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Ausgabe 03/0 - Artikel

Fakten zur Krebserkrankung

Unberechenbar

1. Krebs – was ist das eigentlich?

„Den“ Krebs gibt es nicht. Der volkstümliche Name ist ein Platzhalter für ein Sammelsurium unterschiedlichster Krankheitsbilder, die im akademischen Sprachgebrauch unter dem Oberbegriff „Neoplasmen“ oder „Neubildungen“ zusammen­gefasst werden. Ihnen ist nicht viel mehr gemein, als dass irgendwo im Körper das Wachstum irgendwelcher Zellen außer Kontrolle gerät.

Krebszellen entstehen auf der Haut und in den Knochen, im Blut- und Lymphsystem und vor allem in Organen. Aber Lungenkrebs ist nicht gleich Lungenkrebs und Leukämie nicht gleich Leukämie. Die jeweiligen Erscheinungsformen unterscheiden sich extrem hinsichtlich ihrer Aggressivität und Therapierbarkeit. Während manche unbehandelt sehr schnell zum Tod führen, machen sich andere erst nach Jahrzehnten leise bemerkbar. Wie gefährlich die Erkrankung im Einzelfall ist, hängt auch von der genetischen Disposition der Patienten ab.

2. Wer ist besonders bedroht?

Die Krankheit kann jeden treffen. Und Risikofaktoren sind genau das: die bekannten Faktoren in einer Rechnung mit mehreren Unbekannten. Fasst man alle Krebserkrankungen ungeachtet ihrer Gefährlichkeit zusammen, erwischen sie früher oder später sehr viele Menschen. So müssen in Deutschland 51 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen laut Erkenntnissen des vom Robert Koch-Institut (RKI) geführten Zentrums für Krebsregisterdaten (ZfKD) damit rechnen, im Laufe ihres Lebens an Krebs zu erkranken. Derzeit werden hierzulande pro Jahr knapp eine halbe Million Neuerkrankungen gezählt.

Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann zu diesen Patienten zu gehören, ist für einen jungen Menschen allerdings minimal. Zwar treten krankhafte Neubildungen von Zellen in sämtlichen Altersgruppen auf. Primär gelten sie jedoch als Alterserscheinung: Sie machen sich breit, wenn die Selbst­heilungskräfte des Körpers nachlassen – die Hälfte der Betroffenen in Deutschland ist älter als 69 Jahre. „Da heute eine wachsende Zahl von Menschen 70, 80 oder 90 Jahre alt wird“, erklärt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), „nimmt auch die Zahl der Krebserkrankungen zu.“

3. Wie viele unterschiedliche Arten gibt es?

Ganz genau weiß das niemand, denn Krebs ist das Chamä­leon unter den Krankheiten – besser gesagt eine Familie von Chamäleoniden mit diversen Subspezies. Im internationalen Katalog der Diagnoseschlüssel (ICD), der alle weltweit bekannten Krankheiten auflistet, ist für maligne Neoplasmen ein Block mit 100 Ziffern reserviert. Davon sind 88 vergeben, von Lippenkrebs (C00) bis zu „bösartigen Neubildungen als Primärtumoren an mehreren Lokalisationen“ (C97). Allerdings sind bei vielen Diagnoseschlüsseln mehrere Ausprägungen zusammengefasst. Ein weiteres Dutzend ist „sonstigen oder nicht näher bezeichneten“ Erkrankungen gewidmet. Addiert man auch nur die Zahl der offiziell in diese Kategorien einsortierten Diagnosen, kommt man schon fast auf 200.

Ärzte bezeichnen die bösartigen Neubildungen nach Ort und Art der Zellen, sprechen also beispielsweise von kleinzelligem Lungenkrebs. Zum einen gibt es buchstäblich keinen Teil des menschlichen Organismus, der vor Krebs gefeit wäre – nicht einmal das Herz. Zum anderen treten manche der Erkrankungen in sehr viel mehr Erscheinungsformen auf als andere. Auch die Inzidenz, also die Häufigkeit der jeweiligen Diagnose, hat eine enorme Streubreite, sodass auch erfahrene Onkologen so manche seltene Kombination aus Art und Ort noch nie zu Gesicht bekommen haben.

