Ausgabe 09/2006 - Schwerpunkt Ortsbestimmung

Die universelle Pipeline

Chris Cramer ist ein großer schlanker Mann, dem man ansieht: Der hat was erlebt. Falten überall und die Nase leicht rot durch erweiterte Äderchen, hervorgerufen durch Sonne und Alterung. Als ob sich jede einzelne Reportage, jede Krise in den 58-Jährigen gezeichnet hätte. Aber das ist natürlich Unsinn: Der Chef von CNN International hat so viel mitgemacht, dass das alles gar nicht in ein Gesicht passen kann.

Hier die Kurzversion: Mit 17 Jahren brach er die Schule ab, um bei einem englischen Lokalblatt als Reporter anzufangen. Keine fünf Jahre später wechselte er als regionaler Korrespondent zu BBC Radio. Dort arbeitete er sich zum internationalen Nachrichtenredakteur hoch und wurde mit 26 Jahren nach Brunei geschickt, um einen Radio- und TV-Sender aufzubauen. Am 30. April 1980 veränderte sich alles. Cramer beantragte ein Visum in der iranischen Botschaft in London: Er wollte nach Teheran fliegen, um dort über das Geiseldrama in der US-Botschaft zu berichten. Eine riskante Sache, wie sich herausstellte. Als er eintraf, stürmten sechs Terroristen das Gebäude und nahmen 26 Geiseln gefangen - darunter Cramer. Die Gruppe forderte die Unabhängigkeit ihrer Heimatprovinz Khuzestan. Nach fünf nervenzerreibenden Tagen erschossen sie die erste Geisel. Die englische Elitetruppe SAS (Special Air Service) stürmte die Botschaft und richtete ein Blutbad an. Cramer überlebte, weil er Tage zuvor einen Herzinfarkt simulierte und die Iraner ihn freigegeben hatten. Er half der SAS bei den Vorbereitungen zur Erstürmung. „Ich wollte danach nie wieder als Journalist arbeiten", sagt Cramer, der in die Managementabteilung von BBC wechselte und bis zum Chef der Nachrichtenabteilung avancierte.

Die Branche höhnte über Gründer Ted Turner -und CNN stehe für „Chicken Noodle Network" Cramer las damals Berichte über einen neuen kuriosen 24-Stunden-Nachrichtenkanal in den USA, aufgebaut von einem kauzigen Unternehmer namens Ted Turner. Die Medienwelt verhöhnte den Sender als „Mouth of the South", das Sprachrohr des Südens, in Anspielung auf den Sitz in der provinziellen Stadt Atlanta im Bundesstaat Georgia, sonst nur durch Baumwolle und Coca-Cola bekannt. CNN stehe für „Chicken Noodle Network": Hühnersuppen-TV. Heute ist CNN eine globale Marke, der größte englischsprachige Nachrichtensender mit 4000 Angestellten, 36 Außenbüros und einem geschätzten Umsatz von mehr als 1,1 Milliarden Dollar. Die Tochtergesellschaft des Medienkonzerns Time Warner zeigte Bilder, die die Welt bewegten: der Mann mit der Aktentasche, der 1989 auf dem Tiananmen Platz einsam und verlassen den chinesischen Panzern gegenüberstand, der Bombenhagel auf Bagdad im Golfkrieg 1991.

„CNN profitiert nicht von der Globalisierung", sagt Cramer. „CNN ist Teil der Globalisierung." Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Um Geschäft und Umsatz auszuweiten, passt sich CNN immer stärker regionalen Gepflogenheiten an. „Unsere Zuschauer sind anspruchsvoll, sie wollen Nachrichten mit einem Bezug zur Region sehen", sagt Cramer. Dabei wolle er keineswegs ein Länder-TV machen in Konkurrenz zu etwa ZDF oder ARD. CNN International strahle immer noch überall auf der Welt im Kern die gleichen Beiträge aus, nur zu anderen Zeiten.

Um „die Umsätze auf die nächste Ebene zu hieven", so Cramer, dringt der Sender immer stärker in regionale Märkte vor. So wurde 1997 CNN en Espanol gegründet, um die hispanische Bevölkerung der USA und Lateinamerikas zu erreichen. Zudem webt das Unternehmen ein Netz aus Joint Ventures und Kooperationen mit nationalen TV-Sendern wie dem indischen GBN, dem spanischen Anbieter Sogecable oder der türkischen Mediengruppe Dogan, die CNN in ihrer jeweiligen Landessprache produzieren.

