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Ausgabe 05/2009 - Artikel

Siliconfusion

Dresden, kurz nach der Wende: Während viele Westdeutsche über die sächselnden Brüder und Schwestern witzeln, erkennt Siemens im Freistaat nebenan das Potenzial der Dresdner Intelligenzija. Das VEB Kombinat Robotron hatte in den siebziger und achtziger Jahren die Spitzencomputer der DDR entwickelt und hochkarätige Physiker, Ingenieure sowie erfahrene Facharbeiter hervorgebracht. Die Münchener bauen am Rand der Dresdner Heide, in idyllischer Lage und nur zwei Kilometer vom Flughafen entfernt, die erste Halbleiterfabrik. Die zweite errichtet einige Jahre später der kalifornische Chip-Hersteller AMD.

Alles läuft bestens, Dresden entwickelt sich zu einem angesehenen Halbleiter-Standort. Doch von Zeit zu Zeit steigen Männer auf die Produktionshallen und tauschen die Firmenschilder aus. Die Namenswechsel künden von ersten Schwierigkeiten im Chip-Geschäft. So gründet Siemens 1999 sein Halbleitergeschäft aus, weil die Weltmarktpreise derart auf- und niederhüpfen, dass dem Vorstand schlecht wird. Die Dresdner Fabrik heißt von nun an Infineon. Sieben Jahre darauf koppelt Infineon seinerseits die Speicherchip-Sparte ab, weil deren Wert so schwankt. An der Dresdner Heide prangt neben Infineon nun ein neuer, peppiger Schriftzug auf lila Grund: Qimonda.

Kritiker bemerkten schon damals, man könne aus einem Kranken nicht zwei Gesunde machen. In der Tat machte Infineon 2008 einen Verlust von drei Milliarden Euro. Qimonda meldete im Januar 2009 Insolvenz an. Fassungslos demonstrierten Beschäftigte wochenlang vor der silbrig-grauen Fabrik, die an eine riesige Keksdose erinnert. So kann man das Problem vielleicht umschreiben: Qimonda hat so billig wie möglich Glückskekse gebacken, die eigentlich die Amerikaner erfunden haben und die von den Asiaten massenhaft kopiert werden; die Zettelbotschaften im Inneren waren von gestern. Chancenreicher sind handgerollte Spezialitäten nach Geheimrezept. Ungefähr das macht AMD: Mikroprozessoren. Die Trüffelpralinés der Halbleiterbranche.

Allerdings hat auch AMD rote Zahlen geschrieben. Die Dresdner Werke kippelten bereits, doch da erschienen reiche Retter aus Abu Dhabi und gründeten mit den Amerikanern in diesem Frühjahr ein neues Unternehmen: Globalfoundries. Es macht am selben Standort im Kern das Gleiche wie zuvor. Doch künftig, so der Plan, auch im Auftrag zahlender Fremdfirmen.

Wie geht es weiter? In der Mikroelektronik herrschen Reinraumbedingungen. Bei der Produktion stört jedes Staubkorn. Doch im Augenblick fühlen sich die Beschäftigten, als fege ein Sandsturm durch ihre Hallen: Rund 7000 Menschen könnten ihre Arbeit verlieren. Chip-Hersteller, Zulieferer, Wissenschaftler, Wirtschaftsexperten und Personalberater schauen auf die Trümmer, heben Brauchbares auf. Und manche sehen schon einen Ausweg.

Der Facharbeiter

Am Eingang zum Werksgelände von Qimonda hängen Hunderte Fotos von ehemals Beschäftigten. Schnappschüsse aus dem Büro, Bewerbungsbilder, manche im Urlaub aufgenommen oder im heimischen Garten. "Jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht", lautete die Aktion. Sie sollte ans Mitgefühl von Politikern oder potenziellen Investoren rühren. Oder einfach nur Flagge zeigen. Peter Wottge, 39, ist nicht dabei. Doch ist er einer der Letzten, die die Stellung halten. Er hält die Insolvenzmasse in Schuss.

