Ausgabe 01/2010 - Was Wirtschaft treibt

Einer gegen alle

Wer glaubt, auf alle Welt verzichten zu können, täuscht sich. Wer aber glaubt, dass die Welt auf ihn nicht verzichten könnte, täuscht sich noch mehr.
(François de La Rochefoucauld, französischer Philosoph, 1613-1680)

I. Legosteine

Es beginnt wie ein modernes Märchen. 1998 bauen die jungen Doktoranden Sergey Brin und Larry Page in einer Garage in Menlo Park, Kalifornien, aus blauen, roten, gelben und grünen Legosteinen einen PC zusammen und programmieren auf diesem eine neuartige Suchmaschine. Google ist schlicht, einfach und liefert gute Ergebnisse. Andere Suchmaschinen zu der Zeit sind über laden und unübersichtlich. Manche verkaufen die ersten Trefferplätze an den Meistbietenden.

Brin und Page machen sich etwas zunutze, das sie im Studium kennengelernt haben: Fußnoten. Je mehr wissenschaftliche Texte auf eine Quelle verweisen, desto wichtiger ist diese auch. Page überträgt diese Erkenntnis auf die Internetsuche und programmiert den Pagerank-Algorithmus, der Web-Seiten umso höher bewertet, je mehr Links auf sie verweisen.

Google entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit zu einem weltweiten Phänomen und wird als Firma der Zukunft gepriesen. Die Firma ist jung, verspielt und nett zu ihren Mitarbeitern, die in der Firmenzentrale, dem Googleplex, viele Annehmlichkeiten genießen, etwa kostenloses Essen und Getränke.

2004 folgt der Börsengang, und Brin und Page schreiben:
"Wir glauben, dass eine funktionierende Gesellschaft einen freien und unverfälschten Zugang zu Informationen haben muss. Das erfordert ein vertrauenswürdiges Unternehmen, das am Wohl der Öffentlichkeit interessiert ist." Der Börsengang übertrifft alle Erwartungen, und der neue Star macht sich mit gefüllten Kassen daran, "die auf der Welt vorhandenen Informationen zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen". So der selbstbewusste Vorsatz der Firma.

Was wie ein Versprechen auf eine schöne neue Welt klang, hat sich binnen weniger Jahre zu einem Albtraum für Medien- und IT-Konzerne, Verbraucherschützer, Juristen und Politiker ent wickelt. Für Andy Grove, einen der Gründer von Intel, ist Google eine Firma "auf Steroiden, mit einem Finger in jeder Branche".

Dabei macht sich das Unternehmen zunutze, dass zahllose Rechtsfragen im Internet noch nicht endgültig geklärt sind und Gesetzgeber und Gerichte der rasenden technischen Entwicklung um Jahre hinterherhinken. "Es gibt da ein Muster bei Google", sagt James Grimmelmann, Professor an der New York Law School. "Erst einmal vorpreschen und später Fragen stellen."

II. Fair Use

Das Geschäftsmodell ist schnell erklärt. Google macht fremde Informationen und Inhalte im Internet zugänglich und schaltet daneben Werbung. Als typische Vertreter der Generation Internet sind Brin und Page davon überzeugt, dass alle Daten kostenlos sind. Das gilt selbstverständlich für die Veröffentlichung von Links, ohne die eine Navigation durch das Internet nicht möglich wäre. Es gilt aber nicht für die Veröffentlichung von fremdem geistigem Eigentum. Was Google allerdings nicht sonderlich interessiert.

Die Standardausrede lautet: Die Nutzung sei durch Fair Use gedeckt. Fair Use ist eine Doktrin des amerikanischen Urheber- und Markenrechts, die Nutzungen von geschützten Inhalten erlaubt, sofern sie dem Allgemeinwohl dienen.