Darüber hinaus spuckt CNN laufend neue digitale Formate aus, etwa eine arabische Website oder neuerdings CNN Pipeline: Ab 2,95 Dollar im Monat kann man sich auf der Website sein Nachrichten-TV selbst zusammenstellen. Der Nachrichtensender bietet ein verwirrend großes Angebot via Internet, Radio oder Fernsehen an. Der Stammbaum des Senders mit allen Ablegern kommt auf 22 Verästelungen, 13 davon aus dem internationalen Geschäft. „Ob im Fahrstuhl, auf dem Handy oder im Fernsehen", sagt Cramer, „wir wollen allgegenwärtig sein." Octavia Nasr schaut immer drei Fernsehprogramme gleichzeitig. Von denen kennt man im Westen nur Al Dschasira - sie schaut zusätzlich die libanesischen Sender Hisbollah TV und Al Hayat-LBC. Das Telefon klingelt, ein Redakteur von einem arabischen Fernsehsender ruft an. Nasr plaudert auf Arabisch, notiert eine Telefonnummer. Nur ihr „Thank you so much" erinnert daran, dass sie im tiefsten Süden der USA sitzt. Das Gespräch führte sie mit Qaa, einem Kaff im Süden des Libanons, aus dem Luftangriffe der Israelis bestätigt wurden. Niemand spricht dort Englisch, aber das ist kein Problem für die gebürtige Libanesin: „Selbst in einem entlegenen Winkel wie dort sind die Menschen erfreut, wenn sie hören, dass ich von CNN anrufe", sagt die 40-Jährige. „Sie wissen genau: Wir stehen auf keiner Seite. Wir sind auf der Seite der News." Nasr ist Chefredakteurin für „arabische Angelegenheiten". Im jüngsten Krieg zwischen Israel und der Hisbollah hieß das: Sonderschichten. Ihr Team ist Teil des „Monsters" oder der „Maschine", wie die Nachrichtenagentur von CNN intern genannt wird. Rund um die Uhr spuckt sie Neuigkeiten aus, unterstützt Recherchen von Korrespondenten und liefert an weltweit 900 Fernsehstationen Bild- und Recherchematerial. Man sieht diese Journalisten auf CNN oft als Hintergrundkulisse für die Moderatoren, während sie auf ihre Bildschirme starten oder den Telefonhörer zwischen Hals und Schulter einklemmen.

CNN holt sich die Welt nach Atlanta. In der Redaktion spricht man 54 verschiedene Sprachen. Nasr beherrscht drei - ihre Mutter war Französischlehrerin in Beirut. 1985 fing sie in der Nachrichtenredaktion von LBC an und machte sich im Bürgerkrieg einen Namen als Journalistin. Eines ihrer ersten Interviews führte sie mit dem geistigen Oberhaupt der Hisbollah, Mohammad Hussein Fadlallah.

Damals sah sie regelmäßig die Sendung „World Report" von CNN. In einer Stunde werden dort ungeschnittene Beiträge aus einer Auswahl von rund 150 Fernsehsendern gezeigt. „Ich habe es auf Anhieb geliebt", sagt Nasr. „Ich wollte unbedingt dort arbeiten." Als Nasr 1990 an einer Medienkonferenz in Atlanta teilnahm, marschierte zur gleichen Zeit Saddam Hussein in Kuwait ein. Nasr kehrte nie wieder in ihre Heimat zurück: Bei CNN wurde sie mit offenen Armen aufgenommen und als Assistentin eingestellt. Schon bald koordinierte sie die Berichterstattung des ersten Golfkriegs. „Endlich wurde meine Arbeit auch außerhalb des Libanons wahrgenommen", sagt Nasr. Als sie vor einigen Jahren erstmals den „World Report" moderieren durfte, wurde ein Jugendtraum Wirklichkeit.