"Zuerst habe ich die Anlagen trockengelegt. Jetzt sortiere und verpacke ich die Wafer, also die Siliziumscheiben. Der Insolvenzverwalter sucht zwar immer noch nach Investoren, dazu ist er gesetzlich verpflichtet, aber er schaut auch nach einzelnen Käufern für die Maschinen. Ich helfe, das Unternehmen abzuwickeln.

2200 Qimonda-Mitarbeiter sind in einer Transfergesellschaft gelandet. Ich bin im sogenannten Kernteam, mit 300 Kollegen. Die Stimmung ist niedergeschlagen, keiner sieht mehr Licht am Ende des Tunnels. Wie lange ich dort noch in Lohn und Brot bin ­ keine Ahnung.

Ich war gern bei Qimonda. 2003 habe ich angefangen, erst bei Infineon, nach der Ausgründung dann bei Qimonda, der Arbeitsplatz blieb derselbe. Ich habe 35 Anlagen beaufsichtigt und repariert, in der Nass-Chemie. Dort werden die Wafer gereinigt und geätzt. Wir saßen im Reinraum im weißen Overall an einem Rechner, haben die Anlagen überprüft oder Meldungen über kleine und größere Havarien reinbekommen. Meine Kollegin und ich versuchten dann, die Wafer zu retten. Die sind zusammengestellt in Losen zu je 25. Wenn ein Los etwa zu lange im Säurebad liegt, ist das schlecht. Das hat mal so viel gekostet wie ein Golf ­ heute nicht mehr, die Preise sind eingebrochen.

Die Schutzkleidung hat mich nicht gestört. Haube, Mundschutz, Overall, Stiefel, in dieser Reihenfolge. Dann erst durfte man rein in die Fabrik. Wir hatten Zwölf-Stunden-Schichten, zwei Tage früh, zwei Tage nachts, vier Tage frei, in diesem Rhythmus. Vier Tage frei ist gut, aber während der Schichten kommt man nur zum Arbeiten und Schlafen. Zumal ich anderthalb Stunden unterwegs bin. Ich wohne mit meiner Frau, die auch in der Stadt arbeitet, 30 Kilometer vor Dresden in einem Dorf. Wir haben da vor sieben Jahren ein Haus gekauft. Das müssen wir noch 20 Jahre abzahlen.

Ich denke, mit meinem Technikerabschluss sind meine Chancen nicht so schlecht. Vielleicht finde ich etwas bei einem Autozulieferer, als Servicetechniker oder in der Solarbranche. Ich bin eigentlich nicht bereit, wegzuziehen. Man hat sich hier was geschaffen. Und woanders sieht es auch nicht besser aus."

Die Qimonda-Stadt

Klotzsche ist ein Stadtteil im Norden von Dresden, entstanden als Kurort im 19. Jahrhundert mit prächtigen Villen. Heute ist er eingerahmt von Halbleiterfabriken im Südosten und dem Dresdner Flughafen im Nordwesten. Doch der Charme der Häuser mit Fachwerk und Türmchen und schmiedeeisernen Gartenzäunen ist geblieben. Etliche Beschäftigte aus der Chip-Branche sind hierhergezogen.

Die Bäckersfrau erzählt, sie habe in den vergangenen Jahren viele neue Kunden gehabt, viele von Qimonda. Als sich die Pleite abzeichnete, hofften sie auf die oft beschworenen Interessenten aus Russland, China oder Taiwan. Währenddessen bastelten die Kleinen im Kindergarten ihrer Tochter bereits Abschiedsgeschenke für ihre Qimonda-Freunde.