Anders als die Bestimmungen des deutschen Urheberrechts, die im Einzelnen auflisten, was erlaubt ist und was nicht, ist Fair Use eine Generalklausel, deren Reichweite von Gerichten bestimmt werden muss. Als die amerikanischen Verbände Authors Guild und Association of American Publishers 2005 gegen Google wegen des unerlaubten Scannens von Büchern aus Bibliotheksbeständen vorgingen, erwarteten Urheberrechtsexperten eine Klärung der drängenden Frage, welche Nutzungen im Internet als Fair Use zulässig sind.

Im Oktober 2008 einigten sich die Streitparteien dann aber völlig überraschend und präsentierten der Öffentlichkeit stolz das sogenannte Google Book Settlement. Dieser Vergleich sieht vor, dass das Unternehmen vergriffene Bücher scannen, veröffentlichen und verkaufen darf. Autoren und Verlage erhalten 63 Prozent der Erlöse aus Verkäufen und Werbeeinnahmen, Google bekommt 37 Prozent. Zudem verpflichtete sich der Suchmaschinenkonzern, 60 Dollar für jedes eingescannte Buch an die Rechteinhaber zu zahlen; ein Eingeständnis, dass das Scannen gegen Urheber rechte verstößt, sieht Google in dieser Vereinbarung nicht.

Der Vergleich muss noch von einem Gericht bestätigt werden.

Dass Google gerade diese für Bücher geltende Vereinbarung gerichtlich überprüfen lässt, ist für Professor Steven Hetcher von der Vanderbilt University Law School kein Zufall: "Google hat eine größere Chance, eine Entscheidung zu seinen Gunsten bei wissen schaftlichen Büchern zu bekommen als bei Filmen und Musik."

Der Bekanntgabe der Vereinbarung folgte ein weltweiter Protest von Verlagen, Autoren, Verbänden, Rechtsprofessoren und Regierungen. Kritisiert wurde vor allem, dass der Vergleich Google ein Monopol auf vergriffene Bücher verschafft und dass die Entscheidung des amerikanischen Gerichts für Urheber auf der ganzen Welt bindend ist. Denn weil der Vergleich im Rahmen einer Sammelklage geschlossen wurde, gilt er für alle Autoren und Verlage weltweit. Wegen der auch in den USA geltenden Inländergleichbehandlung aus der Revidierten Berner Übereinkunft - einem völkerrechtlichen Vertrag zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst - müssen Urheber aus der ganzen Welt in den USA gleich behandelt werden. Obwohl sie diese Regelung schützen soll, bewirkt sie hier genau das Gegenteil: Wenn Urheber nicht ausdrücklich widersprechen, gilt die Vereinbarung auch für sie - ob sie davon Kenntnis haben oder nicht. Dieses Opt-out genannte Prinzip ist dem Urheberrecht fremd. Sowohl in den USA als auch in Deutschland gilt das Opt-in-Prinzip: Urheber müssen jede Nutzung ausdrücklich genehmigen, sonst drohen Schadenersatz- oder Unterlassungsansprüche.

Bis Anfang Oktober 2009 gingen beim zuständigen Gericht in New York 350 Beschwerden gegen die Büchervereinbarung ein, darunter Stellungnahmen der deutschen Bundesregierung und des amerikanischen Justizministeriums. Mit Erfolg: Der Vergleich wurde in letzter Sekunde zurückgezogen und überarbeitet. Die seit Anfang November 2009 vorliegende neue Vereinbarung gilt nur noch für Bücher, die bis zum 5. Januar 2009 beim US-Copyright Office registriert oder in Kanada, Großbritannien und Aus tralien erschienen sind. Richter Denny Chin will über den neuen, 370 Seiten starken Entwurf Anfang 2010 entscheiden. Chin ist bekannt für spektakuläre Entscheidungen im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit. Im Juni 2009 verhängte er gegen den 71-jährigen Finanzbetrüger Bernard Madoff eine Haftstrafe von 150 Jahren.

