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MyC4

Die Idee war zweifellos gut: Der in Afrika aufgewachsene Däne Mads Kjær hatte früh erkannt, dass Armut besser mit den Gesetzen der Marktwirtschaft als mit noch so großen Summen an Entwicklungshilfe zu bekämpfen ist. Deshalb gründete er 2006 ein Unternehmen, über das afrikanische Businessnovizen an Kredite gelangen sollten. Denn Geldnot ist das größte Hindernis, das Geschäftsanfänger in diesem Teil der Welt auf ihrem Weg aus der Armut heraus zu überwinden haben.





Mit seinem „MyC4“ genannten Online-Unternehmen schien der Däne einen überzeugenden Weg gefunden zu haben, junge Entrepreneure – vor allem in Ostafrika – beim Start zu unterstützen. So jedenfalls stand es in „Geschäfte statt Geschenke“ (brand eins 07/2009).

Zunächst war das Online-Kreditvermittlungsinstitut auch durchaus erfolgreich. „Wir kommen aus einem großartigen Jahr“ und gehen „voller Begeisterung“ ins nächste, schrieb Mads‘ Sohn Karl Kristian Kjær, PR-Stratege der Firma, in seinem Blog. Doch vor wenigen Monaten erreichte uns die Nachricht, dass MyC4 in Kürze vollends abgewickelt werden soll: „Leider ist es derzeit nicht mehr möglich, über MyC4 Geld zu investieren“, heißt es lapidar auf der Webseite. Schon im August 2015 hatte das Unternehmen alle Kreditvergaben ausgesetzt. Sobald auch der letzte Investor seine Einlage ausbezahlt bekommen oder abgeschrieben hat, soll die Webseite vollends abgeschaltet werden. Womöglich wird wenigstens der Firmenname weiterleben, ihn will ein kenianisches Kleinkreditinstitut erwerben.

Auf Nachfrage bestätigt Jes Colding, letzter Chief Operating Officer von MyC4, den Zusammenbruch der Firma, besteht jedoch darauf, dass die Pleite keineswegs auf ihr Geschäftsmodell zurückzuführen sei. Die Plattform sei vielmehr von einem „schamlosen und kaltblütigen Betrüger“ ruiniert worden – und einer kenianischen Gerichtsbarkeit, die dem Halunken nicht rechtzeitig das Handwerk legen konnte oder wollte. „Ohne Daniel Kimani“, betont Jes Colding, „wäre MyC4 noch heute gesund und munter.“

Tatsächlich schien der Start des Unternehmens durchaus erfolgreich. In seiner kurzen Geschichte vermittelte MyC4 nach eigenen Angaben mehr als 20.000 Kleinkredite im Wert von mehr als 24 Millionen Euro, über 100.000 Afrikanern soll auf diese Weise direkt oder indirekt geholfen worden sein. Andererseits konnte Kjær mehr als 24.000 Investoren aus 120 Ländern davon überzeugen, ihr Geld lieber sozial verantwortungsvoll über MyC4 als auf einer Steuerinsel anzulegen. Schließlich mussten sie dennoch nicht auf eine Rendite verzichten – selbst während der  Weltwirtschaftskrise 2008 kamen die Anleger auf einen durchschnittlichen Ertrag von 1,8 Prozent.

Auf seiner Internet-Plattform brachte Kjær afrikanische Geschäftsanfänger mit aufgeschlossenen Investoren aus aller Welt zusammen. Erstere konnten auf MyC4 ihr Projekt vorstellen und eine Summe für ihren Kreditbedarf nennen – Letztere suchten sich einen in ihren Augen besonders kreditwürdigen oder sympathischen Kandidaten aus. Der Zinssatz zwischen den beiden wurde nach dem Prinzip der „holländischen Auktion“ ausgehandelt: Je schneller sich der Kreditnehmer die von ihm gewünschte Summe sichern konnte, desto niedriger der Zinssatz; und je mehr Zeit bei der Geldbeschaffung verstrich, desto höher die Quote. Ein faires Entwicklungsmodell, das statt auf dem unzuverlässigen schlechten Gewissen von Spendern auf marktwirtschaftlichen Prinzipien basiert.

