Ausgabe 03/2013 - Wirtschaftsgeschichte

Verdorbenes Geld

• Wenn's ums Geld geht, kommen selbst Hochwohlgeborene auf ungewöhnliche Ideen. Im Jahr 1621 ließ Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel eine Zwölf-Kreuzer-Münze prägen. Auf der einen Seite war der Spruch "Pro Lege et Grege" eingeprägt – für das Gesetz und die Menschen. Die andere Seite zierte nicht etwa das Wappen seines Herzogtums, sondern das der Grafschaft Hohnstein im Harz. Was damals nur wenige wussten: Die Grafschaft Hohnstein gab es bereits seit 1593 nicht mehr.

Auch der Landgraf Moritz von Hessen-Kassel wollte die Herkunft der Münzen verschleiern, die er prägen ließ. Der Drei-Kreuzer-Taler trug das Wappen der Herrschaft Plesse, der Zwölf-Kreuzer-Taler das Wappen von Eppstein. Auf Hessen-Kassel war kein Hinweis zu finden.

Mit solchen Schummeleien verfolgten die Münzherren eine unredliche Absicht: Sie brachten Zahlungsmittel von minderer Qualität in den Umlauf, um ihre knappen Kassen aufzubessern. Die von ihnen geprägten Münzen enthielten wenig Silber, dafür aber umso mehr Kupfer, das sie zuvor behandelten, damit es die Farbe verlor.

Von 1618 bis 1623 war die Zeit der Kipper und Wipper. Das waren – oft von den Landesherren eingesetzte - Münzkäufer, die hochwertige Geldstücke wogen ("wippen") und aussortierten ("kippen"), um mehr Münzen mit einem geringeren Silbergehalt daraus herzustellen.

Schweres Silbergeld wurde so zugunsten weniger silberhaltigen Geldes vom Markt genommen. Die Differenz behielten die Landesherren ein. Auf diese Weise kam immer mehr Geld in Umlauf, zudem arbeiteten einige Münzmeister auf eigene Rechnung. Dies bescherte dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation die größte Inflation seiner Geschichte.

Das Unheil begann mit der wenig präzisen Reichsmünzordnung von 1559. Darin waren das Gewicht und der Silbergehalt der Reichsmünzen festgelegt. Solange die adeligen Münzherren schwere Geldstücke hergestellten, machten sie ein ansehnliches Geschäft. Wenn sie aus 23 Kilo Silber Taler prägten, konnten sie einen Gewinn von 14,50 Gulden verzeichnen.

Doch bei der Herstellung des Kleingelds, bei Groschen, Schillingen, Batzen, Kreuzer, Pfennigen und Heller, zahlten sie drauf. Fertigten sie aus 23 Kilo Silber 3-Pfennig-Stücke, machten sie einen Verlust von 46 Gulden. Der Materialwert der Münzen war höher als der des Zahlungsmittels.

Bei Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) brauchten die Fürstenhäuser dringend Geld. Sie mussten ihre Heere finanzieren. Also begannen sie im großen Stil damit, Münzen von minderer Qualität zu prägen. Den Rohstoff dafür fanden sie in den hochwertigen Geldstücken.

Das Strecken der neuen Münzen erwies sich als ein derart lukratives Geschäft, dass immer mehr Geld in Umlauf kam, dessen Silberanteil immer geringer wurde, ehe schließlich reine Kupfermünzen geprägt wurden.

Das blieb nicht ohne Folgen. Der Kreuzer verlor in Folge stark an Wert. 1570 wurden auf einen Taler noch 68 Kreuzer gemünzt. Im Herbst 1622 gab es für einen Taler 1000 Kreuzer zu 429 Groschen.

Weil das Geld an Wert verlor, stiegen die Preise. In Dresden kostete der Scheffel Roggen 1620 zwei Taler, 1622 waren es schon zehn Taler. Bäcker schlossen lieber ihre Läden, als das Kipper-Geld zu akzeptieren. Die Bauern weigerten sich, die gestreckten Münzen anzunehmen und verkauften kein Getreide mehr.

Dramatisch wurde die Situation für alle, die feste Einkommen bezogen, deren Kaufkraft immer weiter sank. Den kleinen Münzen wurde von vornherein misstraut, Bauern nahmen nur noch Taler an. In den Städten war bald von der "Münzverderbnis" die Rede und von den "Diebestaten vieler Raubvögel, die sich falschen Geldes bedienten".

Vom Volkszorn aufgerüttelt, reagierte die Obrigkeit brutal. So wurde der Münzmeister Simon Lüdemann aus Schwerin im Jahr 1619 hingerichtet. Er hatte sich zur Gewohnheit gemacht, in die von ihm gestreckten Doppelschillinge ein älteres Datum zu stempeln, damit sie unverdächtig aussahen. Herr wurde man der rasanten Geldentwertung jedoch erst von 1623 an, als die Kipper-Münzen eingezogen wurden.

Aus der historischen Lehre, dass Kleingeld in der Herstellung schlicht zu teuer ist, hat man in Kanada vergangenes Jahr eine beherzte Konsequenz gezogen. Die seit 1908 zirkulierende 1-Penny-Münze wird nicht mehr geprägt. Die Herstellung der Kupfermünze kostete den Staat 1,6 Cent – mehr als der Nominalwert.

Damit sind die Kanadier nicht allein. Auch Australien, Brasilien und Schweden haben aus Kostengründen das Kleingeld verbannt. Zuletzt prägten die Kanadier in einem Jahr aus 1,5 Millionen Kilo Stahl, 70000 Kilo Kupfer und 23000 Kilo Nickel Penny-Münzen – zum Teil verwendeten sie dafür alte Geldstücke. Wie einst die Kipper und Wipper. ---

Der Dreißigjährige Krieg

Am 23. Mai 1618 stürmten protestantische Adelige die Burg von Prag und warfen den Statthalter des Königs von Böhmen und dessen Sekretär aus dem Fenster. Aufgebracht waren die Rebellen wegen der Einschränkung der Religionsfreiheit und der Unterdrückung durch die katholischen Machthaber. Der Prager Fenstersturz war der Beginn für den längsten und einen der blutigsten Kriege auf deutschem Boden.

Im Dreißigjährigen Krieg wurden mindestens 13 Kriege geführt, es kam in dieser Zeit zu zehn Friedensschlüssen. Gekämpft wurde um die Vorherrschaft in Europa, den Vorwand dafür lieferte die Religion. Schweden, Franzosen, Spanier, Niederländer und Deutsche lieferten sich schwere Schlachten. Die Zivilbevölkerung litt besonders. Historiker schätzen, dass die deutsche Bevölkerung während der Kriegsjahre um ein Drittel zurückging.

Am 24. Oktober 1648 wurde der Dreißigjährige Krieg in Münster und Osnabrück durch den Westfälischen Frieden beendet.

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