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Ausgabe 09/0 - Artikel

Bitte nicht stören! Umbau läuft.

Andreas Maruschke holt Luft. Nicht wirklich zum Atmen oder Denken, sondern um zwischen sich selbst und dem Gegenstand der Frage etwas Platz zu machen. Er ist der letzte Gesprächspartner dieser Geschichte, und wie alle seine Vorgänger legt auch Maruschke eine kurze, wirkungsvolle Pause ein, bevor er etwas sagt.

In Sömmerda zum Beispiel gab Gerald Müller, Betriebsleiter der Fujitsu Siemens Computers GmbH, ein lang gedehntes Jooooah von sich. Dann kamen viele Aber. 1,2 Millionen Notebooks und Desktop-Rechner laufen in dem Werk jährlich vom Band. Aber ausgerichtet sind sie eigentlich für 2,4 Millionen Stück. Vor vier Jahren brach der Umsatz in der Computerbranche ein. Jetzt zieht das Geschäft langsam wieder an. Vor dem Einbruch hatten sie Wachstumsraten von 25 Prozent im Jahr, sagte Müller, heute liegen sie bei einem Volumenwachstum von zehn Prozent. „Und Sie können mir glauben“, sagte Müller, „das ist hart erkämpft.“

In Kölleda, einem 6000-Seelen-Örtchen zwischen leuchtend gelben Rapsfeldern, Silberpappeln und verwilderten Weinbergen, acht Autominuten östlich von Sömmerda, spitzte Bürgermeister Frank Zweimann kurz die Lippen, guckte etwas angriffslustig und sagte laut, deutlich und freundlich: „Nein.“ Dann redete er weiter. Von der Zukunft, von Autobahnanschlüssen und wieso es bei ihm keine Spaßbäder gibt.

Und nun Andreas Maruschke. „Die meisten Computer, die in Europa verkauft werden, kommen aus Sömmerda und Kölleda“, sagt er. Wer die Orte auf der Landkarte sucht, muss erst Nordthüringen finden, entdeckt dann Erfurt und Jena und zieht mit dem Finger ein Dreieck nach oben. Leipzig ist auch nicht weit. Mitten in Deutschland. Standortmäßig optimal. Drei der zehn größten Thüringer Informations- und Kommunikationstechnologie-Unternehmen sitzen im Landkreis Sömmerda. „Hightech aus Thüringen“ – „Wo der Osten blüht“ – „Kennen Sie Kölleda?“ hießen die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse.

Fragt der Journalist aber den Sprecher im Thüringer Wirtschaftsministerium, ob es sich bei den beiden Städtchen, deren Schicksale ja wohl irgendwie zusammenhängen, um Erfolgsgeschichten handle, um positive Beispiele für den Aufbau Ost, dann dehnt auch Maruschke die Zeit, wo die anderen jooooah und spitze Lippen machten. Und auf die Frage, ob sich da vielleicht sogar ein IT-Cluster bilde, das Jobs, Wissen und Wohlstand in die Region abstrahlt, distanziert sich Maruschke wie seine Vorgänger: „Sömmerda? Kölleda? Och, nee. Die sind noch eine Stufe drunter.“

Umtriebig sind sie dort. Lebendig. Vielversprechend. Ja. Aber für frohe Botschaften ist es viel zu früh. Und auch zu kompliziert. Sagen alle.

Es hat lange gedauert, bis Andreas Maruschke endlich die Zeit für ein Telefonat fand. Der Sprecher im Thüringer Wirtschaftsministerium hat viel zu tun. Es ist Wahlkampf, die Parteien arbeiten sich am Thema Bildung ab. Daneben gibt es aber noch dieses andere Thema: der Aufbau Ost. Der sei vergeigt, meint der Westen. 1250 Milliarden Euro sind bislang in den Osten geflossen. Für die Katz, durch die Gießkanne. Viel zu wenig sei erreicht. Fest steht: Der Strukturwandel hat ein Strukturproblem.

Hightech-Inseln im Nirgendwo – willkommen im Aufbau Ost.

Die volkswirtschaftlichen Fehler, die Anfang der neunziger Jahre begangen wurden, sind bis heute nicht korrigiert. „Helmut Kohl hat politisch alles richtig und wirtschaftlich alles falsch gemacht“, sagt Lothar Späth, Ex-Ministerpräsident und Aufsichtsratsvorsitzender der Jenoptik AG. „Die neuen Länder wurden nach 1989 weitgehend entindustrialisiert“, befindet Klaus von Dohnanyi, Vorsitzender des Beraterkreises der Bundesregierung zum Aufbau Ost. Der Osten hängt am Tropf des Westens. Und langsam kränkelt auch der Spender.