Deshalb hat sich unter Medizinern ein pragmatischer Umgang etabliert: Ist beispielsweise ein Lungenkrebs nicht kleinzellig, differenzieren sie nicht weiter, weil dies nach derzeitigem Stand der Wissenschaft keine Konsequenzen für die Therapie hätte. Sie sprechen dann vom NSCLC (Non-Small Cell Lung Cancer). Umgekehrt wird eine Klasse von Erkrankungen des lymphatischen Systems, die ursprünglich nur dadurch definiert war, dass Morbus Hodgkin (Lymphogranulomatose) ausgeschlossen werden konnte, heute in etwa 30 Sub-Diagnosen untergliedert (Non-Hodgkin Lymphome). Der Ausdruck „Leukämie“ wiederum steht als Gattungsbegriff für rund 40 Erkrankungen des blutbildenden und des lymphatischen Systems.

4. Ist Krebs heilbar?

Ein klares Jein. Krebs hat zu viele Gesichter für eine eindeutige Antwort. So ist zum Beispiel richtig, dass Krebs einschließlich Leukämie in den meisten Industrienationen als Todesursache Nummer zwei nach Herz- und Kreislauferkrankungen gilt – in einigen sogar als Nummer eins. Andererseits stirbt laut ZfKD in Deutschland „nur“ jeder vierte Mann und jede fünfte Frau daran. Das heißt: Etwa die Hälfte der Krebs­patienten stirbt letztlich doch an etwas anderem. Wie viele dieser Menschen tatsächlich geheilt waren, wird statistisch allerdings nicht erfasst, schon weil das mit hundertprozentiger Sicherheit nur durch eine Obduktion feststellbar wäre.

Grundsätzlich gilt die Regel, dass die Heilungschancen davon abhängen, wie früh die Zellneubildungen entdeckt werden. So sind zum Beispiel laut einer aktuellen Eurocare-Studie die Überlebenschancen für Patienten mit Prostatakrebs im vergangenen Jahrzehnt erheblich gestiegen – wahrscheinlich aufgrund der verbesserten Vorsorge. Auch Non-Hodgkin-Lymphom und Darmkrebs überleben immer mehr Menschen. Sobald der Tumor allerdings begonnen hat, Metastasen zu streuen, verschlechtert sich die Prognose rapide. Deshalb sind schwer diagnostizierbare Karzinome, die sich schleichend über eine lange Zeit entwickeln und erst spät zu Symptomen führen – typisches Beispiel ist Lungenkrebs – in der Regel auch nicht heilbar.

Enorm verbessert haben sich die Aussichten von Patienten bei bestimmten Fällen von Mammakarzinomen und Leukämie. So hat beispielsweise der monoklonale Antikörper Herceptin die Behandlung von Brustkrebs-Patientinnen revolutioniert, die wegen ihrer genetischen Vorbelastung zuvor eine sehr schlechte Prognose hatten. Bei der Knochenmarkleukämie CML (Chronische Myeloische Leukämie) wiede­rum wirkt der Tyrosinkinase-Hemmer Glivec bei den meisten ­Patienten. Leider sind solche Erfolge noch selten.

5. Was kostet eine Behandlung?

Wenn ein Tumor so frühzeitig entdeckt wird, dass er operativ entfernt werden kann, wird es für die Krankenkasse zunächst nicht teurer als bei anderen chirurgischen Eingriffen. Auch die Kosten für Bestrahlungen und klassische Chemotherapie halten sich vorerst im Rahmen.

Grundsätzlich gilt: Die Behandlung wird umso teurer, je später sie einsetzt. Wenn die Ärzte versuchen müssen, einen bereits metastasierenden Krebs aufzuhalten, was regelmäßig nur vorübergehend gelingt, sind sie auf sehr teure Präparate angewiesen. Kosten im oberen fünfstelligen Bereich für eine Therapie sind keine Seltenheit.

Besonders kostspielig ist die Behandlung eines Krebspatienten laut einer Erhebung des amerikanischen National Cancer Institute in Bethesda bei Washington im ersten Jahr der Behandlung sowie im letzten Lebensjahr – wobei sich diese beiden Jahre manchmal überschneiden. Demnach liegen die Kosten je Patient im Alter über 65 Jahren je nach Krebsart zwischen 5000 (Melanom) und 115.000 US-Dollar (Hirntumor) im ersten Jahr sowie zwischen 57.000 und 141.000 US-Dollar in den zwölf Monaten vor dem Tod. (Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2010. Durch die Zulassung neuer Therapien in kurzen Abständen verändern sich die Behandlungskosten.)

