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Ausgabe 2014/0 - Artikel

Quid Business Analytic Software

Big Überblick

Bob Goodson (links) und sein Partner Sean Gourley erklären Quid.

Die NASA steht unter Erfolgsdruck: Die Debatte um den Sinn von Raumfahrtmissionen hält an. Und private Anbieter von Raumfahrttechnologie wie SpaceX scheinen schneller und innovativer zu sein als die amerikanische Raumfahrtbehörde mit ihren gut 18.000 Angestellten und ihrem Etat von rund 17 Milliarden Dollar. Deshalb setzen die einstigen Weltraumpioniere für ihre PR-Arbeit seit Mitte vergangenen Jahres auf eine neue Strategie: Algorithmen beobachten rund um die Uhr die Diskussion um Luft- und Raumfahrt – und werten sie auch gleich aus.

Dabei entsteht jede Woche eine interaktive Landkarte, die zeigt, bei welchen Themen die NASA zu kurz kam und wo eine PR-Aktion angeraten wäre. Ein Krater kann für die verpasste Meinungsführerschaft bei der bemannten Raumfahrt von morgen stehen, ein Plateau für wachsendes Interesse am Mars. Die optisch aufbereitete Medienanalyse verdichtet Tausende von Artikeln und Diskussionsbeiträgen auf wenige Schlüsseltrends, die den NASA-Managern als Entscheidungsgrundlage dienen.

Die Software dafür stammt von Quid aus San Francisco. Das 2010 gestartete Unternehmen mit derzeit rund 50 Mitarbeitern hat sich auf die automatische Sammlung und Auswertung von Informationen zur strategischen Beratung spezialisiert. Zu den Kunden gehören Technologiekonzerne wie Microsoft und Samsung, Regierungseinrichtungen wie das Office of the Secretary of Defense und die NASA, aber auch Großbanken und Beratungshäuser wie BCG. Unter den Finanziers findet sich neben namhaften Venture-Capital-Gesellschaften ein ehemaliger Chef von McKinsey Nord- und Südamerika – 14 Millionen Dollar haben sie bislang ins Unternehmen investiert.

Die Idee von Quid ist simpel: Millionen von Daten sammeln, auswerten, in Beziehung setzen – und die Verarbeitung von Informationen zu Wissen weitgehend Maschinen überlassen. Wobei Quid sein Ergebnis nicht in schnöden Tabellen oder Zahlenkolonnen liefert, sondern als interaktive Karten, die optisch einiges hermachen und es den Benutzern erlauben, auch komplexe Zusammenhänge zu überblicken.

„Computer sind bekanntlich besondres gut, wenn es um die schnelle Verarbeitung großer Informationsmengen geht. Mit ihnen kann man 80 bis 90 Prozent der menschlichen Arbeitszeit einsparen“, sagt Bob Goodson, der Quid mit dem neuseeländischen Physiker Sean Gourley gegründet hat. Die Software macht die Fleißarbeit – dann ist der Mensch dran.

„Menschen treffen bessere strategische Entscheidungen. Wenn wir vor einer komplexen Übersichtskarte sitzen, ist unser Gehirn leistungsfähiger und kreativer als jedes andere Werkzeug. Wir picken uns intuitiv das Wichtigste heraus. Dieses vorausschauende Denken wird ein Computer wohl nie leisten können“, erklärt Goodson, der eigentlich Literaturwissenschaftler ist und an der Universität von Oxford in mittelalterlicher englischer Literatur promoviert hat. Inzwischen ist er in der Hightech-Welt des Silicon Valley unterwegs, um „Organisationen zu helfen, die Welt um sich herum besser zu verstehen“.

Alles auf einer Karte – in 3D

Goodson erzählt, dass die Kunden Quid aus ganz unterschiedlichen Gründen nutzen. Viele wollen Trends in einem bestehenden oder neuen Markt begreifen. Oder Gedankenspiele betreiben: Wie sieht unsere ideale Angebotspalette aus? In welche neuen Produkte lohnt es sich zu investieren? Wie können Absatzplanung und Kommunikationsstrategie optimiert werden? Andere beobachten die Konkurrenz: Wer finanziert wen? Wo entstehen Cluster neuer Firmen? Wo werden akademische Geistesblitze in Start-ups verwandelt?

