimmt, die grobe Struktur der Rinde, die knorrige Form der Äste. All diese Eindrücke sind subjektiv. Sie gehören allein ihr, keine objektive Messung kann sie erfassen. So ergeht es jedem Menschen. Doch so denken vermutlich nur Forscher wie Schütz-Bosbach. Wissenschaftler, die verstehen wollen, wie jener Zustand entsteht, den wir alle kennen: das Bewusstsein.

Wie kommt es, dass wir nicht nur reagieren, sondern uns selbst erleben und die Welt erfahren? Was in uns verwandelt Schallwellen in Klänge, Lichtstrahlen in Farben, Temperaturen in Wärme oder Kälte? Warum haben wir den Eindruck, eine Persönlichkeit zu sein, eigenständig und unverwechselbar?

Diese Fragen beschäftigen Menschen, seit sie in der Lage sind, sich Gedanken über sich selbst zu machen. Doch eine befriedigende Antwort wurde noch nicht gefunden. Erst vor wenigen Jahrzehnten begannen Forscher zu ahnen: Nicht allein das Gehirn erschafft den Geist. Mindestens genauso bedeutsam ist der Körper. Beständig übermittelt der Organismus Reize an das Denkorgan im Kopf – und definiert, was noch Ich ist und was schon Welt.

„All das erscheint uns alltäglich, fast banal“, sagt Schütz-Bosbach. „Wir nehmen es als gegeben hin.“ Aber gerade das scheinbar Offenkundige weckt ihre Neugier. Denn einerseits lockt sie das Unbekannte selbst: wie genau der Körper das Bewusstsein erschafft, wie gewissermaßen eine innere Karte von Haltung, Form und Lage des Organismus entsteht. Andererseits kommt es immer wieder vor, dass das Bewusstsein sich gleichsam selbst verliert. Manche Menschen etwa können ihre Hände nicht mehr gebrauchen, weil sie nicht mehr spüren, wo ihre Finger enden. Andere glauben, nicht sie selbst steuerten die Bewegungen ihrer Gliedmaßen, sondern eine fremde Macht. Wieder andere wissen zwar, dass allein sie selbst entscheiden, doch sie empfinden sich fremd im eigenen Körper – gerade so, als gehöre er zu einer anderen Person. Als Nachwuchsforscherin hat Simone Schütz-Bosbach Patienten kennengelernt, die ihren eigenen Körper nicht mehr zu spüren vermochten. „Es war ein Schlüsselmoment meines Lebens“, sagt sie heute. Seither versucht sie zu verstehen, wie Körper und Geist des Menschen zusammenhängen.

Dafür hat die 38 Jahre alte Psychologin eine eigenständige Forschungsgruppe gegründet. Im Leipziger Institut verdeckt sie die Hand eines Probanden durch eine kleine Trennwand und legt eine für ihn gut sichtbare Gummihand auf den Tisch. Dann streicht sie dem Probanden mit einem Pinsel über die verdeckte Hand. Es geschieht Erstaunliches: Die Probanden spüren den Pinsel auf der Haut ihrer verdeckten Hand und übertragen den Sinneseindruck auf die Gummihand. Es scheint, als könne sich das Bewusstsein anderer Dinge bemächtigen, als sei es weniger an den Körper gebunden, als wir gemeinhin glauben.

In einem anderen Experiment misst Schütz-Bosbach elektrische Impulse im Gehirn, die von Tönen aus der Umgebung ausgelöst werden. Dabei fanden sie und ihr Team heraus, dass Menschen allein an der Lautstärke eines Geräusches unterscheiden können, ob sie es selbst erzeugen oder ein anderer – wobei selbstproduzierte Geräusche beispielsweise leiser wahrgenommen werden.

Noch ist ihr Beitrag zum Verständnis des Bewusstseins klein, sind ihre Fragen sehr speziell. Doch wie Tausende andere Forscher weltweit treibt sie einen neuen, verschlungenen Pfad auf ein unbekanntes Terrain. „Das ist herausfordernd und befriedigend zugleich, ja, eigentlich abenteuerlich.“ Nur selten klingt Simone Schütz-Bosbach so persönlich berührt. Meist ist ihre Sprache wohltemperiert und voll fremdartiger Begriffe. Sie spricht von Körperrepräsentation und Selbstkonzept, von Meinigkeitserleben und Urheberschaftskonfusion. Wer das Unbekannte erkundet, muss dafür auch neue Worte finden.