Google scannt derweil fleißig weiter und beginnt bereits mit der Vermarktung. Seit Ende September 2009 kann man im Harvard Bookstore (harvard.com/bookmachine) digitalisierte Bücher auf sogenannten Espresso Book Machines ausdrucken und binden lassen. Der Verkauf von E-Books beginnt im ersten Halbjahr 2010 unter dem Namen "Google Edition".

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gibt es zudem Google News, entstanden aus dem Versuch, mithilfe der Suchmaschine immer auf dem neuesten Nachrichtenstand zu bleiben. Ausgewertet werden Hunderte von Nachrichtenquellen und die Schlagzeilen auf der Seite angezeigt, selbstverständlich ohne Genehmigung. Zeitungsverlage, Presseagenturen und Journalis ten laufen seit Jahren dagegen Sturm. Für Robert Thomson vom "Wall Street Journal" sind Unternehmen, die fremde Inhalte nutzen, ohne dafür zu zahlen, schlichtweg Parasiten, die den Bestand von Qualitätsjournalismus gefährden.

Das Gegenargument: Durch die Seite werden viele zusätz liche Besucher auf die Nachrichtenseiten gelenkt. Was der ameri kanische Medienberater Arnon Mishkin bezweifelt: "Der Traffic bei Nachrichtenaggregatoren ist doppelt so hoch wie auf den eigentlichen Nachrichtenseiten. Die meisten Nutzer lesen nur die Schlagzeilen und klicken nicht weiter."

Wem das nicht gefällt, so Google, kann die Auswertung seiner Seite durch eine Robots.txt-Datei stoppen. Doch viele Verleger fürchten diesen Schritt. Immerhin hat die Suchmaschine weltweit einen Marktanteil von mehr als 80 Prozent und ist für die meisten Nutzer das Tor zum Internet. Wer bei Google nicht vorkommt, existiert nicht.

Rupert Murdoch hat keine Angst davor. Seit Monaten lässt der australische Medienmogul seinem Ärger über Google News freien Lauf und hat bereits angekündigt, seine Zeitungen komplett aus deren Suche zu nehmen.

Wie wenig Google für Urheberrechte übrig hat, zeigt sich auch im Umgang mit Musik. So stritt die Konzern-Tochter Youtube monatelang mit der britischen Musikverwertungsgesellschaft Performing Rights Society (PRS) und der deutschen Gema über die Höhe der Abgaben für Musikvideos. Youtube weigerte sich, offenzulegen, wie oft einzelne Musikvideos abgerufen wurden und wie hoch die Werbeeinnahmen der Seite sind. Als die Verhandlungen ins Stocken gerieten, wurden Musikvideos kurzerhand gesperrt. "Youtube versucht, mit den Sperrungen Druck auf die Urheber auszuüben. Das hat nichts mehr mit fairen Verhandlungen zu tun", erregte sich Gema-Chef Harald Heker. "Die Urheber sind nicht dafür da, dass Youtube auf ihre Kosten mit Werbung Geld verdient." Die Featured Artists Coalition, der mehr als 500 Musiker wie Nick Mason (Pink Floyd), Robin Gibb (Bee Gees) oder Robbie Williams angehören, warf Google vor, seine Monopolstellung einzusetzen, um Preise zu diktieren. Und Mark Kelly von der Band Marillion rechnete vor, dass er in drei Mona ten nur 0,6 Pfund Tantiemen erhalten hatte - trotz zehn Millionen Videoabrufen seiner Band. Die lapidare Reaktion: Man könne es sich nicht leisten, für jedes Video ein Honorar zu bezahlen.

Youtube und PRS einigten sich schließlich auf die Zahlung einer Pauschale in unbekannter Höhe. In Deutschland wird über eine "angemessene Vergütung" noch verhandelt. Heker bestreitet, zwölf Cent pro Musikvideoabruf zu fordern. "Die Ausgangsbasis war ein Cent. Youtube spricht von zwölf Cent nur im Rahmen seiner Kampagne gegen uns."