47 Prozent aller Erwachsenen in Ostdeutschland bestreiten ihren Lebensunterhalt aus Sozialtransfers. Rente, Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe und Kindergeld machen mittlerweile zwei Drittel der Transfermilliarden aus. Der Aufbau Ost finanziert statt Wachstum wirtschaftliche und biografische Stagnation.

Parallel zu dieser volkswirtschaftlichen Auszehrung wächst die Lücke zwischen Lohnniveau (77,5 Prozent des Westens in 2002) und Produktivitätsniveau (71,1 Prozent des Westens). Es ist also bei gleichen Verhältnissen schlichtweg teurer, im Osten zu produzieren als im Westen. Diese Differenz zwischen Preis und Leistung wird ausgeglichen durch staatliche Fördermittel wie die Investitionszulage für die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GA).

Die GA-Förderung ist eine Art Pauschalförderbetrag für jeden Unternehmer, der im Osten investiert. Großunternehmen können sich maximal 35 Prozent ihrer Investitionskosten zurückholen, kleine und mittlere Unternehmen erhalten sogar bis zu 50 Prozent. Netto aber gilt: Wir fördern immer weniger Unternehmer. Und immer mehr Nicht-Unternehmer.

Der Staat verteilt. Ein paar Firmen profitieren. Die Wirtschaft sackt ab. Das zur „Förderkultur“ gewucherte Förderwesen hat auch die öffentliche Infrastruktur des Westens verändert: In zehn Jahren reduzierten sich die kommunalen Investitionen in Westdeutschland um ein Drittel – von 30 auf 20 Milliarden Euro. Im Osten dagegen lassen die pauschalen Fördermilliarden hochproduktive „Hightech-Inseln“ wachsen, die, so Spiegel-Autor Gabor Steingart, „inmitten einer Zone stillgelegter Produktivität stehen“.

Und genau das ist – jetzt kommen wir wieder zurück zu unserer Geschichte und zu dem Moment, wo sich die Gesprächspartner eine kleine Pause gönnten – genau das ist die Situation im Landkreis Sömmerda, der die höchste Pro-Kopf-Produktivität in Thüringen aufweist, der auf Platz zwei (ehemals Platz eins) im Industrieumsatz rangiert (direkt hinter dem berühmten Automobilstandort Eisenach). Und der mit mehr als 20 Prozent die höchste Arbeitslosenquote in Thüringen hat. Das geht nun schon seit Jahren so. Willkommen im Aufbau Ost.

Ein bisschen liegt es an der Branche. „Die Computerindustrie ist ja keine Industrie, die klassisch dazu geeignet ist, neue Unternehmen anzusiedeln, weil unsere Zulieferer eben im Ausland sitzen“, sagte Gerald Müller, der Betriebsleiter der Fujitsu Siemens Computers GmbH: „Wir müssen uns wohl von der Idee verabschieden, dass wir die neuen Bundesländer flächendeckend mit wertschöpfenden Industrien besiedeln können.“

Ein bisschen liegt es am Faktor Zeit. „Wir müssen unseren Kindern und Jugendlichen zukunftsorientierte Jobs anbieten“, hielt Frank Zweimann dagegen. Bei jeder Wahl in der Region muss sich der Bürgermeister von Kölleda verteidigen. Eine Hightech-Firma nach der anderen holt er in sein Gewerbegebiet, aber kaum jemand aus dem Ort findet dort Arbeit, weil die Qualifizierten längst weg sind. Und bis der Nachwuchs so weit ist, dauert es noch. Willkommen im Aufbau Ost.

Dies sollte eine Geschichte werden über die neuen Computerbauer in Thüringen. Wie es kommt und wie das geht, dass im Hochlohnland Deutschland so viele Computer zusammengeschraubt werden. Dann drängte sich die Diskussion um den Aufbau Ost dazwischen. Angesichts der Zahlen war schnell klar, dass es die eine, die schlüssige Antwort nicht gibt. Und dass diese Erfolgsgeschichte noch keine ist. Also haben wir Andreas Maruschke gebeten, uns das Zahlenmaterial einmal aufzubereiten. Aus Sicht des Ministeriums.