3. Können wir den Krebs besiegen?

Der Nebel kämpft an diesem Morgen in Heidelberg über dem Neckar gegen die Sonne. Noch scheint die Natur zu ringen, wie viel sie preisgeben will an diesem Tag. Im Deutschen Krebsforschungszentrum sitzt Martin Teichert an einem winzigen Puzzlestück der Antwort auf eine der vielen Fragen, die es auf diesem Gebiet gibt. Vielleicht trägt eine der braunen Versuchsmäuse die Antwort schon in sich. Der 27-jährige Doktorand steht noch ganz unten in der Hierarchie der Forschung: ein Wissenschaftler, kurz vor der Veröffentlichung seiner ersten Ergebnisse.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum ist die größte biomedizinische Forschungseinrichtung im Land. Noch immer steht die Krankheit für Hoffnungslosigkeit und Tod. Doch es ist etwas passiert in der Krebsforschung, und das kann man hier sehen. Aus der reinen Grundlagenforschung wird immer mehr angewandte Wissenschaft, die Suche nach konkreten Lösungen.

Vor dem Hauptgebäude entsteht ein Zentrum für präklinische Forschung. Hier werden Methoden für den Alltag in Krankenhäusern und Arztpraxen erprobt. Außerdem entstehen an acht deutschen Kliniken sogenannte Translationszentren, in denen die neuesten Erkenntnisse aus Heidelberg den Erkrankten helfen sollen. Mit den neuen Vorhaben wachsen auch die Erwartungen. Die Hoffnung der Menschen und die Millioneninvestitionen von Pharmakonzernen sind für die Forscher Ansporn und Bürde zugleich.

Teichert steht am Anfang seiner Karriere, doch auch er spürt den Druck. Es gibt einen Nationalen Krebsplan, ein bundesweites Krebsregister ist beschlossen, kaum eine Krankheit steht so im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. „Die Erwartung wächst gerade schneller, als die Forschung mithalten kann.“ Krebsmediziner zu werden, täglich das Leben von Patienten in seiner Hand zu haben, das habe er sich nicht getraut, sagt Teichert. Also studierte er Biologie, wechselte in die Biomedizin. Jetzt forscht er an der großen Frage mit. Er sagt: „Wenn nach einer langen Nacht im Labor das Experiment nicht geklappt hat, ist das meine Motivation: Menschen zu helfen.“

Krebs entsteht, wie heute bekannt ist, durch das unkontrollierte Wachstum einer Zelle. Sobald der Tumor die Breite eines Haares überschreitet, braucht er eine erhöhte Versorgung mit Sauerstoff. Teichert erforscht bestimmte Zellen, die dabei eine besondere Rolle spielen könnten: Perizyten. Sie ummanteln feine Blutgefäße und regulieren so auch das Wachstum eines Tumors. Eines der erfolgreichsten Krebsmedikamente, das Bevacizumab (Handelsname Avastin) setzt dort an. Das Präparat verhindert die Neubildung von Blutgefäßen des Tumors und weckt deshalb bei vielen Patienten Hoffnung. Doch erst für wenige Krebsarten gibt es Studien. „Wir nutzen Medikamente, ohne sagen zu können, welche Patientengruppe darauf gut anschlägt und welche nicht“, räumt Teichert ein.

Zwar wachsen so attackierte Tumoren langsamer, aber die mit den neuen Medikamenten behandelten Patienten leben kaum länger als jene, die mit einer herkömmlichen Krebstherapie behandelt werden. Außerdem hat das Medikament starke Nebenwirkungen. So steigert es etwa das Risiko von Verstopfungen in den Blutbahnen. Und es zeigt: Der Sieg gegen den Krebs ist auch eine Frage des Geldes.