III. Ist es das wert?

Lohnt sich dieser ganze Ärger für Google überhaupt? Tatsächlich sind die einzigen Volltreffer, die das Unternehmen bisher landen konnte, die Suchmaschine und die Online-Werbeformate Adwords und Adsense, die zusammen ganze 97 Prozent des Jahresumsatzes in Höhe von 22 Milliarden Dollar ausmachen. "Google war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnte eine Schwäche der anderen ausnutzen. Das lässt sich nicht so einfach wiederholen", sagt Chris Sherman von Search Engine Land.

So beendete der Konzern 2009 den Verkauf von Print- und Radiowerbung, schloss Büros in Texas, Schweden und Norwegen und nahm Lively (Googles Antwort auf Second Life) vom Netz. Weitere Me-too-Produkte wie Orkut (Facebook), Jaiku (Twitter), Picasa (Flickr), Knol (Wikipedia) und Google Checkout (die Alter native zu Paypal) sind auch nur mäßig erfolgreich.

Selbst die Idee für das erfolgreiche Werbesystem Adwords stammt nicht von den Kreativen aus Mountain View, sondern von der Yahoo-Tochter Overture, die wegen der unberechtigten Nutzung 2,7 Millionen Google-Aktien erhielt. Adsense, das zweite Werbesystem, wurde von Applied Semantics entwickelt und 2003 von Google gekauft. Beides sind Anzeigenformate, die sich entweder nach dem eingegebenen Suchwort (Adwords) oder nach dem Seiteninhalt (Adsense) richten. Bei Adwords können die Werbekunden frei wählen, bei welchen Suchwörtern ihre Werbung erscheinen soll. Google bietet hier die Koppelung an fremde Markennamen an und behauptet, dies sei kein Verstoß gegen Marken recht. Zahlreiche amerikanische Gerichte sind anderer Meinung, und in Europa liegt die Frage derzeit dem Europäischen Gerichts hof zur Entscheidung vor. Ohne die endgültige Klärung abzuwarten, macht Google weiter: Bekannte Markennamen können mittlerweile in mehr als 190 Ländern gebucht werden.

Der Charme dieser Werbeform besteht in der Pay-per-click-Bezahlweise. Nur wenn eine Anzeige auch wirklich angeklickt wird, muss der Werbetreibende bezahlen. Allerdings lässt sich das System leicht austricksen. Laut Clickforensics sind 14,1 Prozent aller weltweiten Klicks Betrugsfälle durch Netzwerke wie den chinesischen Dormring1, bei dem mindestens 1000 User von 200 000 unterschiedlichen I P-Adressen auf Pay-per-click-Anzeigen klickten. 2006 zahlte Google 90 Millionen Dollar an verärgerte Werbekunden, um eine Sammelklage abzuwenden.

Manipulieren lässt sich aber auch die Suche. Gabriel Weinberg, Gründer der Suchmaschine Duck Duck Go, sagt: "Viele wollen mir nicht glauben, dass die Resultate bei Google schlecht sind, aber ich stoße dort auf eine erschreckend hohe Zahl von Spam-Seiten ohne echten Inhalt." Der Platzhirsch steuert gegen und ändert regelmäßig seine 200 Suchfaktoren - worauf die Suchmaschi nenoptimierer ihrerseits mit neuen Tricks und Kniffen reagieren.

IV. Rivalen

In der IT-Industrie sind Rivalitäten gute Tradition, und kein Unternehmen hat mehr Gegner zerstampft als der "800 Pfund Gorilla" Microsoft (so Autor Geoffrey Moore in dem Buch "The Gorilla Game"). Jetzt geht es um die Vorherrschaft im Internet, und Microsoft tritt dort gegen Google an. Letzterer gilt an der Wall Street und im Silicon Valley längst als Microsoft des Internets. Und auch Gründer Bill Gates hat in einem Interview mit dem US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" zugegeben, dass Google seinem Unternehmen mehr ähnele als je ein Wettbewerber zuvor.