Viele Kundenanfragen kommen aus der schnelllebigen Hightech-Welt – und betreffen beispielsweise die Entwicklung neuer Smartphones. „Wenn ein Kunde wissen will, was er in zwei Jahren herausbringen soll, helfen wir ihm, bestehende oder neue Märkte zu überblicken“, erklärt Goodson. „Wohin entwickeln sich Bedürfnisse? Was wollen die Verbraucher? Wie ist die Konkurrenz positioniert? Wo drohen Sackgassen?“

Big Data anzapfen und nutzen

Mit seinem Service der datengetriebenen Auswertung in einem normalen Browser steht Quid im Schnittpunkt gleich mehrerer Trends, von Big Data bis zu Business Intelligence per Abonnement aus der Cloud. Nicht zuletzt Googles Geschäftsmodell, gigantische Mengen an Informationen zu sortieren und zu verschlagworten, hat Unternehmen auf den Geschmack gebracht, immer mehr Daten zu sammeln und zu analysieren.

Öffentlich verfügbare Quellen – von NachrichtenagenturenüberVerlagspublikationen bis hin zu Messungen von Sensoren und anderen vernetzten Maschinen – liefern unvorstellbare Datenmengen, die man theoretisch anzapfen, aber nur schwer wirklich sinnstiftend auswerten kann. Dabei könnte Big Data nicht nur die Effizienz in verschiedenen Bereichen der Logistik oder der Fertigung erhöhen, sondern auch neue Produkte oder Geschäftsbereiche identifizieren. Allein die frei zugänglichen Informationen, also Open Data, besitzen nach Schätzungen des Beratungshauses McKinsey einen potenziellen Wert von mehr als drei Billionen Dollar, den sich ganze Industriezweige vom Transportwesen bis zur Energieversorgung erschließen könnten.

Quid hat sich bescheidenere Ziele gesteckt und wertet derzeit nur drei Arten von Daten aus: Nachrichten, Daten zu Patenten aus rund 300 öffentlichen QuellensowieUnternehmensinformationen – von Finanzreports bis Personalien. Erstere fließen in Echtzeit in das System, die anderen Informationen werden im 24-Stunden-Rhythmus eingepflegt. Pro Tag verdaut die Datenbank rund eine Million Dokumente.

Die Software ist in der Lage, die relevanten Details in jedem dieser Dokumente zu erkennen und in Beziehung zu setzen. So kann sie etwa darstellen, dass Mobilgerät X von Firma Y hergestellt wird, dass damit Patente verbunden sind, bei denen Forscher Z eine tragende Rolle spielt, dass aber Verbraucher in Land A die Mobilgeräte eines Mitbewerbers bevorzugen,was wiederum Anbieter B den Marktanteil C beschert hat und bestimmte Kommentare auf Social-Media-Plattformen auslöst. Da diese Analyse nicht auf Spracherkennung beruht, sondern auf mathematischen Prinzipien, spielt die Sprache der Dokumente keine Rolle. Neben Englisch verdaut Quid nach ein wenig Anpassungsarbeit gegenwärtig auch Dateien auf Koreanisch. Geplant ist, je nach Kundenwunsch weitere Sprachen hinzuzufügen.

Der zahlende Kunde sieht von dem Datenwust fast nichts – er bekommt in der Regel fertige Landkarten präsen­tiert. Zuvor muss er sich nur über einen Browser anmelden und die Analyse vor­ bereiten, indem er in einer Suchmaske die Quellen und Stichworte festlegt. Quids Software erstellt dann ein Daten­ netz aus 1000 bis maximal 3000 „Kno­tenpunkten“, die von Algorithmen zu 10 bis 20 relevanten Themenschwer­punkten gewichtet und verdichtet wer­den. Zu ihnen können wichtige Kon­kurrenten gehören, die unterschiedlichen Formen neuer Geräte, Verbraucherpräfe­renzen – oder alles zusammen.

Solche Datenkarten sehen aus wie eine Art Brettspiel: Schwerpunkte sind farblich unterlegt und werden je nach Bedeutung in unterschiedlicher Größe und mit verschieden dicken Verbin­dungen abgebildet. Die Software kann auch Prozesse wie die Entstehung eines Marktes in ihrem Ablauf darstellen, also zum Beispiel den Aufstieg und Fall Hunderter kleiner Firmen im Zeitraffer abspulen. Das sieht dann aus wie das Wachstum einer Bakterienkultur unter dem Mikroskop: Ein blauer Punkt steht für ein Start­up, ein roter Punkt für eine Finanzierungsrunde – Allianzen erinnern an hektische Zellteilungen. Wer auf einen Knoten klickt, kann thematisch tiefer eintauchen, bis hinunter zur einzelnen Quelle, und dabei seine Land­ karte beliebig neu arrangieren.