Eine Reihe creme- und aprikotfarbener Fertighäuser sind am Rand von Klotzsche errichtet worden, am alten Wasserturm sollen weitere Baugrundstücke erschlossen werden, verkünden hölzerne Aufsteller. Doch die zahlungskräftige Halbleiterklientel schrumpft, Bauvorhaben werden storniert, bereits bezogene Eigenheime werden für manche zur Belastung. Die Leiharbeiter mussten als Erste ihre Sachen packen, sagt eine Dame von R&M Immobilien. Zig möblierte Wohnungen standen auf einen Schlag leer.

Im Reisebüro musste Frau Bottin feststellen, dass kaum noch jemand kommt, um die beliebten Rundreisen zu buchen: 14 Tage Thailand oder Trekking durch Nepal. Auch Malediven und Safari in Afrika geht nicht mehr. Es waren viele Paare ohne Kinder, offenkundig einkommensstark, sie reisten mehrmals im Jahr. Vorbei. Als Erstes wird immer der Urlaub gestrichen.

Friseur Eike Zessin hat ausgerechnet, dass in seinen drei Läden in Klotzsche neuerdings insgesamt 250 Kunden ausbleiben: Pendler, die sich die Haare in der Mittagspause oder nach der Arbeit bei Qimonda schneiden ließen. Diejenigen allerdings, sagt er, die in Klotzsche wohnen, kämen jetzt erst recht. Probieren eine neue Farbe aus. Oder einen frischen Schnitt fürs Bewerbungsfoto.

Der Stellenvermittler

Dirk Gnewekow, 44, ist Personalberater bei Mercuri Urval, einem weltweit tätigen Unternehmen mit schwedischen Wurzeln. Er gilt als Spezialist für die Halbleiterbranche. Seine Erfahrung und seine rheinische Herkunft haben ihn gelehrt: "Jeder Jeck ist anders." Diesem Motto bleibt er treu, auch wenn, wie er sagt, der Wind sich um 180 Grad gedreht habe.

"Vor gut einem Jahr haben sich in der Halbleiterindustrie noch alle auf die Schulter geklopft: alles im Lack, alles im Lot mit der Leuchtturmstrategie für den Chip-Standort Dresden. Zu Beginn des Jahres herrschte dann eine Stimmung wie auf einer Beerdigung. 3300 Leute bei Qimonda freigestellt, einer der größten Arbeitgeber Sachsens pleite. Und ob Globalfoundries neue Kunden finden wird, das muss sich erst zeigen. Das Foundry-Geschäft ist knüppelhart, da tummeln sich viele große etablierte Unternehmen, die ihre Märkte sehr gut kennen.

Jahrelang boomte der Markt. Mein Auftrag war, nach geeigneten Spezialisten und Führungskräften zu fahnden. Jetzt werde ich bezahlt, um sie abzuwickeln. Auf Neudeutsch: Outplacement.

Wir helfen entlassenen Mitarbeitern von Qimonda und deren Zulieferern: stellen die Bewerbungsunterlagen zusammen, trainieren Interviews, überlegen, welche Firmen interessant sein könnten. In vielen Unternehmen kenne ich die Entscheider, da weiß ich, bei denen sind inoffiziell noch Positionen offen, da kann ich Kontakte herstellen.

Manche der Gekündigten muss man erst mal aus einem Loch holen. Wir müssen nach vorne schauen, sage ich denen immer. Und fühle mich dann wie früher, als ich noch Sozialarbeiter war. Die meisten sind jedoch optimistisch. Die denken weiter als von der Wand bis zur Tapete. Das sind Ingenieure, die können eins und eins zusammenzählen und wollen für sich rasch neue Perspektiven erschließen.

In der Branchenvereinigung "Silicon Saxony" leite ich den Arbeitskreis Personalentwicklung. Da treffen sich Geschäftsführer und Personalchefs verschiedener Unternehmen. Bei unserem letzten Meeting war das Thema: Wie motiviere ich meine Leute angesichts der schlechten Nachrichten und halte sie bei Laune? Den nächsten Vortrag wird ein Jurist halten: Wie trenne ich mich sauber von meinen Mitarbeitern? Schon bitter.