Microsoft dominiert mit dem Internet Explorer, Outlook und Hotmail den Browser- und E-Mail-Markt. Google führt bei Suchmaschinen und auf dem Online-Werbemarkt. Um den Rückstand zu verkürzen, stieg Microsoft 2007 bei dem weltgrößten Sozialnetzwerk Facebook ein und vereinbarte im Juli 2009 mit Yahoo eine weitreichende Suchmaschinenkooperation.

Gekämpft wird nicht nur um die Gunst der Verbraucher und Werbekunden, sondern auch um die öffentliche Meinung in Europa und den USA. Microsoft führt Google dabei regelmäßig vor und beschäftigt hierfür die besten und teuersten Lobbyisten. Das Unternehmen unterstützt Zeitungsverlage bei der Entwick lung von Software, um die Auswertung durch Google News zu beschränken, und ist Mitglied der Open Book Alliance.

Inzwischen ist auch der langjährige Partner Apple verstimmt, weil Google Mobiltelefone von Motorola und Samsung mit dem Android-Betriebssystem ausstattet. Der mobile Werbemarkt soll bereits 2011 ein Volumen von zwölf Milliarden Dollar haben, 2010 werden vier Milliarden Menschen ein Mobiltelefon besitzen - gegenüber 1,5 Milliarden Computern. Auf diesen Zukunftsmarkt hat es Google abgesehen und greift dabei auch das iPhone an. Apple-Gründer Steve Jobs konterte im Sommer 2009 mit der Ablehnung der iPhone-Applikation Google Voice, einem Dienst, mit dem man kostenlos telefonieren und S MS versenden kann. Wenige Tage später gab er auch das Ausscheiden von Google-Chef Eric Schmidt aus dem Aufsichtsrat bekannt. Der reagierte Anfang November 2009 mit einem eigenen Musik-Shop als Alter native zu iTunes, dem Musikdienst von Apple.

Eric Schmidt, Bill Gates und Steve Jobs kämpfen mit dem selben Problem: IT-Konzerne stehen unter starkem Wettbewerbs-und Innovationsdruck. Die Branche ist in ständigem Umbruch, keine Idee verspricht langfristigen Erfolg. Wer keine Innovationskultur wie Apple hat, dem bleibt nur die Flucht nach vorn, in den schnellen und aggressiven Ausbau von Marktanteilen. "Im IT-Sektor wächst man - oder man stirbt", sagt Schmidt.

V. Big Brother

Online-Werbung ist umso mehr wert, je persönlicher und zielgerichteter sie ist. Google hat deshalb Interesse daran, möglichst viele Nutzerdaten zu sammeln. "Das ist keine Suchmaschine, sondern ein Datensammler", sagt Constanze Kurz vom Chaos Computer Club. "Das ist der Preis dafür, dass die Dienste kostenlos sind." 2007 quittierte die Non-Profit-Organisation Privacy International die Menge gesammelter Daten, den mangelhaften Umgang mit Beschwerden und die Nichteinhaltung datenschutzrechtlicher Regelungen mit der Beurteilung "feindlich". Reaktion: Google streute Gerüchte, Privacy International handle im Auftrag von Microsoft.

Von seiner Datenverarbeitungsstrategie gibt die Firma nur das Nötigste preis - und auch das nur auf Druck. Erst nach massiver öffentlicher Kritik verpflichtete man sich, die IP-Adressen von Nutzern nicht ewig zu speichern, sondern "nur" neun Monate. Ein Link zu den Datenschutzbestimmungen findet sich erst seit 2008 auf der Homepage, bis dahin hatte Larry Page argumentiert: "Es ist sehr wichtig, dass unsere Homepage nur sehr wenig Text hat." Seit März 2009 wertet Google auch das Surf-Verhalten seiner Nutzer aus. Tim Berners-Lee, der Begründer des World Wide Web, vergleicht dieses "Behavioral Targeting" mit der Kameraüberwachung in den eigenen vier Wänden. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Business-Intelligence-Anbieters SAS Institute warnt: "Die Menschen unterschätzen die Gefahr, die von dieser Überwachung ausgeht. Wir schlafwandeln auf einem Minenfeld."

