Ausgabe 01/2010 - Das geht

Momox

Flohmarkt für Faule

- Christian Wegner wollte, so erzählt er, schon immer auf eigene Faust sein Geld verdienen. Eine Haltung, die ihm in die Wiege gelegt wurde: Der Vater, Fuhrunternehmer im brandenburgischen Fürstenwalde, gehörte zu den wenigen Selbstständigen in der DDR. Sein Erweckungserlebnis hatte der damals arbeitslose Groß-und Einzelhandelskaufmann Wegner 2003 bei einem Spaziergang in Berlin-Kreuzberg. Bei einem der türkischen Trödler erstand er spontan ein paar antiquarische Bücher und bot sie nur Tage später bei Ebay an. Zu seinem Erstaunen wurde er sie zum zehnfachen Preis wieder los.

Daraus ist ein Geschäft namens Momox geworden, mit dem Christian Wegner Millionenumsätze macht. Der 30-Jährige, der mit Dreitagebart und Turnschuhen wie ein Langzeitstudent aussieht, kauft über seine Online-Plattform gebrauchte CDs, DVDs, Computerspiele und Bücher an. Und verkauft sie im Netz weiter. Ob es sich um eine rare literarische Erstausgabe oder einen Volks-musik-Sampler handelt, interessiert dabei nicht. Was zählt, ist Masse. Wegner nimmt alles, was sich online mit Gewinn verkaufen lässt.

Er zahlt keine großen Summen: 90 Cent für eine Nirvana-CD, 78 für die Autobiografie von Günter Netzer. Fachbücher und seltenere oder neuere Filme und Alben bringen auch schon mal einige Euro. Dafür macht der gebürtige Brandenburger es den Verkäufern leicht: ISBN- oder Barcode-Nummer des Artikels eingeben, den angezeigten Ankaufspreis akzeptieren - schon ist man die Sachen los. Auf Wunsch werden sie kostenlos an der Haustür abgeholt. Wegner lebt von den Menschen, die keine Lust oder keine Zeit haben, ihre alten Schätzchen im Internet oder auf dem Flohmarkt selbst zu verkaufen.

Und das sind viele. 10 000 gebrauchte Artikel liefert die Post jeden Tag in die vierte Etage des ehemaligen VEB-Halbleiterwerkes in Berlin-Lichtenberg. 500 000 CDs, 250 000 Bücher sowie 50 000 DVDs und Computerspiele lagern derzeit in dem alten Fabrikgebäude direkt an der Spree. 30 Prozent der angekauften Ware werden innerhalb von zwei Wochen weiterverkauft. Vor allem über die Plattform Amazon, bei der Momox inzwischen nach eigenen Aussagen die meisten Verkäufe in Deutschland hat und oftmals der billigste Anbieter eines Artikels ist.

Worauf es beim Online-Handel ankommt, ist Wegner von Anfang an klar. "Mein Gedanke war immer: Ich muss Zeit sparen." Schnell konzentriert er sich deshalb auf CDs. Die klingen gebraucht so gut wie neu, haben einen Barcode, lassen sich gut stapeln und verschicken. Wegner kauft Sammlungen bei Ebay an und verkauft die Tonträger einzeln wieder. Das läuft gut, weil er einen Blick für lukrative Ware und ahnungslose Verkäufer hat. Schon bald kann er mit den 20, 30 CDs, die er täglich verkauft, seinen Lebensunterhalt und seine Wochenenden im Berliner Techno-Club "Tresor" finanzieren. Die CDs reihen sich bereits in Fünfziger-Stapeln an den Wänden seiner Wohnung. Ein erstes Lager muss her.

Außerdem ist dem Alleinunternehmer der Vertrieb noch zu aufwendig. Also entwickelte der Computerkenner ein Programm, um den Verkauf zu automatisieren. Die Software errechnet selbst mithilfe von Datenbanken und Erfahrungswerten den besten Verkaufspreis. Ende 2005 läuft der Absatz über Amazon bereits so gut, dass der Warennachschub stockt. "Es kam der Tag, an dem wir über Ebay einfach nicht mehr genug CDs ankaufen konnten", sagt Wegner.

So entsteht die Idee, eine Plattform für Verkäufer zu schaffen.

Wegner setzt sich wieder an seinen Rechner und programmiert. Drei Monate später, im Mai 2006, geht sein Medien-Ankaufs-Shop Momox.de online. "Dann ging es Schlag auf Schlag", erinnert sich Wegner. Erste Mitarbeiter werden angestellt, die Lagerflächen müssen ständig erweitert werden. Ende 2006 zieht die Firma in das alte VEB-Gebäude.

Seither verdoppelt sich der Umsatz Jahr für Jahr, im vergange nen Oktober stieg er erstmals auf mehr als eine Million Euro im Monat. 40 Festangestellte kümmern sich um das Auspacken, Prüfen, Einlagern und Verschicken der Ware. Der gesamte Prozess vom Ankauf bis zum Versand ist inzwischen automatisiert. Die Zeit für das komplette Handling einer CD hat Wegner mithilfe seiner Software auf ein bis zwei Minuten gedrückt.

Der zweifache Vater ist trotz des enormen Wachstums seiner Firma, die er 2004 ohne Geldgeber und mit 1500 Euro Eigenkapital gegründet hat, auf dem Boden geblieben. "Man setzt sich immer kleine Ziele, revidiert sie dann - und macht größere daraus", beschreibt er seine Haltung.

Privat hat der Chef von Momox kaum noch Zeit, ein Buch zu lesen, Musik interessiert ihn ohnehin nicht besonders. Muss ja auch nicht: Die Auswahl der Waren übernimmt ganz selbstständig sein System. Heikle Ware wie Pornografie oder unverkäufliche Medien blockt es ab. Mit seinen alten Konsalik-Schinken braucht man es also bei Momox nicht zu versuchen. -

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