85 Personen habe ich seit November betreut, gut drei Viertel von ihnen erfolgreich vermittelt. Die Fotovoltaik ist ein Sammelbecken, allerdings sind da die Gehälter mitunter 30 bis 40 Prozent niedriger. Hersteller von Leuchtdioden und kleine Halbleiterfirmen kommen auch infrage. Die meisten Jobsuchenden konnte ich in Sachsen unterbringen, aber so langsam müssen wir überregional schauen. In Süddeutschland kann man relativ rasch vor Anker gehen. Viele Qimonda-Leute sind nach Westdeutschland gegangen, nach Alzenau, Mainz, Dortmund. Manche nach Singapur und Dubai.

Hier findet eine Art Brain Drain statt. Allein mir fallen rund 50 Führungskräfte und Spezialisten auf Ingenieurs-Level ein, die Sachsen verlassen haben. Dresden verliert seine Experten."

Der Zulieferer

Novellus Systems baut Maschinen, auf denen die Wafer geätzt, beschichtet, belichtet und poliert werden, bis sie anschließend in einzelne Chips zersägt werden können. Die Zentrale in Kalifornien unterhält Niederlassungen in Asien und Europa. "In jedem Rechner", sagt Ralf Michel, nicht ohne Stolz, "steckt garantiert ein Teil, das über eine unserer Maschinen gelaufen ist."

Michel, 43, Chef des Büros in Dresden, kennt die Branche seit mehr als 20 Jahren. Er ist groß und rund und wirkt genauso gemütlich, wie es sich für einen Mann aus dem Bayerischen Wald gehört. Wenn jemand die Krise puffern kann, denkt man, dann einer wie er. Mit rollendem "r" erzählt er von den Erschütterungen, die sein Büro heimgesucht haben.

"Es waren die richtig fetten Jahre, als wir 2001 unser Büro in Dresden bezogen. Die Gartenstadt Hellerau steht ja für eine Utopie von Leben und Arbeiten. Das passt. Wir sitzen in einem schönen Wohnviertel genau zwischen unseren Kunden: Infineon und Qimonda auf der einen Seite, AMD auf der anderen.

Jetzt sind wir im Keller gelandet, genau wie die Aktienkurse. Die Fläche im Souterrain ist nur noch halb so groß und hilft Kosten sparen. Seitdem ist unsere Belegschaft um mehr als 30 Prozent geschrumpft. Meine Leute stehen seit dem 1. April 2009 in Kurzarbeit. Von den Mitarbeitern in der Verwaltung mussten wir uns trennen. Den Job an der Rezeption machen jetzt reihum die Service-Ingenieure.

Unsere Chefs sind begeisterungsfähig und nicht schnell kleinzukriegen, aber Qimonda war für sie ein Schock. Zum ersten Mal haben die Einschläge in der Halbleiterei Dresden getroffen. Damit hatte keiner gerechnet.

Qimonda hat Speicherchips produziert. Das ist sehr kapitalintensiv. Man muss immer wieder neue Maschinen anschaffen, um im weltweiten Kostenwettbewerb noch günstiger als die anderen zu bauen. Wir haben die Maschinen geliefert und gewartet. Qimonda war ein guter Kunde. Jetzt sind eine Reihe Rechnungen offen, für Ersatzteile und Personal. Wir versuchen, wenigstens einen Teil davon zu bekommen.

Verluste auf der einen Seite konnten wir in der Vergangenheit durch einen guten Kunden oder eine wachsende Region irgendwo anders ausgleichen. Wenn es uns gelang, bei einem wichtigen Kunden in der Entwicklung eine neue Maschine zu platzieren, dann kamen wir damit über Technologie-Partnerschaften auch in die großen Fabriken in Asien, die sogenannten Mega-Fabs, die ein Vielfaches produzierten von dem hier. Doch diese Krise ist global, auch in Asien und Nordamerika ist der Absatz rapide gefallen.