Gab es einen Strukturplan? „Für Thüringen: ja.“ Gibt es eine Leuchtturm-Strategie, wie es alle Wirtschafts-Experten gerade fordern? „Die gibt es“, sagt Maruschke, „für Erfurt, Jena und Ilmenau.“ Unser gedachtes Kompetenzdreieck klappt gerade nach unten, die Spitze ist nun in Ilmenau im Thüringer Wald, wo es eine Technische Universität gibt, samt Technologiezentrum. Und Kölleda, Sömmerda? Gab es einen Plan zur Ansiedlung der Computerbranche? Eine Cluster-Strategie? „Nein, die gibt es nicht.“

90 Prozent der ostdeutschen Industrie hat in den vergangenen Jahren die GA-Förderung in Anspruch genommen. Nicht anders in Thüringen, nicht anders im Landkreis Sömmerda. Von 1991 bis 2003 flossen 201 Millionen Euro an GA-Förderung in den Landkreis und summierten die wirtschaftlichen Gesamtinvestitionen auf 905 Millionen Euro. Rund 80.000 Menschen leben im Landkreis. 455 Unternehmen wurden gefördert. „Natürlich sind es in Wirklichkeit weniger“, sagt Maruschke, die Statistik zählt blöderweise jede Fördermaßnahme als ein Unternehmen. Aber Unternehmen stellen mehr als nur einen Antrag. „Insgesamt wurden 7800 Dauerarbeitsplätze geschaffen“, referiert er aus den Unterlagen, „und 6800 neue Arbeitsplätze. Das macht also ... Moment mal jetzt“, sagt er und wird selbst sauer, weil sich beides auf 14.600 Arbeitsplätze addiert. Im gesamten Zeitraum sind aber total nur 4200 Arbeitsplätze im Landkreis dazugekommen. Die Differenz dazwischen sind Pleiten, Pech und Pannen.

Auch die Tabelle „Förderungen nach Branchen“ klärt nicht auf. Die Idee war, an den alten Zahlen abzulesen, ob man vielleicht in der Vergangenheit Ziele verfolgte (dem war nicht so). Es taucht zwar ein Posten „Hersteller von Büromaschinen und Datenverarbeitungsgeräten“ auf, etwas IT-Hardware-Unternehmertum könnte sich aber auch unter „Steuer- und Regelungstechnik“ verstecken. Lassen wir das. Aussagefähige Gründungsstatistiken gibt es nicht. Die Übersicht der IHK unterteilt die Branchen schon wieder anders.

Den Wirtschaftssprecher trifft natürlich keine Schuld. Thüringen besitzt sogar, wie Sachsen, eine der fortschrittlicher strukturierten Wirtschaftsförderungen. Das Industriewachstum liegt mit 8,2 Prozent über dem von Sachsen (sieben Prozent). Dennoch: Mit Methoden wie oben beschrieben, werden dieses Jahr bundesweit 700 Millionen Euro GA-Förderung vergeben, verwaltet, evaluiert und hinterher als politischer Erfolg verschleiert. So sieht Gießkanne aus. Es fehlt an Überblick und Plan. Und das nicht nur ein bisschen.

Fahren wir also noch einmal los. An den Anfang der Geschichte.

Geschäftigkeit in der Industrieruine

Fast genau zwischen Kölleda und Sömmerda gibt es einen Sportflugplatz auf einer hübschen Anhöhe, und daneben gibt es eine Stelle, die von Ferne so aussieht, als hätten ein paar wichtige Leute gesagt, „Freunde und Genossen, lasst uns ein Industriegebiet errichten, ein prächtiges Areal, von dem aus die Arbeiter stolz über die saftigen Täler ihrer Brüder und Bauern blicken können, genau hier!“ Und genau dort liegt es auch, das Gewerbegebiet Kiebitzhöhe.

An der Einfahrt biegen verwilderte Büsche einen Maschendrahtzaun durch. Gras schiebt sich durch Betonplatten, ein Pförtnerhäuschen verrottet, die Plattenbauten dahinter haben Schuppenflechte. Doch in der Industriegebietsruine herrscht Geschäftigkeit. Neue bunte Zweckbauten neben den alten; rostigen Türen tragen nagelneue Schilder, Lkw parken vor Laderampen, Arbeiter in Blaumännern sortieren irgendeinen Kram, und plötzlich, nach der letzten Kurve, öffnet sich die Industriebautenflucht zum Horizont, und da geht ein großer grauer Würfel auf.