Femi Oke kommt gerade aus Südafrika und Mosambik zurück. Die gebürtige Londonerin moderierte dort einige Folgen ihrer Sendung „Inside Africa". Seit sieben Jahren arbeitet sie in Atlanta, trotzdem erkennt sie hier auf den Straßen niemand. Ihre Magazinsendung wird nur auf CNN International jeden Sonnabend für eine halbe Stunde ausgestrahlt. Genau genommen sind es fünf Male am globalisierten Tag, der keinen Sonnenuntergang kennt. „Eine seltsame Vorstellung, ständig irgendwo in der Welt auf dem Bildschirm zu sein", sagt Oke. Doch wenn sie ins Ausland fährt, fühlt sie sich „wie ein Popstar": Jeder will Autogramme. Und weil die Tochter von nigerianischen Eltern als „International Weather Anchor" regelmäßig das Wetter ankündigt, fragen Menschen sie oft Dinge wie: „Ich heirate Ende Juni - scheint dann die Sonne?" Der Blick aus dem Fenster ist wenig aufregend: Der Chef von CNN International sieht auf ein paar Hochhauskästen, voll besetzte Parkplätze und die flirrende Nachmittagshitze. Die Innenstadt von Atlanta ist so hässlich wie viele in den USA, zersiedelt und zerrissen vom Auf und Ab der Wirtschaft. Cramer schaut lieber auf die neun Fernsehmonitore, die gegenüber seinem Schreibtisch wie Bilder in einer Galerie an der Bürowand hängen. Auf jedem Flachbildschirm läuft ein anderes Programm, alles Nachrichtensender - fast alle von CNN.

Der Engländer erinnert sich noch gut, wie CNN beim Golfkrieg 1991 auf einen Schlag zu einem Begriff für die Welt wurde. Er fand das gar nicht gut, denn er war Chef der BBC-Nachrichtenagentur. CNN hatte alles: zum Beispiel Fotos von lasergestützten Raketen, die ins Ziel rasten. Oder Peter Arnett, den einzigen Journalisten, der aus Bagdad berichtete - gern vom Dach seines Hotels aus, während im Hintergrund das mörderische Feuerwerk der US-Army die Nacht zum Tag machte. Cramer kämpfte danach noch fünf Jahre gegen CNN, als Chef der BBC-World. 1996 wurde er abgeworben.

Cramers Aufgabe: CNN International auszuweiten. Der Newcomer erkannte sofort die Schwäche des Programms, das es seit 1985 gab: viel zu zentralistisch und zu wenig flexibel. Cramer rief die „Regionalisierungs-Initiative" ins Leben. Der Sender wurde in fünf Sendegebiete - Europa, Asien-Pazifik, Südasien, Latein- und Nordamerika - unterteilt. Für jeden der geografischen Bereiche moderiert ein heimischer Journalist eigene Sendungen wie beispielsweise eine Morgenshow oder eine spezielle Börsenberichterstattung. Zudem eröffnete Cramer überall in der Welt Korrespondentenbüros, um „näher am Zuschauer zu sein". Als einziger US-Sender verrügt CNN seit 1997 über eine Außenstelle in Havanna, was sich kürzlich bei der Erkrankung von Kubas Diktator Fidel Castro auszahlte. Gleiches gilt für das neun Jahre alte Büro in Beirut: Die meiste Zeit hatte man dort nicht viel zu tun, seit dem Kriegsausbruch vor wenigen Wochen steht das Team vor Ort wieder im Brennpunkt des Geschehens.

Durch Joint Ventures hat CNN außerdem Zugriff auf das Korrespondentennetz der Medienpartner. Das ist eine enorme und wichtige Erweiterung, vor allem in Ländern wie der Türkei, Spanien oder Indien, die in den vergangenen Jahren oft in der Nähe oder dem Zentrum von Krisengebieten lagen. So ging im Dezember 2005 CNN-IBN an den Start: Es ist ein Mix aus lokalen Nachrichten, die der indische Fernsehsender Global Broadcast News liefert, und globalen Sendungen von CNN. Die Inder produzieren das Programm und fragen im Bedarfsfall in Atlanta an, wenn sie Korrespondenten interviewen wollen oder andere Zulieferungen brauchen. Der neue Sender kletterte in kurzer Zeit auf Platz eins der Einschaltquoten. Das macht Cramer Lust auf mehr. Seit langem sucht er beispielsweise nach einem Partner im Mittleren Osten, um einen arabischen Sender zu gründen. Ein schwieriger Job, denn „es gibt bereits zu viele Anbieter". Und Deutschland? „Ein schwieriger Markt - die Leute sind es gewöhnt, viel umsonst zu bekommen." In welche Region er gehen würde? „China." Mehr sagt er nicht.