Es ist ein großes Erwachen. Viele haben die Schnelllebigkeit in der Halbleiterindustrie verdrängt ­ ich auch. Sicher, es gab E-Mails von Kollegen aus den USA: 'Tschüss, ich muss mir was anderes suchen.' Aber jetzt, bumm, trifft es das eigene Leben.

Doch ich mache meinen Job weiterhin mit Herzblut. Von diesem Standort hängt das Wohl und Wehe der europäischen Halbleiterindustrie ab. Jetzt nehmen wir die Bälle, wie sie kommen. Wir werden alles tun, um zu verhindern, dass in Dresden das Licht ausgeht."

Der Ingenieur

Lars Oberbeck, 38, hat den Absprung geschafft. Als Qimonda Insolvenz anmeldete, wechselte er zum Fotovoltaik- Unternehmen Solarworld Innovations. Der Physiker und promovierte Elektrotechniker fährt jetzt jeden Tag in einer Fahrgemeinschaft im Morgengrauen nach Freiberg, jene traditionsreiche Bergarbeiterstadt, in der einst Männer in der Tiefe nach Silber schürften. Heute greifen ihre Nachfahren nach der Sonne, um ihr Licht zu vergolden. Oberbeck, kantiges Gesicht, blonder Bürstenhaarschnitt, soll diese Entwicklung vorantreiben.

"Ich habe bei Qimonda gelernt, Mitarbeiter zu führen: Meetings, Organisationsabläufe, Projektmanagement. Das kann ich hier gut einbringen. Die Halbleiterindustrie ist sehr straff organisiert, die Solarindustrie ist in dieser Hinsicht noch nicht so weit.

Sie ist eine der wenigen Branchen, die Leuten aus der Halbleiterei adäquate Arbeitsplätze bietet. Auch in der Fotovoltaik wird mit Siliziumscheiben gearbeitet. Einige meiner früheren Kollegen arbeiten jetzt bei Ersol in Erfurt, andere in Bitterfeld bei Q-Cells. Doch die Konkurrenz ist stark: Hunderte ehemalige Qimonda-Ingenieure bewerben sich auf wenige Stellen in der Fotovoltaikindus-trie. Die freut sich natürlich: Endlich bekommt sie Spitzenkräfte, die lieber in die Halbleiterindustrie gegangen sind, weil dort mehr gezahlt wird.

Solarworld baut gerade eine zweite Wafer-Fabrik mit weiteren rund 450 Arbeitsplätzen. Wir bekommen derzeit viele Bewerbungen von ehemaligen Qimonda-Facharbeitern."

Der Fabrikdirektor

Erst 53 Jahre alt und schon Urgestein ­ diesen Ruf hat Jörg-Peter Weher in der sich permanent verjüngenden Branche. In den Achtzigern tüftelte er an den ersten DDR-Computern. Seit er ein Jahr in Kalifornien beim Prozessorhersteller AMD verbrachte, lässt er sich "Dschey-Pie" rufen. Heute leitet er die Produktion bei Globalfoundries, einem nagelneuen Joint Venture aus AMD und der arabischen Firma ATIC.

"Warum die arabischen Investoren zu uns gekommen sind statt zu Qimonda? Vielleicht hängt das mit unseren Produkten zusammen. Qimonda hat etwas ganz anderes gebaut. Zwar auch Chips, die Herstellungsprozesse sind ähnlich, aber Qimonda hat Speicher hergestellt ­ wie noch etliche weitere große Firmen in Korea, Taiwan und Japan. Mikroprozessoren stellen weltweit nur zwei Unternehmen her: Intel und wir im Auftrag von AMD.