In dem Würfel läuft demnächst die Motorenproduktion für Smart und Mitsubishi an. Mehr als 500 Leute werden dann in dem Werk arbeiten, das der MDC Power GmbH gehört, einem Joint Venture von DaimlerChrysler und Mitsubishi. Ein paar hundert Meter weiter kommt eine ausladende flache graublaue Werkshalle. Da schraubt eine Firma namens Logatec jedes Jahr ein paar Millionen Computer zusammen. Die Kunden: Aldi-Zulieferer Medion und, so sagt man, aber genau weiß man es nicht, der Technologie-Konzern Hewlett-Packard. Die Straße runter produziert ein Unternehmen namens Funkwerk AG eine Funktechnologie, die sich gerade als europaweiter Standard für Zugfunk und Zugleittechnik von einem Staat zum nächsten durchsetzt. Für BMW bauen sie dort Freisprechanlagen.

Auf dem Weg nach Sömmerda geht es so weiter. Überall sind kleine Hightech-Buden, Gehäusebauer, Hörgeräte-Elektroniker, Lautsprecherspezialisten, Metallverarbeiter, Softwareentwickler und Computerhersteller. Da gibt es zum Beispiel drei frisch diplomierte Jungs, die unter dem Namen Soemtec im Hinterhof eines Getränkegroßhändlers wasserdichte, spritz- und stoßfeste fahrbare Steuerungsrechner für Industrieanlagen produzieren – und sie für ein Drittel des Marktpreises ihrer Mitbewerber verkaufen, die Wincor Nixdorf, Beckhoff, Ferrocontrol oder Rittal heißen.

Erst wachsen Kräuter, dann Mittelstand und Hochtechnologie

Oder eine Reparaturwerkstatt namens Compuspar, die in einem blümchentapezierten Plattenbau sitzt und über Raumfluchten regiert, in denen sich uralte Rechner wie in einem psychedelischen Computermuseum bis zur Decke stapeln, weil sie dort das komplette IBM-Refurbishing erledigen, also in Stand setzen, vom Nadeldrucker bis zum Infrarot-Kassenscanner. Eine Hightech-Handwerkerwelt ist das, in der es nach Lötkolbenfett riecht, die Namenschilder variieren die Silben Soem, Tron, Funk und Tec. Als wären alle aus demselben Nest geschlüpft.

So kommen einem die „blühenden Landschaften“ in den Sinn, die sie ja auch sind, im Frühjahr leuchten die Hügel hier wie in der Waschmittelwerbung, grüne und gelbe Wellen mit saftigen Hainen, die Altstädte sind saniert, Wappen, Brunnen, Kopfsteinpflaster. Auf den Marktplätzen gibt es Thüringer Rostbratwurst und pastellfarbene Freizeitkleidung zu kaufen.

Gärtnereien bieten die ersten Ergebnisse ihrer Frühbeete an. Begonien, Küchenkräuter und Fuchsien. Keine Sorge. Es wird um Computer gehen. Aber die Stände erinnern an die Vergangenheit: Die Region um die beiden Städtchen mit dem „ö“ in der Mitte und dem „a“ am Ende war einst einer der wichtigsten Kräuter- und Blumenproduzenten Europas. Fleurop, die Idee, standardisierte Blumengebinde per Telefon zu versenden, fand hier ihre ersten Geschäftspartner.

Es drängt sich auch der Eindruck eines gewissen Reichtums auf, einer Art von Ballung, die man aus anderen Regionen kennt und für gewöhnlich mit dem Begriff Cluster beschreibt. In dieser alten deutschen Kulturlandschaft gibt es wohl kaum einen Quadratmeter, auf dem nicht ein Dichter und Denker Inspiration suchte, ein Reformer seine Thesen entwarf oder ein Komponist über Kantaten brütete. Und lange vor dem Krieg gab es hier neben schönen Erfindungen wie dem Blumenversand ein dichtes und virulentes Netz aus Mittelstand und Hochtechnologie.

Einer dieser Knotenpunkte war eine Gewehrfabrik, die in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf Büromaschinen umstellte, im zweiten Weltkrieg wieder auf Waffen und danach wieder auf Büromaschinen, als VEB Robotron-Kombinat Büromaschinenwerk Sömmerda Ernst Thälmann. Die Abteilung Soemtron produzierte dort ab 1985 den im Ostblock begehrten und nach der Wende hoffnungslos veralteten PC 1715. Fast 13.000 Arbeiter und Angestellte verdingten sich kurz vor der Wende bei Robotron. Das Werk war in 40 Jahren DDR zum Kultur- und Wirtschaftszentrum der Stadt gewachsen.