Kaum eine andere Krankheit treibt die Kosten des Gesundheitssystems derart beständig in die Höhe. Die Behandlung eines Patienten mit Avastin kostet in Deutschland etwa 3300 Euro im Monat. Längst diskutieren Experten deshalb darüber, welche Kosten für eine Behandlung volkswirtschaftlich überhaupt vertretbar sind. Statistisch gesehen entwickelt jeder dritte Europäer im Laufe seines Lebens Krebs. Seit mindestens 4000 Jahren dauert der Kampf gegen die Krankheit an. Der Sieg wäre auch ein Sieg über die Natur.

Auf dem Weg ins Labor läuft Martin Teichert jeden Tag an den Patienten vorbei, die sich im Krebsforschungszentrum untersuchen lassen. Ebenso groß wie die Hoffnungen sind die Enttäuschungen, wenn sich Erkenntnisse aus dem Labor nicht bewähren. Für die erfolgreiche Karriere einer Idee aus der Grundlagenforschung in die Praxis steht Harald zur Hausen, langjähriger Präsident des Krebsforschungszentrums. Für seine Arbeit zur Auslösung von Gebärmutterhalskrebs durch Warzenviren wurde er lange belächelt, heute gehört die Impfung gegen den Krebs zum Standard. Im Jahr 2008 wurde ihm dafür der Nobelpreis für Medizin verliehen. „Ich glaube nicht, dass wir in den nächsten 20 Jahren den Krebs besiegt haben werden“, sagt Teichert. Doch das Beispiel von zur Hausen zeigt ihm, dass sich der Kampf lohnt. Er treibt Generationen von Wissenschaftlern an, verlockt zu immer neuen Experimenten, zu neuen Methoden und Theorien. Und manchmal hilft die große Vision ihnen dabei, zumindest im Kleinen Gutes zu bewirken.

4. Woraus bauen wir die Zukunft?

Eigentlich sind Mülldeponien der letzte Ort, so könnte man meinen, an dem man nach der Zukunft sucht. Jörg Woidasky aber glaubt, dass sich im Abfall die Lösung vieler Probleme verbirgt. Der 44-Jährige arbeitet am Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie. Forscher von sechs weiteren Fraunhofer-Instituten haben unter seiner Leitung den Müll ins Visier genommen. Denn sie wollen verhindern, dass der Menschheit eines Tages die Rohstoffe ausgehen. „Hightech-Rohstoffe durch Recycling, darüber hätte man vor zehn Jahren noch gelächelt“, sagt Woidasky. Bisher seien die Verfahren zur Rohstoffgewinnung für den Bergbau entwickelt und später auf das Recycling übertragen worden. Dieses Prinzip wollen die Forscher umkehren. „Gerade die wirtschaftsstrategischen Stoffe wie Metalle und Seltene Erden können in Zukunft mit Recycling sicher gewonnen werden.“

Weil die natürlichen Rohstoffreserven der Erde knapp werden, muss man neue Wege finden, an die Bausteine für Zukunftstechniken zu kommen. „Inzwischen ist allen klar, dass eine Produktion in Deutschland sich auch auf Sekundärrohstoffe stützen muss“, sagt Woidasky. Die Ingenieure tüfteln an Verfahren, die sie Molecular Sorting, also Molekulares Zerlegen, nennen. Denn Mobiltelefone und Solarzellen, Herzschrittmacher und Windkraftflügel bestehen aus immer mehr unterschiedlichen Stoffen in immer kleinerer Konzentration.

Wie lassen sich diese Stoffe wieder auseinandersortieren? Die Antwort darauf kennt bisher niemand. Einmal verarbeitet, so scheint es, sind viele Stoffe für immer verloren. Denn bislang herrscht auf Mülldeponien das Bulk Sorting vor, das Recycling von ganzen Bauteilen, die nur aus einem oder wenigen Rohstoffen bestehen. Mit Molecular Sorting soll es dagegen gelingen, wertvolle Bestandteile aus der Masse des Mülls wieder herauszulösen, selbst aus den Schlacken von Müllverbrennungsanlagen.