Die ATIC hat uns eingehend geprüft, die Araber glauben an unsere Zukunft, weil wir das Know-how, die Erfahrung und die Vernetzung hier am Standort haben. Wir heißen jetzt Globalfoundries, arbeiten aber in derselben Fabrik wie zuvor. Wir produzieren immer noch Mikroprozessoren, doch wir wollen künftig auch im Auftrag von Entwicklungsfirmen arbeiten, die sich keine eigene Produktion leisten können.

Drei bis vier Milliarden Dollar etwa kostet eine Fabrik. Dazu braucht man gute Leute, die ständig forschen und entwickeln, um die Chips noch leistungsfähiger zu machen. Wir dringen in unglaublich winzige Welten vor. Wir überziehen Schaltkreise mit Schichten, die nur noch zwei bis drei Atomlagen dick sind. Auf einem Chip, der so groß ist wie ein Fingernagel, befinden sich 500 Millionen An-Aus-Schalter: die Transistoren. Stellen Sie sich vor, Sie ziehen den Chip auf eine Größe von 321 mal 321 Meter, das entspricht etwa der Fläche von vier Dresdner Zwingern. Dann könnten Sie, wenn Sie genau hinguckten, die kleinen Schalter sehen: Jeder Transistor wäre ungefähr einen Millimeter dick. Dicht an dicht stünden sie da, 500 Millionen, mehr als die EU Einwohner hat.

Und es wird noch enger. Nach dem sogenannten Moore'schen Gesetz verdoppelt sich die Anzahl der Transistoren auf derselben Fläche alle zwei bis drei Jahre. Die gesamte Halbleiterindustrie, Firmen und Forscher, folgen einer gemeinsamen Roadmap, die die künftigen Entwicklungsschritte skizziert. Doch kein Mensch weiß heute genau, wie weit wir noch gehen können. Irgendwann betreten wir die subatomare Ebene, die Welt der Quantenphysik. Technologisch eine ganz andere Dimension.

Je kleiner die Strukturen der Chips, desto schwerwiegender werden die möglichen Defekte und die Kosten, sie zu vermeiden. Jedes Staubkorn wird zum Killer. Stellen Sie sich ein Staubkörnchen als Tennisball vor: Wenig passiert, wenn Sie den an den Kopf eines Elefanten werfen. Aber bei einer Ameise ist die Wirkung tödlich. Darum werden die Reinräume mit riesigem Aufwand immer reiner gepumpt. In der Produktion schwirrt in manchen Bereichen durch 27 Liter Luft nur noch ein Partikel.

Dass Qimonda Insolvenz anmelden musste, bedauern wir sehr. Sie waren keine Konkurrenz für uns, und für einen guten Standort ist eine gewisse Menge an Firmen nötig. Das ist ähnlich in einem Kneipenviertel: Da könnte ein Wirt sagen, die anderen sind Konkurrenten. Aber gemeinsam ziehen die vielen Lokale Unmengen Leute an. In unserem Fall Wissenschaftler, Ingenieure, Anlagenbauer. Für einen Zulieferer lohnt es sich erst, vor Ort ein Servicebüro oder ein Lager für Chemikalien aufzubauen, wenn er dort genügend Kunden zu versorgen hat. Diese Zulieferer haben jetzt schwer zu kämpfen.

Aber wir sind amerikanisch geprägt, wir sehen vor allem die Stärken des Standortes: Expertise aus mehr als 40 Jahren, sehr gute Ausbildung, ein Netzwerk zwischen Hochschule und Industrie, Siliziumherstellung in Freiberg nebenan. 90 Prozent unserer Mitarbeiter stammen aus der Region, davon zwei Drittel Facharbeiter, ein Drittel Akademiker. 2600 Leute sind wir jetzt in Dresden ­ die Kernmannschaft. Doch wir müssen neue Kunden finden. Derzeit haben wir erst einen: AMD, unsere Mutter.