Das Schlafwandeln kann auch rechtliche Konsequenzen haben.

Im Prozess Viacom gegen Youtube um mehr als eine Milliarde Dollar Schadenersatz wegen unautorisiert gezeigter Videos musste Google Millionen von Nutzerdaten - ingesamt zwölf Terabyte an Viacom übergeben. In Indien half Google mit, einen 22-jährigen Informatiker an die Polizei auszuliefern, der "Ich hasse Sonia Gandhi" im Internet veröffentlicht hatte (Gandhi ist Präsidentin der regierenden Indischen Kongresspartei). In den USA waren zahlreiche Festnahmen und Anklagen nur deshalb möglich, weil Google komplette Mail-Konten offengelegt hatte.

Für Gerald Reischl, den Autor des Buches "Die Google-Falle", geht die größte Gefahr aber von Google Analytics aus. Dieses Gratisprogramm wertet das Surf-Verhalten auf Web-Seiten statistisch aus. Schätzungen zufolge haben 80 Prozent aller viel besuchten deutschsprachigen Internetseiten das Programm integriert. Datenschützer in Bund und Ländern halten es nach deutschem Recht für unzulässig und wollen Website-Betreiber dazu bewegen, auf den Einsatz dieses Tools zu verzichten - notfalls auch mit Sanktionen. Allerdings werden alle von Google gesammelten Daten in die USA übertragen und sind so dem Zugriff aus Europa entzogen. Bei Anfragen erhalten europäische Datenschützer die Antwort, sie sollten sich mangels Zuständigkeit heraushalten. "Google glaubt offensichtlich: Was sie in den USA machen, geht uns nichts an", sagt Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein.

Der Wissensdurst von Google ist noch lange nicht gestillt.

In Zukunft soll die Suchmaschine auch Fragen wie "Was soll ich morgen machen?" beantworten können. Dafür braucht man eine Menge privater Daten. Deshalb kopiert Desktop Search Daten von privaten Festplatten auf Google-Server. Nutzer, denen ihre Privatsphäre nichts wert ist, könnten ihre Daten bald auch komplett auf dem Google Drive, einer Online-Festplatte, speichern. Gerüchte über den sogenannten "G Drive" kursieren seit Jahren im Internet, bisher wurde der Service von offizieller Seite aber nicht bestätigt. Ein Start in naher Zukunft scheint aber wahrscheinlich - Apple bietet mit MobileMe bereits 20 GB virtuellen Speicher an, auf dem Skydrive von Microsoft finden sogar 25 GB Platz.

Die Sicherheit der Daten und den einwandfreien Abruf wird angesichts der weltweit steigenden Internetkriminalität kaum einer garantieren können. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik schätzt in seinem Lagebericht zur IT-Sicher heit in Deutschland 2009 die Situation als eine "unverändert ernst zu nehmende Bedrohung" ein.

VI. Der Monopolist

Wäre Google eine Firma der Old Economy, hätten Wettbewerbs hüter längst ein Auge auf das Unternehmen geworfen. "Es ist die große Frage der kommenden zehn Jahre, wie Politiker mit Google umgehen", sagt Jeffrey Chester, Direktor des Center for Digital Democracy in Washington D.C.

Bereits 2008 verweigerte das amerikanische Justizministerium eine Werbekooperation mit Yahoo wegen der Monopolstellung auf dem Online-Werbemarkt. Der Plan war von der Association of National Advertisers und Microsoft kritisiert worden, doch Google-Chef Schmidt erklärte, die Zusammenarbeit mit Yahoo beginne auf jeden Fall - mit oder ohne Zustimmung des Justizministeriums. Erst als der zuständige stellvertretende Generalstaatsanwalt Tom Barnett mit der großen Keule, Section 2 des Sherman Antitrust Act, drohte, lenkte Schmidt ein. Mit Section 2 hat das Justizministerium schon die Monopolisten Standard Oil, Dupont und AT&T in ihre Einzelteile zerlegt.