Der andere Knotenpunkt lag auf jener Anhöhe vor Kölleda. Dort hatten die Planer der DDR die Fläche eines großen militärischen Feldflughafens umfunktioniert und ließen unter dem späteren Namen Funkwerk Lautsprecher, Bürofunkanlagen, Wechselsprechanlagen, Zugfunkanlagen, Abhörgeräte und andere Kommunikationstechnik bauen. Das Funkwerk war kleiner, 1800 Angestellte, wenn man die Außenstellen mitzählt. Und es ist der einzige Betrieb mit ungebrochener Abstammungslinie, bei dem Name, Technologie und Kernbelegschaft erhalten blieben.

Die Funkwerk AG baut heute noch Freisprechanlagen und Zugfunkanlagen. Damit ist sie europaweit führend, bei wachsenden Märkten. Alle stellen gerade auf den Standard um, der hier ausgeheckt wurde. Die Aktie entwickelt sich prima, und ein paar Jahre noch, dann haben sie ihren alten Belegschaftsstand wiedererlangt, sagt Norbert Gunkler, der Finanzvorstand der Funkwerk AG.

Der kommende Wachstumsmarkt wird Steuerungstechnik sein, digitale, geschlossene Steuerungstechnik für Bahnsysteme und für kommunale U-Bahnen, von der Kommunikationsbox beim Zugführer über die Regelmechanik an der Weiche bis zur Steuerungswarte in der Zentrale. In zwei Monaten wird eine erste unbemannte U-Bahn unter Nürnberg eine neue Funkwerk-Technik testen. Weil bei automatischer Steuerung das Thema „Überwachung besonders interessant ist“, so Gunkler, haben sie im Herbst 2003 einen der Marktführer für Überwachungssysteme, die Plettac Electronic Security GmbH, in Fürth bei Nürnberg, gekauft.

Norbert Gunkler ist erst seit vergangenem Herbst dabei. Auch er kommt aus der Nähe von Nürnberg. Wenn alles gut läuft (und es sieht schwer danach aus) ziehen bald Frau und Kinder nach. Man merkt diesem freundlichen Herrn an, dass er Zahlenmensch ist. Als solcher und als Zugezogener ist er ein guter Beobachter, Handlungsstränge als Geschäftsvorfälle betrachtend. Jetzt blickt er aus dem Fenster des kleinen Konferenzraumes der Funkwerk AG im Gewerbegebiet Kiebitzhöhe, sieht einen grauen Klotz auf den Feldern, die MDC Power GmbH, und lächelt: „Das ist natürlich alles gewerbesteuer-optimiert.“ Er selbst hat gerade zwei Millionen Euro an die Gemeinde Kölleda überwiesen. Bis 2002 hatten sie noch alte Verlustvorträge, jetzt wird Geld verdient. 2003 haben sie den Umsatz um 64,3 Prozent gesteigert. Umsatz kann man auch dazukaufen, also sagt Gunkler: „Das Ergebnis hat sich gleichzeitig verdoppelt.“

Für Gunkler ist Standort gleich Menschen. Die Funkwerk AG gehört zur Hörmann Gruppe, die den 1992 auf 120 Leute geschrumpften Betrieb von der Treuhand übernahm. Eine Umsiedlung zum Stammsitz nach München stand nie an. Die Hörmann-Gruppe war an der Technologie interessiert, „und die ist in den Köpfen der Menschen“, sagt Gunkler. „Nehmen Sie Plettac Electronic, unseren neuesten Zukauf, die haben wir auch da gelassen, wo sie ist. Es hätte nahe gelegen, sie von Fürth nach Kölleda zu verlagern, aber da wären vielleicht zehn Leute mitgekommen. Und was hätten wir dann gehabt? Viele Patente und eine leere Hülle.“

Was hinten raus kommt, zählt

Dann guckt er wieder aus dem Fenster. Mit den anderen Unternehmen hat er nicht so viel zu tun. Mit Logatec zum Beispiel gar nichts. Diese Geschichte leider auch nicht. Denn der Computer-Assembler beliefert unter anderem Medion, und Medion beliefert Aldi. Die Verschwiegenheitsklausel der Warenhauskette schlägt eben bis zum letzten Zulieferer durch. Außerdem hatten sie mal schlechte Presse bei Logatec.

Das ARD-Magazin „Monitor“ hatte über „Milliarden-Abzocke von Steuergeldern“ mit veralteten Schulungsgeräten bei einer Berufsausbildungsstätte berichtet, die zur selben Holding gehört wie Logatec. Das war aber eine Ente, der WDR-Rundfunkrat bestrafte die Falschmeldung mit der ersten Programmrüge in der Sendergeschichte. Doch das Misstrauen in Kölleda sitzt tief. Noch drei Jahre später wiegelt der Pressesprecher Anfragen der überregionalen Presse mit eckigen E-Mails ab, in denen er auf den Anwalt der Gruppe verweist.