Diese Industrie erfordert eine bestimmte Sorte Mensch: neugierig, stressresistent. Er muss sich ständig auf neue Technologien und Maschinen einstellen. Er hat extrem wenig Zeit. Wir sind permanent im Rennen gegen unsere Wettbewerber, wirklich harte Konkurrenten. Jede Arbeitswoche muss ein Ergebnis bringen. Ein Kollege von mir ist in die Chemie-Industrie gewechselt, der kann es gar nicht fassen: Ein Projekt, sagt er, das weniger als drei Jahre dauert, wird dort gar nicht erst begonnen. Oder die Autoindustrie: Da bastelt man fünf, sechs Jahre an einem neuen Passat oder einem S-Klasse-Modell ­ wir wechseln Transistortypen im Quartalsrhythmus. Das macht Spaß, aber nicht jedem."

Der Wirtschaftsexperte

Joachim Ragnitz, 48, sieht sehr smart aus für Dresden: Maßanzug, gebräunt, Drei-Tage-Bart, rote Krawatte. Ragnitz ist Wirtschaftswissenschaftler, stellvertretender Leiter des ifo-Instituts in Dresden und Spezialist für Cluster-Bildung in Ostdeutschland. Er pflegt den distanzierten, global-strategischen Blick.

"Die Überkapazitäten auf dem Speichermarkt waren abzusehen, die Produktion verlagerte sich nach Südostasien. Qimonda konnte sich nicht halten. Das ist ein Trend: Sobald eine Produktion so weit standardisiert ist, dass es nur noch um Kostensenkung geht, verlässt sie Deutschland. 'Schüttgut' nennt man die Speicherchips, reine Massenfertigung. Auch bei der Fotovoltaik besteht die Gefahr, dass die Module eines Tages standardisiert und nur noch billig gebaut werden.

Intelligente Chips jedoch, Mikroprozessoren, haben in Deutschland Zukunft. Die Technologie wird ständig erneuert, spezifische Kundenwünsche müssen erfüllt werden. Der Kern des "Silicon Saxony" mit den Forschungseinrichtungen von Fraunhofer, Max Planck und TU ist stabil. Der Standort bleibt erhalten. Schon aus geostrategischen Gründen. Das Militär wird nicht zulassen, dass in Europa keine innovativen Halbleiter mehr gefertigt werden. Alle modernen Waffen basieren auf Mikroelektronik. Wenn in Dresden Globalfoundries kippt, wäre Intel in den USA der einzige Mikroprozessorhersteller weltweit ­ ein gigantischer Monopolist.

Doch nicht nur die Armee braucht Halbleiter: Denken Sie an die Unterhaltungselektronik, die Steuerung in Werkzeugmaschinen oder Autos. Wenn mit Dresden der wichtigste europäische Standort schwände, wären wir von Intel und einer Reihe Speicherchip-Produzenten in Asien abhängig. Das wird die EU zu verhindern wissen.

Mich erinnert das an die Flugzeugindustrie. Auch Airbus war politisch gewollt, als europäische Konkurrenz zu Boeing, die sonst zu mächtig geworden wären. Der Wettbewerb in der Luftfahrt ist ähnlich subventionsverzerrt wie in der Halbleiterbranche.

Milliarden an Subventionen sind geflossen, aber die sind nicht verprasst. Immerhin gibt es eine Produktion mit Tausenden Arbeitsplätzen, auch jenseits von Qimonda. Siemens hatte sich für Dresden entschieden, nicht weil Politiker mit Geldscheinen wedelten, sondern weil man Fachkräfte und Wissen aus der DDR-Halbleiterindustrie übernehmen konnte und weil die Forschung ausgebaut wurde. AMD kam 1997 hinterher, um Synergieeffekte mit Siemens zu nutzen. Anfangsinvestitionen wie der Bau von Fabriken wurden subventioniert, doch nie das laufende Geschäft ­ das muss sich selber tragen.

In Dresden sollte man gezielt und begrenzt fördern, vor allem für eine gute Ausbildung sorgen und technische Innovationen vorantreiben."