Quid behauptet nicht, diese Art der Auswertung erfunden zu haben: Seit den Neunzigerjahren bieten Firmen ähnliche Visualisierungen an. Doch das Start­up hat es verstanden, die komplexe Analyse zu modernisieren – und in ein Browser­basiertes Angebot zu verwan­deln. Billig ist die Recherche trotzdem nicht. Ein Abonnement kommt mit 75.000 Dollar im Jahr noch relativ güns­tig – allerdings braucht der Kunde dann Mitarbeiter, die die Software bedienen.

Die Alternative ist ein komplettes Beratungspaket, bei dem ein Team bei der Fragestellung hilft, verschiedene Su­chen durchführt und das Ergebnis präsentiert. Solche Projekte kosten um die 70.300.000 Dollar, dauern etwa sechs Wochen und sind nicht selten. „Spitzen­manager oder die Leiter von Strategie­ Teams wollen sich nicht mit der Tech­nik befassen, sie wollen Antworten“, erklärt Goodson.

So wie Mircea Mihaescu zum Bei­spiel. Er ist bei der russischen Sberbank in Moskau für IT­-Strategie, Technology Innovation und Venture Capital verantwortlich und hat Quids Software samt Beratern schon für zwei Projekte ge­nutzt: um den Markt für mobile Bezahl­systeme zu verstehen und für den Vergleich von Plattformen für Crowdsourcing und Ideenmanagement. „In beiden Fällen half uns der Report geeignete Partner auszuwählen. Mit Quid konnten wir nach weniger als drei Monaten Entscheidun­gen treffen, die mehrere Hundert Millio­ nen Dollar wert sind“, sagt Mihaescu.

Komplexer, besser und schneller

Ein weiterer Kundenkreis entdeckt Quid gerade: die traditionellen Berater. Seit sich die Nachfrage nach deren Beratungs­leistungen verändert, sehen sie in den Amerikanern Technologiepartner oder Zulieferer. Und die sind selbstbewusst und undogmatisch: „Wir stellen nur die Technologie bereit. Mit unserem Werk­ zeug kann auch ein Berater schneller und besser sein. Das ist für die Branche eine Chance, keine Bedrohung. Nur Consulting-­Häuser, die sich dem Daten­ und Analysetrend verschließen, werden Probleme bekommen.“

Seit 2013 verkauft Quid seine Dienste schon an zwei der drei großen Beraterfirmen, die damit automatische Recherche und interaktive Präsentation in ihre Angebotspalette aufnehmen. Für vier bis fünf Tage Recherche stellt Quid den Consultants 50.000 Dollar in Rech­nung. „Was sie bisher in vier Wochen verarbeiten mussten, schafft unsere Soft­ware in vier Tagen.“ Die drei Wochen Zeitersparnis sieht Goodson als wichti­gen Wettbewerbsvorteil für traditionelle Berater – neben dem generellen Plus:

„Normalerweise verwenden Berater Da­ten, die drei Monate alt sind – eine schon veraltete Momentaufnahme. Die Aus­wertung dauert einen weiteren Monat, die strategische Analyse noch mal ein bis zwei. Das heißt, es wird für eine Beratung gezahlt, die der Realität mehrere Monate bis ein halbes Jahr hinterherhinkt – im Technikbereich eine Ewigkeit.“

Patrick Forth zählt zu den wenigen Consultants, die offen über den Einsatz von Quid sprechen. Forth leitet für die Boston Consulting Group in Sydney den weltweiten Geschäftsbereich Me­dien, Technologie und Telekom und sucht immer nach Partnern mit beson­deren Fähigkeiten, wie er sagt. Quids Datenbank mache es möglich, Techno­logien zu beschreiben, die sich rasant entwickeln – das passe zum Leistungs­versprechen von BCG an seine Klienten. Für ihn bedeutet Quid eine willkom­mene Erweiterung der Angebotspalet­te. „Wir arbeiten mit unseren Kunden an Strategien und ihrer Umsetzung. Quid hilft uns, diesen Prozess zu be­schleunigen.“

Für Bob Goodson ist das alles erst der Anfang. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass über kurz oder lang jede Frage mit strategischer Bedeutung über ein System wie unseres laufen wird. Das wird nicht über Nacht passieren, aber es wird kommen. Und es wird sich von Consulting­Häusern bis hinunter zum einzelnen Verbraucher durchsetzen.“

Nur eines dürfe man nicht vergessen, warnt der Philologe: „Man muss sich Daten mit vernünftigen Hypothesen nähern und sie rigoros interpretieren, sonst sind sie nutzlos. Daran sind dann aber nicht die Daten schuld, sondern die Menschen, die sie deuten.“ //

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