Logatec gehört zum Unternehmensverbund Bildung und Technik. Im Zentrum der Gruppe stehen die Eheleute und Diplompädagogen Christel und Jochen Kunze. Die haben zu DDR-Zeiten die Berufsschule im Funkwerk betrieben und sich danach mit einer beruflichen Bildungsstätte selbstständig gemacht. Heute gehören zum Verbund neben der privaten Beruflichen Bildungsstätte Kölleda, ein Call Center und eine Gemeinnützige Gesellschaft für Jugend- und Sozialarbeit mbH. Jeder Teil dieser Unternehmensgruppe wird oder wurde gefördert, genau wie 90 Prozent der anderen ostdeutschen Unternehmen auch. Jedes Unternehmensteil wird von Kindern der Eheleute oder deren Ehepartnern geführt. Das Ehepaar selbst wohnt in einem fein hergerichteten Jagdhaus, das zu DDR-Zeiten als Funkwerk-Gasthaus diente und nach der Wende per Treuhandbeschluss billig abgestoßen wurde.

Klingt für manche vielleicht verdächtig. Ist aber nur ein smarter Familienbetrieb, der sich obendrein bei Sportvereinen betätigt, Kölleda ein Museum schenkt und ansonsten jeden Cent dreimal umdreht und das zehnjährige Jubiläum auf Klappbänken in der Firmenhalle feiert. Natürlich gibt es Synergie-Effekte zwischen den einzelnen Unternehmen und diverse Förderungen. So werden Schulungsgeräte der privaten Berufsschule, in der auch ABM-Maßnahmen und Umschulungen stattfinden, zur Produktion der Computer verwendet. Fast jeder neue Dauerarbeitsplatz wird für ein paar Monate von der Bundesagentur für Arbeit gefördert. Die ersten Jahre gedieh Logatec unter steuerlichem Schutz als „sozialer Betrieb“.

Aber das alles ist weder illegal noch besonders. Von der Bauchladen-Berufsschule, die je nach Marktlage erst Dachdecker, dann Straßenbauer, dann Computerbauer und Mechatroniker umschulte: Logatec spielte die volle Förderungsklaviatur aus, je nach Bedarf. So geht Strukturwandel. Wer unterstellt, dass hier mit staatlichen Fördergeldern Billigcomputer für Billigmärkte künstlich billig produziert werden, der liegt nicht einmal falsch. Genauso könnte man aber Kohlesubventionen oder jede andere Förderung für subversiv erklären, die es ermöglichen, in „Zonen stillgelegter Produktivität“ ein Minimum an Industriearbeitsplätzen anzubieten, die vor 15 Jahren zu Abertausenden wegfielen.

Förderung hin oder her. Was hinten rauskommt, zählt: Gewerbesteuer, regionale Impulse und Arbeitsplätze. Die Gewerbesteuer ist eines der beliebtesten Kriterien, nach dem volkstümlich zwischen guter und schlechter Ansiedlung unterschieden wird. Und ja, Logatec zahlt, nur knapp weniger als die Funkwerk AG. Zu viele andere zahlen nicht.

Das zweite Kriterium ist die Zahl der Folge-Gründungen und Zulieferer, die sich bei einer Großinvestition im Umfeld niederlassen. Und da sieht es bei der Import-Teile zusammenschraubenden Computerbranche naturgemäß mau aus. Auch beim dritten Kriterium fällt die Bilanz nicht so toll aus: den Arbeitsplätzen. Viele der neu Hinzugezogenen bringen ihre Belegschaft aus der Heimat mit. Sie werden vor Ort nicht fündig, weil die Qualifikation ganz fehlt oder weil die Qualifizierten schon weg sind. Das Motorenwerk beispielsweise braucht gute Facharbeiter, aber wer in der Region etwas von modernem Automobilbau versteht, ist längst in Eisenach, Leipzig oder Erfurt. Von den 240 Leuten, die im Werk zurzeit die Produktion vorbereiten, wohnen ganze 20 in Kölleda. Der Rest kommt von weit her, verstopft die Straßen und treibt die Pendlerquote nach oben. Immerhin, es gibt den Autobahnanschluss Erfurt-Nord, der Sömmerda und Kölleda mit dem Rest der Welt verbindet. An der Abfahrt steht das Schild: MDC Power GmbH. „Eigentlich sollte da auch Funkwerk draufstehen“, sinniert Gunkler und nimmt sich vor, demnächst mal beim Bürgermeister anzurufen.