6. Kann man mit Krebs leben?

Das kommt wiederum auf den Krebs und den Zeitpunkt der Diagnose an. CML beispielsweise, also Knochenmarkleukämie, wird, wenn die Medikation mit Glivec anschlägt, zur chronischen Erkrankung, mit der die Patienten ebenso leben können wie mit HIV, Diabetes oder Hypertonie. Mancher Prostatakrebs entwickelt sich bei alten Männern so langsam, dass kein Eingriff notwendig ist. Noch gibt es keine umfassenden Langzeitstatistiken, denen man entnehmen könnte, welche Lebenserwartung bei welcher Lebensqualität ein Mensch hat, der die kritische Phase nach der Therapie (Operation, Chemo, Bestrahlung) gut überstanden hat. Die heute verfügbaren Daten geben nur Auskunft darüber, wie viele Menschen, bei denen der Ausbruch der Krankheit nicht länger als fünf Jahre zurücklag, in einem bestimmten Kalenderjahr in Deutschland lebten. Das waren 2010 immerhin 1,5 Millionen, mehr als die Einwohnerzahl von München.

Während jeder Rückschlag penibel dokumentiert wird, führt auch im Zeitalter von Big Data niemand systematisch Buch über das, wonach Ärzte und Pharmaindustrie eigentlich streben: Heilerfolge. Der große Unterschied zwischen Inzidenz und Mortalität zeigt aber, dass es sie gibt. So überleben mehr als 60 Prozent aller Patienten ab 15 Jahren die ersten fünf Jahre, bei Prostatakrebs und schwarzem Hautkrebs sind es sogar 90 Prozent. Wenn es allerdings die Bauchspeicheldrüse erwischt, sind bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 90 Prozent der Patienten gestorben – noch mehr als bei Lungen- und Speiseröhrenkrebs.

7. Welche Unterschiede bestehen zwischen den Geschlechtern?

Die mit weitem Abstand häufigsten Krebserkrankungen sind Brust- und Prostatakrebs – sie prägen die Statistik. Fast jede dritte der 228.000 Frauen, die 2011 in Deutschland an Krebs erkrankten, hatte ein Mammakarzinom; bei jedem vierten der 255.000 Männer war die Vorsteherdrüse betroffen. Lungenkrebs ist wiederum hauptsächlich ein Problem der Männer; sie stellen zwei Drittel der mehr als 50.000 Patienten. In dieser Zahl schlägt sich nieder, dass Frauen jahrzehntelang in geringerem Maß zur Zigarette gegriffen haben, die trotz rück­läufiger Raucherquote nach wie vor als Hauptauslöser gilt. Mit insgesamt 63.000 Fällen oder rund 14 Prozent tritt allerdings Darmkrebs noch häufiger auf; er liegt bei den Frauen auf Platz zwei, bei Männern knapp hinter Lungenkrebs auf Platz drei der Krebserkrankungen. Bei allen anderen Neubildungen sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede vergleichsweise gering.

Größer ist die Differenz in puncto Sterblichkeit. Männer haben ein deutlich höheres Risiko, an Krebs zu sterben als Frauen. Beim Fünf-Jahres-Überleben liegen sie um sechs Prozentpunkte zurück – was nicht unwesentlich mit dem höheren Anteil an Lungenkrebspatienten zu tun hat. Insgesamt sterben in Deutschland pro Jahr 100.000 weibliche und 118.000 männliche Krebspatienten. Unter den Betroffenen, die innerhalb der vergangenen fünf Jahre erkrankten, sind deshalb die Frauen klar in der Überzahl.

Auch die Alterskurve verläuft bei den Geschlechtern ­unterschiedlich. Zwar bricht die Krankheit im Durchschnitt bei beiden mit 69 Jahren aus, doch bei Männern verläuft die Kurve steiler. Bis Mitte 50 erkranken sie seltener an Krebs als Frauen, ab 70 allerdings doppelt so oft. Außerdem stirbt die Hälfte der männlichen Patienten, bevor sie 73 ist; bei Frauen liegt diese Schwelle bei 76 Jahren.

8. Gibt es Unterschiede von Land zu Land?

Krebs ist vor allem ein Problem alternder und wohlhabender Gesellschaften. In ärmeren Ländern mit niedrigem Altersdurchschnitt – vor allem in Afrika – sind hingegen Infektionskrankheiten und Durchfallerkrankungen noch eine wesent­liche Todesursache. Viele Menschen sterben daran in einem Alter, in dem Krebs noch kein Massenphänomen ist.

Internationale Statistiken zur Inzidenz einzelner Tumorerkrankungen sind nur begrenzt vergleichbar, weil die Zuverlässigkeit der Datenerfassung oft zweifelhaft ist. Es gibt jedoch plausible Beobachtungen: Laut einer OECD-Studie steigt zum Beispiel die Zahl der Darmkrebs-Neuerkrankungen in Japan an, seit dort westliche Ernährungsgewohnheiten immer populärer werden. Bis vor einigen Jahren waren kolorektale Neoplasmen ein typisch europäisches und nordamerikanisches Problem.