Doch der Haken am Kjærschen Konzept zeigte sich schnell. Der Kreditvermittler war auf sogenannte „Provider“ angewiesen: vor Ort angesiedelte Mittelsmänner, die potenzielle Kreditnehmer ausfindig machen, sie prüfen, ihren Kreditantrag begleiten, sie auszahlen und für pünktliche Rückzahlungen sorgen. Dabei stützte sich MyC4 vor allem auf bereits existierende Kleinkreditgesellschaften, deren Expertise und Geschäftsgebaren allerdings nicht immer internationalen Standards entsprachen. Schon seit 2007 hatte es MyC4 immer wieder mit Providern zu tun, die bei der Rückzahlung der Kredite ins Hintertreffen gerieten – dagegen blieb die Rate der säumigen Kreditnehmer mit durchschnittlich acht Prozent durchaus im Rahmen. War die Unzuverlässigkeit einzelner Provider auch von Anfang an ein Problem, so gefährdete sie zumindest zunächst nicht den Bestand des Unternehmens.

Das sollte sich ändern, als 2012 die „Kenya Entrepreneurship Empowerment Foundation“ (KEEF) als Provider auf den Plan trat. Dass sich die Stiftung vor allem um die ländliche Bevölkerung Kenias kümmern wollte, kam MyC4 entgegen. Dieser Klientel wollten sich die Kreditvermittler ohnehin verstärkt zuwenden. Schnell stieg KEEF zu einem der wichtigsten MyC4-Partner auf, verwaltete Tausende von Krediten im Wert von Hunderttausenden von Euro.

Jes Colding ist heute überzeugt: „Das war ein von langer Hand vorbereiteter, hinterhältiger Plan.“ Auf dem Höhepunkt der Zusammenarbeit mit MyC4 angekommen, stellte KEEF im Sommer 2014 plötzlich sämtliche Rückzahlungen an die Plattform ein. Auf diese Weise sicherte sich deren Chef Daniel Kimani fast eine Million Euro – für diesen Teil der Welt eine gewaltige Summe.

MyC4 suchte die Schwierigkeiten mit seinem Provider erst intern zu lösen, dann schaltete das Unternehmen die Gerichte ein. Doch bis heute waren alle Bemühungen vergebens. Das Verfahren wurde von einem Termin zum nächsten vertagt, noch immer befindet sich Daniel Kimani auf freiem Fuß.

In einem funktionierenden Rechtssystem säße Kimani womöglich längst hinter Gittern, zumindest ein Teil der von ihm abgezweigten Summe wäre vermutlich sichergestellt worden. Allerdings hätten die MyC4-Gründer wissen können, dass ihr Unternehmen nicht auf dänischem, sondern auf abschüssigerem afrikanischen Terrain operiert – und dass sich, wo Geld fließt, auch Ganoven tummeln. Entsprechend streng hätten die Kontrollen der Geldflüsse sein müssen, auch schnellere Reaktionsmöglichkeiten waren angezeigt. Schließlich war KEEF auch nicht das einzige schwarze Schaf im Stall des Kreditvermittlers. Kurz vor der endgültigen Abwicklung sind auch noch die Außenstände von fünf weiteren Providern offen. Die Zeche bezahlen nicht nur die Investoren, die ihre Einlagen zumindest teilweise verloren haben – die afrikanischen Business-Novizen sind nun wieder ganz auf sich allein gestellt.

Lesen Sie den Artikel der Ausgabe 07/2009:

Geschäfte statt Geschenke

Geld investieren und Gutes tun: Das geht nicht zusammen? Afrika-Optimisten beweisen mit einer Plattform für Kleinkredite das Gegenteil.

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