Ausgabe 03/2005 - Offen für Innovation

Gestern: Newport Folk Festival 1965

Es ist einer jener Momente, nach dem nichts mehr so sein wird, wie es vorher war. Dabei fängt der Abend so friedlich an. Pete Seeger spielt dem Publikum ein Tonband mit dem Schrei eines Neugeborenen vor und bittet die Anwesenden, dem Baby etwas über die Welt, in die es hineingeboren wird, vorzusingen. Etwas über Umweltverschmutzung, Imperialismus, Ungerechtigkeit und den Hunger auf Erden. Aber auch über die Hoffnung, dass all diese Übel beseitigt werden können, wenn sich das Volk für das Gute einsetzt.

Als Höhepunkt dieser Hippie-Idylle soll jener Mann auftreten, der zum Sprecher einer Generation wurde. Bob Dylan. Er hat ihnen Hymnen wie "Blowin' in the Wind" geschenkt und ihre Unzufriedenheit in Songs wie "The Times They Are Changin"' gegossen.

Endlich betritt er die Bühne. Aber- und das ist der erste Schreck - er ist nicht allein. Und, was noch viel schwerer wiegt, er hat eine elektrische Gitarre umgeschnallt.

EINE ELEKTRISCHE GITARRE!

Hier auf dem altehrwürdigen Newport Folk Festival, wo noch NIE jemand jemals elektrisch verstärkt gespielt hat, weil das den Ausverkauf an die Moderne, an den Kapitalismus, an all das Schlechte, Böse und Verdorbene darstellt.

Hinter der Bühne versuchen Pete Seeger und der berühmte Musikforscher Alan Lomax mit einer Axt die Stromkabel der Verstärker zu kappen. Die Menge tobt, schreit sich die Seele aus dem Hals, wünscht ihren ehemaligen Gott zum Teufel. Die Band kämpft sich durch drei Nummern, dann ist Schluss. "Weg mit der elektrischen Gitarre!" , skandiert das Publikum. Tatsächlich kommt Dylan noch einmal auf die Bühne. Und wirklich hat er eine akustische Gitarre dabei. "It's All Over Now, Baby Blue" singt er, die Menge applaudiert. "Er ist doch noch einer von uns", scheinen sie zu denken, Der Sänger aber hat Tränen in den Augen, und es wird das letzte Mal sein, dass er sich zu einem Kompromiss hinreißen lässt.

Was folgt, ist eine der seltsamsten Tourneen der Musikgeschichte. Zusammen mit seiner Band zieht Dylan durch die USA und England. Überall, wo er auftritt, bietet sich das gleiche Bild. Das Konzert ist in zwei Hälften geteilt. Die erste Hälfte bestreitet Dylan solo: Die Menge liebt ihn. Nach der Pause begleitet ihn seine Gruppe: Die Menge hasst ihn. Egal, ob in Dallas, Minneapolis, Manchester oder London. Spielt er mit akustischer Gitarre, liegen sie ihm zu Füßen. Greift er zur elektrischen, buhen sie ihn aus und nennen ihn " Judas!" Selten verhielt sich ein Publikum so aggressiv. Selbst die Punks mehr als ein Jahrzehnt später haben sich nicht so benommen. Der Hass der Punks ist ein theatralischer Akt, sie beschimpfen die auf der Bühne, weil das zum Konzert dazugehört. Bei Dylan versuchen die Fans den Künstler zu erpressen, "Es ist doch nicht so schwierig. Leg die elektrische Gitarre weg und sing mit uns "Blowin' in the Wind". Dann lieben wir dich wieder. Komm schon, stell dich nicht an'." Dylan weiß, dass er hier und jetzt am Scheideweg seiner Karriere steht. Entweder zurück ins Kuschelige, zu Sicherheit und Zuneigung - dafür aber ewig ein politisch engagierter Bänkelsänger bleiben. Oder den Sprung ins Unbekannte riskieren, alle Brücken hinter sich abbrechen. Auch auf die Gefahr hin zu scheitern, vergessen und ausgelacht zu werden. Dylan wagt. Und Dylan gewinnt. Immer weitergehen, das Erreichte und sich selbst permanent in Frage stellen, das Publikum mit jedem neuen Album verunsichern. Radikal der Wahrheit, die man in sich trägt, folgen. So lautet Bob Dylans Credo, und er ist ihm bis heute treu geblieben.

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