Ein Gespräch mit Frank Zweimann könnte alle drei Kritikpunkte relativieren. Denn obwohl der Bürgermeister von Kölleda von der Kiebitzhöhe betrachtet in einer Senke sitzt, schwebt er in beachtlicher Planungshöhe über seinem Industriegebiet. Tatsächlich merzt Zweimann ein Vorurteil aus: dass nämlich die kleinen Gemeinden machtlos sind, wenn die da oben Schach spielen und ihre Leuchttürme in Europa platzieren. Frank Zweimann sagte zweimal Nein. Einmal bei der Frage nach dem Cluster. Das war mehr so ein Nö. Der energische Einspruch kam bei der Frage, ob er denn überhaupt die Macht besitze, als Bürgermeister eines 6000-Einwohner-Städtchens mit Pfefferminzblättern im Wappen, die Big Player zu locken.

Schließlich konnte sein Kollege in Sömmerda auch nichts machen, als die Robotron-Werke 1990/91 in zwei großen Wellen dichtmachten. Ein Teil der Belegschaft war schon im Vorruhestand, aber von einem Tag auf den anderen wurden jeweils 6000 Leute arbeitslos. Das Arbeitsamt stellte ein Containerdorf auf den Vorplatz, einen Busbahnhof, wo vorher stündlich tausende Arbeiter aus dem Umland an- und abfuhren. „Da wurde erst mal erfasst, wer was kann“, erzählte Zweimanns Amtskollege Wolfgang Flögel in seinem Amtszimmer. Dann schaute er seinen Bauamtsleiter an, Otto Rosenstiel, der nickte, „noh!“, seine massigen Unterarme wie ein Mitstreiter auf den Holztisch gestützt.

In Sömmerda gab es keinen Plan, „es gab lediglich städtebauliche Ideen für das alte Gelände“, sagte Flögel. Bei den Unternehmen, die sich nach der Robotron-Schließung gründeten, „war alles Eigeninitiative, learning by doing. Begleitung oder Beratung gab es nicht“, sagte Flögel. Mit Otto Rosenstiel rattert er die Namen der Abteilungsleiter runter, die sich alle irgendwie selbstständig machten und deren Firmen nun das Umland bevölkern. „Der Leiter Forschung und Entwicklung?“ – „Macht jetzt Desotron“ – „MBW.“ – „Entstand aus der Galvanik.“ – „CAB?“ – „Das macht der Fascher, der hat doch den Modellbau geleitet.“ – „Trimet.“ – „Das war die Gießerei: Spanger.“ – „Firma Hauke Metallbau?“ – „Der war früher Geschäftsführer der Metallverarbeitung.“ – „Noh!“ Nicken.

Viel Fläche und noch viel mehr Instinkt

Der größte Brocken, die Computerherstellung, existiert als Erinnerung bei Fujitsu Siemens Computers weiter. Mehr als eine Hülle ist da nicht übrig. Auf dem ehemaligen Robotron-Gelände arbeiten heute gerade mal 2000 Leute. Um aber Wachstum anzuschieben, bräuchte es ein wichtiges Instrument: „Es fehlt ein Institut“, sagt Wolfgang Flögel, irgendeine Form von Forschungseinrichtung, denn die kleinen zersprengten Einheiten werkeln zwar alle technologisch gesehen am selben Thema, ihnen fehlt jedoch das Geld und die kritische Masse für eigene Forschung und Entwicklung.

Das sieht auch Bürgermeister Zweimann so. Es gibt kein Institut. Auch in Kölleda nicht. Aber es gibt die Autobahn. Die hat zwar mit MDC zu tun, aber nicht, wie alle meinen. Zuerst kam nämlich Zweimann, dann die Autobahn, dann MDC. Als 1992 das Funkwerk übernommen wurde, hat er den regionalen Entwicklungsplan eingesehen. „Da war eine Autobahn eingezeichnet“, sagt Zweimann mit einem Bescherungs-Gesicht.

„Wenn es überschwappt, musst du bereit sein“, habe er sich gedacht und meinte die Gemeinde. Die kaufte dann (ja, gefördert) alle Gewerbeflächen an der Kiebitzhöhe auf und noch gleich ein paar Hektar dazu. Wie in Sömmerda entwickelte sich dort aus Funkwerk-Ehemaligen ein ähnlich illustrer Unternehmensmix: Funkwerk, Metallbauer, Akustiker und Logatec, der Medion- und Hewlett-Packard-Zulieferer.