Umgekehrt schlagen sich auch politische Maßnahmen zur Krebsbekämpfung in den Daten nieder. In Ländern mit Früherkennungsprogrammen und Massen-Screenings steigt beispielsweise regelmäßig die Zahl der Diagnosen – ein Effekt, den man leicht als Anstieg der tatsächlichen Fallzahlen missdeuten könnte. Rauchverbote und Impfungen gegen bestimmte Subtypen des für den Gebärmutterhalskrebs verantwortlichen Humanen Papillomavirus (HPV) brauchen naturgemäß eine Weile, bis sie deutliche Spuren in den Kurven der Empiriker hinterlassen.

9. Welche Kosten verursacht Krebs für das Gesundheitssystem?

Nach einer OECD-Studie aus dem Jahr 2013 lagen die Anteile der Krebsbehandlungen an den gesamten Gesundheitsbudgets der untersuchten Staaten in den Nullerjahren zwischen zwei und sieben Prozent. Die USA lagen dabei mit fünf Prozent im Mittelfeld (unterhalten aber ein insgesamt sehr teures Gesundheitssystem), Deutschland bewegte sich zwischen sechs und sieben Prozent von rund 300 Milliarden Euro. Seit Jahren wachsen in vielen Ländern, allen voran den Vereinigten Staaten, die Befürchtungen, dass Krebsbehandlungen die Solidargemeinschaft der Versicherten irgendwann überfordern werden, wenn sowohl die Behandlungskosten pro Fall als auch – demografisch bedingt – die Patientenzahlen steigen.

Von der Hand zu weisen sind die Befürchtungen nicht: Im Jahr 2010 kostete die Behandlung von Krebspatienten das amerikanische Gesundheitssystem etwa 125 Milliarden Dollar. Und die Menschen werden immer älter. Schon heute haben wir Deutschen beim Eintritt ins Seniorenalter etwa doppelt so viel Lebenszeit vor uns wie unsere Urgroßeltern. Wer als Mann das Rentenalter erreicht hat, kann sich darauf einstellen, fast 83 Jahre alt zu werden; eine 65-jährige Frau schafft laut Hochrechnung noch drei Jahre mehr. Erlebt die Dame ihren 86. Geburtstag, stehen ihr statistisch noch einmal fast sechs Jahre zu. Selbst für einen alten Herrn von 85 steht die Chance, seinen 90. Geburtstag zu feiern, besser als fifty-fifty.

Es gibt allerdings auch Gegenstimmen zu den albtraumhaften Hochrechnungen für die Krebs-Behandlungskosten. Hierzulande beruhigt zum Beispiel der Wiesbadener Gesundheitsökonom Michael Schlander, Gründer des Institute for Innovation & Valuation in Health Care e. V. (InnoVal). „Die Kosten steigen nicht in dem Maß, wie es gemeinhin angenommen wird“, sagt der Mediziner und Wirtschaftswissenschaftler. Die Ausgaben gingen mit steigender Lebenserwartung nicht proportional nach oben: „Mit dem Todeszeitpunkt verschiebt sich auch der Kostengipfel nach hinten.“ Wer später stirbt, war länger fit.

10. Welche Kosten schultern wir für andere Krankheiten?

Für Beitrags- und Steuerzahler ist Krebs bei Weitem nicht die problematischste Gruppe von Leiden. Andere Erkrankungen schlagen sehr viel stärker ins Kontor. Laut Statistischem Bundesamt entfielen von damals 3100 Euro Gesamtaufwendungen pro Bürger im Jahr 2008 – neuere Aufschlüsselungen liegen nicht vor – 450 Euro auf Herz-Kreislauf-Probleme, 420 Euro auf Krankheiten des Verdauungssystems (das bei den Zähnen beginnt) und je 350 Euro auf psychische und Verhaltensstörungen sowie Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes. Bösartige Neubildungen folgen weit abgeschlagen auf Rang fünf mit 190 Euro, etwas mehr als sechs Prozent vom Gesamtbudget. Inzwischen dürfte der Wert in der Nähe von sieben Prozent liegen. In die Behandlung von Tumoren in Lunge, Brust, Prostata, Darm, Magen und Bauchspeicheldrüse zusammen floss vor sechs Jahren jedenfalls weniger Geld als in die Behandlung von Rückenschmerzen und Bandscheibenproblemen.

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