Allein darin verbirgt sich ein Schatz: In Deutschland entstehen jedes Jahr 4,5 Millionen Tonnen Schlacken. Bisher werden sie meist dauerhaft deponiert, aufgeschüttet, vergessen. Dabei enthalten sie Ressourcen, die andernorts mit ungeheurem Aufwand den Tiefen der Erde entrissen werden. Zum Beispiel stecken in verbrannten medizinischen Abfällen hohe Anteile Titan aus Implantaten. Während sich das Fraunhofer-Institut in Holzkirchen mit Schlacken beschäftigt, ist es in Stuttgart Kollegen gelungen, mit Säuren seltene Metalle aus Schrott herauszulösen. Und durch die Zusammenarbeit beider Teams entstand ein Verfahren, wie die Müllverbrennungsschlacken mit Säuren getrennt werden können.

Molecular Sorting ist eines von fünf „Übermorgen-Projekten“, in die die Fraunhofer-Gesellschaft jeweils bis zu fünf Millionen Euro investierte. Die Projekte sollen zeigen, dass nicht nur die Grundlagenforschung, sondern auch das Ingenieurwesen große Fragen beantworten kann. „In dem Projekt habe ich verstanden, dass es mehrere Zukünfte geben kann“, sagt Woidasky, „je nachdem, welchen technologischen Abzweig unsere Gesellschaft heute nimmt.“

Das Molecular Sorting etwa weckt die Neugier der Forscher auch, weil Deutschland seinen Wohlstand als Industrienation auf die Produktion baut. Die Rohstoffe dafür kommen aber nur zu einem kleinen Teil aus dem Land. Unzählige Studien haben in den vergangenen Jahren untersucht, welche Rohstoffe künftig gebraucht werden und wo sie herkommen könnten. „Deutsche Mittelständler im Hightech-Bereich können sich kaum Zugriffsrechte auf international begehrte Rohstoffquellen im Ausland sichern“, sagt Woidasky. Die Molecular-Sorting-Verfahren könnten einen neuen Weg weisen.

Außerdem tüfteln die Forscher an anderen Methoden, etwa dem Urban Mining – der Suche nach Rohstoffen in Hausmülldeponien aus dicht besiedelten Regionen. Denn wer offene Fragen beantworten wolle, so Woidasky, dürfe sich nicht selbst beschränken. „Der Blick darf nicht zu eng sein.“

5. Lässt sich Leben im Labor zeugen?

Manchmal klingt Petra Schwille, als sei sie enttäuscht. Vom Lebendigen an sich. Was dessen Zellen können, verblüfft sie: sich vervielfältigen, Werkstoffe produzieren, Energie erzeugen, Informationen speichern. Doch der Weg dahin erscheint ihr mitunter umständlich und übertrieben kompliziert. „Die Natur ist kein Ingenieur“, sagt Schwille. Sie ist überzeugt: Wenn der Mensch die wundersam anmutenden Wege des Lebens bis ins Allerkleinste verstünde, könnte er sie verkürzen – und so das Dasein der Menschen schöner, leichter und sicherer machen.

Schwille leitet das Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried nahe München und betreibt dort Synthetische Biologie, eine junge Disziplin, die das Leben in seine Einzelteile zerlegt, um es wieder zusammenzusetzen. Forscher unterschiedlicher Fachrichtungen beteiligen sich daran: Chemiker, Biologen, Informatiker, Mediziner. Und Physiker wie Petra Schwille. Sie betrachtet das Leben wie eine Ingenieurin. Die Erfindungen der Natur lassen sich ihrer Ansicht nach beliebig ergründen, kombinieren und benutzen. Und manchmal sogar verbessern.

Die 44-Jährige spricht über Kreaturen, über die Bestandteile und Funktionen eines Bakteriums etwa, wie andere über die Einzelteile eines Automotors. BioBricks nennen die Pioniere der Synthetischen Biologie die Splitter des Lebens, die sie aus den Genen und Eiweißstoffen von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Bakterien herauslösen und so lange untersuchen, bis sie deren Funktion genau begreifen. So entstehen Baukästen für Bioingenieure: Datenbanken mit Bausteinen aus chemischen Partikeln, die aus Forschungsinstituten aus aller Welt gespeist werden.

Aus diesem Fundus schöpfen auch Schwille und ihre Kollegen. Sie entwerfen Schaltpläne, die wie Anleitungen für elektronische Bausätze aussehen. Dann setzen sie die Einzelteile zu winzigen Biomaschinen zusammen, die, wenn es gut geht, genau das tun, was die Forscher wollen. Vielleicht einmal sogar Substanzen für Arzneimittel produzieren, Biobenzin für Autos, Lichtenergie oder Werkstoffe.