Barack Obamas oberste Kartellwächterin Christine Varney hat angekündigt, besonders auf Google ein Auge zu werfen. "Das Justizministerium war früher sehr aktiv in der Bekämpfung von Monopolen im IT-Sektor. Das sollte es wieder sein", sagt sie. Varney weiß, wovon sie spricht. Im großen Antitrust-Prozess gegen Microsoft von 1998 war Varney für Netscape als Anwältin tätig.

Microsoft konnte diese Klage zwar abwehren, doch mit der EU gibt es immer noch Probleme. Die Strafzahlungen belaufen sich mittlerweile auf 1,68 Milliarden Euro. Dazu kommen vier Milliar den Dollar Schadenersatz an Konkurrenten allein in den vergange nen sechs Jahren. Noch schwerer wiegt der langfristige Schaden an der Marke und, weil langjährige Gerichtsprozesse viel Geld, Zeit und Nerven kosten, an der Innovationskraft eines Unternehmens.

Eine andere Form der Regulierung droht in autoritären Staaten. 24 Länder wie China, Thailand, Pakistan, Saudi-Arabien und die Türkei haben Google und Youtube wegen unerwünschter Inhalte schon gesperrt. In China beweist die Firma Anpassungsfähigkeit und fügt sich dem Diktat zur Überwachung und Zensur des Internetverkehrs. Google und Youtube werden trotzdem regelmäßig geblockt. Anders als demokratische Rechtsstaaten zögern autoritäre Regime keine Sekunde, unbotmäßige Unternehmen an die kurze Leine zu nehmen.

VII. Don't be evil

Konfrontiert man Google-Mitarbeiter mit Kritik, reagieren sie trotzig und verweisen auf das oberste Gebot von Google: "Don't be evil" (Tue nichts Böses). Aber was bedeutet das genau? "Böse", sagt Eric Schmidt, "ist das, was Sergey für böse hält."

Wieso ignoriert die Firma, die gut sein will, den zunehmend schlechten Ruf? Stanford-Professor Terry Winograd, ehemaliger Lehrer von Brin und Page, erklärt es sich so: Beide vertrauten Zahlen mehr als Menschen und träfen ihre Entscheidungen ausschließlich aufgrund von Daten. Ein ehemaliger Mitarbeiter erklärt: "Wenn in einem Unternehmen nur Techniker arbeiten, wird jede Aufgabe als logisches Problem verstanden. Für Intuition bleibt kein Platz." Als Google-Vizepräsidentin Marissa Mayer sich nicht zwischen zwei Varianten der Farbe Blau für die Google-Symbolleiste entscheiden konnte, ließs sie ganze 41 Nuancen der Farbe testen, um zu ermitteln, welche am effektivsten ist. Selbst das Design soll berechenbar gemacht werden.

Anders als Microsoft ist Google aber abhängig vom Wohlwollen seiner Nutzer. Für PC-Nutzer gibt es bei den Software -Paketen kaum eine Alternative, gute Suchmaschinen gibt es dage gen Dutzende, und sie sind nur einen Klick entfernt. Warum also bleibt Google vorn, obwohl beinahe monatlich neue potenzielle Google-Killer starten? Weil kaum einer begriffen hat, wie wichtig schlichtes Design und eine einfache Bedienbarkeit sind. Marissa Mayer erklärt: "Google hat die Funktionalität eines komplizierten Schweizer Taschenmessers, aber unsere Homepage ist simpel und elegant, wie ein geschlossenes Messer. Viele unserer Wettbewerber sehen dagegen aus wie geöffnete Taschenmesser. Das kann Furcht erregen und von Nachteil sein."

Übrigens war das Design reiner Zufall, nicht geplant und getestet. Sergey Brin wusste schlichtweg nicht, wie man eine anspruchsvollere Seite programmiert. -

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