Der Forscher

Gerhard Fettweis, 47, ist einer dieser jugendlich wirkenden Professoren, die Begeisterungsfähigkeit aufbringen, um Menschen mit verschiedenen Interessen auf eine gemeinsame Idee zu verpflichten. Ein forschender Manager, der weiß, dass es in der Mikroelektronik nicht nur um technisches Klein-Klein geht, sondern um Weltbewegendes. Wenn er an die philosophische Dimension seines Auftrags denkt, glänzen seine Augen.

"Wenn Sie Ihren Computer aufschrauben und einen Chip anfassen, verbrennen Sie sich ganz schön die Finger. Wir sind auf Herdplattenniveau. Wir verlieren ungeheuer viel Energie beim Betrieb von PCs, Fernsehern, Telefonen, Serverfarmen, Datenzentren und Internet. Zehn Prozent der weltweiten Kraftwerksleistung sind allein dafür nötig. 2020 werden es mindestens 40 Prozent sein. Und da immer mehr Menschen an der Informations- und Kommunikationstechnik teilhaben werden, könnten es auch 100 Prozent der heutigen Kraftwerksleistung werden.

Wir müssen den Energieverbrauch einfrieren. Das ist das Ziel von "Cool Silicon". Mehr als 40 Forschungseinrichtungen und Firmen sitzen dabei im Boot, es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Industrie finanziert. Das Projekt wird die Halbleiterei massiv beeinflussen.

Wir entwickeln eine Software, die den Energieverbrauch der riesigen Serverfarmen von Internetprovidern oder Suchmaschinen reduzieren soll. Wir arbeiten an effizienteren Netzteilen und präziseren Belichtungsmasken für die Chip-Herstellung. Wir versuchen, mehr kleinere Transistoren auf einen Chip zu packen, da der Energieverbrauch pro Quadratmeter Silizium etwa gleich bleibt.

Außerdem bauen wir einen elektronischen 'Reader': eine Folie, die per Funk mit Daten versorgt wird und Buchstaben aufbaut. Die Energie wird der Cool Reader über Fotovoltaikzellen an den Rändern beziehen. Das wäre energiesparender als die Produktion von Zeitungspapier oder die Lektüre am Computer. In drei Jahren wollen wir einen Demonstrator vorstellen.

Viele Lösungen treiben wir mit kleinen und mittelständischen Betrieben voran. Damit wollen wir unabhängiger werden von den sogenannten Leuchttürmen. Die Qimonda-Pleite ist ein dramatischer Einschnitt. Mit Zulieferern sind davon rund 10000 Menschen betroffen. Aber das wird den Standort nicht kaputt machen. Die Großen sind für Dresden nicht mehr so wichtig wie früher.

Vor sieben Jahren hingen fast alle kleinen Firmen am Schicksal der Großen, damals Infineon und AMD. Heute arbeiten mehr als 20000 Beschäftigte im Dresdner Mikroelektronik-Cluster relativ unabhängig, bei Zulieferern, die sich vergrößert haben. Um die Jahrtausendwende halfen diese Firmen, 300-Millimeter-Scheiben in die Produktion zu hieven, die noch heute größten Wafer. Dresden wurde berühmt als weltweit erster Standort, an dem das gelang. Die Zulieferer tingelten mit diesem Verdienst und dem Pionierwissen durch die Länder und eroberten den Weltmarkt. So ähnlich wird es weitergehen.

Cool Silicon ist einer der ersten Zusammenschlüsse aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die das globale Problem der Energieeffizienz angehen. Toll, nicht? Wenn wir Erfolg haben, wird die ganze Welt nach Dresden kommen, wir werden ihr Produkte, Lösungen und Forschungsergebnisse liefern. Wir tüfteln im Innersten der Materie, basteln an einzelnen Atomen und erschüttern damit das Leben auf dem gesamten Planeten. Das ist doch irre!"

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