Doch trotz der großen Hoffnungen, die manche mit den Möglichkeiten der Synthetischen Biologie verbinden, versuchen manche die Neugier der Wissenschaftler zu zähmen und fordern neue Gesetze und Regeln für die Spielräume, die das neue Wissen eröffnet. Ist es nicht übermütig zu glauben, der Mensch könne verbessern, was die Natur in Jahrmilliarden hervorgebracht hat? Dürfen Forscher auf diese Weise mit den genialen Erfindungen der Evolution umgehen? Spielen die Forscher gar Gott?

Und was geschieht eigentlich, wenn die synthetischen Einzelteile des Lebendigen aus dem Labor in die Natur gelangen?

Vor allem ein Forscher hat die Debatte um die Synthetische Biologie angeheizt. Der US-Amerikaner Craig Venter, der 2009 verkündete, künstlich geschaffenes Erbgut in ein Bakterium eingepflanzt zu haben, träumt von einer neuen Schöpfung. Denn Venter will nicht nur Funktionen des Lebendigen optimieren. Sein Ziel ist es, Lebewesen zu erschaffen.

Petra Schwille hält nichts von solchen Visionen. Sie wolle verstehen, sagt sie. Nicht mehr. Vor allem, wie aus den Molekülen lebloser Materie der Funke des Lebendigen entspringt. Das allein sei Motivation genug für ein Leben als Forscher.

Aber dann fällt ihr doch noch ein, warum die Synthetische Biologie einmal mehr leisten könnte, als nur die Neugier zu befriedigen. „Die Menschen haben sich von Vögeln zu Maschinen inspirieren lassen, mit denen sich Hunderte von Menschen über den Atlantik tragen lassen“, sagt sie. „Vögel können das nicht.“

Und genauso könnten Menschen sich auch von den wundersam wirkenden Vorgängen im Inneren einer Zelle anregen lassen, um gänzlich Neues zu erschaffen. Schwille sagt lieber: reproduzieren. Alles andere klingt ihr zu religiös. Denn die Forscherin ist zwar mit einem Pfarrer verheiratet, findet das Leben aber nicht mystisch. Allenfalls rätselhaft.

Epilog

Die wissenschaftliche Suche nach Antworten ist zäh. Geduldig und beharrlich folgen die Forscher ihrem Verlangen nach Erklärungen. Selbst Albert Einstein, der Revolutionär der modernen Physik, sagte einmal: „Neugier, Besessenheit und sture Ausdauer, verbunden mit Selbstkritik, haben mich zu meinen Gedanken gebracht.“

Nur selten haben die Erkenntnisse eines Wissenschaftlers so großen Einfluss wie die des gebürtigen Schwaben, und nur gelegentlich verändern sie den Blick auf die Welt so radikal wie die Relativitätstheorie. Die meisten Forscher fügen dem Bild der Wirklichkeit nur ein winziges Puzzlestück hinzu.

Aber wird das Bild jemals komplett sein? Wird die moderne Wissenschaft jemals alle Fragen beantworten können? Wird die Neugier einmal befriedigt sein? Wohl kaum, sagt Helga Nowotny. Zu komplex ist die Realität, zu chaotisch und überraschend. Versucht der Mensch sie zu durchdringen, vereinfacht er sie – und verliert dabei einzelne Details aus dem Blick. Mag sein, dass der Strom der Fragen an manchen Stellen versiegt – etwa wenn ein Heilmittel für eine Krankheit gefunden ist. Wahrhaft große Fragen werden allerdings immer bestehen.

„Schon oft haben Forscher geglaubt, sie stünden kurz vor der Lösung aller Rätsel“, sagt Nowotny. Doch jede neue Erkenntnis wirft neue Fragen auf, jede Einsicht zeigt, was die Menschen nicht verstehen. "Um zu wissen, ob die Wissenschaft alle Fragen löst, müsste man alle Fragen der Zukunft kennen." Das sei unmöglich. „Denn die Kraft der Neugier liegt darin, dass sie will, was noch nicht gewollt wird. Dass sie sucht, was noch keiner sehen kann.“ ---

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