Ausgabe 09/2006 - Markenkolumne

W.W.W.

Chanan war in Israel. Er erzählt vom zerbombten Haifa, von den Flüchtlingen in Tel Aviv, von den vielen Schrecken des Krieges. Ich ahnte natürlich, dass es auch in Israel zurzeit nicht lustig ist, aber dieser Lagebericht klang doch dramatischer als das, was ich sonst höre. Denn in den Medien erfahre ich weitaus weniger von Israel als vom Elend im Libanon. Eine Freundin sagt, das liege daran, dass die Israelis keine toten Kinder vor die Kameras halten - ohne fotogene Opfer keine Berichterstattung. Und warum tun sie das nicht? „Weil sich das nicht gehört." Die Wahrheit muss man wollen. Sie ist so komplex wie die Welt, deren Essenz sie abbilden soll - und in unserer Welt der vielschichtigen, weit verzweigten Verhältnisse ist jedes Opfer auch ein Täter, schuldig und unschuldig, macht Gewinn und Verlust. Die Situation im Nahen Osten ist ein Netz aus historischen, wirtschaftlichen, religiösen, sozialen, ideologischen und persönlichen Beziehungen, das sich bestenfalls nach Interessen sortieren lässt - jede weitere Aussage ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso richtig wie falsch. Denn die Wahrheit eines solchen Netzwerks ist nicht statisch wie eine Markierung am Straßenrand, sondern fließend wie der Verkehr auf der Straße. Und weil unsere sachliche Sprache für eine Beschreibung solcher Bewegungen nicht eingerichtet ist, müssten die Nachrichten eigentlich von Dichtem geschrieben werden, die bereit sind, Mühe, Zeit, Aufmerksamkeit, Offenheit, Kraft, kurz: Arbeit, zu investieren - weil sie die Wahrheit wollen. Aber dann hätte man keine zweifelsfreien, sendefähigen oder druckbaren Meinungen - und darum geht es schließlich in den Medien. Wozu also sollte man das tun?

Tja, wozu soll man überhaupt etwas tun? Der französische Werber Guillaume de la Croix erzählt in seinem Roman „Wie Tom Cruise mein Leben stahl", wie er den Superstar verklagt, weil der ihm angeblich sein Leben geklaut habe, und vor Gericht tatsächlich dessen Leben zugesprochen bekommt. Das ist der Traum unserer Zeit: gar nichts mehr tun - einfach ein Leben erhalten. Auf diesem Traum basieren sämtliche Marken, die Kraft, Jugend, Erotik, sonst was versprechen, in jedem Fall aber, dass der Träger einer Marke ihre Eigenschaften selbst nicht besitzen muss.

Der französische Philosoph Jean Baudrillard behauptet, die gesellschaftlichen Werte hätten sich im Kapitalismus auf drei Punkte reduziert: Leistung, Sicherheit, Bequemlichkeit - alles Weitere sei Oberfläche. Das ist so wahr wie das Gegenteil, aber es liefert einen guten Maßstab, an dem man sein Leben messen kann: Was tue ich, was nicht der Leistung, der Sicherheit oder der Bequemlichkeit dient?

Dass unsere Welt vor allem auf diese drei Punkte ausgerichtet ist, ist historisch begründet, denn bis vor kurzem waren sie Utopien: Die zur Verfügung stehende Leistung war begrenzt, weil sie auf den zur Verfügung stehenden Menschen beruhte, Sicherheit war in einer unbeherrschbaren Welt von höheren Kräften abhängig, und Bequemlichkeit ... im größten Teil der Menschheitsgeschichte gab es das Wort wahrscheinlich nicht einmal. Dieses Trio war der Konsens der gesellschaftlichen Evolution. Bis der Fortschritt zuschlug und plötzlich kurz zuvor noch unvorstellbare Techniken alle Träume erfüllten. Bloß fehlen nun neue, kollektive Ziele. Deshalb muss fortan jeder selber welche finden, was nicht einfach ist, weil außerdem gilt: Wir haben etwas erreicht - ab jetzt bitte nicht mehr bewegen. Beziehungsweise: Wo ein Wille ist, ist auch ein Wahnsinniger.

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer." Der spanische Maler Francisco de Goya betitelte eines seiner Werke mit diesem Satz, der heute angesichts der Selbstmordattentäter und radikalen Führer gern mahnend zitiert wird. Doch Goya sprach nicht von den bösen Ungeheuern, sondern von den guten. Pablo Picasso etwa, der in seinem Leben mehr als 20 000 Kunstwerke geschaffen hat - ein Monster. Picasso war allerdings zudem noch geschäftstüchtig, was ihm auch den Respekt von Menschen brachte, denen manisches Verhalten sonst eher Unwohlsein bereitet. Andere Künstler balancierten weniger geschickt zwischen Besessenheit und Vernunft. Sie bekamen Probleme, einige landeten sogar im Irrenhaus. Das kommt heute nicht mehr so häufig vor, aber wer sich besessen auf ein Ziel konzentriert, stur an einer Vision festhält und sich um Regeln, Gesetze oder seine Mitmenschen nicht schert, wird immer noch misstrauisch beäugt. Der ungezügelte Wille gilt grundsätzlich als suspekt.

Praktische Menschen tragen Gummistiefel, unpraktische tragen sie auf dem Kopf. Sind deshalb praktische Menschen besser als unpraktische? Oder schlechter? Ich glaube, der Mensch ist nicht für die perfekte Welt gemacht. Das sieht man schon daran, dass der Planet, auf dem wir leben, perfekt ist - und wir trotzdem nicht glücklich sind. Stattdessen wollen wir immer etwas anderes, das Neue, Eigene, Einmalige. So schaffen wir Kunst und Kinder, fern der Vernunft, fern jedes guten Grundes. Wir bauen Städte, und unter den Städten liegen andere Städte, so wie ein Maler ohne Leinwand alte Bilder übermalt, so wie in jedem Menschen andere Menschen begraben liegen, ehemalige Selbst, aus denen wir heraus gewachsen sind. Denn auch in uns ist alles in Bewegung.

Und die Wahrheit? Ist der Weg, auf dem wir sind. Sei Shonagon: Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon. Marix Verlag, 2006; 126 Seiten; 7,95 Euro Guillaume de la Croix: Wie Tom Cruise mein Leben stahl. Piper, 2006; 281 Seiten; 12 Euro

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