Bis 1999 die Anfrage von MDC kam. „58 Standorte hatten sich damals beworben. 13 in den neuen Bundesländern.“ Dann macht Frank Zweimann ein Gesicht wie einer, der beim Skat die richtige Karte für den letzten Stich behält: „Und wir hatten die größte zusammenhängende Gewerbefläche im ganzen Osten.“ Und eine Autobahn konnten sie auch anbieten, die dank des Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetzes (das eigentlich „Schnelles-Geld-für-Unterrnehmensansiedlungszufahrtswege-Gesetz“ heißen müsste) zur rechten Zeit fertig wurde. Aber keine Gewerbesteuer („habe damit nie gerechnet“), keine Zulieferer („abwarten ...“), und zu wenige Arbeitsplätze? Madigmachern hält Zweimann das Argument Zeit entgegen. Und die Aussicht, dass die heute Arbeitslosen da oben zwar keine Jobs bekommen. Aber dafür deren Kinder.

Kein Cluster – aber eine wichtge Voraussetzung dafür

Zweimanns nächster Termin wartet im Vorzimmer. Es ist der Herr Mohrich, der hat sich für den Bürgermeister auf der Hannover Messe kundig gemacht. „Jetzt geht’s an die Auswertung“, sagt Zweimann, sich geistig die Hände reibend. „Ich verfolge sehr aufmerksam die Ziele und Entwicklungen der Automatisierungstechnik. Stichwort: Überalterung und Gesundheitskosten. Es gibt Technologien, die 50 Prozent der Pflegesätze sparen.“ Und wer solche Geräte baut, der baut Werke. Die brauchen Fläche. Und davon, Aufbau Ost hin oder her, hat Frank Zweimann noch was zu bieten. Oben, auf der Kiebitzhöhe über Kölleda.

Für heute aber halten wir fest: Sömmerda und Kölleda sind kein Cluster. Es gibt zu wenig Vernetzung, es fließt zu wenig Geld und Wissen zwischen den kleinen Unternehmen. Die Großen geben nichts in die Region, was den Aufbau eines breiten Dienstleistungssektors entfachen würde, erst dann würden sich die Arbeitslosenzahlen verbessern. Vor allem aber gibt es kein Institut, aus dem Impulse, Ideen und Gründungen in die Region diffundieren. Cluster wachsen aus sich selbst. Und hier sind sie noch nicht so weit.

Natürlich sind Kölleda und Sömmerda Erfolgsgeschichten. Sie haben etwas mit den Menschen zu tun. Hier gibt es Unternehmergeist. Hier gibt es potente Ost-West-Verbindungen, die Wachstum produzieren; es gibt pragmatische Bürgermeister und eine Liebe zu allem, was mit Technik und Computer zu tun hat, wie sie nur in einem Gebiet entstehen kann, das mit Ingenieuren gesättigt ist. Und es gibt Leute, die es gewohnt sind, hinzufallen und wieder aufzustehen, wieder hinzufallen und noch mal aufzustehen.

So gibt es am Schluss dieser Geschichte noch eine Geste. Harald Steglich, Entwicklungsvorstand bei der Funkwerk AG, war schon Entwicklungsleiter beim VEB Funkwerk. Im Konferenzraum hob der kleine Mann beide Arme zu einem großen Trichter über seinen Kopf, der oben 1500 Angestellte darstellen sollte und der im Laufe der Schilderungen immer kleiner wurde. Steglich erzählte von zähen Verhandlungen. Mit Siemens, mit Alstom, mit Leuten aus Italien oder Israel, die nur scharf auf Patente waren. Monate verstrichen, Finten und heimliche Treffen, bei denen die Belegschaft wie in einem Abzählreim in Hunderterschritten reduziert wurde. Bis dieser Unternehmer vorbeikam, dieser Hans Grundner, Inhaber einer Firma namens Hörmann in Bayern. Der wollte erst die Geräte sehen, dann die Zahlen. Den Menschen hat er vertraut.

„Es ist immer einfacher, in Wachstumsmärkten Leute einzustellen und sein Geschäft zu fokussieren“, sagte Steglich, „als in einem Totalumbau Leute zu entlassen, gleichzeitig das Geschäft und den Markt im Auge zu behalten und die Wissensträger zu binden.“ 150 Mann waren sie, als es auf der Kiebitzhöhe endlich wieder aufwärts ging, erzählte Steglich. Dann legte er eine kleine, aber wirkungsvolle Gedenkpause ein.

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