Die Konkurrenz schläft nicht. Und sie ist groß: Nach Schätzung von Cramer gibt es weltweit 70 bis 80 Nachrichtensender. Der schärfste Widersacher ist BBC World, dazu kommen regionale Anbieter wie Euronews, Fox News oder Al Dschasira. Der Sender aus dem Golfstaat Katar kündigt bereits seit einiger Zeit eine globale Expansion an. Was bei CNN alle fuchst: Die meisten der Sender werden direkt oder indirekt von einem Staat unterstützt. „Wir sind weltweit der einzige profitable englischsprachige Anbieter", sagt Cramer. Laut Branchenschätzung soll sich der Gewinn von CNN im Jahr auf rund 220 Millionen Dollar belaufen.

Nur wenige Sendungen der amerikanischen CNN - wie die Talkshow mit Larry King oder „Situation Room" mit Wolf Blitzer - werden auch bei der internationalen Schwester ausgestrahlt. Die hat ihre eigenen Stars wie Christiane Amanpour, die sich im ersten Golfkrieg als Kriegsreporterin einen Namen machte. Auch ihre Reportagen aus Bosnien und dem Sudan sorgten für großes Aufsehen. Man nennt das den „CNN-Effekt": Mit dramatischen Bildern beeinflusst CNN die öffentliche Meinung und kann unter Umständen politische Entscheidungen herbeiführen. Selbst Oberterrorist Osama Bin Laden wählte 1997 den Sender für sein erstes Interview mit einem westlichen Medium - um der Welt und allen voran den USA zu drohen.

Aber selbstverständlich sind das Ausnahmen von der Regel. Die überwältigende Zeit mäandert CNN durch eine ereignislose Zeit. Erst wenn Kriege ausbrechen oder Terroristen zuschlagen, schnellen die Einschaltquoten nach oben. Wer sich CNN in der Saure-Gurken-Zeit längere Zeit anschaut, wird fast wahnsinnig: jede Neuigkeit wird in kleinste Teile zerhackt und scheinbar endlos analysiert und wiederholt.

So etwas hört Cramer gar nicht gern. Seit 26 Jahren sei das Konzept von CNN bekannt, meint er: Die Zuschauer schalten mehrmals am Tag ein, in der Regel für 10 bis 15 Minuten, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Offiziell erreicht CNN weltweit zwei Milliarden Menschen. Aber wie viele sehen tatsächlich zu? Viele sind es nicht, nur in den USA werden die Einschaltquoten gemessen. Spitzenshows wie „Andersen Cooper 360°" oder „Larry King Live" schauen sich eine Million Menschen an. Doch was zählt ist Qualität, nicht Quantität: Die Zuschauer sind „Global Citizens", die viel reisen, etwas zu sagen haben und mehr Geld als andere besitzen. Mit anderen Worten: ein Traumpublikum für Werbekunden.

Von Katastrophen oder anderen schlechten Nachrichten profitiere die Anstalt nicht im Geringsten, sagt Cramer. „Im Gegenteil: Wir verdienen weniger Geld." Zum einen kürzt CNN aus eigenen Stücken die Werbezeiten, im Extremfall wie beim Terroranschlag des 11. September oder dem Tsunami werden sie ganz gestrichen. „Zudem mögen Anzeigenkunden nicht gern in einem negativen Umfeld werben", sagt Cramer.

In der Werbung liegt ein wichtiger Grund für die Regionalisierung von CNN. Bei CNN International schalten vor allem globale Unternehmen wie Fluggesellschaften oder Luxusautohersteller ihre Spots, die in einem der fünf Sendegebiete flächendeckend Kunden haben. Das ist eine treue und zahlungskräftige Klientel. Aber CNN kommt nicht an Werbeträger mit kleinerem, nationalen Zielpublikum heran. Auch Konzerne wie Coca-Cola, die ihre Werbung lange Zeit auf einzelne Länder zuschnitten, fallen weg. „Guter Journalismus hat nur Sinn, wenn es auch ein gutes Geschäft ist", sagt Cramer. „Übrigens", fügt er hinzu: „Das gilt auch umgekehrt."

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